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Ausgabe:

1880

Spalte:

255-258

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Bachmann, Johs.

Titel/Untertitel:

Ernst Wilhelm Hengstenberg. Sein Leben und Wirken, nach gedruckten und ungedruckten Quellen dargestellt. 2. Bd. 2. Hälfte 1880

Rezensent:

Weizsäcker, Carl

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255

Bachmann, Prof. Dr. Johs., Ernst Wilhelm Hengstenberg.

Sein Leben und Wirken, nach gedruckten und ungedruckten
Quellen dargeftellt. 2. Bd. 2. Hälfte.
Gütersloh 1880, Bertelsmann. (VIII u. S. 177—431 u.
Beilagen S. 17—60. gr. 8.) M. 5. —
Diefer Theil enthält das vierte Buch der ganzen
Biographie, nämlich die Jahre 1830— 35, welchem der
Verfaffer die Ueberfchrift gegeben hat: Kampf gegen
Rationalismus und Revolution. Von den vier Capiteln:
der Hallifche Streit, die Juli-Revolution und ihre Folgen,
Sonflige Zeit- und Streit-Fragen, In Haus und Beruf,
ift das erfte weitaus das umfangreichfte, nämlich die
Darftellung des fogenannten Hallifchen Streits oder wie
man anderwärts es zu benennen pflegt, der Hallifchen
Denunciation. Unfer Wiffen von diefer Begebenheit erfährt
hier manche Bereicherung, da dem Verfaffer aufser
Hengftenberg's eigenen Papieren auch die Gerlach'fchen
und durch die Liberalität des Cultminifters Falk die Mi-
nifterialacten zugänglich waren. So fehen wir einerfeits
in den Verkehr zwifchen Hengftenberg und Gerlach
hinein, in welchem die ganze Sache entflanden ift, und
können hier verfolgen, wie man fich wechfelfeitig animirt,
einen folchen Griff zu thun. Andererfeits werden wir über
das Verhalten der Behörden, den Gang ihrer Verhandlungen
unterrichtet. Der Schlufsbericht des Minifters
Altenftein über die Angelegenheit an den König ift in
den Beilagen abgedruckt, und ift ein fehr werthvolles
Actenftück. Verdienftlich ift auch das in den Beilagen
gegebene umfaffende Verzeichnifs der Literatur des
Streites. Es liefs fich erwarten, dafs der Biograph auch
in diefem Stücke der Apologet fein werde, und dies
ift auch vollftändig fo geworden. Ob er damit feiner
Sache genützt hat, ift eine andere Frage. Irgend ein
neuer Gefichtspunkt wird vergeblich gefucht, und da
die naheliegendften Vorwürfe doch nur künftlich und
advocatifch beantwortet werden können, fo wird gerade 1
durch eine folche Vertheidigung der Eindruck nur pein- I
licher. Es läfst fich weder im Ernfte beftreiten, dafs
der bekannte Artikel eine Denunciation war, noch dafs
derfelbe beabfichtigte, die Staatsgewalt zur Verfolgung
einer theologifchen Richtung zu beftimmen. Freilich
handelt es fich dabei zunächft nur um zwei Perfonen,
und den Vorlefungsbetrieb derfelben in feiner befon-
deren Art. Aber wenn der Angriff den beabfichtigten
Erfolg gehabt hätte, fo mufste ja diefer weit über diefes
nächfte Object hinausreichen, nicht nur andere Perfonen
mit hineinziehen, fondern auch durch allgemeine Anordnungen
in den ganzen theologifchen Unterricht verhäng-
nifsvoll, weil freiheitlähmend, eingreifen, und darauf war
es eben abgefehen. Die Perfonen waren gefchickt gewählt
, Wegfcheider zwar ferne von jeder Frivolität, aber
durch feine Trockenheit und Nüchternheit als abfchrecken-
des Exempel der Refultate leicht zu gebrauchen, Ge-
fenius dagegen mit feinen kleinen Witzen, die fich nicht
immer auf die Gegner befchränken, fondern auch die
Sache felbft ftreifen mochten, ebenfo bequem als Typus
der Frivolität zu entftellen. Aber wenn da auch etwas
zu corrigiren war — darum handelte es fich nicht, fondern
darum, den Rationalismus von den Univerfitäten
zu verdrängen, und dem theologifchen Unterricht überhaupt
feine engen Grenzlinien zu dictiren. Dafs der
Artikel gar nicht bezweckt habe, die öffentliche Gewalt
in Bewegung zu fetzen, kann der Verfaffer mit aller
Mühe wohl niemandem einleuchtend machen. Denn was
er fonft gewollt, ift gar nicht greifbar zu fagen, und j
aufserdem hat Hengftenberg felbft fich zu deutlich über j
die beabfichtigte Einwirkung auf die Laien überhaupt
und auf den Landesherrn ausgefprochen. Und woher j
kommt es denn , dafs der König felbft fofort den Auf-
fatz zu lefen bekam und von fich aus einfchreitet ? Hier
ift auch noch ein Wort über Denunciation zu fagen.
Der Verfaffer hätte beffer gethan, nicht die Inftanz zu

wiederholen, dafs von einer Denunciation nicht die Rede
fein könne, bei einer öffentlich vorgehenden Sache.
Erftens gilt dies nicht vom Object, denn eine Vorlefung
ift nicht öffentlich, und zweitens kann eine Denunciation
allerdings auch auf öffentlichem Wege wie ein Zeitungsartikel
gefchehen, dadurch dafs auf diefem Wege die
Sache an beftimmte Perfonen gebracht wird. Kurz, man
mag die Angelegenheit betrachten wie man will, fo
wird das Verfahren nicht beffer, und ein Apologet würde
wohl mehr Wirkung erzielen, wenn er zugäbe, dafs die
Thäter durch eine nach feiner Anficht richtige Intention
getrieben, weiter gingen, als recht und billig war. Allerdings
ift der Eindruck auch ein peinlicher, wenn wir
fehen, wie die Angegriffenen fofort ebenfalls die Richtung
des Angreifers zu verdächtigen fuchen. Unter
folchem abfolutiftifchen Regiment war eben faft alles
vom Geifte der Verdächtigung angefteckt, und wollte
man Freiheit nur für fich. Höhere ftaatsmännifche und
in diefem Sinne liberale Grundfätze vertritt, wenn auch
nach in engen Formen, doch immerhin der Minifter und"
hat Mühe genug damit.

Wie diefes erfte Capitel des Buches, fo handeln
auch die beiden folgenden von der Kirchenzeitung. Man
kann es nicht tadeln, dafs dem Verf. die Gefchichte
feines Mannes faft ganz aufgeht in der Gefchichte diefer
Zeitung. Was Hengftenberg gewefen ift, was er geleiftet
hat, das liegt in diefem Unternehmen, in feiner Durchführung
, in feiner Fortbildung. Gerade auch in diefer
Beziehung war der Halle'fche Streit epochemachend.
Ein unmittelbares praktifches Refultat hatte er allerdings
nicht gehabt. Aber das Auffehen allein war Erfolg
genug, und es war an fich faft fchon die Bürgfchaft
für zukünftige praktifche Refultate, jedenfalls für einen
fteigenden Einflufs. Die Kirchenzeitung war eine Macht
geworden im öffentlichen Leben. Im zweiten Capitel
wird uns nun vorgeführt, wie die Julirevolution ihr einen
neuen Stoff gab, ein neues Gebiet erfchlofs. Und nichts
konnte damals ihrer Stellung beffer zu Hilfe kommen,
nichts den Einflufs fo rafch erhöhen, wie das Eingreifen
in die Fragen des öffentlichen Lebens von diefer Seite.
Ihre Lofung war das pofitive Chriftenthum, das heifst
das Kirchcnchriftenthum, Bckenntnifschriftenthum gegen
die Revolution, den Liberalismus, den modernen Staat,
und bald der bekannte fogenannte chriftliche Staat. So
dürftig und oberflächlich die Begriffe, fo unwahr die
letzten Urtheile dabei find, die Schlagwörter find da, fie
find einleuchtend und fie gefallen, weil fie den Intereffen
dienen. Was giebt es oberflächlicheres, als die Abfertigung
des Staates und der Gefellfchaft der Neuzeit mit der
Kategorie des Atomismus, was ift weniger wahr als die
Behauptung, dafs der abfolutiftifche Staat die Darftellung
der objectiven Ordnung, der göttlichen Lebensordnung
fei? Aber es lag darin eine entfeheidende Parteinahme,
eine willkommene Bundesgenoffenfchaft. Neu, original
find die von der Kirchenzeitung vertretenen Ideen hier
fo wenig als anderwärts. Aber fie find gefchickt angewendet
, rechtzeitig hereingeworfen. Im dritten Capitel
fehen wir dann die weitere Entwickelung des Blattes in
dem was der Verf. ,fonftige Zeit- und Streitfragen' nennt,
das heifst in den kirchlichen Fragen, zunächft den theologifchen
, dann den im engeren Sinne kirchlichen, dort
die Stellung zu Schleiermacher, Hegel, Rationaliften,
Olshaufen, Steudel, Hafenkamp-Menken u. f. f., die bekannte
Abwehr aller Theologie, die von der Formel abweicht
, in aller und jeder Geftalt, unglaublich dürr,
äufserlich, gedankenlos, aber durchgeführt mit eiferner
Confequenz und mit der Zuverficht, welches das Amt
des Ketzerrichters jederzeit begleitet hat. Erquicklicher,
wenn auch einfeitig find die Bemühungen für die Erbauungsliteratur
, charakteriftifch, aber überall bedenklich
die Haltung in den Fragen der Kirchenverfaffung, Agende,
Union. Dafs eine repräfentative Verfaffung der Kirche
von diefer Seite aus bekämpft wird, verftand fich nach