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Ausgabe:

1880 Nr. 1

Spalte:

9-10

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Grün, Karl

Titel/Untertitel:

Kulturgeschichte des siebzehnten Jahrhunderts. (In 2 Bdn.) 1. Bd 1880

Rezensent:

Nasemann, Otto

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Seite 1

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Theologifche Literaturzeitung. 1880. Nr. 1. 10

der Perfon aber kein Wort fagen. Die der approbatio I unerträglich werdenden theologifchen Debatten elek-
offenbar erft als letztes Moment diefes Proceffes nach- trifch zu beleuchten'.

folgende 7iomiiiatio fodann möchte ich nicht mit der Be- j In der That nimmt Cromwell das Hauptintereffe
ftimmtheit, wie der Verf. p. 43 thut, für eine blofse Er- j des Lefers in Anfpruch, ebenfo wie für den Verf. die
theilung des Titels erklären. Namen und Wefen find] englifche Revolution der bedeutendste Vorgang des Jahrh.
für die Curie flets eng verbunden gewefen. — Auch in ifl. Denn was wir fonft noch lefen, eine Skizze über
diefem Punkt wäre eine möglichft forgfältige Unterfcheid- > Kepler und den mit ihm unter eigenthümlicher Beleuchtung
der einzelnen Acte und Momente des Verfahrens j ung zufammengeftellten Arnos Comenius, eine kurze Cha-
von entfchiedenem Werth für die beftimmtere Präcifirung I rakteriftik einzelnerShakfpeardramen, Bilder von Richelieu,
des Ganzen. i Mazarin und Pascal, und eine Darftellung der Gräuel des

Die Entwicklung der Approbation der Zeit nach i 30jährigen Krieges, das ftreift im Grunde nur die Ober-
ift von Deufsen mit wenigen Ausnahmen nur lücken- fläche. Was ifl nun das Neue in der Beurtheilung Crom-
haft gegeben. Die Bulle Urban's IV. Qui coelum hat well's? Allerdings wendet fich Verf. infofern von dertheolo-
viel gröfsere Bedeutung, als der Verf. zu ahnen fcheint, , gifchen Debatte ab, als er feinen Helden nicht blofs als
da er fie faft nur in einer Anmerkung nennt. Sie ift bei- j religiös tief bewegtes Individuum fafst. Aber im Grunde
nahe epochemachend, auf der einen Seite durch Ein- ! ifl es ebenfowenig der Staatsmann, der ihn intereffirt.
fuhrung des Electentitels allerdings zunächft nur für Es ifl der Radicalismus, den er an dem Manne be-
zwiefpältige, bald aber für alle Wahlen vor der Appro- wundert, der Radicalismus in der Oppofition wie in der
bation, auf der andern Seite fofern fie durch die in ihr | Administration. So fpiegelt fich in diefer Auffaffung
inferirte Darftellung über das in Deutfchland geltende : gleichwohl der Standpunkt des Verf.'s, und fo gefchieht
Recht der Königswahl der Ausgangspunkt einer fafl un- j es, dafs die Bedeutung Cromwell's in der Weiterführung
unterbrochenen Reihe von Verfuchen wird, Königswahl der Anfänge Luthers gefunden, dafs er als ,Luther zu
und Königsregierung den Anfprüchen der Curie gegen- Pferde und Calvin mit dem Gewehre' angefehen wird,
über ficher zu Hellen, bis diefelben fchliefslich in der , wiewohl ,man Schritt vor Schritt eine weitere Entferngoldenen
Bulle ihren vorläufigen Abfchlufs finden. Die j ung in feinem Leben von Calvin und eine gröfsere Aneinzelnen
Glieder diefer Kette find nur ganz kurz und näherung an Luther gewahrt' (602). Das find Pointen,
nicht vollfländig genannt, der Fortfehritt von einem zum auf welche man keinen zu grofsen Werth zu legen
andern, die oft recht fcharfen Unterfchiede zwifchen den j braucht, ebenfo wie die (534), nach welcher der Protec-
einzelnen nicht gehörig präcifirt. i tor der umgekehrte Hamlet genannt wird. Defto fühl-

Zum Schlufs möchte ich bei diefer Gelegenheit noch barer bleibt für die Rundung des Bildes ein Anderes —•,
auf etwas hinweifen, was der Verf. gleichfalls Übergan- , dies, dafs die pfychologifche Vermittlung zwifchen dem
gen hat und mir doch wichtig genug für die Darfteilung j deftruetiven Gegner des Stuart'fchen Königthums und
der hiftorifchen Entwicklung feines Gegenftandes zu fein dem aufbauenden Protector fehlt; denn mit einigen bei-
fcheint, wiewohl auch fonft kaum darauf hingewiefen läufigen Bemerkungen läfst fich diefer Wandlungsprocefs
worden ifl: es ift die mehr und mehr auftretende Neig- nicht abthun. Grün hat einen bemerkenswerthen Scharf -
ung der Curie, die deutfehe Königswahl nicht nur in blick, das Charakteriftifche und Dominirende in radicalen
Analogie, fondern beinahe auf eine Linie zu ftellen mit Menfchen zu fehen, während er die mittlere Tüchtigkeit
der Bifchofswahl, das Königsrecht mit dem Bifchofsrecht meift unterfchätzt; jene werden unter feiner Zeichnung
(man vgl. hiezu eben Dinge wie die Ertheilung des begreiflich, wogegen fie bei Anderen nur als monftröfe
Electentitels, wobei dem nur Erwählten das Recht der Ausnahmen erfcheinen; namentlich weifs er die Ver-

Adminiftration nicht zukommt, die Anwendung von Aus
drücken wie ,kanonifche Wahl', ,Eingehen durch die
Thüre oder nicht durch die Thüre' u. a.). Die Confe-
quenzen daraus ergeben fich von felbft

quickung von religiöfer Schwärmerei und politifcher
oder focialer Doctrin vortrefflich klarzuftellen, und wir
möchten deshalb, dafs fein Buch nicht blofs von feinen
Gefinnungsgenoffcn gelefen würde. Allein über die pfy-

Eine neue Bearbeitung aller diefer Fragen dürfte | chologifche Lücke im Charakter Cromwell's, dafs er in

fich fomit auch nach Erfcheinen diefer Schrift wohl
lohnen: allzu grofse Schwierigkeit könnte fie nicht machen,
da das Material nicht zu weit zerftreut ifl.

Tübingen. Carl Müller.

Grün, Karl, Kulturgeschichte des siebzehnten Jahrhunderts.

(In 2 Bdn.) I. Bd. Leipzig 1880, Barth. (VI, 626 S.
8.) AI. 8. —

Wer in dem Buche nur einen Niederfchlag radica-
ler Anfchauungen, eine hiftorifche Begründung des weit
links gerichteten Standpunktes feines Verfaflers zu finden
meint, täufcht fich ; zu denen, welche die Gefchichte
benutzen, um ihre Parteidoctrinen zu ftützen und zu
illuftriren, gehört Grün gerade nicht, er bemühet fich
vielmehr, in die Dinge vorurtheilsfrei einzudringen. Aber
was er S. 496 fagt, dafs Gefchichte allerorts nur von
überzeugten Menfchen gemacht werde, läfst es fich
nicht auch auf ihn felbft mit der Verfchicbung anwenden
, dafs fie auch nur von überzeugten Menfchen
gefchrieben werde? Und wirkt die Ucberzeugung, der
Gefammteindruck , den die Dinge oder die Perfön-
lichkeiten machen, nicht auch auf das Sehvermögen,
hat der Ort, auf dem man felbft fleht, nicht Einflufs auf
das Viel oder Wenig, was man fieht? Er ifl fich
deffen auch bewufst, die Vorrede erklärt offen, dafs er
in Betreff Cromwell's beabfichtigt ,die wieder ziemlich

feiner Verwaltung faft alle die Mafsregeln anwendet,
derentwegen er Karl I. auf das Schaffot bringen half,
und fich dann dabei beruhigt, dafs er einmal im Zustande
der Gnade gewefen fei, hilft er uns nicht hinweg.
Gleichwohl ifl bei ihm die Bewunderung des grofsen
Alenfchen ehrlich; bei Merle d'Aubigne ifl fie uns immer
ein wenig forcirt vorgekommen. — Am wcnigflen muthet
uns an dem Buche die Schreibweife an. Sie ifl auch
etwas independentifeh, fagt fich von der befferen Gefell-
fchaft einigermafsen los, und trifft damit zwar nicht
feiten eine fchlagende Bezeichnung, beleidigt jedoch noch
öfter. Cromwell konnte gleichfalls derb burlesk fein.
Hat auch dies dem Verf. imponirt:

Halle. Nafemann.

Kramer, Dir. D. G., Neue Beiträge zur Geschichte August
Hermann Francke's. Halle 1875, Buchhandlung des
Waifenhaufes. (VIII, 222 S. gr. 8.) M. 2.50.

Der gewöhnliche Termin für Befprechung neuer
Bücher ift hier längft verstrichen. Dafs diefelbe doch
noch nachgeholt wird, ifl indeffen gewifs nicht unberechtigt
. Die , neuen Beiträge' fchliefsen fich an die
Beiträge vom Jahre 1861 an. Etwas fo wichtiges wie
dort der Briefwcchfel zwifchen Franckc und Spener enthalten
fie nicht. Aber immerhin find die hier abgedruckten
Quellen zum Theil erheblich genug. Es find
vier befonderc Stücke: 1. zum Familienleben Francke's.