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Ausgabe:

1880 Nr. 10

Spalte:

232-235

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Barsow, T.

Titel/Untertitel:

Der constantinopolitanische Patriarch und seine Macht über die russische Kirche 1880

Rezensent:

Bonwetsch, Gottlieb Nathanael

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231 Theologifche Literaturzeitung. 1880. Nr. 10. 23»

Gebrauche faft abgefprungen; in folchen Fällen foll die wirft zuerft (S. 33 bis 41) einen vergleichenden kritifchen
photographifche Wiedergabe oft deutlicher zu lefen fein, ; Blick auf die einfchlagenden Berichte der drei Synoptiker,
als der Codex felbft, was leicht erklärlich ift. Mitunter erinnert fodann (S. 41 bis 51) an die chriftologifchen
freilich ift es auch umgekehrt; die Seiten in den Cle- Vorftellungen des Urchriftenthums, unter deren Einflufs
mensbriefen, die durch eine verunglückte Anwendung ■, die Verfuchungsgefchichte zu Stande gekommen fei,
von Galltinctur, vermitteln; welcher fie lesbarer werden weift ferner (S. 5i bis 67) die Zeit, den Ort wie die
follten, grofse Flecken bekommen haben und nun faft ganz j Umftände der drei referirten Verfuchungen nach und
unleferlich find, erfcheinen in der Ausgabe wie grofse I bringt zuletzt (S. 67 bis 81), das gewonnene Refultat mit
Dintenflecke. Sehr oft läfst der Gebrauch einer Lupe der Faffung der neuteftamentlichen Berichte vergleichend,
genau erkennen, was vorher auch einem fcharfen Auge : hiftorifche Grundlage und fymbolifche Form, fowie den
nicht deutlich ward. Der Abdruck kann natürlich nicht ! idealen Gehalt beider zur Anfchauung. Seine Meinung
diejenigen erften Zeilen eines Buches, die vom Schreiber ift, dafs die von den Evangeliften erzählten Verfuchungs-
durch rothe Farbe ausgezeichnet find, ebenfo wieder- acte urfprünglich nicht auf einen Ort und auf eine Zeit
geben; doch glauben wir uns nicht zu irren, wenn wir ! concentrirt gewefen find, fondern dafs erft die fpätere
nach einer genauen Vergleichung folcher Zeilen mit an- | einem volksthümlichen Bedürfnifs entgegenkommende
dern behaupten, dafs im Codex die drei erften Zeilen Darftellung örtlich und zeitlich Auseinanderliegendes zu-
des Jacobusbriefes (vgl. Blatt 102a nach Junius' Zählung) fammengefafst hat, um gleichfam eine ethifche Gefammt-
auch roth gefchrieben find; darnach wäre dann die An- gefchichte en miniature, eine einheitliche Veranfchaulich-
gabe Cowper's in feiner Ausgabe des N. T. aus dem | ung deffen zu geben, was gegenüber wiederholten Lock-
Codex Alex., London u. Leipzig 1860, S. IV der Ein- ungen, den irdifchen Meffiasgedanken fich zu öffnen, die
leitung, zu ergänzen; nach Cowper würde der Jacobus- j fittliche Lebensthat Jefu ausmacht. In diefem Sinn be-
brief das einzige Buch des N. T. fein, in welchem gar j trachtet der Verf. theils die Frage des Täufers Matth.

keine rothe Zeilen im Anfange fich fänden, was an fich
fchon nicht wahrfcheinlich ift. — Der Merkwürdigkeit
halber fei noch angeführt, dafs der Stempel des briti-
fchen Mufeums fich aufser auf dem erften Blatte (26a
nach Junius) auch auf der erften Seite des 109. Blattes
befindet, d. h. auf der Seite, welche die bekannte Stelle
aus 1. Johannis 5 enthält oder vielmehr nicht enthält; bei
der eminenten Bedeutung, welche bis vor nicht langer
Zeit, ehe n entdeckt und B bekannt war, gerade A für
die Feftftellung des Textes diefer Stelle hatte, mochte
rathfam erfcheinen, das Eigentumsrecht des britifchen
Mufeum auch an diefem Blatte befonders feftzuftellen.
Diefer Seite, fo wie der, welche die Stelle 1. Tim. 3, 16
enthält, find die Spuren häufigen Gebrauches ganz befonders
anzufehen; an letzterer Stelle ift auch in dem
Abdrucke aufs deutlichfte zu erkennen, wie häufig Finger
fie betaftet haben.

Weiter auf einzelnes einzugehen, müffen wir uns
hier verfagen; das allgemein Bekannte über diefen Codex
hier zu wiederholen, ift noch weniger Anlafs. Trotz der
Genauigkeit der Cowper'fchen Ausgabe, die fich bei
vielfacher Vergleichung dem Referenten immer bewährt
hat, wird doch diefe photographifche Nachbildung nicht
verfehlen, für die Textkritik von grofser Bedeutung zu
werden. Den Vorftehern des britifchen Mufeums gebührt
unfer voller Dank für die Veranftaltung derfelben.
Wenn einer Zeitungsnachricht zu trauen, fo hat fie ja
auch fo grofsen Anklang gefunden, dafs fchon ein zweiter
Druck bevorfteht. Im Vergleiche mit andern f. g. Prachtausgaben
ift der Preis auch ein fehr mäfsiger.

Hamburg. Carl Bertheau.

Hünefeld, F., Die Versuchungsgeschichte nach ihren geschichtlichen
Grundlagen untersucht. Berlin 1880, Schleiermacher
. (81 S. 8.) M. 2. —

Der Verfaffer erhebt nicht Anfpruch darauf, das
fchwierige Problem, dem feine Unterfuchung gilt, endgültig
gelöft oder früheren Erklärungen eine fchlechthin
neue beigefügt zu haben: wohl aber ift er der Meinung,
klarerem Verftändnifs entgegenzuführen, wenn er die
Wahrheitsmomente der bisherigen Hypothefen fefthält,
ohne diefelben nur äufserlich unter einander zu verknüpfen
. Indem er hierbei dem Gedanken Neander's folgt,
,dafs die Verfuchungsgefchichte nicht allein eine ideale,
fondern auch eine hiftorifche Wahrheit enthält, aber eine
folche, welche in einer fymbolifchen Form mitgetheilt
worden', fucht er die einzelnen hier namhaft gemachten
Momente genauer als Neander aufzuzeigen und ihrem
gegenfeitigen Verhältnifs nach klar zu ftellen. Der Gang
feiner angenehm lesbaren Schrift ift nämlich diefer: er

11, 3 ff., theils die Begegnung Jefu mit Petrus Matth.
16, 16 ff. 23, theils endlich einen im N. T. zwar nicht
nachweisbaren, aber nach Euf. h. e. II. 33 wahrfchein-
lichen Vorgang auf der Tempelzinne als die gefchicht-
lichen Motive für die evangelifche Erzählung, fofern hier
allenthalben die Idee des falfchen Meffianismus ebenfo
Jefu entgegengetreten, wie von Jefu fiegreich zurückge-
wiefen fei. Von diefer feiner Anfchauung halten uns nicht
principielle Bedenken zurück, fondern der Mangel an
zwingender Beweisführung. Der Verfaffer zeigt mit feinem
Sinn auf gewiffe Facta im Leben Jefu hin, welche
vielleicht als Analoga zu dem Matth. 4 und Luc. 4 Befindlichen
gelten dürfen, weifs aber damit mehr zu ,An-
nahmen' als zu geficherten Refultaten zu führen.

Leipzig. Wold. Schmidt.

'F. BapcoBT>, KoHCTaHTHHonoAbCKiS naTpiapxi) 11 crn Baacrii na,vi.
pyccKOH) uepisoBiio. Cn6. 1878.

Barsow, T., Der constantinopolitanische Patriarch und seine
Macht über die russische Kirche. St. Petersburg 1878.
(X, 578 S. gr. 8.)

In gründlicher, auf eingehendem Studium beruhender
Weife werden hier zwei Fragen erörtert. Zunächft
die Entftehung und Entwicklung des conft. Patriarchats
und die dem Patriarchen competirenden Rechte und
Pflichten (bis S. 296), fodann deffen Macht über die
ruffifche Kirche.

Für die Beantwortung der erflern Frage konnte B.
in manchen Partien die trefflichen Arbeiten von Hefele,
Pichler und Hergenröther benutzen. Doch hat er auch
das Quellenmaterial felbftändig durchforfcht.

Eine hervorragende Stellung erhielt der Bifchof von
Conftantinopel zuerft durch Can. 3 der 2. ökumenifchen
Synode, welche ihm die Ehrenrechte unmittelbar nach
dem von Rom einräumte, ohne dafs jedoch eine wirkliche
Macht ihm damit zugefallen wäre. Diefe brachten
ihm die factifchen Verhältnifse, fo dafs fchon Chry-
foftomus auf einer avvodog srdrjfioroa den Exarchen von
Ephefus entfetzen konnte. Legalifation erlangten diefe
Vorrechte Conft.'s zu Chalcedon, wo unter dem Schein,
nur Altes zu beftätigen, dem Bifchof von Neu-Rom die
gleiche Patriarchalgewalt mit dem von Alt-Rom
zugefprochen ward und ihm Pontus, Afien und Thracien
untergeordnet wurden, ja er bedingungsweife die höchfte
richterliche Gewalt in allen Diöcefen des Orients erhielt.
Bekannt ift, wie energifch Leo I gegen diefe Beftimmung
proteftirte unter Hinweis auf die blofs politifche, nicht
kirchliche Bedeutung des Stuhls von Conftantinopel. B.
fucht dem gegenüber darzuthun, wie auch das alte Rom,
Alexandrien und Antiochien, ebenfo die 3 Exarchate