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Ausgabe:

1879 Nr. 17

Spalte:

395-399

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Cotterill, J. M.

Titel/Untertitel:

Peregrinus Proteus: An investigation into certain relations subsisting between ‘De morte Peregrini’, ‘The two Epistles of Clement to the Corinthians’, ‘The epistle to Diognetus’, ‘The

Rezensent:

Harnack, Adolf

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395

Theologifche Literaturzeitung. 1879. Nr. 17.

1. Bernays, J., Lucian und die Kyniker. Mit einer Ueber-
fetzung der Schrift Lucians über das Lebensende
des Peregrinus. Berlin 1879, Hertz. (IV, III S.
gr. 8.) M. 3. 20.

2. Cotterill, J. M., Peregrinus Proteus: An investigation
into certain relations subsisting between ,De morte
Peregrini', ,The two Epistles of Clement to the Co-
rinthians', ,The epistle to Diognetus', ,The Bibliotheca
of Photius' and other writings. Edinburgh 1879,
T. & T. Clark. (XVI, 359 p. gr. 8.)

1. Auf Grund einer Analyfe der Abhandlung Lu-
cian's fucht B. nachzuweifen, dafs die Haupttendenz der
Schrift fich gegen die Cyniker richte, näher gegen den
cynifchen Philofophen Theagenes. Peregrinus ift ja fchon
todt; auf feinen Gefinnungsgenoffen und Freund Theagenes
, der in dem Tractat als ein noch Lebender behandelt
und nicht nachfichtiger charakterifirt wird, als
jener, fei es befonders abgefehen. Wer ift aber Theagenes
? Hier kann der Verf. nach Ablehnung einer Com-
bination des Mofes Solanus eine Entdeckung mittheilen.
Galenus {method. med. 13, 15) berichtet von einer mifs-
glücktcn Kur des Arztes Attalus an einem cynifchen
Philofophen Theagenes in Rom. Der Fall habe
fich erft vor kurzem, fchreibt Galen, ereignet und fei
in weiteren Kreifen bekannt geworden ,wegen der Berühmtheit
des Patienten, da Theagenes täglich im Gym-
nafium des Trajan öffentliche Vorträge zu halten pflegte'.
Der Combination mit dem Theagenes Lucian's wird
nichts im Wege flehen; aber B. geht noch um einen
Schritt weiter und fucht aus den wenigen Worten, in
denen Galenus beiläufig von Theagenes erzählt, feflzu-
ftellen, dafs derfelbe nicht nur ein berühmter, fondern
ein achtungswerther cynifcher Philofoph gewefen ift, ein
Mann, der fo lebte, wie er dachte, und fo dachte, wie er
fprach. Diefem fo erhobenen Thatbeftand gegenüber mufs
aber Lucian's Satyre als ein ebenfo frivoler wie verläum-
derifcher Angriff erfcheinen Beflimmt mag der Spötter
zu dcmfelben worden fein durch die übertriebenen Bewunderungen
, ja Apotheofirüngen des Peregrinus, welche
diefem durch die Cyniker der fchlechteren Sorte, aber
auch in weiteren und befferen Kreifen fteigend zu Theil
wurden. Lucian felbft, der jenen noch perfönlich gekannt
hatte, dachte anders über ihn, und als noch Theagenes,
der nächfle Genoffe des Peregrinus, fich in Rom einen
hervorragenden Namen zu machen begann und dabei
fchwerlich die Verherrlichung des Peregrinus unterliefs,
da fühlte L. fich zu öffentlichem Einfchreiten gedrungen,
während er früher die cynifche Lebensrichtung in einzelnen
Vertretern nicht unfreundlich beurtheilt hatte.
Der Verf. entwirft nun (S. 21—41) eine Schilderung der
Cyniker. Dafs Rohheit und arbeitsfeheues Vagabundenthum
fich unter dem Titel der Philofophie des Antifthenes
einen Freibrief fuchten, ftellt B. natürlich nicht in Abrede;
aber andererfeits fucht er nachzuweifen, dafs der edelfte
Widerfpruch gegen ,die verwefende Civilifation' der alten
Welt fich bei den Cynikern fand und dafs fie gegenüber
den Laftern und der focialen und politifchen Zwangslage
der Zeit für die werthvollften Güter der Menfch-
heit rechtfehaffen und freimüthig geflritten haben —
für die innere Freiheit und Unabhängigkeit des Individuums
und für den Monotheismus. Sie allein unter
den philofophifchen Schulen haben fich zum Pactiren
mit den beftehenden flaatlichen und prieflerlichen Mächten
nicht bequemt, fie haben den Polytheismus, wie die
Monarchie in allen Formen gegeifselt und find doch
dabei nicht ironifche Exiftenzen gewefen, fondern eingetreten
für ftrenge Sittlichkeit und religiöfe Pietät. B.
fleht nicht an, fie in diefer Hinficht mit den Juden und
Chriften im römifchen Reiche auf eine Stufe zu fetzen.
Es fei auch nicht zufällig, dafs Peregrinus vom Chriflen-

thum, mit dem er eines ceremoniellen Verftofses wegen
zerfiel, zum Cynismus übergegangen fei. Der Verf. fucht
noch andere Belege für die Sympathien zwifchen den
Chriften und jenen Philofophen beizubringen und fpricht
von Wechfelbeziehungen zwifchen ihnen, die noch für uns
hervortreten. (Juflin's und Tatian's Verhältnifs zu Cres-
cens; die Enkratiten; der cynifche Philofoph Maximus
nachmals Bifchof von Conflantinopel). Die Gegner hätten
den Zufammenhang wohl erkannt. Wenn Ariftides den
Cynikern den Vorwurf macht, fie feien ,gewiffermafsen
von den Hellenen oder von allen höheren Mächten abgefallen
', fo ift das derfelbe Vorwurf, der die Chriften
trifft, dafs fie die Errungenfchaften der hellenifchen Cul-
tur preisgäben. Je gröfser freilich die Zahl der unberufenen
Träger des cynifchen Coftüms war und je drohender
die Gefahren, die den umgeben, welcher freie
Tugendübung aufserhalb der gefellfchaftlichen Ordnung
predigt, defto weniger konnte der Einzelne auf eine gerechte
Beurtheilung rechnen — ein Mann, wie Epiktet,
hat die Vorzüge, die Gefahren, die Verantwortlichkeit
abzuwägen verftanden, ein Lucian war dazu unfähig.
Die Charaktcriftik Lucian's (S. 42—52) fällt fehr fcharf
aus. ,Man darf vielleicht behaupten, dafs der echte
Cynismus dem Lucian noch unleidlicher gewefen, als
der erheuchelte'. Ein anfeheinend nicht fehr glücklicher
Advocat ift er ohne ernfte Studien ins Literatenthum
übergegangen; unvviffend und leichtfertig trägt er
lediglich eine nihiliftifche Oede in Bezug auf alle reli-
giöfen und metnphyfifchen Fragen zur Schau und reifst
I alles als verkehrt und lächerlich herunter. Nur die im
Kaifer gipfelnde römifche Bureaukratie hat er auch in
ihren fchlimmften Vertretern ftets mit feinem erborgten
Atticismus verfchont: die Menfchen erfüllen nach ihm
ihren Beruf, wenn fie diefer gehorchen und ihre gegen-
feitigen Beziehungen durch einen gewiffen Schliff des
gefelligen Benehmens behaglich machen. Ein folcher
Mann konnte dem Cynismus nur fehr abgeneigt fein
] und er hat ihn deshalb namentlich in dem ,Peregrinus'
und in den ,Fugitivi' auf das unverföhnlichfte bekämpft.
Deshalb darf man aber auch zweifeln, ob fein Bericht
über den Philofophen Peregrinus zutreffend ift. Der Verf.
kritifirt die einzelnen Befchuldigungen und fucht fie als
unglaubwürdig darzuftellen oder fie in ein anderes Licht
zu rücken (S. 52—64); felbft der oftenfible Selbftmord
brauche nicht aus Ruhmfucht hervorgegangen zu fein.
Abgefehen von Gerüchten, die nicht einmal Lucian für
erwiefen auszugeben wagt , bleibt wenig Anderes auf
Peregrinus haften, als dafs er, nach einem Durchgang
durch das Chriftenthum, wie ein Cyniker lebte und
ftarb. Dazu: redliche Männer entlaften ihn, ein Aulus
Gellius, ja indirect auch Tatian. Die Spötter fo fehr
wie die Fanatiker können in blinde Ungerechtigkeit verfallen
und Luzac wird nicht Unrecht haben mit dem
Verdict: Samosatensis hujus seu joci seu calumniae nullius
fatnam minuunt. — Es ift fehr dankenswerth, dafs der
Verf. den Zweck des Tractats einmal fcharf beftimmt
und unter Anderem deshalb die grundlofe Hypothefe,
Lucian habe es befonders auf das Chriftenthum abgefehen
, wieder einmal befeitigt hat; die Entdeckung des
Theagenes bei Galen ift jedenfalls für das Verftändnifs der
Lucianifchen Schrift fehr werthvoll. Das Gleiche gilt von
der Schilderung der Cyniker überhaupt. Tritt der Verf.
unter Vorausfetzung der damaligen Lage der Cultur
und Sitte fehr lebhaft für den echten Cynismus ein,
fo vergifst er doch nicht, daran zu erinnern, welche
Gefahren — und nicht nur für arbeitsfeheue und unaufrichtige
Subjecte — er in fich barg. Indefsen darf
man wünfehen, der Verf. hätte diefes noch ftärker betont
. Wer nicht eine Gemeinfchaft zu ftiften und eine
pofitive neue Regelung des gemeinfehaftlichen Lebens
zu erwirken vermag oder wenigftens die Abficht hat, hat
kein Recht, die öffentlichen Ordnungen und Ueber-
lieferungen der Gefellfchaft, feien fie wie fie wollen,