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Ausgabe:

1879 Nr. 19

Spalte:

450-452

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Tollin, H.

Titel/Untertitel:

Das Lehrsystem Michael Servet’s genetisch dargestellt. 2. u. 3. Bd 1879

Rezensent:

Pünjer, Bernhard

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449 Theologifche Literaturzeitung. 1879. Nr. 19. 450

lntereffant iB die Angabe über den römifchcn Bifchof
Felix zum 6. Hatur, dafs derfelbe viele Abhandlungen
und Bücher, die fehr nützlich feien theils zur Ermahnung
und Unterweifung, theils über die , Lehre und
Glau bensf ätze, hinterlaffen habe. Man darf ver-
muthen, dafs diefe Notiz fich auf jene unter dem Namen
des Felix von den Apoll inariften untcrgefchobenen
Schriften bezieht, die nachmals namentlich den Mono-
phyfiten fo willkommen gewefen find (f. Caspari, Quellen
zur Gefch. d. Tauffymbols Bd. IV). Zum 10. Hatur
ift die römifche Synode unter Victor (f. ob.), zum 9. die
nicanifche vermerkt. Die Befchreibung der Synode ift
recht erbaulich. Im Eingang wird mitgetheilt, dafs keiner
unter den 318 Vätern gewefen fei, der nicht fchon gefoltert
worden wäre, namentlich wird die Geftalt des ehrwürdigen
Bifchofs Thomas von Mar'afch befchrieben.
Jedes Jahr hatten fie ihm ein Glied abgefchnitten, und
fo war er an beiden Händen und Füfsen verftümmelt, j
die Backen- und Vorderzähne ausgeriffen, beide Ohren
und Nafenflügel, beide Lippen abgefchnitten, und der,
Körper vom Brennen mit Feuer fchwarz geworden'. Dann
heifst es: ,Der Kaifer Conftantin liefs für fie einen
grofsen Sitzungsfaal einrichten und Bellte feinen Seffel
unten an; den Anfang machte er mit dem Bifchof von
Mar'afch, den er auf jede Stelle feines Körpers küfste,
wo ihm ein Glied abgefchnitten war. Dann übergab er
ihnen fein Scepter, fein Schwert und feinen Ring und
fprach zu ihnen: Heute überlaffe ich Euch die
prieBerliche und weltliche Herrfchaft, wen ihr
behalten wollt, den behaltet, und wen ihr vertreiben
wollt, den vertreibt' . . . ,Der Herr ChriBus
war mitten unter ihnen, weil viele von ihnen, deren Ver-
Band erleuchtet war, die Anwefenden gezählt und 319
gefunden hatten, und auf den aufgeBellten fichtbaren
Stühlen fanden fie nur 318'. Es folgt der Text des
Glaubensbekcnntnifses, aber mit fehr bemerkenswerthen
Abweichungen. Das ConBantinopolitanum wird ausdrücklich
als eine Ergänzung des Nicänums bezeichnet.
Zum 18. Hatur iB der Märtyrertod der Atrafis, einer
Tochter des Kaifer Hadrian, angemerkt. Von dem
Märtyrer Mercurius unter Decius (25. Hatur) wird erzählt
, er fei es gewefen, der nachmals auf Bitten des h.
Bafilius die ChriBen an dem Kaifer Julian gerächt und
die tödtliche Lanze vom Himmel herabgefchleudert habe.
Diefe Legende geht auf uralte, fchon im 4. und 5. Jahrh.
colportirte Erzählungen zurück.

Gicfsen. Ad. Harnack.

Willis, R., M. 1).. Servetus and Calvin. A study of an
important epoch in the early history of the Reformation
. London 1877, King & Co. (XVI, 541 S. m.
radirtem Portr. Servet's. gr. 8.) Cloth. 16 sh.

Es iB höchB erfreulich, dafs das Intereffe an Ser-
vet in jüngBer Zeit immer allgemeiner fich Bahn bricht.
Servet iB nämlich unzweifelhaft eine höchB intereffante J
Erfcheinung der Reformationszeit, und zugleich in feinem j
Leben wie in feiner Lehre noch mancher, der Aufklärung
bedürftige Punkt enthalten. Der Verf. giebt nun
vor Allem eine DarBellung des Lebens. Die Schriften j
werden felbflredcnd auch erwähnt, fogar von jeder ein- |
zelnen Schrift eine kurze CharakteriBik und Inhaltsan-
gäbe gegeben, am ausführlichBen von der Herausgabe
der Bibelüberfetzung des S. Pagnini, doch fehlt eine zu-
fammenfaffende DarBellung der philofophifch-theolo- I
gifchen Anfchauungen. Auch zeugen manche der gelegentlichen
Aeufserungen von ungenügendem Eindringen j
in den GeiB des Servet'fchen Gedankenkreifes. Die Ver-
fuche, denfelben aus Einwirkungen Anderer zu erklären,
find lückenhaft und nicht immer richtig. Lückenhaft,
denn mit keinem Wort iB der grofsartigen, für Servet
höchB einflufsreichen philofophifchen Bewegung gedacht, 1
welche in Italien an die Metaphyfik des Nicolaus Cufa-

nus und die Naturphilosophie des Telefius fich anfchlofs.
Bisweilen unrichtig, denn die Bekanntfchaft Servet's
mit Raymund von Sabunde iB hiBorifch nicht nachzu-
weifen und nach dem allgemeinen Charakter beider nicht
wahrfcheinlich.

Eine Lebensgefchichte Servet's kann fich die Aufgabe
Bellen, die noch unaufgeklärten Punkte aufzuhellen,
oder das bisher, befonders von Mosheim, Trechfel und
Tollin Beigebrachte unter kritifcher Sichtung zufammen-
zuBellen. Der Verf. hat feine Aufgabe in letzterem
Sinne aufgefafst. Selbfländig gefundenes Neues bringt
er nicht; gegenüber den oft fehr kühnen Combinationen
■und wenig begründeten Behauptungen Tollin's bewahrt
er im Ganzen die nöthige Kritik, doch hätten wir in
diefer Beziehung eine weiter gehende Skepfis noch lieber
gefehen. Vom Leben des Servet wird der letzte Ab-
fchnitt, fein Procefs und Ende zu Genf, mit befonderer
Ausführlichkeit behandelt, worin die Rechtfertigung des
gewählten Titels liegt. Aufgefallen iB uns, hier die beiden
Schriften von K. Brunnemann 1 Michael Servetus
(Berlin 1865) und L. Cologny: L' Antitrinitarisme a Gerleve
(Genf 1873) nicht angeführt gefehen zu haben. Der
Verf. giebt alfo eine zufammenfaffende Ueberficht des
zur Zeit über Servet's Leben und Ende Bekannten und
zwar mit befonnener Kritik in anfprechender DarBellung.

Vermifst haben wir eine kurze CharakteriBik der
ganzen Perfönlichkeit mit ihren eigenthümlichen Vorzügen
und Schwächen. Soweit gelegentliche Aeufserungen
einen Schlufs geBatten, fcheint der Verf. in Servet den
Theologen weit zu überfchätzen, denMenfchen zu niedrig
zu beurtheilen. Jenes, wenn er S. 24 fagt: , We iiiight
be tempted to conclude that the free thought of Eurofc,
of whicli the Reformation tvas the outcome and c.xfression,
had found even a more genial soll in the mind of this
Spanish youth than in that of Luther himself or any of
his accrcditcd follozvers'. Diefes, wenn er wiederholt und
oft in den BärkBen Ausdrücken (S. 105. 108. 160 u. a.)
Servet's Handlungen aus Ehrgeiz und SelbBüberhebung
zu-erklären fucht.

Jena. Bernhard Pünjer.

Toll in, Pred. Lic. H., Das Lehrsystem Michael Servet's

genetifch dargeBellt 2. u. 3. Bd. Gütersloh 1878,
Bertelsmann. (X, 232 u. XV, 319 S. gr. 8.) M. 10. —
(1-3: M. 14. -)

In den vorliegenden Bänden giebt der Verfaffer uns
nach zahlreichen Vorarbeiten den abfchliefsenden Theil
der DarBellung des LehrfyBems Servet's. Derfelbe um-
fafst die Lehre des Spaniers, wie fie in der Restitutio
Christianismi' v. J. 1553 niedergelegt iB. Der Verf. bezeichnet
fie als fünfte Lehrphafe, doch dient die (Bd. II
S. 3S2) gegebene Erörterung des Verhältnifses der
Restitutio zu den früheren Schriften nur zur BeBätigung
des vom Ref. anderswo ausgefprochenen Urtheils, dafs
die Untcrfchicde in der Lehrweife Servet's mehr auf
einer fortgehenden Vertiefung in Neu-Platonifche Spe-
culationen zurückzuführen find, als auf wefentlich ver-
fchiedene Anfchauungen. (Vgl. darüber auch: Theol.
Literaturzeitung Jahrg. 1877, Nr. 8.)

Wer den geifligen Bewegungen des 16. Jahrh. nachgeht
, wird dem Verf. Dank wiffen, dafs er mit eingehender
Kenntnifs, wie fie nur durch langjähriges Studium
konnte gewonnen werden , uns das SyBem eines
Mannes dargelegt hat, der unzweifelhaft zu den bedeu-
tendBen Denkern jener gährenden Zeit gehört, aber durch
die Schwierigkeit der F'orm wie des Inhalts uns den
Zugang zu feinen Schriften fehr erfchwert hat. Dafs der
Verf. in diefer Beziehung alle feine Vorgänger weit
übertrifft, wird Jeder zugeBehen und hätte der Verf.
nicht nöthig gehabt, fein VerdienB dadurch zu heben,
dafs die LeiBungen der Früheren über Gebühr verdunkelt
werden. Nur ein Beifpiel von vielen möge zeigen,