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Ausgabe:

1880 Nr. 15

Spalte:

367-369

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Schnabel, H. Ph.

Titel/Untertitel:

Die Kirche und der Paraklet. Eine biblische und kirchengeschichtliche Untersuchung 1880

Rezensent:

Ritschl, Albrecht

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Theologifche Literaturzeitung. 1880. No. 15.

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Berichtes von Reitz angewiefen. Das hätte ihn meines
Erachtens beftimmen muffen, feine Darfteilung viel kürzer
und einfacher einzurichten. Denn indem er auf
Schritt und Tritt fich in der Form der Vermuthung ergeht
, dafs fein Held fo und fo die Eindrücke feiner Umgebung
aufgenommen habe, liefert er eben doch keine
Gefchichte desfelben, und ermüdet durch die Beharrlichkeit
in jenem Verfahren auch den ergebenften Lefer.
Auch die allgemeinen Mittheilungen über den Pietismus,
über die Verhältnifse auf den Schulen und Univerfitäten,
die N. befucht hat, über die kirchlichen Zuftände in
Bremen und am Niederrhein, welche den einzelnen Ca-
piteln der Biographie vorangefchickt werden, dienen nicht
dazu, die halb verborgene Lebensgefchichte von-N. zu erhellen
. Anderes hingegen, was die Art des Pietismus
von N. ebenfo wie die feines Vorgängers Th. Untereyck
bezeichnet, ift der Aufmerkfamkeit des Verf.'s entgangen.
Derfelbe hat jedoch das Verdienft, bei Gelegenheit
fchätzbare Mittheilungen über die perfönliche und amtliche
Haltung des Letztern in Bremen beizubringen.
Um fo auffallender ift, dafs er die ihm bekannten und
zugänglichen Bücher diefes Mannes nicht ausgefchöpft
hat, weil ihm dann auch klar geworden fein würde, dafs
das Hohelied den Kanon für das abgiebt, was an der
fubjectivcn Frömmigkeit beider Männer pietiftifch ift.
Hätte er darauf geachtet, fo würde er auch nicht die
Neander'fchen Zeilen: ,In der Höhle Meine Seele Suchet
Dich o Bräutigam' — auf die Neandershöhle bei Düffeldorf
gedeutet haben (S. 152), wo der Dichter der Sage
nach fich gern aufgehalten hat. Es ifl doch ohne
Zweifel die Seitenwunde Chrifti gemeint, welche auch
durch die in einem andern Liede bezeichneten Steinritzen
nach Cant. 2, 14 vorgebildet ift, in welcher der
Bräutigam felbft gefucht wird, weil feine Seitenwunde
ihn als den Träger der Gnade erkennen läfst. De gu-
stibus non est disputandtim. Trotzdem kann ich meinen
Proteft dagegen nicht unterdrücken, dafs der Verf. das
Echolied (welches ich in der Gefch. des Pietismus I. S.
385 abgedruckt habe), worin die Bedürfnifsfragen des
verlaffenen Herzens durch das Echo als die Stimme
Jefu beantwortet werden, wundervoll findet. Ich halte
diefes Lied für eine directe Probe der Ungefundheit der
nach dem Hohenliede eingerichteten Devotion zum
Seelenbräutigam. An dem vorliegenden Buche aber ift
noch befonders zu rühmen das Bild von N., welches die
Mängel der über ihn erhaltenen Nachrichten in eigen-
thümlicher Weife ergänzt. In diefem jugendlichen, ernften,
finnigen Antlitz ift eine Hoheit ausgeprägt, von deren
Anblick man fich ungern trennt.

Göttingen. A. Ritfchl.

rathen u. f. w. Endlich die chriftliche Hoffnung auf die
Wiederkunft des Heilandes in Herrlichkeit ift eine grofse
Seltenheit felbft in der kleinen Heerde der Gläubigen
geworden. Kommen hie und da Erweckungen vor, fo
erweift fich alsbald die Begeifterung als ein vergängliches
Strohfeuer. Dazu die Ueberhandnahme des Sectenwefens
und erfchreckliche Zerriffenheit in dem kleinen Häuflein
wegen Verfchiedenheit in der Auslegung der heiligen
Schrift'. Als ich fo weit S. 55 gelefen hatte, regte fich
in mir ein ftarkes Bedürfnifs zu wiffen, tibi terranwi
der Verf. zu finden fei, der fich auf dem Titel nur als
Paftor bezeichnet, und durch diefes Gericht als einen
pastor universalis eingeführt hat. Es kommt mir begreiflicherweife
fehr viel darauf an feftzuftellen, ob der
Verf. als claffifcher Zeuge über den gegenwärtigen Zuftand
der Pietiften legitimirt ift. Sein Gefchäft als Weltrichter
fetzt er inzwifchen fort, indem er alle Verfuche, das
Kirchenübel zu heben, welche das letzte Menfchenalter
hat auftreten fehen, als unbrauchbar verwirft, den exclu-
fiven Confeffionalismus, fogar die Partei der pofitiven
Union, auch die Beftrebungen um Kirchenverfaffung,
die Reform des Gottesdienftes und der Predigt. Ich
dachte dabei, wie ungeduldig der Mann fein müffe, welcher
von allem diefem fchon Früchte fehen will, wo
diefe Dinge kaum erft in Blüthe ftehen, meiftentheils
aber erft keimen. Stutzig wurde ich, als ich S. 68 vernahm
, dafs das Abendmahl nach der biblifch und evan-
gelifch aufgefafsten Opferidee im Sinne der altkatho-
lifchen Kirche als ein fymbolifches Dankopfer und
mit Aufwand künftlerifcher Umgebung gefeiert werden
dürfte. Hierin konnte ich nicht umhin fo etwas
wie Irvingianismus zu wittern. Diefer Eindruck erklärte
mir nachträglich den fouveränen Hochmuth in den vorhergehenden
Capiteln und das Gemifch von Unwiffen-
heit und Eingebildetheit in allem , was die Kenntnifs
der Vergangenheit der Kirche betrifft. Derfelbe Eindruck
wurde aber beftätigt durch die folgenden Ca-
pitel, in welchen Aufgaben geftellt werden, die gegenwärtig
unmittelbar zu löfen unmöglich ift. Zugleich wird
hier die gegenwärtige Gefunkenheit der Kirche als die
Lage bezeichnet, welche feit dem Ablauf der Apoftelzeit
fich fortgepflanzt hat, und dagegen der Zuftand der
Kirche in diefer Epoche als der Reichthum an allen
geiftlichen Gütern, Gaben und Kräften, als die fo hohe
Stufe religiös-fittlicher Entwickelung dargeftellt, dafs
von da an nur von einem Herabfinken von derfelben
geredet werden kann. Dafs hierin etwas durchaus Unrichtiges
behauptet wird, kann man aus dem Hin- und
Herreden über die deutlichen Spuren des Gegentheils
im N. T. erkennen, womit der Verf. feine Behauptung
erft einfchränkt (S. 104. 107), um nachher zu wiederholen:

Schnabel, Pfr. H. Ph., Die Kirche und der Paraklet. Eine I Der geiftliche Zuftand der apoftolifchen Gemeinde ifl:
biblifche und kirchengefchichtliche Unterfuchung. Jer ^A^y^y^&M^J^

Gotha 1880, Schloefsmann. (V, 238 S. 8.) M. 2. 40.

In fehr ruhiger und gemeffener Rede entwirft der
Verf. zunächft ein Bild von der ungünftigen, verworrenen
und bedrängten Lage der evangelifchen Kirche inDeutfch-
land, um darauf auch die Gläubigen in ihr einer nicht
geringen Schwäche des geiftlichen Lebens zu zeihen. ,Die

hat keine Ahnung davon, in welche Gefellfchaft er fich
mit diefem falfchen Satze ftellt. Die Zuftimmung zu
diefer Formel der Franciscaner-Spiritualen wird aber
auch erklären, worauf er weiter hinauskommt. Zunächft
begründet er jenen Vorzug der Kirche im apoftolifchen
Zeitalter dadurch, dafs fie an dem Paraklet als einer
befondern Offenbarung des heiligen Geiftes Theil ge-

Erweifung des Glaubens als Gottvertrauen ift fehr mangel- i nommen habe. Denn die Bekehrung erfährt einer da
haft unter uns. Der Seelenzuftand der Meiften ift ! durch, dafs der heilige Geift an ihm wirkt, Paraklet
ein unfeliges Schwanken zwifchen beglückender Gewifs- | aber ift der heilige Geift, fofern er den Gläubigen einlieft
und unglücklich machender Ungewifsheit. An diefe wohnt (S. 148. 151). Das letztere Attribut, welches

jämmerliche Haltlofigkeit, an diefe geiftliche Charakter
lofigkeit haben die Meiften fich gewöhnt. Die Chriften,
die hier gemeint find, verrathen ferner Leidensfcheu und
Mangel an Leidensmuth. Im Allgemeinen fleht es in
fittlicher Hinficht nicht viel beffer bei den Gläubigen

etwa den Sinn hat, wie die Lehre von der unio mystica
bei den fpäteren lutherifchen Dogmatikern, unterfcheidet
alfo die erfte Epoche der Kirche von allen folgenden;
es ift aber der Kirche abhanden gekommen gemäfs
eines providentiellen Actes Gottes, den der Verf. mit

als bei den Weltkindern. Sic find dem Neide, der Mifs- ! den Worten von Heinrich Thierfch befchreibt (S. 1991.

gunft, der Schadenfreude ergeben u. f. w., fie können
lieblos richten, fchmähen, boshaft läftern, mit innigem
Behagen, fie können lügen, wenn fie in Verlegenheit ge-

Die Wahrheit und Nothwendigkeit diefer Deutung des
Paraklet foll jedoch eben fo articulus stantis et cadentis
ecclesiae fein, wie die Lehre von der Rechtfertigung