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Ausgabe:

1880 Nr. 13

Spalte:

300

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Schmidt, K.

Titel/Untertitel:

Die Anfänge des Christenthums in der Stadt Rom 1880

Rezensent:

Harnack, Adolf

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Seite 1

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299

Theologifche Literaturzeitung. 1880. Nr. 13.

300

Edict ergangen war und nicht erging, wie es 2, 1 heifst,
und dafs die damalige Schätzung nicht unter der Statt-
halterfchaft des Quirinius gefchah, wie es 2, 2 heifst,
fondern dafs fie unter ihr fpäter zu Ende geführt wurde.
Dafs uns Keil hier, wie an vielen andern Orten, ganz
naiv verfichert, die Worte brauchten das nicht zu fagen,
was fie nur leider nach Lexikon und Grammatik fagen,
kann natürlich an diefem harten Mifserfolg nichts ändern.
Natürlich mufs auch ein Ausfpruch wie Marc. 10, 12
nicht die naheliegende Anwendung eines Wortes Jefu
auf römifche Verhältnifse, fondern ein urfprüngliches
Wort Jefu fein, und eine halbe Seite lang bemüht fich
K. p. 107 nachzuweifen, dafs unolvtiv avöga auch einen
Fall bezeichnen könne, wo das Weib den Mann nicht
entläfst, was es bekanntlich in jüdifchen Verhältnifsen
nicht konnte. So wenig hier die Nichterwähnung diefes
Falls bei Mtth. gegen feine Urfprünglichkeit, fo wenig
fpricht die Nichterwähnung der Petrusfcene Matth. 14,
28—31 bei Marc, gegen ihre Urfprünglichkeit, ,weil diefer
Vorgang nicht geeignet war, das allgemeine Urtheil,
welches Marc, über die Erkenntnifsfchwäche der Jünger
fällte, zu mildern' (p. 75). Und was ift der Ertrag aller
jener harmoniftifchen Künfteleien? Dafs nach Matth.
Pilatus, nach Marc, das Volk bei der Amneftiefrage die
Initiative ergreift, ift eine ,formelle Differenz', die fich
.einfach daraus erklärt', dafs beide den Verlauf der Verhandlung
.nicht genau darlegen' (p. 130 f.); die bekannte
Differenz zwifchen Marc. 16, 1 und Luc. 23, 56 ift ,von gar
keinem Belang', da beide Evang. nur berichten wollen,
dafs die Frauen, ohne die Sabbathruhe zu unterbrechen,
die Specereien fo zeitig bereitet haben, dafs fie am Sonntage
gleich nach Sonnenaufgang die Salbung vollenden
konnten! (p. 143). Luc. 2, 39 ift eine .fummarifche Angabe
', die keineswegs ausfchliefst, dafs fie inzwifchen
nach Bethlehem zurückkehrten und von da in Folge des
Magierbefuchs nach Aegypten flohen (p. 239 f.), und die
Verdoppelung der Petrusberufung macht gar keine
Schwierigkeit, weil die Worte Matth. 4, 20 .nicht fo ge-
prefst werden dürfen'! (p. 269). Nun fürwahr, wenn die
Worte .nicht nöthigen' fie in dem Sinne zu nehmen, den
fie haben (vgl. p. 323 u. ö.), wozu bedarf es dann fo
vieler Künfte? Dann laffe man fie doch überall fagen,
was fie nach den Vorausfetzungen des Apologeten nun
einmal fagen follen.

Und wie fleht es mit der eigentlichen Exegefe?
Marc. 5, 23 hangt das ha von xiaoa/.aktl ab, nur dafs
die Bitte in die Form der Anrede gekleidet (p. 63).
Aber das ift ja eben eine fprachliche und logifche Unmöglichkeit
, zumal ein ktyiuv dazwifchen fleht! Oder
man lefe die völlig nichtsfagende und nichtserklärende
Erörterung über das fchwierige tlatli/av Luc. 1, 9 p.
188! Luc. 17, 21 wird das tvxög viuiiv richtig wieder: in
anitms vestris erklärt. Man braucht ja blofs das bfuöv
,nicht von den Pharifäern in ihrer gottentfremdeten Sinnesweife
fondern von ihnen als Gliedern des zum Träger
der Heilsoffenbarung erwählten Volkes' zu verliehen
(p. 409 f.). Luc. 18, 7 heifst ftaxQO^Vfui: er verzieht,
um durch die Trübfal ihren Glauben zu prüfen und zu
läutern (p. 416), und Luc. 14, 14 macht fich der Verf.,
der fonft in textkritifchen F ragen befonnen urtheilt, wo
nicht zu ftarke Vorurtheile im Wege flehen (wie Luc.
2, 14), eine nirgends bezeugte Lesart zurecht: tj nuq
i/.ihnv und überfetzt: fürwahr vor jenem (p. 418).,

Doch die Kritik hat gut reden. Es wird ja nicht
an gefälligen Kirchenzeitungen fehlen, welche der Welt
verkünden, dafs hier einmal ein Evangeliencommentar
erfchienen, der gar nicht von der böfen Kritik angekränkelt
ift, der alle Schwierigkeiten gelöft und alle
Feinde überwunden hat. Die aber, denen es ein Ernft
ift mit der wiffenfehaftlichen Begründung der wefent-
lichen Gefchichtlichkeit der Evangelien und der Löfung
der Probleme, die fie uns aufgeben, werden klagen, dafs
fo viel mühfeliger Sammelfleifs aufs Neue verfchwendet

ift ohne für die Wiffcnfchaft irgend eine Frucht zu bringen
, und dafs der wirklich negativen Kritik nur ein neuer
Anlafs gegeben ift, die Achfel zu zucken über die Un-
wiffenfchaftlichkeit der Apologetik, welche die heilige
Schrift zu ehren meint, wenn fie diefelbe nicht nimmt,
wie fie ift, fondern fie mit taufend Künften fich zurechtmacht
, wie fie nach ihren Vorausfetzungen fie haben will.

Berlin. Dr. Weifs.

Schmidt, Privatdoc. Lic. K., Die Anfänge des Christenthums

in der Stadt Rom. [Sammlung von Vorträgen, hrsg.
von W. Frommel u. F. Pfaff. 2. Bd. 3. Hft.j. Heidelberg
1879, C. Winter. (24 S. 8.) M. —. 60.

Ueber die Anfänge des Chriftenthums in der Stadt
Rom während des erften Jahrhunderts berichtet diefer
Vortrag. Der Verf. benutzt aufser der Apoftelgefchichte,
dem Römer-, Philipper- und erften Petrusbrief lediglich
Tacit. Anna/. XV, 44 und zieht am Schlufs in Kürze
den I. Clemensbrief herbei. Ausdrücklich lehnt er die
Verwerthung der bekannten Suetonftelle, des Hebräerbriefes
, des Hirten, der Pfeudoclementinen ab ; auch der
Ertrag der Katakombenforfchung fei für die Anfangszeit
der römifchen Gemeinde ein zu unficherer; unficher auch
die Spuren, welche auf ein Eindringen des Chriftenthums
in die römifche Ariftokratie hinweifen. Paulus und Lucas
allein find uns fichere Führer: jener Lucas, welcher mit
dem lebhaften Intereffe des Zeitgenoffen, mit dem
ruhigen, weiten Blicke des Gefchichtsfchreibers, mit dem
Verfländnifs eines vertrauten Genoffen des Apoftels
Paulus nach wohl durchdachtem Plane berichtet', ,der
an Rom vornehmlich die weitere Entwicklung der Kirche
geknüpft fleht und fo nicht etwa erft nach langer
Zwifchenzeit urtheilte — die Anfangsgefchichte felbft,
die er mit durchlebte, hatte in ihm diefe Ueberzeugung
begründet'. So gipfelt denn auch die Darfteilung des
Verfaffers in einer Schilderung der in Ap.-Gefch. 28,
17—29 erzählten Begebenheit. Nachdem feftgeftellt,
dafs die römifche Gemeinde um d. J. 60 noch eine vornehmlich
jüdifche, aber nicht antipaulinifcheGemeinfchaft
war, dafs der Römerbrief feinen Zweck in ihr erreicht
hat, und dafs Paulus mit Freuden von der gefammten
Gemeinde empfangen worden fei, wird uns mitgetheilt,
dafs es nur noch gegolten habe, das Verhältnifs zur
Synagoge klarzuftellen, die bisher zur chriftlichen Gemeinde
in Rom noch kene Stellung genommen hatte.
,Ein überaus fpannender, prägnanter Moment! Ein Vorgang
, von dem fich begreift, dafs Lucas ihn als effect-
vollen Abfchlufs des Ganzen nahm'. Der Verf. nimmt
ihn ebenfo effectvoll. Sollte fich doch zeigen, ob die
römifche Judenfchaft frei genug ift, um fich der Wahrheit
zu unterwerfen. ,Es folgt ein kurzes Ringen der
Geifter mit Concentration aller Kräfte vom Morgen bis
zum Abend. Das Ende ift: auch die römifche Judenfchaft
ift aufser Stande, fich einmüthig für ihren Heiland
zu entfeheiden'. ,Der grofse tragifche Kampf, der das
apoftolifche Zeitalter durchzieht, ift in Rom entfehieden'.
Bald ftellte fich aber in der chriftlichen Gemeinde felbft
die Gefahr einer Spaltung durch Judaiften ein. Doch
die Abhülfe kam. Faft ficher ift dem Verf. die Com-
bination, nach welcher Petrus im Laufe des Jahres 63
nach Rom kam, höchft wahrfcheinlich, dafs ihn das Bedürf-
nifs dahin führte, am zukünftigen Centrum der Chriften-
heit die Einheit zwifchen urapoftolifchem und paulinifchem
Chriftenthum abfchliefsend zu conftatiren. Im folgenden
Jahre ift Petrus als Märtyrer geftorben, Paulus
erft einige Jahre fpäter. Dies ift das Wichtigfte, was der
Verf. über die Gefchichte des Chriftenthums in der Stadt
Rom im 1. Jahrhundert weifs oder was er feinen Zuhörern
hat fagen wollen.

Giefsen. A. Harnack.