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Ausgabe:

1880 Nr. 1

Spalte:

13-18

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Oosterzee, J. J. van

Titel/Untertitel:

Praktische Theologie. Ein Handbuch für junge Theologen. 2. (Schluß-) Bd 1880

Rezensent:

Fay, Friedrich Rudolf

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Theologifche Literaturzeitung. 1880. Nr. I.

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die ihm entgegentreten. Freilich ift der Sieg zum grofsen
Theil ein oberflächlicher und flüchtiger. In Stuttgart
wird erft durch die herrfchende Hofpartei fein Predigen !
hintertrieben, dann wird es doch geftattet, weil man
Rückficht auf den Berliner Hof nimmt. Aber zum Herzog
kam er nicht. Er wurde eigentlich dadurch ge-
fchlagen, dafs die Landhofmeifterin (Grävenitz) felbft
in feine Predigt kam. Sonft trug er allerlei Ovationen
davon. Aber dafs er Urlfperger ermuthigte, hat nur i
deffen Kataftrophe befchleunigt. Hiebei corrigirt der
Verf. ohne Zweifel mit Recht die Sage, dafs er diefen |
einen ftummen Hund genannt habe. In Ulm war ihm
die Geiftlichkeit zuwider, es kam fogar zum offenen An- I
griff auf ihn von der Kanzel in feiner Anwefenheit.
Dann liefs man ihn aber doch predigen, weil man auch
hier die Nachrede fcheute; es wurde Verformung ge-
feiert. Aber der grofse Erfolg, der in Halle verkündet
wurde, war doch Einbildung. Zum Erfatz wurde er in
Blaubeuern von der Geiftlichkeit, fowie dem Prälaten [
und Präceptoren des Klofters hoch gefeiert, fowie auch
vorher fchon in der Stadt Biberach. Nachher in Augs- j
bürg war die Oppofition noch ftärker als in Ulm, in
Nürnberg kam er nicht einmal zum Predigen. Uebcr
den in den hier gebotenen Notizen nur kurz behandelten
Aufenthalt Francke's in Tübingen kann ich beifügen,
dafs die Univerfität unter der Hand vom Hofe Weifung ]
bekam ihm eine befondere Ehre anzuthun. Darauf ent- !
fchlofs fie fleh, ihn durch einen fubalternen Beamten
begrüfsen zu laffen und bot ihm ein Gaftmahl an. Da
er dies ablehnte, und man die Verforgung mit Wein
auch nicht recht fchicklich fand, kam man nach Url-
fperger's eingeholtem Rath darauf, ihm einen neuen würt-
tembergifchen Goldgulden in einem filbernen Büchslein
zu fchenken. — Wenn das öffentliche Auftreten auf
diefer Reife überall in Francke den geübten Agitator
zeigt, fo giebt auch der Verkehr in einzelnen Häufern,
in welchen ihm die volle Verehrung entgegen kam,
mancherlei zu denken. Es ift ja wohl viel Neugierde und
Ehrgeiz bei diefer Aufnahme im Spiele. Doch das bleibt
fleh zu allen Zeiten gleich. Was aber befonders hervortritt
, das ift die weinerliche, fentimcntale, weichliche
Selbftbefpiegelung, in welcher fleh diefe Erweckungen
ausdrücken, und der Weihrauch im Superlativ, der da
möglich war. Ströme von Thränen werden vergoffen,
die Männer weinen ganze Nächte hindurch, und die
Verherrlichung in Anreden leiftet das möglichfte und
unmögliche. Das ift Zeitgefchmack. Aber darin liegt
eben der andere denkwürdige Zufammenhang diefer Erweckung
mit dem Culturleben, dem Zeitgeift. Wenn
einmal eine rechte Gefchichtc diefer Dinge gefchrieben
würde, fo müfste fie vor allem auch diefe Zufammen-
hänge in's Auge faffen.

Tübingen. C. Weizfäcker.

Oosterzee. J. J. van, Praktische Theologie. Ein Handbuch
für junge Theologen. Autoriflrte deutfehe
Ausgabe von Pfarrern A. Matthiä u. A. Petry.
2. (Schlufs-) Bd. Heilbronn 1879, Henninger. (VI,
319 S. gr. 8.) M. 4. 50.

Dem erften Bande von Oofterzee's Praktifcher
Theologie ift bald der zweite, und zwar fofort auch
in deutfeher Ueberfetzung von A. Matthiä und A.
Petry, gefolgt. Derfelbe enthält die Liturgik, Ka-
techetik und Poimcnik, wozu noch ein Anhang über
die Wirkfamkeit aufserhalb der eigenen Gemeinde, die
chriftliche Halicutik und Apologetik umfaffend, hinzukommt
. Die ,warme religiöfe Empfindung, der feine
äfthetifche Gefchmack, der feelenkundige Blick, die
wiffenfehaftliche Klarheit und Bcftimmtheit', die Ref. bei
Gelegenheit der Anzeige des erften Bandes (Theol. Literaturzeitung
1878, Nr. 18) rühmend anzuerkennen Ver-

anlaffung fand, zeichnen auch die Behandlung der übrigen
Disciplinen der praktifchen Theologie aus. Was
üofterzee fchreibt, ift aus dem Leben und für das
Leben gefchrieben. So auch dieUs Buch!

Es beginnt mit der Liturgik (S. 1 — 113). Nach der
Einleitung, die von Wefen und Zweck der Liturgik,
ihren Quellen und Hülfsmitteln, der Gefchichte ihrer
Theorie und Praxis, fowie von ihrem Zuftand und den
hieraus fleh ergebenden Anforderungen handelt, werden
in einer erften Abtheilung die liturgifchen Grundfätze,
in einer zweiten die liturgifchen Regeln befprochen. Die
erfte Abtheilung ift fomit mehr theoretifcher, die zweite
mehr praktifcherNatur. In jener find der religiöfe, der
chriftliche und der evangelifch-reformatorifche Grund-
fatz fehr klar auseinander gehalten. Der zuletzt genannte
wird fern von jeder confeffionellen Einfeitigkeit
folgendermafsen angegeben: ,Hat die Reformation des
fechzehnten Jahrhunderts den Tempel des Herrn gereinigt
, fo mufs auch ihr Gottesdienft von dem freien,
aber unverfälfehten Geift der Reformation bcfeelt werden
. Die proteftantifchen Schwefterkirchen dürfen fleh
hierin nicht gegenüber flehen, fondern müffen auf die
Dauer von einander, ja von allen chriftlichen Kirchen
lernen, damit auf diefem Wege jede Einfeitigkeit überwunden
und eine höhere Entwicklung des Gemeindelebens
vorbereitet werde' (§ 42). Wir find hiermit voll-
ftändig einverftanden und haben auch dagegen nichts
zu erinnern, wenn O ofterzee im Gegenfatze zum re-
formirten Puritanismus S. 34 fagt: ,Wir haben — glücklicherweife
— Gemeindegefang: aber wozu das unmelo-
difche Gemeindegefchrei? Wir haben nicht die über-
flüffigen Fefte Roms, weshalb aber fo wenig Feftlichcs
und Anregendes in den reformirten Kirchen, auch an
den fchönften Tagen des Jahres? Wir fcheuen Gemälde
und Bilder: aber follte das heilige Kreuzzeichen, um
welches fleh alle Chriften fchaaren, ausfchliefslich die
Kirche und den Friedhof der Katholiken zieren? Ift
der Wetterhahn auf unfern Thürmen, der fleh mit jedem
Winde dreht, foviel fchöner, vielleicht als Symbol von
„allerlei Wind der Lehre"?'

In der zweiten Abtheilung der Liturgik werden nach
einer kurzen Ueberflcht die liturgifchen Sachen (Zeit,
Ort, Sprache und Gewand), dann die liturgifchen Handlungen
beiden gewöhnlichen Gottesdienften, bei Verwaltung
der Sacramente und bei Leitung der übrigen kirchlichen
Feierlichkeiten eingehend und höchft anziehend
erörtert. Aus dem reichen Material fei es geftattet, zwei
der liturgifchen Sachen befonders hervorzuheben: das
Kirchengebet und die Ab e ndmahls f ei e r. Zu vermeiden
ift bei dem Kirchengebete alles Mechanifche,
alle Ueberladung und Schwulft, alle unnütze Ausführlichkeit
, jede unheilige Vertraulichkeit, alles Rcflectiren
im Gebet, wodurch Gott vorgeftellt wird, was der Er-
j innerung gar nicht bedarf, alle todte Einförmigkeit und
endlich jeder unpaffende Vortrag (S. 73. 74). Das find
die negativen Forderungen, die der Verf. meifterhaft for-
I mulirt hat. Ja, wie viel wird doch nicht, namentlich
I bei freien Gebeten, durch Ueberladung und unnütze
I Ausführlichkeit gefündigt, fo dafs fchiefslich alle An-
, dacht verloren geht! Wie man die Zuhörer aus der
I Kirche hinauspredigen kann, fo kann man fie auch unter
Umftänden hinaus beten, denn nichts verletzt mehr die
I religiöfe Empfindung, als ein weitfehweifiges, geiftlofes
und langweiliges Gebet.

Was ift dagegen zu beachten? Für das freie
Hauptgebet bezeichnet Oofterzee drei Beftandtheile
als wefentlich: Lobpreifung, Sündenbekenntnifs, Flehen
um Vergebung, Erneuerung und Heiligung, fodann aber
auch um die mehr befonderen geiftlichen Gaben, nach
denen das Herz von Hirt und Heerde fich fehnt (S. 74. 75).
Ein viertes Element, Hingabe oder Gelübde {vota im
! Unterfchied von preces), das Einige den genannten noch
| hinzufügen wollen, darf nicht fehlen, foll vielmehr bei