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Ausgabe:

1879 Nr. 26

Spalte:

626-628

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Barthel, Karl

Titel/Untertitel:

Barthel’s Vorlesungen über die deutsche Nationalliteratur der Neuzeit. 9. gänzlich umgearb. Aufl., begonnen von Emil Barthel, fortgesetzt und bis auf die Gegenwart geführt von Georg Reinhard Röpe 1879

Rezensent:

Strack, Carl

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Theologifche Literaturzeitung. 1879. No. 26.

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geradezu fagen feit dem letzten Decennium mehrfach
in gröfseren und kleineren Schriften bearbeitet worden.
Namentlich geht man auch darauf aus, nicht blofs eine
überfichtliche Darfteilung zu geben, fondern durch Detail-
fchilderungen, durch Vorführung pädagogifcher Bilder
, diefen Gegenftand nicht blofs intereffanter, fondern
auch lehrreicher zu machen. Im Zufammenhang
hiermit fleht die Herausgabe älterer hervorragender pädagogifcher
Schriften, um fo eine kleine pädagogifche
Bibliothek der werthvolllten der in das Fach einfchlag-
enden literarifchen Producte zu liefern. Solche Sammelwerke
, wie vortrefflich fie auch fein mögen, können
aber immer nur bei folchen Perfonen, die Geld zum
Anfchaffen und Zeit zum Studium haben, ihren Zweck
erfüllen. Weniger bei Seminariften, welche eben nicht
die Mittel befitzen, fich die betreffenden Schriften alle
anzufchaffen, und welchen es auch an Zeit fehlt, fie alle
zu ftudiren. Darum hat man durch Mittheilungen von
einzelnen Abfchnitten aus den Schriften der berühm-
teften Pädagogen zu helfen gefucht. Herr Seminar-
Director Schumann zu Alfeld hat eine pädagogifche
Chreftomathie' herausgegeben (Hannover 1878,
C. Meyer), deren erfter Theil die pädagogilchen
Meifterwerke des orientalifchen Alterthums und der
alten Griechen enthält. Denfelben Zweck haben auch
die vorliegenden ,Pädagogifchen Lefeffücke', deren erftes
Heft die Zeit von der Reformation bis zum Pietismus
umfafst; das zweite umfafst die Pädagogen von der Zeit
des Pietismus bis Peftalozzi, das dritte von Peftalozzi
bis zur Neuzeit. Ein viertes foll die Griechen und Römer,
lbwie die Pädagogen bis zur Reformation umfaffen.
Letzteres ifl noch nicht erfchienen. Dem Verfaffer
fchien bei der Auswahl die Hauptaufgabe zu fein, folche
Abfchnitte zu bieten, die entweder die ganze Zeitrichtung
oder das Hauptftrcben des Schriftftellers charakteri-
liren, und dadurch den Entwickelungsgang in der Ge-
fchichte der Pädagogik darlegen. Wir glauben auch
bezeugen zu dürfen, dafs der Verf. bei der Auswahl
mit Sachkenntnifs und mit forgfältiger Prüfung verfahren
ift, wenn er auch nicht allen Wünfchen genügen wird,
Vielleicht hätte er namentlich von den neueren Pädagogen
noch einige berückfichtigen können, wir nennen
z. B. von Raumer, Curtman, Lüben u. A. Doch läfst fich
hierüber Breiten, und wir geben zu, dafs der Verf. hinreichend
Gründe hatte, den Umfang feines Buchs nicht
allzuweit auszudehnen. Ueber die mitgetheilten Abfchnitte
felbft ein Urtheil abzugeben, liegt uns natürlich
fern. Die Verff. find fchon der Gefchichte anheimgefallen
und mögen in einer Gefchichte der Pädagogik
eine kritifche Beleuchtung erfahren. Auch der Verf.
hat fich einer weiteren Beurtheilung enthalten. Er fchickt
nur den Auszügen aus den Schriften eine kurze Biographie
des betreffenden Autors voraus und zwar mit Bemerkungen
, welche zum Verftändnifs der mitgetheilten
Abfchnitte dienlich find.

Wenn wir es nun unternommen haben, diefe zunächft
für Lehrer und befonders für Seminariften berechnete
Schrift hier zur Anzeige zu bringen, fo hat uns hierbei
die Anficht geleitet, dafs die Leetüre, wir möchten fagen,
das Studium folcher pädagogifcher Lefeftücke auch für
den Theologen und befonders für den praktifchen Geift-
lichen dringend zu empfehlen ift. Das Studium der
Pädagogik hängt eben mit dem Studium der Theologie
auf das Innigftc zufammen. Und wie wir von dem
tüchtigen Schulmanne je nach feiner Stellung eine gröfsere
oder geringere Bekanntfchaft mit der Religionswiffen-
fchaft verlangen, fo fcheint uns auch umgekehrt für den
Geiftlichen pädagogifche Einficht unentbehrlich zu fein.
Selbft wenn der Pfarrer nichts mehr mit der Schule
zu thun hat, fo ift er Volkserzieher in der höheren
Bedeutung des Wortes und mufs in der Erziehung
mehr als Dilettant fein. Aber auch als Katechet,
und das bleibt er, felbft wenn er blofs Confirmanden-

unterricht zu ertheilen hätte, ift ihm das Studium der
Pädagogik, namentlich der Didaktik, geradezu unentbehrlich
. Befonders zu beachten ift noch, dafs die Geiftlichen
, wollen fie noch Einflufs auf die Schule behalten,
auch von der Sache etwas verltehen müffen. Darum
darf auch die Gefchichte der Pädagogik dem Theologen
nicht fremd bleiben. Es wird ihm aber eben fo wenig
wie dem Seminariften möglich fein, auch nur die päda-
gogifchen Hauptwerke alter und neuer Zeit fich anzufchaffen
, refp. fich zu verfchaffen und zu lefen; darum ift
ihm die Beschäftigung mit pädagogifchen Lefeftücken,
wie fie in der vorliegenden Schrift dargeboten werden,
zu empfehlen. Wir wünfchen, fie auf dem Studirtifch
vieler Geiftlichen zu fehen.

Langgöns. K. Strack.

Barthel's, Karl, Vorlesungen über die deutsche Nationalliteratur
der Neuzeit. 9. gänzlich umgearb. Aufl., begonnen
von Emil Barthel, fortgefetzt und bis auf
die Gegenwart geführt von Prof. Dr. Georg Reinhard
Röpe. Gütersloh 1879, Bertelsmann. (XXI, 1013 S.
gr. 8.) M. 11. —

Habent sua fata libelli, das können wir befonders
von vorliegendem Werke behaupten. Im Winter 1850
hielt der urfprüngliche Verfaffer in Braunfchweig Vor-
lefungen über die neuefte Literatur. Da deren Veröffentlichung
gewünfeht wurde, überarbeitete und erweiterte
er diefelben. Sein Standpunkt war von Anfang
ein religiös-fittlicher. Seine Haupttendenz war, vor
Allem', was auf dem Gebiete unferer Literatur den
Glauben und die Sittlichkeit gefährdet, zu warnen, und
das hervorzuheben, was auf demfelben Gebiete in beiden
Beziehungen förderlich ift, wobei er natürlich die
äfthetifche Beurtheilung nicht aufser Acht laffen wollte.
Was der Verf. fich im Voraus fagen mufste, erfolgte.
Man griff feinen Standpunkt als unberechtigt an, und
zwar mitunter in der mafslofeften Weife. Der Verf.
liefs fich nicht irre machen und hatte die Genugthuung
und die Freude, dafs fein Buch Lefer und Käufer in Menge
fand, fo dafs eine Auflage über die andere nöthig wurde.
Leider erlebte er nur die dritte, welche fchon 1852 er-
fchien. Im März 1853 ftarb er, noch nicht 36 Jahre alt.
Sein Bruder Emil mufste fchon die vierte Auflage bearbeiten
. Auch er mufste, da die 9. Auflage nur bis etwa
Seite 300 gedruckt war, wegen Kränklichkeit die Feder
aus der Hand legen. Der jetzige Herausgeber übernahm
auf feinen Wunfeh und den des Verlegers die weitere
Fortfetzung und konnte fich umfomehr mit voller Kraft
der Arbeit widmen, da er gerade nach mehr als fünfzigjähriger
Amtsführung an der Realfchule des Hamburger
Johanneums in den Ruheftand verfetzt worden war. Er
übernahm die Bearbeitung nur unter der Bedingung, bei
der Vervollftändigung fich nach Form und Inhalt wieder
auf die urfprüngliche Weife des verftorbenen Verfaffers
befchränken zu dürfen und nur in feinem Sinn das Buch
über das Jahr 1850 hinaus bis in die Gegenwart fortzuführen
. Eine durchgreifende beffere Anordnung konnte
er nicht mehr eintreten laffen, da das erftc Drittheil
fchon gedruckt war. In welchem Geifte er nun die anderen
zwei Drittheile bearbeitet hat, mag er uns felbft
fagen. Wir lefen (Vorrede S. XVII): ,Für grundfätzliche
Gegner des Chriftenthums habe ich, wie auch Barthel,
nicht gefchrieben. Den chriftlichen Lefern habe ich
dienen wollen, und zwar insbefondere dadurch, dafs
ich ftets nachzuweifen fuchte, was gerade von ernfteren
Chriften oft bezweifelt wird, wie unendlich viel Wahres
und Schönes die deutfehe Poefie bietet, trotzdem, dafs
fo viele unferer Dichter dem Chriftenthum fern ftehen.
j Ihre Werke find doch, fofern fie nur wahrhaft poetifch
! find, auch fittlich und fie geben, felbft wenn fie feind-