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Ausgabe:

1879

Spalte:

478-479

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Titel/Untertitel:

Socrates’ Ecclesiastical history, according to the text of Hussey 1879

Rezensent:

Overbeck, Franz

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Theologifche Literaturzeitung. 187g. Nr. 20.

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anderen bei den griechifchen Philofophen. Unverftändlich
ift die Belegung der Behauptung, dafs Epicur feine Lehre
von der Ataraxie aus der Schrift entlehne, mit Paed. II, 7,
58 f. (S. 65). S. 74 hat der Verf. für feine Interpretation
von Strom. VII, 2,8 die lateinifche Verfion der Stelle
für fich. Diefe ift aber höchft wahrfcheinlich willkürlich.
Auch der Widerfpruch in der allgemeinen Schätzung
der (irftQiO'rtaiteia , welchen der Verfaffer zwifchen
den Stellen Strom. II, 8, 39 und VI, 9, 74 findet (S. 67,
wo es II. 450 ftatt I. 450 heifsen mufs), beruht wohl
nur auf zu weiter Deutung der erften Stelle. Sehr
empfindlich ift überhaupt die Oberflächlichkeit des Eindringens
in den Zufammenhang der Lehre des Clemens
gleich im erften Capitel, welches feine Anflehten über
den Urfprung der griechifchen Philofophie darlegen foll.
Der Verf. verlegt fich geradezu von vornherein die Er-
kenntnifs des Richtigen, indem er vom Satze des dä-
monifchen Urfprungs der Philofophie als einer Anficht
des Clemens ausgeht (S. 1) und erft nachträglich auf
feine Sätze über die Göttlichkeit diefes Urfprungs
kommt (S. 7 f.). Nur die Verkehrtheit diefes Verfahrens
zieht dem Clemens die Vorwürfe des ,Unfyftema-
tifchen' und des Schwankenden' zu, welche der Verf.
wiederholt erhebt (S. 5. 9). Unterfcheidet man dagegen
fchärfer, als es der Verf. thut (auch S. 8), zwifchen den
Anflehten über den Urfprung der griechifchen Philofophie
, welche dem Clemens tradirt find, und deffen eigener
Meinung, fo wird man ihn am Ende viel fefter, als er
zunächft erfcheinen mag, finden. Auch die traditionellen
Meinungen vom dämonifchen Urfprung der Philofophie
und von ihrer diebifchen Entlehnung aus dem
A. T. weifs er mit fteter Fernhaltung gewiffer Confe-
quenzen mit der feinen wohl zu verfchmelzen und beide
der Abficht, den göttlichen Charakter der Philofophie und
ihres Wahrheitsgehalts zu beweifen, dienlich zu machen.
Ift doch auch der Diebftahl fowohl der Dämonen als
auch der griechifchen Philofophen ovx dd-hi gefchehen
(Strom. I, 17, 81 f. V, 5, 29. 14, 142). Wenn man alfo
die Anficht vom göttlichen Urfprung der Philofophie
nun im Vordergrund, den fie im Denken des Clemens
hat, läfst und hiernach feine Ausfprüche deutet, fo wird
man gar nicht zu der dem Zufammenhang feines Denkens
fremden Reflexion kommen, welche den Verf.
darauf führt, die Stellen Strom. V, 1, 10. VI, 7, 57 zu
einander in Beziehung zu fetzen und mit einander in Widerfpruch
zu finden (S. 8). Das Wefentliche zu wenig hervorzuheben
und zum feften, alles Einzelne zufammenhalten-
den Faden zu machen, ift ein Vorwurf, den man der
Darftellung des Verf.'s überhaupt machen mufs, die im
Allgemeinen etwas fehr Schlaffes und Zerfliefsendes hat.
Etwas Aehnliches gilt auch von feinen Citaten, bei welchen
der Verf. in Hinficht auf die Menge eher zu viel
als zu wenig leiftet, aber, nach einer freilich fehr verbreiteten
Unart, aus dem vorgefetzten Wufte das Ent-
fcheidende und Wichtige herauszufinden, dem Lefer
überläfst. So wäre z. B. bei den Belegen für Clemens'
Anficht über die Entlehnungen der griechifchen Philofophie
aus dem Alten Teltament (S. 2) Strom. V, 14 hervorzuheben
. Die Citate tragen überhaupt die Spuren
einer gewiffen Haft. Clemens läfst fich gegenwärtig bequemer
citiren, als nur mit der Buchzahl feiner Schriften
mit beigefetzter Potterfcher Seitenzahl. Plato und
Philo citirt der Verf. nach verfchiedenen Ausgaben.
Gar zu unbequem, für den Lefer wenigftens, ift es auch,
in einer Fufsnote im Allgemeinen auf ,Diogenes Laertius'
verwiefen zu werden, was wenigftens einmal gefchieht
(S. 72) oder auf ,Zeller p. 14' (S. 65). Die nackte VII,
die man auf S. 65 n. 5 findet, bedeutet Strom. VI, 2,
24, ift alfo nicht einmal richtig. Der Stil läfst viel zu
wünfehen übrig. ,Gegenfatz Gottes von der Welt'
(S. 28), ,Gottes Erbarmen zu uns' (S. 51) find ganz unerlaubte
Verftöfse. Und nun noch ein Wort über die
theologifche Tendenz der vorliegenden Abhandlung,

welches hier nachträglich folgt, weil es fich gar nicht
vorzugsweife gegen den Verf. wendet, welcher hierbei
nur ohne Arg und jede befondere Unbefcheidenheit in
einigen wenigen Bemerkungen über die Chriftlichkeit
und die Schriftgemäfsheit der Lehren des Clemens auf

! einen Ton eingegangen ift, der in der Behandlung der
Patriftik heute überhaupt beliebt, welches aber eben

j diefem Ton etwas zu bedenken geben möchte. Bei

| dem Mafs deffen, was man gegenwärtig über die alte
Kirche erkennen kann und zu erkennen fich endlich auch
meiftens nicht mehr fträubt, ift es für den modernen
Theologen kein Kunftftück, insbefondere mit dem Schwert
des Paulinismus in der Hand, in dem erften chriftlichen
Jahrhundert fo aufzuräumen, dafs er fchliefslichallein darin
flehen bleibt. Ganz abgefehen davon aber, dafs die
Parrhefie, mit welcher dies oft gefchieht, zu vergeffen
pflegt, dafs der Anblick, der dabei dem Lefer fich
fchliefslich darbietet, in den feltenften Fällen von be-
fonderem Intereffe fein wird, fo ift auch die Frage er-

] laubt, ob unfer Verftändnifs der Kirchenväter fchon weit
genug gediehen ift, um zu geftatten, fie fo rückfichtslos
theologifch abzuurtheilen. Verfltehen aber foll man, bevor
man urtheilt: es giebt keinen Standpunkt, der diefer
Forderung fich zu entziehen geftattete; auch der cor-

j rectefte Proteftantismus ift kein folcher Standpunkt. Und
das mag fich immerhin auch der Verf. der vorliegenden
Abhandlung gefagt fein laffen, deffen hier in Betracht
kommenden LJrtheile, fo wenig vordringlich fie find, doch
noch immer über das Mafs deffen, was er für das Verftändnifs
feines Schriftftellers geleiftet hat, nicht unbeträchtlich
hinausgehen.

Bafel. • Franz Overbeck.

Socrates" Ecclesiastical history, aecording to the text of
Hussey. With an introduetion by W. Bright. Oxford
1878. London, Macmillan & Co. (360 p. 8.,
7 s. 6 d.

Wie der Valefius-Reading'fche Text des Socrates
in einer um alle Beigaben gekürzten Ausgabe Oxford
1844 leichter zugänglich gemacht werden follte, fo verfolgt
die vorliegende Ausgabe denfelben Zweck in Hinficht
auf die grofse Ausgabe von Hussey (1853).
Deffen Text mit Ausnahme der Interpunction unverändert
wiedergegeben zu haben, erklärt der Herausgeber
felbft. In der Interpunction aber hat er des Guten ent-
fchieden zu viel gethan. Am Rande des Textes findet
man aufser den Schriftcitaten einige wenige aus Hussey's
Apparat entnommene Conjecturen, die Jahre Chrifti zu
den chronologifchen Angaben des Socrates, bei den
Urkunden, welche Socrates mittheilt, Verweifung auf die
fonft zugänglichen Quellen und endlich, doch dies durchaus
nicht vollftändig, die Rückverweifungen des Socrates
auf fein eigenes Werk genauer bezeichnet. Sehr zu
bedauern ift, dafs der Herausgeber die zum Zweck des
Citirens der zum Theil fo langen Capitel des Socrates
zweckmäfsige Paragraphirung des Textes in der Oxforder
Ausgabe von 1844 fallen gelaffen hat. Die alten
Capitelüberfchriften werden, da fie nicht von Socrates
felbft find, in englifcher Ueberfetzung gegeben und in
diefer find fie auch vorn abgedruckt. Der alphabetifche
Index S. 331 ff. läfst eingeftandenermafsen und nicht
zu feinem Vortheil einige ,minder wichtige Namen',
welche der alte Index bietet, weg, ift aber fonft in den
Realien vollitändiger. Die kurze Einleitung (p. XIX—
XXVIII) befchränkt fich auf eine Zufammenftellung des
1 über die Perfon des Socrates Bekannten und eine ganz
! brauchbare und verftändige Charakteriftik und Kritik
1 feines Werks. Die Gunft des Verfaffers für die Nova-
tianer und feine Beurtheilung des Chryfoftomus und des
Cyrill von Alexandrien geben dem Herausgeber noch zu
einigen nachträglichen Bemerkungen Anlafs (p. XXVI sqq.).
Üeber die Grundlagen des Textes feines Schriftftellers