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Ausgabe:

1879

Spalte:

457-458

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Matheson, George

Titel/Untertitel:

Aids to the Study of German Theology. 3. ed 1879

Rezensent:

Benrath, Karl

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457

Theologifche Literaturzeitung. 1879. No. 19.

458

Lehre meffe, indem ich die Fälfchung der lutherifchen Kirche und der Trinität. Heifst das nicht in hohem Mafse

Kirche rüge, welche der Pietismus in den Perfonen feines oberflächlich verfahren?

Helden und deffen Genoffen durch feine wefentlich re- Noch weniger ift — um ein zweites Beifpiel herauszu-

formirte und in letzter Inftanz katholifche Devotion fort greifen — M.'s Charakterifirung der Tübinger Schule

und fort ausübt. Aber darum bin ich eben von der (Cap. XIII) geeignet, zu einer entfprechenden Würdigung

hohen Bedeutung feines Buches durchdrungen, welches ihres Wefens und ihrer Ziele Beihülfe zu leiften. Der

meine längft gehegte Vermuthung über die Art jenes Meifter der Schule wird S. 148 glattweg als ,Feind des

lutherifchen Confeffionalismus fo deutlich beftätigt. hiftorifchen Chriftenthums' bezeichnet. Es ift ftark, dafs

Göttingen. A. Ritfchl.

Matheson, Rev. George, M. A. B. D., Aids to the Study
of German Theology. 3. ed. Edinburgh 1877, T. &
T. Clark. (VI, 218 S. 8.) Cloth. 4%'sh.

Der Verf., welcher den Lefern der Theol. Lit.-Ztg.
bereits durch das vom Ref. angezeigte Werk: ,Growth
of the Spirit of ChrisHandy1 (vgl. Jahrg. 1878, Nr. 14)
bekannt ift, will in der vorliegenden Schrift eine Beihülfe
zum Studium der neueren deutfehen Theologie
darbieten. M. wendet fleh in der Einleitung und mehrfach
in der Darfteilung felbft an ,/he student' — aber in I in Folge der in der neueren deutfehen Theologie eine

man jenfeit des Canals es wagen kann, in einer Schrift,
welche zum Studium deutfeher Theologie anleiten will,
in folcher Weife mit den Begriffen zu fpielen. Denn in
der That fpielt hier M. nur mit diefem Begriff. Er ift
weit davon entfernt, in das thörichte Gefchrei der Ketzerrichter
gegen Baur einftimmen zu wollen. Er will nur
fagen, dafs die .Tendenz'-Kritik mancherlei von der herkömmlichen
Ausftaffirung des älteften Chriftenthums und
feines Stifters abftreift, und er führt fogar fehr gefchickt
aus (S. 151 f.), dafs und wodurch die Baur'fche Ge-
fchichtsbetrachtung eine Todfeindin der Straufs'fchen
Mythentheorie ift. M. mufs es doch wiffen, dafs gerade

welcher Art unter feiner Beihülfe deffen ,Studium' des
Gegenftandes vor fleh gehen foll, ift dem Ref. nicht klar
geworden. Vielleicht erfcheint dem Verf. die Forderung
felbftändigen Quellenftudiums, von der wir auch bei die

fo hervorragende Stelle einnehmenden kritifchen Arbeiten
über jene Zeit — Arbeiten, die zu nicht geringem Theile
eben von der Tübinger Schule geführt oder veranlafst
worden find — gerade das Einzigartige, Unerfindbare,

fem Gegenftande nicht abgehen können , als pedantifch 1 Pofitive an der Perfon Chrifti in um fo helleres Licht
— jedenfalls aber kann es unferes Erachtens keine Bei- | gerückt ift — wie darf er dann durch ein folches Dictum,
hülfe von Werth fein, wenn man dem Studirenden bei | wie wir es citirten, das Urtheil Derer, welche unfere
Namen wie Kant, Schleiermacher, Fichte, Hegel, Schel- j Theologie kennen lernen wollen, von vorn herein irre-
ling u. f. w. ftatt einer Einführung in das Studium ihrer leiten?

Hauptwerke nur ein oberflächliches Raifonnement über
die gegenfeitigen Beziehungen ihrer Syfteme und die in
diefen fich vollziehende Evolution des theologifchen Gedankens
bietet, ohne auch nur ein einziges Mal — abge-
fehen etwa von Straufs' .Leben Jefu' und dem ,Alten

Ref. kann nicht umhin, bei dem vorliegenden Werke
des Rev. M., in welchem übrigens einzelne Ausführungen
(auch in den ,S/ipple»ietdary Notes') ihn fehr angefprochen
haben, an den Gefammtcindruck des früher angezeigten
Werkes desfelbcn Verfaffers zurück zu denken. Theo-

und Neuen Glauben' — auf die Quelle felbft zurück zu j logie ift noch immer in England ein fafhionabler Stoff,
gehen. Ich habe das Raifonnement des Herrn M. als und von deutfeher Theologie kann man dabei nicht wohl
oberflächlich bezeichnet und bin gehalten, dies zu er- abfehen. Da nun aber die deutfehen Theologen feit
härten. Zwei Beifpiele mögen genügen. Der Verf. geht I Schleiermacher fatal viele und fatal dicke Bücher ge-

davon aus, dafs der Rationalismus durch Kant als ban
kerott erwiefen und dafs dann durch Schleiermacher die
fruchtbarfte Anregung, ja die Grundlegung für die neuere
Entwickelung der Theologie gegeben worden fei. Er
bezeichnet den Einflufs Schleiermacher's S. 36 als ,won-
derful', S. 34 fogar als gigantic1 (!), und er findet ihn
darin begründet, dafs Schi. ,sacrified h/s genius to his
sytnpathy1 (S. 37), das foll heifsen, dafs er nicht fowohl
darauf aus war, ein abfolut neues Syftem aufzuftellen,
als vielmehr die brauchbaren Elemente früherer Syfteme
zu bewahren und zu verbinden. M. unterfcheidet zwi-
fchen Schi, als religiöfem Denker und als wiffenfehaft-
lichem Theologen; das Dauernde, was er gewirkt und
errungen habe, komme auf Rechnung des religiöfen
Denkers, nicht des wiffenfehaftlichen Theologen. M. ift
nicht der Erfte, der fich durch Statuirung eines folchen
Dualismus aus der Verlegenheit zu ziehen fucht, und
wir wollen ihm einmal diefe Theilung als berechtigt zu-
geftehen. Aber nun beachte man, dafs der Cardinai-
punkt, in welchem diefe beiden Seiten von Schl.'s Wefen
fich berühren und gegenfeitig befruchten und in welchem
das werthvollfte Refultat feines religiöfen Denkens überhaupt
und zugleich der Ausgangspunkt für die neuere
Theologie bcfchloffen liegt, von M. gar nicht einmal
hervorgehoben wird: nämlich Schl.'s Unterfuchungen
über das Wefen der Religion und der von ihm gegebene
Nachweis, dafs wir in ihr kein willkürlich hervorgebrachtes
oder blofs individuelles Element, fondern eine gefetz-
mäfsige Function des menfehlichen Gciftes zu erblicken
haben. Statt deffen giebt Cap. IV eine fogenannte
.Gedanken-Ueberfetzung' aus dem Deutfehen ins Eng-
lifche von Schl.'s Syftem, d. h. einen dürren Abrifs von
Schl.'s Lehre von Gott, deffen Attributen, der Schöpfung
, dem Fall, der Perfon Chrifti, der Erlöfung, der

fehrieben haben, fo heifst es jenfeit des Canals fie in
populärer Form darftellen, fie für den Sonntagsnach-
mittagsconfum geniefsbar machen. Ob unfere Theologie
dabei zu ihrem Rechte kommt, ift eine andere Frage.
Uebrigens ift die uns vorliegende Auflage des M.'fchen
Buches bereits die dritte.

Bonn. Benrath.

Funcke, Paft. O., Freud, Leid, Arbeit im Ewigkeitslichte.

Bremen 1879, Müller. (XXII, 405 S. 8.) M. 4. —

.Reifen kann Jeder, der Geld hat, aber Gottes Wunder
fehen und Gottes Stimme hören, das können nur
diejenigen, die Augen und Ohren haben', fagt der Verf.
(S. 245). Er fcheint diefe Bemerkung über fich felbft gemacht
zu haben. Auch in diefem Buche zeigt er ein offnes
Auge fowohl für die Schönheit der Natur wie für das
volle Menfchenleben und daneben die Gabe, feine Beobachtungen
lebendig und anregend darzuftellen. Er
führt feine Lefer in die Gletfcherwelt der Schweiz und
an den blauen Alfenfund, auf den Odinshügel bei Kopenhagen
und auf die Parifer Weltausftcllung. Aber er
giebt keine trockne Reifcbefchreibung, fondern fkizzirt
einzelne Erlcbnifse oder fpinnt einzelne Gedanken aus,
die fich ihm aufdrängen, überall beftrebt, die Erfchei-
nungen des Lebens in das Licht der Ewigkeit zu ftellen.
Ein Kreuz am Gemmipafs mit der Infchrift: ,Urtica spes1
giebt ihm Veranlaffung zu einem Excurs über den
fegensreichen Einflufs des Evangeliums auf das Volksleben
. Die Gräber dänifcher und deutfeher Soldaten
auf dem Kirchhof zu Broaker, welche gleiche Bibelfprüche
als Infchriften tragen, erinnern ihn an die Verheifsungen
vom Völkerfrieden. Die Weltausftellung ruft Betrachtungen
über das Verhältnifs von Cultur und Chriften-