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Ausgabe:

1879

Spalte:

420

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Güldenpenning, A.

Titel/Untertitel:

Der Kaiser Theodosius der Grosse. Ein Beitrag zur römischen Kaisergeschichte 1879

Rezensent:

Harnack, Adolf

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419

Theologifche Literaturzeitung. 1879. Nr. iS.

420

nung mit Nothwendigkeit erzeugte. So wie in diefer
Rede für weitere Kreife den Gegenftand zu behandeln,
ift den in folchen noch vielfach curfirenden irrigen
Vorftellungen gegenüber durchaus nicht überflüffig. Der
zugleich durch unbefangene Darftellung des gefchichtlichen
Sachverhaltes und warme Bewunderung der altteftament-
lichen Religion ausgezeichnete Vortrag wird folcher Aufklärung
in der beften Weife dienen. Ueberdies find hier
ausnahmsweife die Phönicier mit in Betracht gezogen. Die
fie betreffenden Auffiellungen find freilich faft ausfchliefs-
lich negativer Art. Mit vollem Rechte lehnt der Verf.
die Erklärungen ab, nach welchen der fidonifche König
Efchnunazar in feiner Grabinfchrift fich als ,Sohn der
Unfterblichkeit' bezeichnen und die Hoffnung feiner Aufnahme
in die ,herrlichen Himmel' ausfprechen foll
(S. 8 ff.,. Einen pofitiven Anhalt findet er nur in der
Erwähnung der Rephaim (casn) in der gleichen Infchrift 1
(S. 13); unter ihnen wird man allerdings kaum Anderes
als die Schatten des Todtenreiches verftehen können.

Bei den Ifraeliten entwickelte fich nach der unzweifelhaft
richtigen Darftellung des Verf. aus der anfänglichen
Vorftellung von einem den Frommen und Unfrommen
gleichmäfsig zu Theil werdenden fchattenhaften Fortleben
die Hoffnung einer feiigen Fortdauer zunächft nur
bei einzelnen Frommen durch die-Reflexion über die
ungleiche und unbillige Vertheilung der Erdenfchickfale.
Nicht genugfam fcheint mir dafür Pfalm 73 (S. 27) zur
Geltung gebracht zu fein, der meines Frachtens den
beften Ausgangspunkt für die ganze Darfteilung gebildet
hätte. In den anderen Pfalmen, welche für die gleiche
Hoffnung geltend gemacht werden, kann ich diefelbe
nicht fo ficher wie der Verf. ausgefprochen finden;
Pf. 49, 16 (S. 26; kommt noch am meiften in Betracht.
Fntfchieden unwahrfcheinlich ift es für mich, dafs fchon
in Davidifchen Pfalmen diefe Hoffnung ausgefprochen fei
(S. 25 f.): die Meffiasidee des älteren Prophetismus
läfst fich nur entftanden denken zu einer Zeit, wo man
allein an die F'ortdauer des Volkes Ifrael glaubte; denn
nur das in der meffianifchen Zeit lebende Gefchlecht
wird ihres Heiles theilhaftig, die vorangegangenen Generationen
nur infoweit fie in ihren Nachkommen fortleben.
Die Propheten aber werden doch wohl nicht jenes Glaubens
an unzerftörbare Gottesgemeinfchaft des Frommen
entbehrt haben zu einer Zeit, als längft andere Ifraeliten
zu demfelben vorgedrungen waren. Die in Pf. 73 aus-
gefprochene Hoffnung wird man in der Fntwickelung der
ifraelitifchen Religion, wie fchon von anderer Seite bemerkt
worden, nicht lange vor Jeremia anfetzen dürfen.
Neben dieler Differenz hinfichtlich der Datirung hätte
ich an Einzelheiten kaum etwas von Bedeutung in Zweifel
zu ziehen, als die Erklärung von Hio. 19, 25—27
S. 33. Nur das fei noch zu der Andeutung S. 38 bemerkt
, dafs die Auferftehungslehre entftehen mufste,
fobald man die Hoffnungen einer feiigen Fortdauer der
einzelnen Frommen und eines die Befeligung Ifrael bringenden
irdifchen Meffiasreiches in Vereinbarung zu bringen
fuchte. An diefem Reiche können die Abgefchie-
denen nur dann auch ihrerfeits Antheil erlangen, wenn
fie wieder auf Erden erfcheinen. Der von dem Verf.
nicht weiter berückfichtigten, feit längerer Zeit fo fehr
beliebten Herleitung der Auferftehungslehre von den
Perfern bedarf es durchaus nicht; in der neueften,
überaus vollftändigen und gründlichem Darftellung der
perfifchen Anfchauungen vom Zuftande nach dem Tode
von H. Hübfehmann (,Die perfifche Lehre vom Jenfeits
u. jüngften Gericht', Jahrbb. f. proteft. Theol. 1879
S. 203 ff.) ift (S. 242 f.) ein directer Zufammenhang mit
Recht abgelehnt worden.

Strafsburg i. E. Wolf Baudiffin.

Güldenpenning, Dr. A., und Dr. J. Ifland, Der Kaiser
Theodosius der Grosse. Ein Beitrag zur römifchen
Kaifergefchichte. Halle 1878, Niemeyer. (VIII, 240 S.
gr. 8.) M. 7. —

In die Aufgabe, eine Gefchichte Theodofius des
Grofsen zu fchreiben, haben fich die beiden Gelehrten
fo getheilt , dafs Güldenpenning die Quellenkritik
(S. 1—44) und die Darftellung der zweiten Hälfte der
Regierungszeit des Kaifers von 389—395 übernommen
(S. 161—240), Ifland die erfte Hälfte bis zur Befiegung
des Maximus gefchrieben hat. Der Letztere hatte an
dem Werke von H. Richter eine vortreffliche Vorarbeit
, wenn auch Richter die Vorgänge in Oftrom nur
foweit behandelt hatte, als fie mit den weftrömifchen in
Zufammenhang ftanden. Die Verfaffer, die eine durchaus
einheitliche Darftellung geliefert haben, haben ihr
Hauptaugenmerk auf die politifche Gefchichte gerichtet;
in diefer Hinficht ift ihre Arbeit als eine werthvolle
Leiftung bereits von einem Fachgenoffen anerkannt
worden. Sie haben aber auch die kirchliche Wirkfam-
keit des Kaifers natürlich nicht bei Seite gelaffen. Neues
haben fie in diefer Hinficht nicht beigebracht; aber ihre
Urtheile find wohl erwogen. Indeffen verdient eine
Unterfuchung Güldenpenning's in der quellenkritifchen
Einleitung die Beachtung der Kirchenhiftoriker in hohem
Mafs. Der Verf. weift (S. 21—32) unwiderfprechlich
nach, dafs die zwifchen Sozomenus und Socrates be-
ftehende Verwandtfchaft nicht durch die Annahme einer
gemeinfamen Benutzung derfelben Quellen zu erklären
ift, fondern dafs Sozomenus einfach den Socrates aus-
gefchrieben hat. Schon der alte Valefius hatte dies
behauptet und die Argumente, die er angeführt hatte,
mufsten eigentlich für Jeden, der fich die Mühe nehmen
wollte, die Anmerkungen des Valefius zu lefen, ent-
fcheidend fein. Allein Holzhaufen fuchte in feiner
Differtation v. J. 1825 de fontibus, quibus Socr., Sozom. et
Theodoret. in scribenda liistoria sacra usi sunt, das Gegen-
theil zubeweifen und feitdem ift namentlich durchStäud-
lin (Gefch. u. Literatur d. Kirchengefch. 1827 S. 41 f.
S. 64 f.) diefes Urtheil in den Handbüchern das Offi-
cielle geworden. Dafs G. zu der Anficht des Valefius
zurückgekehrt ift und diefelbe durch eine zwar kurze,
aber ausreichende Unterfuchung aufs Neue bewiefen hat,
ift fehr dankenswerth. Hoffentlich bricht fich nun die
richtige Anficht wieder Bahn; für die Gefchichte des
4. Jahrhunderts ift die Erkenntnifs, dafs Sozomenus ein
Plagiator gewefen, nicht unwichtig. Seine Kirchenge-
fchichte ftellt fich fo als eine mönchifche Ueberarbeitung
des Werkes des Socrates dar, welches ja aus verfchiede-
nen Gründen die volle Billigung der Tonangebenden
nicht finden konnte. Das völlige Verfchweigen des
Namens des Socrates feitens des Sozomenus ift auch bei
billiger Berückfichtigung der damaligen literarifchen
Zuftände nicht zu rechtfertigen; übrigens hat Sozomenus
auch, wie Rofenftein gezeigt hat, den Namen des
Olympiodor verfchwiegen, obgleich er deffen Arbeit im
9. Buche benutzt hat.

G. meint, es dürfte fchwer fein , überzeugende Be-
weife dafür vorzubringen, dafs Theodoret den Socrates
oder Sozomenus ausgefchrieben hat; auf eine Kritik der
Quellen des Theodoret hat er verzichtet. Hier liegt
noch eine Aufgabe vor, deren Löfung in hohem Grade
wünfehenswerth ift.

Giefsen. Ad. Harnack.