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Ausgabe:

1880 Nr. 9

Spalte:

217

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Mariano, Raffaele

Titel/Untertitel:

Christenthum, Katholicismus und Kultur. Studien 1880

Rezensent:

Benrath, Karl

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Theologifche Literaturzeitung. 1880. Nr. 9.

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Mariano, Raffaele, Christenthum, Katholicismus und Kultur.

Studien. Aus dem Italienifchen. Leipzig 1880, Breitkopf
& Härtel. (XII, 407 S. gr. 8.; M. 7. 50; geb.
M. 9. —

Das vorliegende Werk ift bei dem Erfcheinen der
Originalausgabe durch den Ref. in Nr. 18 der Theol.
Lit.-Ztg.von 1879 (Sp.428— 433) fo eingehend befprochen
worden, dafs ihm bezüglich der deutfchenAusgabe nichts
weiter obliegt, als auf jene Befprechung zu verweifen.
Indem Ref. diefe Ausgabe, welche inhaltlich vollftändig
mit der italienifchen übereinftimmt, mit Freuden bewillkommnet
und empfiehlt, bemerkt er nur, dafs die fchwierige
Aufgabe der Uebertragung im ganzen gut gelöft ift,
wenn auch manchmal feinere Nuancen in Mariano's
italienifchem Ausdrucke nicht zu entfprechender Wiedergabe
gelangen. Der Verf. hat fich felbft unlängft im
.Neuen Reich' (1880, Heft 4) gegen ein fchweres Mifs-
verftändnifs auf Seiten eines deutfchen Recenfenten der
italienifchen Ausgabe gewandt — als ob er die Löfung
der religiöfen Frage in Italien, die Anfachung neuen
religiöfen Lebens in der Nation von der römifchen
Kirche erwarten zu können glaube —; fein thatfäch-
licher Standpunkt in diefer Centralfrage geht mit voller
Klarheit auch aus der neuen Ausgabe hervor.

Bonn. Benrath.
* Lange, Ober-Confift.-R. Prof. Dr. J. P., Die Menschen- und
Selbstverachtung als Grundschaden unserer Zeit. Eine
Folge der Verwahrlofung der Lehre von der Gott-
verwandtfehaft des Menfchen. Heidelberg 1879, C.
Winter. VIII, IOO S. gr. 8.) M. 2. 80.

Der Titel enthält keine Unrichtigkeit, wenn er von
der Alenfchen- und Selbftverachtung als einem Grund-
fchaden unferer Zeit redet. In der That gehört der Um-
fchlag aus titanifcher Selbftvergötterung in peffimiftifche
Welt- und Menfchenverachtung zu den bemerkenswertheften
und unheimlichften Erfcheinungen des modernen
Lebens. Der Verf. leitet diefe Erfcheinung aus drei
Quellen her: dem katholifchen Kirchenabfolutismus, dem
.negativen Fanatismus' der modernen, d. h. materialifti-
fchen Wiffenfchaft und der Befangenheit der proteftan-
tifchen Orthodoxie in auguftinifchen Vorftellungen. Alle
drei, wie verfchieden auch untereinander, kommen nach
ihm darin überein, dafs fie das Recht der menfehlichen
Perfönlichkeit nicht gebührend zur Geltung bringen,
vielmehr fo oder fo die Perfönlichkeit in der allgemeinen
Subftanz untergehen laffen. Die Rettung findet er
in der vollen Anerkennung der Wahrheit von der
Gottebenbildlichkeit der Menfchennatur in ihrer bibli-
fchen Beftimmtheit. Die Ausführung wendet fich vor-
zugsweife gegen die dritte der vorgenannten fehlerhaften
Richtungen, die auguftinifche Orthodoxie mit
ihren Ausläufern bis zu Schleiermacher, Rothe und v.
Hofmann; doch wird diefer wohl nur der kleinfte Theil
der Schuld an der bekämpften Zeiterfcheinung bei-
zumeffen fein. — Der Grundgedanke der Schrift ift
wahr und hochberechtigt; dafs im Einzelnen an geift-
vollen und treffenden Bemerkungen kein Mangel ift,
verlieht fich bei einer Arbeit J. P. Lange's von felbft.
Hin und wieder würde indeffen der ,alte Jenenfer', über
deffen Urtheil feine theologifche Gefammtleiftung betreffend
der Verf. im Vorwort Befchwerde führt, eben
diefes Ürtheil vielleicht beftätigt finden.

Friedberg. K. Koehler.

Oettingen, Alex, v., Goethe's Faust. 1. u. 2. Thl. Text
und Erläuterung in Vorlefungen. 2 Thle. Erlangen
1880, Deichert. (XVI, 306 u. IV, 364 S. gr. 8.)
M. 11. -

Das vorliegende Werk ift ein erfreuliches Glied in
der Kette derjenigen Beftrebungen, welche in neuefter
Zeit darauf abzielen, auch für die Werke der letzten
Lebensperiode Goethe's, insbefondere für den zweiten
Theil des Fauft, in weiteren Kreifen dasjenige Intereffe
zu erwecken und zu fichern, welches oft allzu einfeitig
nur den Werken feiner früheren Lebensjahre entgegengebracht
wird. Ift doch gerade diefe letzte Entwick-
lungsftufe des Dichters vielleicht die wichtigfte fowohl
für den Beurtheiler der Gefammtperfönlichkeit desfelben,
als auch für den Llrforfcher feiner Anfchauungs- und
Denkweife auf den verfchiedenften Gebieten, vor allem
aber auf dem religiöfen. Es kann daher nur als ein
fehr dankenswerthes Unternehmen bezeichnet werden,
wenn es der Verf. fich zur Aufgabe geftellt hat, das
Hauptwerk des Dichters, welches feinen Abfchlufs und
feine Vollendung in der bezeichneten Epoche gefunden,
auch Denjenigen zugänglich und erfafsbar zu machen,
welchen ein perfönliches eingehenderes Studium des
Drama's fern liegt. Es feinen indefs zur Erreichung
diefes Zieles nicht allein erforderlich, eine Erläuterung
des Werkes zu geben, fondern es ergab fich auch die
Nothwendigkeit, zur Erzielung leichterer Ueberficht, den
Text, wenigftens des zweiten Theiles, nicht unbedeutend
zu verkürzen und zufammenzuziehen. Der Herausgeber
hat bei diefer letzteren Thätigkeit, wie er felbft angiebt,
vorzugsweife das Bedürfnifs des Voriefers im Auge
gehabt, da er der Anficht ift, dafs der Weg der öffentlichen
Recitation der geeignetfte fei, um dem Intereffe
und dem Verftändnifs, befonders für den zweiten Theil,
die möglichft weite Verbreitung zu erwirken.

Es ift unbedenklich anzuerkennen, dafs betreffs der
Partien, welche der Pierausgeber völlig zu Bereichen für
ftatthaft gehalten, er das Mafs des Zuläffigen, ja fogar
des Wünfchenswerthen kaum jemals überfchritten hat;
bezüglich der blofs eingeklammerten Abfchnitte freilich
würde fich vielfache Oppofition erheben laffen; doch ift
ja andererfeits hier dem Belieben des einzelnen Lefers die
Auswahl anheimgeftellt geblieben. Nicht einverftanden
dagegen können wir uns mit dem Verfahren erklären,
wenn an einzelnen, allerdings nicht fehr zahlreichen
Stellen, (z. B. Theil II, S. 280) im Intereffe der Ver-
ftändlichkeit der Text verändert worden, oder wenn
zur prägnanteren Hervorhebung gewiffer Zufammenhänge
mehrmals verbindende Verfe eingeflochten worden find
(z. B. Theil II, S. 181 und 202—-3). Etwaige hier Hörend
empfundene Unklarheiten aufzuhellen, wäre ja gerade
die naturgemäfse Aufgabe des Commentars gewefen.
Desgleichen erfcheint uns auch die Aufnahme der Goethe-
fchen ,1'aralipomena' in den Text wenigftens in den
Fällen nicht zuläffig, wo es fich um die Reftitution eines
Paffus in den gleichen Zufammenhang handelt, aus welchem
Goethe ihn zweifellos abfichtlich entfernt hat; ohne
zwingende Nöthigung handelt man hiemit direct gegen
die Intentionen des Dichters. So insbefondere bei der
Einfügung der Hochgerichtsvifion (.Walpurgisnacht' I,
295) und bei der HTwähnung des göttlichen .Reichsver-
wefers' (II, 5. Act p. 355). Es mufs übrigens hinzugefügt
werden, dafs der Herausgeber fowohl diefe als feine
eigenen Zufätze und Veränderungen ftets durch befon-
dere Zeichen kenntlich gemacht hat.

Wenden wir uns nun zur Betrachtung des Commentars
, fo ift mit hoher Freude zu begrüfsen, dafs derfelbe
fich im Wefentlichen der nüchternen und ftreng fachge-
mäfsen Auslegung von Loeper's anfchliefst und die
willkürlichen und quellenwidrigen Aufftellungen mancher
neueren Kritiker in gebührender Weife abfertigt. Der
Nachweis der Einheit des Gefammtwerkes, die"Darleg-