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1880 Nr. 13

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314-317

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(ohne Kategorisierung)

Titel/Untertitel:

Pädagogischer Jahresbericht von 1878. Im Verein mit Felsberg etc. bearbeitet und herausgegeben von Friedr. Dittes. 31. Jahrg 1880

Rezensent:

Strack, Carl

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313

Theologifche Literaturzeitung. 1880. Nr. 13.

314

In des Pöbelwahns Befchuhlijjung (!)
Und der Heiland, der mit Ilimmelslächeln (!)
Vor der Nacht als Fürft des Lebens fland,
Hauchte feinen Geift im Sterberöcheln (!)
Am Verbrecherpfahl in Gottes Hand.

Und gleich darauf auf derfelben Seite:

Doch ob manche lichte Adventswolke
Auch das Herz zu flüchtger Andacht trug,
Blieb verftockt der Uebermuth im Volke,
Der den Herrn an's Kreuz der Sünde fchlug.
Und weiter S. 9:

Und das Kreuz, der Schmuck der Chriftentempel,
Glänzt nur noch auf Sarg und Leichentuch,
Giebt dem Aberglauben nur den Stempel
Für den zaubernden Zigeunerfpruch.
Und es gilt nur noch das heiige Zeichen
Obenhin als ein Culturfymbol;
Treuer war man Odins Donnereichen,
Heilger ift des Islams Mond-Idol.

Man greift unwillkürlich an feine Stirn und lieft
diefe wunderfamen Verfe noch einmal und fragt fich,
ob nicht hinter dicfen gefchraubten Ausdrücken doch
noch ein tiefer Sinn verborgen liege. Aber wenn man
dann Verfe lieft, wie diefe

Wo des Glaubens goldne Tugendähre
Aus den Rofen frifcher Liebe fprofst

giebt man diefe Mühe auf und erinnert fich an einen
ftudentifchen Ausdruck für Etwas, das keinen Sinn hat
und doch in eine blühende Sprache gekleidet ift. Aber
auch diefe Sprache läfst vieles zu wünfchen übrig.
Nicht nur dafs der Accent der Worte dem des Vers-
mafses nicht entfpricht (wie z. B. das Wort Advent
regelmäfsig den Ton auf der erften, itatt auf der zweiten
Silbe erhält), wodurch den Verfen noch mehr, als es fo
fchon der Fall fein würde, der Charakter der Knittel-
verfe aufgeprägt wird, nicht nur dafs oft falfche Reime
gebraucht werden, wie Hoffnungslächeln und Sterberöcheln
, ein Reim, der dem Dichter ganz befonders zu
gefallen fcheint, denn er kehrt öfter wieder (Seite 8. II.
157), die ganze Ausdrucksweife ift eine trotz der gefuch-
ten und gefchraubten Worte durch und durch profa-
ifche. — Ebenfo wunderfam wie das Werk des Ver-
faffers ift fein theologifcher Standpunkt, wie er uns aus
demfelben entgegentritt. Der Verfaffer kleidet feine Gedanken
zumeift in die Sprache der Kirche, lehnt fich
wenigftens an diefelbe an, er redet auch oft gegen den
jetzt herrfchenden Zeitgeift:

Nur des Chriftenthumes leere Schaale

Findet noch der lauen Mode Schutz,

Denn es hofft, ein Feind der Ideale,

Practifchen Gewinn der Eigennutz.

Dafs aber der gute Verfaffer felbft nur des Chriften-
thums Schale fich angeeignet hat, wird am deutlichften
aus feinen Ergüffen über das Pnngftfeft, wo der Verf.
das Wehen des heiligen Geiftes in allem Möglichen und
Unmöglichen, aber endlich felbft in den Tönen der Dorf-
mufik vernimmt, die die Jugend zum Tanz unter die
Angerlinde ruft. Wörtlich heifst es S. 94:

Der heiige Geift ift's, der dem heitern Kinde
Zum Pfingftfeft reicht des Maienglöckchen Kranz
Und der im Dörflein zu der Angerlinde
Die muntre Jugend ruft zu Spiel und Tanz!

Vom heiligen Geifte ift leider, das beklagt jeder
Volksfreund und das follte wenigftens auch ein Landpfarrer
wiffen, bei den Tänzen der ländlichen Jugend
fehr wenig oder gar nichts zu verfpüren, am wenigften
aber kann es einem vernünftigen Menfchen einfallen zu
fagen, dafs der heilige Geift es fei, der am Pfingften die
Jugend zum Tanze rufe.

Die Lefer dürften mit diefen Proben genug haben.
Ich will darum nur noch anführen, wie am Johannisfeft
der Dichter Eltern, die um ein krankes Kind weinen,
mit einem Johanniswurm trottet:

Wenn das Hille Glück zerrinnt,

Arme gramgebeugte Eltern,

Angft und Sorgen um ein Kind

Hirn und Herz zermalmend keltern,

Wenn im bangen Unglücksfturm
Sich die müden Wimpern feuchten
Mög' Euch ein J o h a n n i s w u r m
Hoffnung in den Thränen leuchten.

und wie unter XIII. Kirmes, Aronftab und Herbftzeitlofe
unmittelbar nach einer gereimten Auslegung der grofs-
artigen Stelle Offenb. Joh. 21, 1—5 der Dichter fortfährt:

Ja frier' es, thau' es oder fchnei's

Und regn' es oder ftürm' es

Vor Advent(!) lacht des Hauern Fleifs

Die langerfehnte Kirmefs

Und Kirmfen wählen Bürger auch

Zum Schmaus fich zu befuchen.

In Stadt und Dorf nach altem Brauch

Dampft frifcher Kirmefskuchen

Cafino dort und Kretfcham hier,

Hier Brummbafs, dort Orchefter,

Hier fteb.t der Wein, dort Schnaps und Bier,

Die Kart' als Zwillingsfchwefter.

Es mag diefe Befchreibung der Kirmefs ja recht
naturgetreu fein, aber unter den .Biblifchen Feftblüthen
für das Kirchenjahr' wird fie wohl doch Niemand fliehen.
Wem nach diefen Proben noch gelüftet, das Büchlein
zu lefen, der thue es. Es wird vielleicht in demfelben
manche Veranlaffung zur Heiterkeit, wie befonders die
letzte Probe bewein, noch öfters aber zum Unwillen,
das aber, was er nach dem Titel zu fuchen berechtigt
wäre, Erbauung oder Erhebung, wird er ficherlich nicht
finden. Referent mufs bekennen, dafs es ihm unbegreiflich
erfchien, wie ein Profeffor Dr. K. Weinhold in Breslau
einem folchen Buch ein Vorwort vorausfehicken und
dasfelbe dadurch empfehlen kann. Herr Prof. Weinhold
hat aber das Buch wahrfcheinlich gar nicht gelefen.

Weitaus das Beftc an dem Buche find aufser diefem
Vorworte die hübfehen Holzfchnittc, welche die ver-
fchiedenen P"eftblüthen darftellen und als Zeichenvorlagen
eine fehr gute Verwendung finden würden.

Bifchofswerda. Dr. Wetzel.

Pädagogischer Jahresbericht von 1878. Im Verein mit Felsberg
etc. bearbeitet und herausgegeben von Dir. Dr.
Friedr. Dittes. 31. Jahrg. Leipzig 1879, Brand-
ftetter. (XIII, 795 S. gr. 8.) M. 10. —

Um dem geehrten Lefer im Voraus in der Kürze
zu zeigen, was derfelbe in dem vorliegenden Jahresbericht
zu erwarten hat, fchicken wir das Inhaltsverzeich-
nifs voraus. I. Pädagogik. Vom Herausgeber, S. 1.
II. Religionsunterricht von Dr. R. Felsberg, Pfr.
in Sonneborn bei Gotha, S. 32. III. Naturkunde von
Dr. C. Rothe, Profeffor an der Staatsrealfchule des
VII. Bezirks in Wien, S. 78. IV. Mathematik von
Jof. Haberl, Prof. in Wien, S. 146. V. Geographie
von Dr. H. Oberländer, Seminar-Director in Pirna,
S. 221. VI.Franzöfifcher Sprachunterricht von G.
R. Haufchild, Lehrer am Gymnafium zu Frankfurt
a/M., S. 232. VII. Englifcher Sprachunterricht von demfelben
, S. 268. VIII. Jugend- und Volksfchriften
von B. Lüben S. 292. IX. Mufikalifche Pädagogik
von A. W. Gottfchalg, Hoforganift und Seminarlehrer
in Weimar, S. 321. X. Lefen, Schreiben und
Stenographie von Dr. H. G. Zimmermann, Schul-
director in Leipzig, S. 372. XI. Die neueften Erfchein-
ungen auf dem Gebiete des deutfehen Sprachunterrichts
von demfelben S. 396. XII. Literaturkunde
von Albert Richter S. 418. XIII. Zeichnen
vonFedor Flinzer, Oberlehrer an der Realfchule
I. Ordnung und flädtifcher Zeicheninfpector in Leipzig,
S. 438. XIV. Gefchichte von Albert Richter,
Schul-Director in Leipzig, S. 456. XV. ZurEntwicklungs-
gefchichte der Schule. A. Deutfchland, von Seminarlehrer
A. Klein fchmidt in Friedberg. Von S. 483—600.
B. 1 Oefterreich. Von Prof. Dr. Thurnwald in Wien.
VonS.601—670. B.2Ungarn. VonJofef Rill,Redacteur.
des ,Ungarifchen Schulboten' in Budapeft, S. 670—726