Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1880

Spalte:

6-8

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Thiersch, Herm. W. J.

Titel/Untertitel:

Die Kirche im apostolischen Zeitalter und die Entstehung der neutestamentlichen Schriften. 3. verb. Aufl 1880

Rezensent:

Holtzmann, Heinrich Julius

Ansicht Scan:

Seite 1, Seite 2

Download Scan:

PDF

5

Theologifche Literaturzeitung. 1880. Nr. 1.

G

chriftlicher Urfprung ftatuirt, aber nicht näher nachge-
wiefen; nur das Verhältnifs von Pf. 68, 19 zu Eph. 4, 8
wird befprochen (vgl. Delitzfch, Pfalmen. 3. Aufl. I, 31
u. 475) und behauptet, die in den jakobitifchen Pfalte-
rien fleh findende Lesart BBföWia fcart"! = tbioy.cg do/tar.a
fei eine fpätere Correctur nach der Epheferftelle, in den
alten Pfalmenhandfchriften flehe reo: = elaßtg. Das
ift merkwürdig, aber kaum richtig; der Ambrofianus
(saec. VI), das neflorianifche Pfalterium in London vom
Jahr 600, alle Ausgaben haben rarr; follte fleh wirklich
roö3, was David in den Text aufgenommen, in alten
Handfchriften finden, fo wäre diefes Correctur und nicht
umgekehrt. Aus diefem einen Beifpiel geht auch fchon
hervor, dafs für diejenigen Zwecke, für welche wir die
fyrifche Ueberfetzung brauchen, den ihr zu Grunde liegenden
alten hebräifchen Text wiederzugewinnen, diefe
Ausgabe nicht zu gebrauchen ift, umfoweniger als wir
über die Lesarten der auf dem Titel genannten alten
guten Codices gar nichts erfahren; doch ift auch für uns
das Verzeichnifs S. XXXIV ff. nützlich, das 119 Abweichungen
aufzählt, die fleh zwifchen dem jakobitifchen
Pfalter und dem der Chaldäer d. h. der mit Rom unir-
ten Syrer finden; auch die S. XLIII ff. verzeichneten
Tcxtescmendationen find vielfach richtig. Im Ganzen
find, foweit ich gefehen, nur wenig wefentliche Aender-
ungen vorgenommen worden; in Pf. 119 ift z. B. der
feit alter Zeit in der Pefchittho fehlende V. 91 ergänzt;
durchgreifend wurden nur die eigenthümlichen fyrifchen
Pfalmenüberfchriften geändert, die den hebräifchen gleich
gemacht wurden.

Tübingen. E. Neftle.

Baethgen. Friedr., Untersuchungen über die Psalmen nach
der Peschita. 1. Abth. Kiel 1878, Schwers. (29 S. 4.)
M. 1. 60.

Wozu Referent durch fein Psallcrium tetraglottum
anregen wollte, ift zu feiner grofsen Freude fchon unabhängig
von demfelben von F. Bäthgen in Angriff genommen
worden: neue Unterfuchungen über die Pfalmen
nach der Pefchittho und den andern alten Verfionen.
Aeufscre Gründe haben den Verf. beftimmt, zunächft ein
Bruchftück feiner Arbeit in dem für Habilitationsfchrif-
ten vorgefchriebenen Format zu veröffentlichen. Dafs
folche Unterfuchungen auch nach Prager's Differtation
über die fyrifchen Pfalmen nichts Ueberflüffiges feien,
war jedem Einfichtigen klar, vgl. Theol. Litztg. 1876,
Nr. 11. Hatte Prager feine Arbeit geradezu verkehrt
angefafst, fo geht Bäthgen in der richtigen Weife zu
Werke. Aus den eigenthümlichen Ueberfchriften der
fyrifchen Pfalmen hatte man bisher faft allgemein auf
den Urfprung der Ueberfetzung fchliefsen wollen; Bäthgen
erkennt, dafs fie gar kein urfprünglicher Beftandtheil
derfelben und keine eigentlichen Ueberfchriften fein
wollen, fondern exegetifche Bemerkungen und Fingerzeige
, wie diefer und jener Pfalm verftanden, worauf er
bezogen werden könne, zurückgehend im Wefentlichen
auf Theodor von Mopfueftia einerfeits, andererfeits auf
Eufebius und weiterhin Origenes. Treffend erläutert er
dies durch die Bemerkung, die Hieronymus in feinem
Commentar zu Pf. 1 mache, dafs nach Tertullian der
Pfalm auch von Jofeph verftanden werden könne, der
den Leib des Herrn begraben habe; noch einleuchtender
wäre die Parallele geworden, hätte er hinzugefügt,
dafs diefe exegetifche Bemerkung nun wirklich fchon im
Codex Avtiatinus und Lagarde's codex Augiensis dem
Pfalm als argumentum vorgefetzt wurde. Dafs Aehn-
liches auch für die Ueberfchriften des hebräifchen
Pfalters gelte, dürfte keine zu weit abliegende Folgerung
fein. Von dergleichen fpäteren Zuthaten des Textes
fleht alfo Bäthgen mit Recht ab und ebenfo wohl begründet
ift es, dafs er zuerft den reeipirten fyrifchen
I ext auf Grund des Ambrosianns und einiger Berliner

Handfchriften von einer Reihe alter Fehler zu reinigen
fucht, ehe er ihn mit dem hebr. Text und den andern
Verfionen vergleicht. S. 20-23 nnd die betreffenden
Stellen aufgeführt; meift ift das Richtige getroffen; weitere
kritifche Hilfsmittel hätten vielleicht da und dort
noch eine Verbefferung an die Hand gegeben — auch
aus A find nicht alle aufgenommen, die Aufnahme verdient
hätten —, doch ift aus Vergleichung alter Handfchriften
für die fyrifchen Pfalmen nicht befonders viel
zu hoffen, wie Ref. fich durch eine Abfchrift des älteften
Londoner Pfalteriums vom Jahr 600 überzeugt hat. (Statt
der Zahlen 118, 160, 374 hätten zur Bezeichnung der
Berliner Handfchriften Buchftaben gewählt werden fallen,
a b c oder dergleichen; die Collation wäre viel überficht-
licher geworden.) Nachdem fo der Weg gebahnt ift,
1 werden die Stellen verzeichnet, wo der Syrer vom
j Hebräer abweicht, und zwar zunächft diejenigen, in welchen
Septuaginta, Hieronymus und Chaldäer oder wenig-
ftens der eine oder andere diefer Zeugen auf Seite des
Syrers flehen. In einer weitern Abtheilung follen die
I Lesarten folgen, mit denen der Syrer allein fleht, und
1 dann die Folgerungen aus allen diefen Varianten und
[ ihrem Charakter gezogen werden. Das Hauptintereffe
knüpft fich alfo an den noch ausftehenden Theil, auf
deffen Erfcheinen wir begierig find. Diefer Theil wird
wohl auch einige Nachträge zu der Einleitung enthalten
müffen, z. B. zuS. 18 f. die Bemerkung, dafs die Lesart des
Ambrofianus Pf. 2, II = dpatftxoOe 7rcxidttag, auf nachträglicher
Correctur beruht, wie auch aus der Photolithographie
erfichtlich ift, alfo um fo weniger benutzt werden
darf, das Alter der Handfchrift über 627 herabzurücken,
ebenfo zu S. 21 die Lefung 54, 1 yn ftatt i:,ijy») wie
es fcheint auch Pf. 35, 24, vgl. Psalt. Tetragl. p. XIII.
Für die Erklärung der Pfalterüberfchrift hätte
der Katalog der fyrifchen Handfchriften von Oxford von
P. Smith noch manches fchätzbare Material an die Hand
gegeben. In der kurzen Ueberficht über die Gefchichte
des gedruckten Textes fehlt, wie fchon bei Ceriani, die
von Lee 1822 für die Londoner Bibelgefellfchaft be-
forgte Separatausgabe des fyrifchen Pfalters, von welcher
fich die im Jahr 25 ausgegebene faft nur durch Weg-
laffung des 151. Pfalms unterfcheidet; beide find ihrer
Wohlfeilheit und durchgängigen Vocalifation wegen ins-
befondere für Anfänger zu empfehlen. Ueber eine vor
1860 von Mar Jakob, nachmaligem fyrifchem Bifchof von
Jerufalem, in Konftantinopel gedruckte Ausgabe berichtet
A. Oliver, a translation of t/ie Syriac Peshito Version
of the Psalms,. Bofton 1861, S. Xf.; eine 1866 in Mofful
gedruckte Ausgabe mit den canones des Katholikos Paul
aus dem VI. Jahrh. erwähnt Abbe Martin, & Pierre et
S. Paul dans l'eglise Nestorienne S. XXVI. 47 etc., und
Bickcll Conspectus S. 89, Letzterer ebendafelbft An-
merk. 7 noch zwei römifche Ausgaben 1842 und 65; dazu
kommt die neuefte von Jofeph David (Mofful 1877), die
manche der von Bäthgen bevorzugten Lesarten enthält,
und neben den inzwifchen erfchienenen Pfalmenfcholien
des Barhebräus einige Berückfichtigung verdient.

Tübingen. E. Neftle.

Thiersch, Herrn. W. J., Die Kirche im apostolischen Zeitalter
und die Entstehung der neutestamentlichen Schriften
. 3. verb. Aufl. Augsburg 1879, Preyfs. (XXIV,
364 S. gr. 8.) M. 6. —

Im mitabgedruckten Vorwort zur erften Auflage
(1852) wirft der Verfaffer einen Rückblick auf fein früheres
Wirken als Lehrer der Theologie. Mit Wehnrath
lieft man das heute. Ein Menfchenalter faft ift feithtr
vergangen; noch immer ift es ihm — fo erfahren wir
im neuen Vorworte — ,feiige Pflicht', auch ,in diefen
letzten Stunden des Niedergangs' noch für die Wahrheit
zu zeugen; aber — ,nun neigt fich mein Tag zu
1 Ende'.