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Ausgabe:

1879 Nr. 20

Spalte:

483-485

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Seyffarth, L. W.

Titel/Untertitel:

Allgemeine Chronik des Volksschulwesens. 14. Jahrg 1879

Rezensent:

Strack, Carl

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Theologifche Literaturzeitung. 1879. Nr. 20

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Predigten unter folgenden Ueberfchriften: 1. Die Wiege
des Menfchen, 2. der Morgenftern des Lebens (Tauftag),

3. das Eden der Kindheit, 4. Johannes der Täufer in
der Kinderftube, 5. der heilige Chrift in der Kinderftube,
6. der Chriftbaum, 7. der Gefchwifterkranz, 8. die himm-
lifche Weisheit in der Schule, 9. die Ausfahrt aus dem
Hafen, 10. das Allerheiligfte (Abcndmahlsfeier). Hoffentlich
werden recht bald die andern Lebensftationen in
einer weiteren Sammlung behandelt. Es find Predigten,
wie unfere Zeit fie braucht, welche in der vollen Kraft
chriftlicher Wahrheit und in der Schönheit bildlicher
Rede die heutigen Menfchen reizen, über den Werth
des Chriftenthums für alle Verhältnifse des irdifchen
Lebens nachzudenken, und ihnen die Schönheit des Lebens
im Chriftenthum in concreten Gehalten vorftellen.
Die Anziehungskraft, welche diefe Predigten in der Berliner
Dreifaltigkeitskirche ausgeübt haben, hat fich fchon
bei der Veröffentlichung der einzelnen Predigten bewahrt,
und wird fich für die ganze Sammlung auch in weiteren
Kreifen aufs Neue bethätigen. Es kann uns nicht in
den Sinn kommen, an diefen Predigten eine homiletifche
Kritik aus dem Gefichtspunkt einer fchulmäfsigen Textbehandlung
oder eines befangenen Gefchmacks üben zu
wollen, nur für die fernere Veröffentlichung möchten
wir den Wunfeh ausfprechen, dafs die gehäuften Ausgangspunkte
und Beziehungen zwifchen dem Kirchenjahr
, demText unddem Gegenffand der Predigtim Intereffe
der Einheit und Klarheit bei den gedruckten Predigten vermieden
werden möchten; wir wenigftens haben den Eindruck
, als ob die Erinnerung an das Reformationsfeft
bei der Betrachtung über den Tauftag im Anfchlufs an
das Pfalmwort: Dies ift der Tag, den der Herr machet
u. f. w., oder die an das Todtenfeft bei der Predigt über
das Eden der Kindheit nicht förderlich für das Verftänd-
nifs wirkte. Aber wir freuen uns, diefe Predigten eben
fo fehr den Predigern wie den chriftlichen Familien durchaus
empfehlen zu können. Die Behandlung der einzelnen
epochemachenden Phafen und Tage des Lebens ift
fo reichhaltig und fo feinfinnig, dafs das Intereffe auch
der gebildeten Hörer und Lefer lebhaft in Anfpruch
genommen werden mufs. Der Verf. verfteht es, auf der
Kanzel z. B. vom Präexiftentianismus und Creatianismus,
von Oken's und Darwin's Theorien, und ebenfo vom
Chriftbaum und vom ,Weihnachtsmann' zu reden, ohne
den Erbauung fliehenden Hörer jemals zu verletzen;
dabei ift die Ausführung fo eingehend, dafs die er-
fahrenften Chriften wie die feltenen Kirchgänger, die
Alten wie die Jungen, die Gebildeten wie die Einfältigen
reichen Segen empfangen können. Als ein Beifpiel der
Art des Verf.'s erlauben wir uns die vorzügliche Predigt
unter der Ueberfchrift: ,die Ausfahrt aus dem Hafen
' zu nennen; den Text bildet die Ev.-Perikope am

4. nach Epiphanias, die Ausfahrt in die offene See des
Lebens bezieht der Prediger auf die Confirmation. ,Ob
dein Schiff einft fchmählich ftrandet, ob dein Schiff einft
feiig landet, es hängt nicht wenig davon ab, ob die
Confirmationszeit eine rechte gewefen. Dann war fie's,
wenn es erftens vor der Confirmation hiefs: der Herr
will und foll ins Schiff; zweitens, bei der Confirmation:
der Herr trat ins Schiff; drittens, nach der Confirmation:
der Herr blieb im Schiff'.

Halle a/S. A. Wachtler.

Allgemeine Chronik des Volksschulwesens. Herausgegeben
von Paft. prim. L. W. Seyffarth. 1878. 14. Jahrg.
Breslau 1879, Morgenftern. (XVII, 519 S. gr. 8.;
M. 6. —

Dafs fich die vorliegende Chronik als brauchbar bewährt
hat, beweift ihr fortwährendes Erfcheinen. Der
in ihr herrfchende Geift ift unter verfchiedenen Re-
dactionen und bei verfchiedenen Verlagshandlungen der-
felbe geblieben, es ift derjenige der modernen Pädago-

' gik. Diefer neue Jahrgang hat allerdings eine andere
äufsere Geftalt angenommen, ein gröfseres Format und
einen faft dreifachen Umfang. Neu hinzugekommen find
Referate über die einzelnen, in der Volksfchule zu behandelnden
Disciplinen und deren Literatur. Den Hauptinhalt
bilden noch immer die Mittheilungen und Er-
fcheinungen auf dem Gebiete des Volksfchulwefens in
allen Culturftaaten der Erde, die aufsereuropäifchen
j Erdtheile mit eingefchloffen. Deutfchland nimmt natür-
1 lieh hiervon den gröfsten Raum ein, von S. 50—209,
| während die übrigen Länder Europa's von 210—317 behandelt
werden und die anderen Erdtheile von 320 —
337. Die im vorigen Jahre gegebenen Gefetze werden
mit genügender Ausführlichkeit mitgetheilt. Mit befon-
derer Sorgfalt wird über das Vereinsleben der Lehrer,
i namentlich über die gröfseren Verfammlungcn derfelben
berichtet. Diefes Vereinsleben ift ein recht reges und
j befchämt vielfach die Mitglieder anderer Stände, denen
| nicht feiten der rechte Gemeingcift, das brüderliche
Zufammenwirken fehlt, während die Lehrer faft in allen
Staaten Deutfchlands Vereine gebildet haben zur Unter-
ftützung ihrer Witwen und Waifen u. f. w. Auch bei ihren
gröfseren Verfammlungcn finden meiftens dieTheilnehmer
Etwas, was fie befriedigen kann; die wichtigeren päda-
gogifchen Tagesfragen werden hierbei befprochen,
gröfstentheils nach gründlichen Vorträgen. Man erkennt
aus den Mittheilungen, was die vorherrfchende Anficht
der Lehrer ift über die Neugeftaltung des Schulwcfens,
über Forderungen, welche man an fie ftellt u. f. w. Der
Herausgeber ift ein Freund der Simultanfchulen und
zeigt das in jeder Zeile des betreffenden Referats. Er
theilt die veröffentlichten günftigen Urtheile über deren
wohlthätige Folgen mit fichtbarem Wohlgefallen mit;
doch will er keine religions- und confeffionslofe Schule.
Er billigt nicht die Anflehten derer, welche den Religions-
I Unterricht aus der Schule verbannen oder zu einem
! blofscn Moralunterricht degradiren möchten; doch fcheint
er denen beizuftimmen, welche es empfehlen, die Re-
fultate der neueren Kritik u. f. w. den Kindern nicht
I vorzuenthalten.

Wir können natürlich nicht Alles mittheilen, was
die Lehrer bei ihren Verfammlungcn und Berathungen
| befchäftigt hat und begnügen uns mit einigen Andeutungen
. Ganz umgehen konnten diefelben die betrübenden
Erfcheinungen der zunehmenden Zuchtlofigkeit und
fittlichen Verwilderung befonders unter der Jugend, die
wachfende Verbreitung der Socialdemokratie u. f. w.,
nicht, und zwar umfoweniger, da von mehreren Seiten
der modernen Schule der Vorwurf gemacht worden ift,
fie fei hierbei nicht ohne Schuld und vernachläffige die
Pflicht der Erziehung über ihrem Eifer für intellectuelle
Bildung allzufchr. Natürlich weifen die Lehrer in ihren
Vorträgen und Berathungen folche Befchuldigungen zurück
, doch geben fie mehr als bisher ihre Verpflichtung,
den deftruetiven Tendenzen der Zeit entgegenzuwirken,
zu. Auch ift ihnen diefe Aufgabe der Schule von mehreren
Behörden eingefchärft worden, wie auch in Ko-
burg-Gotha eine Verordnung darüber erfchienen ift,
welche Vergehungen der Schüler aufserhalb der Schule
der Lehrer unterfuchen und beftrafen foll. Uebc rhaupt
wurde die Strafbefugnifs der Lehrer vielfach Erörterungen
unterzogen. Allgemein wurden auch körperliche
Züchtigungen für nothwendig erkannt, wobei das Verlangen
gefleht wurde, dafs allenfallfige Ueberfchreit-
ungen nicht alsbald bei den bürgerlichen Gerichten anhängig
gemacht werden dürften, fondern dafs diefelben
von den Schulbehörden nach pädagogifchen Gefichts-
punkten zu behandeln feien, fo lange keine groben Mifs-
handlungen vorlägen.

Aus der Chronik ift weiter erfichtlich, wie man der
Gefundheitspflege in den Schulen weit mehr Aufmerk-
famkeit widmet als früher. In Seminarien und Schulen
! follen die Zöglinge, namentlich auch die Mädchen darüber