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Ausgabe:

1879 Nr. 6

Spalte:

131-132

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Kraussold, Lor.

Titel/Untertitel:

Dr. Theodorich Morung, der Vorbote der Reformation in Franken. Ein urkundlicher Beitrag zur Zeit- und Kirchengeschichte des 15. Jahrhunderts. 2 Thle. in 1 Band 1879

Rezensent:

Ritschl, Albrecht

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131 Theologifche Literaturzeitung. 1879. Nr. 6. 132

nügen, fondern diefelben überbieten, dafs der Zufammen- I
ftellung von Regeften hier in manchen Punkten neue
Bahnen vorgezeichnet find, wird eine unparteiifche Kritik
anerkennen rnüffen. Sichereren Händen, als die
Will's find, kann die Fortführung der Arbeit nicht anvertraut
werden.

Strafsburg. R. Zoepffel.

Kraussold, Confift.-R. Dr. Lor., Dr. Theodorich Morung, i

der Vorbote der Reformation in Franken. Ein ur- j
kundlicher Beitrag zur Zeit- und Kirchengefchichte
des 15. Jahrhunderts. 2 Thle. in 1 Band. Erlangen i
[1877], Deichert in Comm. (IX, 96 u. X, 136 S. gr. 8.)
M. 4. —

Der Inhalt diefer Schrift, welcher von zahlreichen
Urkunden begleitet wird, ift folgender. Im Jahr 1481 1
hat derKurfürft und Markgraf von Brandenburg, Albrecht
Achilles, vorgeblich zur Abwehr der Türkengefahr, die I
Weltgeiftlichkeit in feinen fränkifchen Fürftenthümern
mit einer Steuer von 16000 Goldgulden belegt. Der
Erhebung derfelben leifteten fehr wenige der Geifllichen
Folge; die Mehrzahl erhob gegen die Lafl Proteft und
wehrte fich mit Interdict und Bann. In diefen Mafsregeln
wurden fie auch durch die Bifchöfe von Würzburg und
Bamberg beftärkt. Andererfeits fand aber der Kurfürft
bei Geiftlichen auch wieder Unterftützung. Dr. Johann
Sailer, Mönch des Klofters Heilsbronn, hat ihm ein
Rechtsgutachten zu Gunften feiner Befteuerung der
Geiftlichen geftellt. Ein anderer Mönch desfelben Klofters
erfcheint als bevollmächtigt, die Excommunicationen
rückgängig zu machen, welche die Beamten im Dienfte
des Markgrafen erfahren hatten. Man mufs vermuthen,
dafs die Vollmacht diefes Mönchs von Rom ausgegangen
itt. Die Curie hat auch zu Unterhandlungen des Kur-
fürften mit den Bifchöfen wegen Aufhebung des Inter- |
dictes förderliche Hand geboten. In die allfeitige Ver- j
wirrung, welche die Pfaffenfleuer nach fich zog, griff
nun auch ein literarifcher Kampf ein. Es wurde nämlich j
in zwei nicht ftark von einander abweichenden Ausgaben
eine Schrift gegen den Markgrafen verbreitet und zwar
in Form einer Parodie dcrLeidensgefchichteChrifti: ,Passio
dominomm sacerdotum sub dominio marchionis secundum
Mattheum1. Dagegen hat der genannte Dr. Sailer mit
einem gleichartigen Pamphlet erwidert: ,Die Paffion
unferes Herrn Marggraven unter den Dürften der Priefter
Annas und Kaiphas secundum Johannem'. Der Verfaffer j
der erften, gegen den Markgrafen feindlichen Parodien ■
war natürlich nicht genannt. Er wurde aber vermuthet
in der Perfon des Theodorich Morung, Dr. iuris utrius-
que, Inhaber von Pfründen in Freifing, Bamberg, Würz- :
bürg, Generalvicar des Bifchofs von Bamberg, und in
letzterer Function betheiligt an den dem Markgrafen zuwider
laufenden diseiplinarifchen Schritten feines Bifchofs.
Nun ift zwar diefer Verdacht niemals weder durch Beweis
noch durch Eingeftändnifs zur Gewifsheit erhoben
worden ; indeffen, nachdem Albrecht Achilles i486 ge-
ftorben war, hat fein Nachfolger, Markgraf Friedrich es
nicht für zu gering geachtet, jenem Verdachte gemäfs
feinen Vater an Morung zu rächen. Er hat ihn alfo
1489, als Morung von Nürnberg ausgeritten war, um
nach Bamberg zurückzukehren, aufgreifen und auf
feine Burg Kadolzburg gefangen fetzen laffen. Der
Markgraf beging diefen Landfriedensbruch im Einver-
ftändnifs mit einem päpftlichen Legaten, Cardinal Peraudi,
der gerade in Nürnberg anwefend war, um einen Jubi-
läumsablafs Innocenz' VIII zu verkünden. Morung war
nämlich auch in den Verdacht gebracht worden, ab
fchätzig über das Ablafsinftitut gefprochen zu haben.
Auf Grund deffen bediente fich der Markgraf des Scheines,
im Dienfte der kirchlichen Disciplin den der Ketzerei
Verdächtigen in Gewahrfam genommen zu haben. Indeffen
obgleich der Legat zunächft diefes Vorgehen un-
terftützt hat, kam doch alsbald von Rom her die Aufforderung
, dafs der Markgraf feinen Gefangenen der
geiftlichen Gewalt überantworte, damit derfelbe vor
feinen competenten Richter auch in Beziehung auf die
Privatklage des Markgrafen geftellt werde. Zugleich
traten Verwendungen für Morung von Seiten der benachbarten
fächfifchen und bayerifchen Herzöge ein. Da
nun der Markgraf es auch auf pecuniäre Ausbeutung
feines Gefangenen abgefehen hatte, und vorausfah, ihn
wider Willen der Curie nicht fefthalten zu können, fo
ging er auf Unterhandlungen wegen eines Löfegeldes
ein. Diefelben waren zunächft nicht erfolgreich, weil
Morung feiner in markgräflichem Gebiete gelegenen
Pfründen beraubt, alfo nicht zahlungsfähig war. Deshalb
fchlich die Zeit dahin, bis endlich im neunten Jahre feiner
Gefangenfchaft die Bürgfchaft von 18 fränkifchen Edel-
leuten für 7800 Gulden ihm die Freiheit zurückgab, 1498.
Er wurde in feine Pfründen hergcftellt, und empfing
aufserdem vom Markgrafen die einträgliche Plebanei zu
Hof, wurde auch noch in Rom, wohin er fich 1501 zurückgezogen
hat, Orator des Markgrafen, und war als
folcher damit beauftragt, möglichft viele kirchliche Pfründen
für deffen Söhne zu gewinnen. Ueber fein Lebensende
ift nichts bekannt. — Das kirchengefchichtliche
Intereffe diefer Mittheilungen kommt darauf hinaus, dafs
gegen den Ausgang des Mittelalters die Curie mit dem
weltlichen Landesherrn gegen die bifchöfliche Gewalt
zufammengehalten, und die Immunität des Clerus im
Stillen jenem Preis gegeben hat, um vice versa in ihren
geiftlichen Finanzgefchäften fich des guten Willens und
der Nachgiebigkeit desfelben zu verfichern. Allein warum
der Verf. den Mann, welcher der bifchöfllichen Gewalt
gedient hat, und deshalb der landesherrlichen Ausbeutung
des Clerus entgegengetreten ift, auf- dem Titel als
den Vorboten der Reformation in Franken bezeichnet
hat, vermag ich nicht einzuteilen. Denn die Anklage,
dafs Morung abfehätzig vom Ablafs geredet habe, eine
Anklage, die nicht bewiefen ift, ift, auch wenn fie gegründet
war, noch lange kein Grund, diefen Mann
mit Luther zufammenzuftellen. Denn nicht nur liegt
nichts vor, um zu erkennen, dafs Morung religiöfe Gründe
gegen jenes Inftitut geltend gemacht hat, fondern der
Verf. weifs auch (II, S. 62), dafs der Ablafs keine fo
fichere Geltung im Mittelalter gehabt hat, um nicht
auch von ganz kirchlich gefinnten Perfonen beftritten zu
werden. Demgemäfs konnte das Capitel diefer Schrift
(II, S. 8—21), in welchem ein ziemlich undeutliches Bild
von der mannigfachen negativen und pofitiven Vorbereitung
unterer Reformation entworfen wird, füglich
wegbleiben, noch mehr aber die Bezeichnung des Helden
diefer Schrift auf dem Titel derfelben. Indeffen wenn
ich bekenne, dafs ich eben durch diefen irreführenden
Zufatz auf dem Titel auf das Buch aufmerkfam gemacht
worden bin, fo bezeuge ich ebenfo bereitwillig, dafs
dasfelbe viel zu wichtige Beiträge zur Kirchengefchichte
des ausgehenden Mittelalters darbietet, und von der
Zerfetzung aller kirchlichen Intereffen in jener Zeit zu
deutliche Bilder enthält, als dafs man nicht fehr gern auf
die Ermittelung eines bisher unbekannten Vorläufers der
Reformation verzichtete.

Göttingen. Ritfchl.

Baur, Pfr. Aug., Martin Luther. Ein Lebensbild. Tübingen
1878, Fues. (VIII, 394 S. gr. 8.) M. 6. —

Die Schrift will Luther dem gebildeten Theile unferes
Volkes vorführen, denn volksthümlich im eigentlichen
Sinne ift fie nicht. Jenem Zweck aber entfpricht
fie im Wefentlichen durchweg. Der Verf., der feine
Bekanntfchaft mit der Reformationsgefchichte fchon
früher bekundete, hat auch Luther tüchtig ftudirt; das
fieht man auf jeder Seite. Und er hat ihn nicht blofs