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Ausgabe:

1880 Nr. 14

Spalte:

330-333

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Titel/Untertitel:

Makarij, Geschichte der russischen Kirche. Bd. IX: Periode der Theilung der russischen Kirche in zwei Metropolitanbezirke; Thl. IV: Geschichte des westrussischen oder litthauischen Metropolitanbezirks

Rezensent:

Bonwetsch, Gottlieb Nathanael

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329 Theologifche Literaturzeitung. 1880. Nr. 14. 330

liehen, Diakone etc. und befonders das Tagebuch von
Johann Marbach von 1552—1556, das nach den daraus
mitgetheilten Citaten vollftändig publicirt werden follte,
weil es ein intereffantes Licht ebenfo auf diefen Theologen
, wie auf die politifchen und kirchlichen Verhält-
nifse überhaupt wirft. Für die L Periode, welche die
Gefchichte der reformirten franzöfifchen Kirche von ihrer
Gründung 1538 bis zu der Schliefsung der ihnen eingeräumten
Andreaskirche 1563 und bis zum Verbote der
Privatzufammenkünfte 1577 umfafst, ift die Correfpon-
denz Calvin's, die im corp. rcformal. nun vollendet vorliegt
, diefe unerfchöpfliche Fundgrube für die Gefchichte
jener Zeit, eine höchft ergiebige Quelle gewefen; Calvin
felbft hat die Gemeinde gegründet und immer den leben-
digften Antheil an ihrem Wohl und Wehe genommen,
ihre Geiftlichen waren feine Schüler und Anhänger, die
mit ihrem Meifter ftets im brieflichen Verkehr (Fanden;
fo ift das Bild, das man von diefem eigenthümlichen
kirchlichen Gemeinwefen erhält, ein ebenfo lebendiges
als zuverläffiges. Freilich einen befonders wohlthuenden
Anblick bietet es nicht dar; die Gemeinde beftand zum
gröfsten Theile aus lothringifchen, franzöfifchen, engli-
fchen, italienifchen Flüchtlingen, deren gemeinfames Band
aufser ihrem reformirten Bekenntnifs die franzöfifche
Sprache war; die meiften von ihnen hatten eine bewegte
Vergangenheit hinter fich, viele waren unruhige Geifter,
denen das Brod der Verbannung herbe fchmeckte und
die oft genug durch Sorgen um ihre Exiflenz gequält
waren; fo waren Streitigkeiten unter einander und mit
ihren Geiftlichen, die alle auch mehr oder weniger eine
kriegerifche Ader hatten, an der Tagesordnung, und als
an der Stelle der duldfamen kirchlichen und politifchen
Häupter der freien .Stadt (Bucer, Capito, Zell, Jakob
Sturm etc.) in Marbach die ftreng lutherifche Richtung
die überhand erhielt, begann von Seiten derfelben ein
hartnäckiger unermüdlicher Kampf gegen die verhafsten
Calviniften, der, wie oben erwähnt, 1563 bez. 1577 mit
dem Untergang der franzöhfch-reformirten Kirche als
folcher endete. Da die Geiftlichen die Hauptpcrfonen
in diefem Kampfe waren, fo geftaltet fich die Gefchichte
ihrer Kirche vielfach zu biographifchen Skizzen der Prediger
, die Schilderung des Gemeindelebens, der Ver-
faffung etc. ift dadurch allerdings zu kurz gekommen
und einem fpäteren Gefchichtfchreiber die Ergänzung
diefer Lücke anheimgeftellt. Nur hie und da fand noch
ein Gottesdienft beim franzöfifchen Refulenten in Strafsburg
ftatt. Friedrich Cafimir von Hanau-Lichtenftein
baute ein Kirchlein für die franzöfifchen Reformirten in
Wolfisheim, mit der Befitznahme der Stadt durch
Ludwig XIV wurde auch diefes gefchloffen. Aber um
die gleiche Zeit hatte fich eine neue Gemeinde gebildet
aus franzöfifch redenden Lutheranern, deren Gefchichte
der II. Abfchnitt des Buches erzählt; Profefforen, Stu-
dirende, Adelsfamilien, Dienftboten, Kaufleute aus der
Schweiz, Kinder ,auf dem Taufch' waren die Mitglieder
derfelben; 1680 wurde ihr Gottesdienft organifirt. Das
Ereignifs von 1681 mehrte begreiflicherweife die Bedeutung
und Stärke der neuen Gemeinde; die wechfeln-
den Schickfale ihrer Prediger, von welchen Bleffig und
Haffner die bedeutendften waren, nehmen auch hier den
Haupttheil der Darftellung ein. Das letzte Capitel führt
uns die Stürme vor, welche die Revolution über Strafsburg
und über fein kirchliches Leben brachte; die ex-
imirte Stellung der Stadt mufste dem allgemeinen Nivel-
lirungsfyftem weichen, bald war alles, Geiftliche und
Laien, hineingezogen in den Wirbel der wachfenden Aufregung
. Lebhaft und intcreflant ift die Schilderung des
Kampfes zwifchen den Anhängern des alten Syftems
und den Neuerern, deren Sprecher und Bannerträger
Matthias Engel war; wir erhalten genaue Kunde über
beabfichtigte Aenderungen in der Kirchenordnung,
Einführung eines neuen Katechismus: da machte die
Schreckensherrfchaft allen kirchlichen Streitigkeiten und

der Kirche felbft ein blutiges Ende; 13. December 1792
war die letzte Sitzung des Strafsburger Kirchenrathes,
20. November 1793 wurde im Münfter der Cultus der
Vernunft gefeiert. Der Urgrofsvater des Verfaffers,
Johann Daniel Brunner, fammelte 1796 wieder eine kleine
Zahl franzöfifch redender Strafsburger um fich zu einer
Gemeinde, fpäter ernannte ihn Napoleon zu ihrem erften
eigentlichen Geiftlichen. Mit diefem Datum fchliefst das
anregende und intereffante Werk. Die Schickfale diefer
III. Gemeinde bis zur Gegenwart darzuftellen, hat einer
ihrer Geiftlichen, Theodor Beck, fich vorgenommen, möge
die Ausführung nicht allzulange auf fich warten laffen! —
Die Frage (S. 37), ob Pierre Alexandre, Nachfolger von
Garnier, in Arles oder Arras geboren ift (die France
protestante behauptet in beiden Auflagen das erftere),
wird nach der Biographie beige dahin zu entfeheiden fein,
dafs er um 1510 in Brüffel geboren wurde.

Stuttgart. Theodor Schott.

MaKapifi, HcTopifl pyccHoS uepKRH. T. IX. Ilepio^t) pa3A-ii.ienin
pyccKon uepKBu na abF HHTpono^ia. Kh. IV. HcTopifl 3ana,4H0-
pjccKoB 11.1 n aiiTOBCKoö MiiTponoaiii. C. n*eTep6ypi"i>. 1879.

Makarij, Erzbifchof, Geschichte der russischen Kirche.

Bd. IX: Periode der Theilung der ruffifchen Kirche in
zwei Metropolitanbezirke; Thl. IV: Gefchichte des
weftruffifchen oder litthauifchen Metropolitanbezirks.
Petersburg 1879. (XX, 689 S. gr. 8.)

Das Werk Makarij's, gegenwärtig Metropolit von
Moskau, ift das Bedeutendfte, was wir über die Gefchichte
der ruffifchen Kirche befitzen. Es beruht auf möglichft
vollftändiger Benutzung des vorhandenen Materials, welches
zum Theil hier zuerft zur Veröffentlichung gelangt.
Dabei läfst fich nicht verkennen, wie die fpäteren Bände'
diefes nun feit über 30 Jahren erfcheinenden Werkes
(1848 wurde die ,Vorgefchichte der ruff. Kirche' veröffentlicht
, welcher der Vorwurf der Voreingenommenheit
nicht erfpart werden kann) einen Fortfehritt in Bezug
auf Methode der Arbeit und Klarheit des Urtheils re-
präfentiren. Die ruhig objective Darlegung, hervorgegangen
aus dem ernften Streben, die Wahrheit zum
Recht kommen zu laffen, ermöglicht dem Lefer, fich
überall ein felbftändiges Urtheil zu bilden. Vermifst man
öfters fchärfere Kritik, fo fleht dem gegenüber die pietätvolle
Behandlung des gefchichtlichen Stoffs, auch wo
das Berichtete dem Verfaffer nicht fympathifch ift. Man
kann daher Makarij's Arbeit als grundlegend für die Gefchichte
der ruff. Kirche bezeichnen. — Der vorliegende
9. Band bringt die Gefchichte des litthauifchen Metropolitanbezirks
von feiner Trennung von dem grofsruffi-
fchen 1458 an bis zum Abfchlufs der Brefter Union 1596.
Während diefer Periode hat fich die Union angebahnt.
Makarij behandelt zunächft die Zeit mifsglückter Unions-
verfuche 1458—1503, dann den ruhigen Zuftand der
Orthodoxie, nur fporadifch von Streit mit den Lateinern
unterbrochen, 1503—55, um endlich den Sieg der Union
vorzuführen. —

In der berechtigten Furcht, dafs durch die Abhängigkeit
vom moskowifchen Metropoliten auch der
dortige Grofsfürft Einflufs auf die orthodoxen Bewohner
Litthauens erlangen werde, wurzelte das Streben der
litth. Herrfcher nach kirchlicher Selbftändigkeit ihres
Landes. Den nächften Anftofs zur dauernden Begründung
der litth. Metropole gab Rom nach dem mifs-
glückten Verfuch des Florentiner Concils, die Union
auch auf Moskau auszudehnen. Der mit Rom unirte
neue Metropolit von Litthauen fand zwar von Seiten
j der litth. Hierarchie keinen energifchen Widerftand, löfte
aber fchon nach 10 Jahren thatfächlich das Band mit
Rom, indem er Beftätigung und Segen des orthodoxen
Patriarchen einholte. Von hohem Intereffe ift das Schreiben
, durch welches der nach feinem Tode vom König