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Ausgabe:

1879

Spalte:

106-107

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Kym, A. L.

Titel/Untertitel:

Das Problem des Bösen. Eine metaphysische Untersuchung 1879

Rezensent:

Kaftan, Julius

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Theologifche Literaturzeitung. 1879. Nr. 5. 106

nicht befeitigte Lückenhaftigkeit hat den Verf. von der
Unmöglichkeit überzeugt, jbei der gegenwärtigen
Befchaffenheit des Materials ein irgendwie zufam-
menhhngendes Lebensbild' zu geben, und ihn zugleich
zu der Bitte veranlafst, ihn in den Nachforfchungen nach
den höchft feltenen Briefen von und an SL, von denen
die erfteren häufig anonym find, zu unterftützen ' f. Genaueres
darüber auch in meiner Miscelle in d. Zeitfchr.
f. KG. III, 185 ff.).

Aber B. hat fich mit Recht nicht auf diefe Bitte und
auf jene Zufammenftellung der ihm bekannt gewordenen
Briefe befchränkt, vielmehr in dem Haupttheile leiner
Schrift (S. 45—107) in einer Skizze die wichtigften that-
(ächlichen Ergebnifse feiner bisherigen Studien zufam-
mengefafst. Uiefe Skizze, reich an Zügen zu einer
lebensvollen Charakteriftik, erweitert unfere Kenntnifs
Sl.'s in fehr erfreulicher Weife. Wir gewinnen einen
Einblick in das Aufkeimen der ihm von Haufe aus
eigenen politifchen Betrachtung der Verhältnifse, in die
Entfaltung feines hiftorifchen Talentes, in feine religiöfe
Gefinnung und feine reine Menfchlichkeit. Ueberdies
finden wir hier verfchiedene Lebenslagen Sl.'s zum erften
Mal in mehr oder minder helles Licht gefetzt und eine
Menge von irrigen Angaben, die bisher gang und gäbe,
berichtigt.

Die Jugendentwicklung Sl.'s bleibt leider nach wie vor
dunkel, nur wie durch ein Streiflicht erhellt durch feinen
erften uns aufbewahrten Brief aus d. J. 1530, der ,feine
Stellung zu der grofsen Frage der Zeit' unmifsverftändlich
zeichnet. Auch fein neunjähriger Aufenthalt in Frankreich
(er wird hier mit Sicherheit in die J. 1533—42 verlegt
) ift nur dürftig beleuchtet: die Ueberfiedelung von
Paris nach Orleans läfst fich jetzt urkundlich fixiren
(1535); die Verbindung mit den Brüdern du Beilay, in 1
der Hauptfache durchfichtig, läfst bei manchen Fragen
Vermuthungen Raum, dagegen tritt die erfte politifche
Thätigkeit Sl.'s, feine diplomatifche Sendung nach Hagenau
(1540), in ihrer Bedeutung jetzt klar hervor: von
ihr glaubt B. zwei wichtige Dinge datiren zu können,
,den Entfchlufs, in den Kampf der deutfehen Parteien
publiciftifch einzugreifen, und den andern, die Materialien
zu einer Gefchichte der Reformation zu fammeln'. (Zu
den hier eingefchalteten Bemerkungen über Sl.'s Reden
an die Stände und an den Kaifer [S. 59—62] ift hinzuzunehmen
, was fo eben Ed. Böhmer, der eine neue
Ausgabe in Ausficht ftellt, in Betreff der Genealogie der
Bearbeitungen und Ueberfetzungen neu beigebracht hat,
Roman. Studien III ,1879] S. 633 f.).

In das Jahr 1542 fällt die Rückkehr nach Deutfch-
land; doch zeigt B., der gewöhnlichen Annahme entgegen
, der zufolge Sl. fofort feinen fetten Wohnfitz in
Strafsburg genommen und dort gleich eine Anftellung
erhalten hat, dafs die Niederlaffung in Strafsburg in den
Frühling 1544 zu verlegen ift. Noch wichtiger ift die
Widerlegung der Behauptung v. Rommel's, dafs Sl. fchon
auf dem Regensburger Reichstage von 1541 zum Bot-
fchafter, Dolmetfcher und Gefchichtfchreiber des Schmal-
kaldifchen Bundes beftellt fei. Die Anregung, ihn zum
Gefchichtfchreiber der Verbündeten zu ernennen, haben
erft 1544 im Auguft Butzer und Jakob Sturm bei Landgraf
Philipp gegeben; die Verhandlungen darüber durchziehen
einen grofsen Theil des J. 1545, die Beftallung
(in Concept oder Copie von Lenz im Marburger Archiv
aufgefunden und von B. im Anhang S. 113 f. abgedruckt
) ift, wie es fcheint, Sl. erft im Frühling 1546
eingehändigt worden.

Nicht weniger willkommen find die neuen Auf-
fchlüffe über die Entftehung der Commentare: die gleich
1545 mit aller Lebhaftigkeit in Angriff genommene Ausarbeitung
des grofsen Gefchichtswerkes geräth noch in
demfelben Jahre durch die Sendung Sl.'s nach England
ins Stocken; bald raubt der Zufammenbruch des Schmal-
kaldifchen Bundes die Möglichkeit zur Fortführung; auch

die 1548 angeknüpften Beziehungen zu England beffern das
Ueble feiner perfönlichen Lage nicht; erft fein definitiver
Eintritt in den Dienft der Stadt Strafsburg (Juni 1552)
gewährt ihm die Möglichkeit, feine Arbeit wieder aufzunehmen
— ohne die Hülfsmittel, welche ihm einft die
Schmalkaldener aus ihren Kaffcn und befonders aus
ihren Archiven verfprochen hatten, nur mit Unterftützung
feiner Freunde, vor allem Jakob Sturm's. Aber fein Eifer
kennt keine Grenzen, frühere, den Ereignifsen gleichzeitige
Aufzeichnungen (das dürfen wir vermuthen, vgl.
die intereffante Ausführung S. 87—90) kommen ihm zu
Hülfe und fchon im April 1554 hat er, feit 34 Jahren
unter dem fchwerften äufseren Druck flehend, die Gefchichte
in 25 Büchern bis zu diefer Zeit fortgeführt und
im Wefentlichen druckfertig.

Ich mufs mir verfagen, auch aus dem letzten Ab-
fchnitte der Schrift (S. 91 ff.) die wichtigften Ergebnifse
andeutungsweife herauszuheben. Er betrifft die häuslichen
Verhältnifse Sl.'s, Leid und Noth der letzten Jahre,
die Schwierigkeiten beim Drucke der Commentare, die
Bedrängnifs nach ihrem Erfcheinen und feinen Tod (30.,
nicht 31., Oct. 1556).

Alle Freunde der Reformationsgefchichte werden
gleich mir den dringenden Wunfeh hegen, dafs es Baumgarten
durch neue Funde, feien es eigene oder Anderer,
ermöglicht werden möge, die vorläufig aufgegebene Biographie
doch noch zu liefern: fie würde unfere Kenntnifs
des 16. Jahrhunderts nach einer Seite hin erweitern,
welche bisher — nicht ganz ohne die Schuld unferer
Quellen — der theologifchen Betrachtung gegenüber
nicht zu ihrem Recht gekommen ift; fie würde aber
auch die Bedeutung Sleidan's als Gefchichtfchreibers,
welche der Verf. hier nur mit wenigen, treffenden Bemerkungen
berührt (S. 104 f.), ein für alle mal in ein
anderes Licht rücken, als welches Kampfchulte auf fie
hat fallen laffen; fchon Varrentrapp (vgl. feine Anzeige
in der Hift. Zeitfchr. N. F. V [1879] S. 170 ff.) hat unter
diefem Gefichtspunkt mit Recht auf die Wahrnehmung
Büdinger's verwiefen, wie in dem weltgefchichtlichen
Compendium Sleidan's im Gegenfatz zu der Betrachtungsweife
Melanchthon's die echt hiftorifchen Gefichtspunkte
vorherrfchen.

Marburg. Th. Brieger.

Kym, A. L., Das Problem des Bösen. Eine metaphyfifche
Unterfuchung. München 1878, Th. Ackermann. (78 S.
gr. 8.) M. 1. 60.

Das Problem des Böfen befteht dem Verfaffer zu
Folge darin, dafs das Böfe etwas Pofitives ift und doch
nicht auf Gott, den Grund alles Pofitiven, zurückgeführt
werden darf. Er zeigt daher zunächft, dafs es mit dem
Böfen in der That eine folche Bewandtnifs hat: es ift
etwas Pofitives, nämlich die fchlechte Gefinnung, in
welcher der Menfch fich mit Wiffen und Willen, ohne
dazu genöthigt zu fein, gegen die erkannte ethifche Norm
auflehnt und ihr zuwider handelt. Obwohl aber in diefer
Weife pofitiv, ift das Böfe nicht nothwendig; denn die
bei noch mangelnder fittlicher Erkenntnifs unvermeidliche
Rohheit ift nach dem aufgeftellten Begriff noch
nicht das Böfe, und jeder hat in feiner Freiheit die Möglichkeit
, nach dem Mafs feiner Erkenntnifs die fittlicheRoh-
heit allmählich im Sinn des Guten zu überwinden. Wer
• alfo an jedem Punkt feiner Entwicklung thut, was er
kann, bleibt mit dem Böfen unverworren; diefes ift nicht
nothwendig, fondern nothwendig ift nur die im Zufam-
menhang mit der Erkenntnifs des Guten entftehende
Erkenntnifs des Böfen und die in der Freiheit liegende
Möglichkeit, es zu thun. Aber das Böfe ift als etwas
Pofitives wirklich und potentiell nothwendig. Darum
entfteht nun das Problem, wie diefe Thatfache verflan-
den werden kann, da doch Gott feinem Begriff nach
lautere Güte ift. Es läfst fich nur mit Hülfe der organifch-

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