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Ausgabe:

1879 Nr. 1

Spalte:

18-20

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Warneck, Gust.

Titel/Untertitel:

Die Belebung des Missionssinnes in der Heimath 1879

Rezensent:

Wurm, Paul

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'7

Theologifche Literaturzeitung. 1879. Nr. I.

letzten Jahrzehnten. Die kläglichfle und ärmlichfte aller | zu, dafs jenes .thränenfelige und fittlich marklofe Koket-
Weltanfchauungen, der theoretifchcMaterialismus, welche ' tiren mit dem Verbrecher und dem Verbrechen' aufeine
Zeitlang die Philofophie verdrängt habe, habe in hören müffe. — Mögen diefe Mahnungen gehört werden!
rafchem Gericht der Gefchichte bereits das wohlver- ; Le I jc Dr Thönes.

diente Fiasco gemacht.

Ob wirklich dies Gericht fchon ganz vollzogen ift, Missionsschriften,
mag dahingcftellt bleiben; jedenfalls aber bezeugen man- t;!<t.; _ A _' .

chcrlci Erfcheinungen im geiftigen Leben der Gegenwart, Warneck, Paft. Dr. Gurt., Die Belebung des Missions-
dafs der Kann der Intereffelofigkeit, welchem die philo- j Sinnes in der Heimath. Gütersloh 1878, Bertelsmann,
löphifche Arbeit in dem letztverfloffenen Zeitabfchnitte • (VI, 104 S. 8.) M. 1. 20.

eeeenüberftehen mufste, gebrochen ifl. Und infofern hat ,„ , „ n. rs r~ r, ..- ■ 1 j u 1 tv

Pfleiderer das Thema feiner Antrittsrede glücklich ge- 2' Warneck, Paft. Dr. Guft., M.ss.onsstunden. 1. Bd. D.e
wäMti Miffion im Lichte der Bibel. Gütersloh 1878, Bertels-

Dielelbe ift in ihrer Diction lebendig und frifch und mann. (XI, 295 S. gr. 8.) M. 4. 20.

hat f.cher ihres Eindrucks auf die Hörer "'cht verfehlt. 3 Wa an Miffionsdir. Dr., Geschichte der Ber-
Sie gliedert (ich in zwei 1 heile, von welchen der erfte

(S. 6—21) das theoretifche, der zweite (S. 21—36) das
praktifche Verhältnifs der Philofophie zum Leben erörtert
. In erftcrer Beziehung erklärt der Redner, dafs

liner Missionsgesellschaft und ihrer Arbeiten in Südafrika
. 4. Bd., enthaltend: Die Gefchichte der
Berliner Miffion im Baffuto-Lande (Transvaal-

h ine Wiffenfchaft durchaus aus dem Leben zu erwachfen j Republik). Berlin 1877, Wohlgemuth in Comm. (XVI,

habe. Darum mülfe fie die Wege der nachkantifchen 1 g g 8) M ; _

Conftructionsmanier verlaffen und auf Kant zurückgehen, ' '

aber fo, dafs Erfahrung und freies Denken gleichmäfsig I Nr. 1 gehört gewifs zum Beften, was in den letzten
zu ihrem Rechte kämen. Der Erfahrung fei ein doppel- Jahren über die Miffion im Allgemeinen gefchrieben
tes Zugeftändnifs zu machen. Einmal gebe es in ma- ] worden ift. Das Schriftchen empfiehlt fich ebenfo fehr
teiialer Hinficht nichts Inhaltliches in unferem Bcwufst- ' durch die klare und umfichtige Beachtung der zu überfein
, was nicht reeeptiv vom auffaffenden Geifte hinzu- ! windenden Schwierigkeiten und der häufig vorgekom-
nchmen wäre, und andererfeits könne in formaler Be- menen Fehler wie durch das warme Intcrcffe für die
Ziehung kein Wirklichfein auf anderem Wege conftatirt I Sache, der es dienen will. Warneck geht davon aus,
werden als durch Contact eines fraglichen Gedanken- dafs man dankbar fein dürfe für die fortfehreitende An-
moments mit dem Leben. Aber auch der Rationalismus , erkennung, welche die Miffion in den letzten 30 Jahren
oder das freie Denken müffe fein Recht erhalten (S. II), trotz aller Feindfchaft habe erfahren dürfen, indem felbft
Dies zeige fich fchon bei einer genaueren Präcifirung des j die freiere Theologie ihre principiclle Berechtigung an-
Begrilfs der Erfahrung. Schon die Aufsenwelt könne j erkannt, und immer mehr Vertreter der Wiffenfchaft ihre
nur aufgefafst werden durch Mithülfe unferer phyfifch- Verdicnfte in geographifcher, linguiftifcher und ethno-
pfychifcnen Organisation; die Formalbcgriffe oder Rela- logifcher Beziehung gewürdigt haben; er hebt hervor,

tionen, obwohl zur Naturfeitc unferes Wefens gehörig
feien doch fubjetiven Urfprungs; auch erleide der Begriff
der Erfahrung fonft noch auf dem Boden der Innenwelt
mancherlei Modificationen (S. 11 —13). Jedoch
auch die Berechtigung des .bewufstabfichtlichen conftruc

wie nicht nur die Miffionsfefte und die Miffionsliteratur,
fondern auch die Einnahmen der deutfehen Miffionsge-
fellfchaften in den letzten 30 Jahren um das Dreifache
gewachfen feien, und wie die Miffion wieder fegensreich
auf die Kirche zurückgewirkt, indem fie die Augen für

tiven Denkens' müffe anerkannt werden, welches trotz . fo manche Noth in der Heimath erft geöffnet habe
aller Formalnatur doch nicht nur durch Analyfiren, fondern '< Aber der Miffionsfinn bedürfe einer Belebung, weil die
auch durch Uebertragen nach Analogie, durch Projiciren Einnahmen der meiften Miffionsgefelifchaften in den
der Innenwelt auf die Aufsenwelt, durch Idealifiren und j letzten Jahren hinter den Ausgaben zurückgeblieben feien,
Centralifiren fich als das ,räthfcllöfende Princip der Welt' j was den Fortfehritt des Werks in der Heidenwelt hemme,
bewähre. Pfleiderer hat wohl F. A. Lange im Auge, Er weift nun mit Zahlen nach, wie Deutfchland viel
wenn er von dem .freien Denken' den Vorwurf des weniger leiftet als England und Amerika, und in Deutfch-
Dichtens abwehrt; und im Gcgenfatz gegen Kant will land wieder die örtlichen Gegenden (Mecklenburg ,,1,, M.,
er das freiconftruetive Denken, welches allerdings nur I Königreich Sachfen X M. jährl. Miffionsbcitrag auf den
heuriftifch-hypothetifchen Werth habe und mit der Wirk- 1 Kopf der evangelifchen Bevölkerung) weniger als die
lichkeit immer Fühlung behalten muffe , unbegrenzt weltlichen (Rheinlande ■},, M., Württemberg über J M.).
wiffen, wenn auch an gewiffen Punkten ftatt des Wifftns Aber auch die Art und Weife, wie die Beiträge zufatn-
die andersartige Seelenfunction des Glaubens einfetzen mengetrieben werden müffen, zeuge von einem Ermatten
müffe. Er lehnt es ab, die .naturwiffenfehaftliche Me- des Miffionsfinns. Deshalb bedürfe derfelbe einer Be -
thode' für die philofophifche Arbeit zu empfehlen; diefe ' lebung, und diefe müffe zuerft von innen heraus ge-
durfe fremdem Gebiete nicht autöctroyirt werden; wohl fchehen durch Verinnerlichung undKraftwerdung des ge-
aber müffe der Philofoph ftreng, vorfichtig und gewiffen- ; fammten chriftlichen Lebens (S. 30), Belebung des per-
haft verfahren. | fönlichen Glaubens innerhalb der kirchlichen Kreife

Das praktifche Verhältnifs der Philofophie zum Le- I (S. 32). ,Was uns ohnmächtig macht, das ift nicht die
ben beftimmt fodann Pfleiderer dahin, dafs fie als Prin- j antichriftliche Zeitftrömung, fondern der aus dem Un-
eipienwiffenfehaft fich zunächft allen Facultäten gleich- I glauben flammende Peffimismus der Gläubigen, der die-
mäfsig darbiete und kein Appendix der Theologie fei, fer Strömung gegenüber den Muth verliert und in Verferner
gegenüber der in der Neuzeit beträchtlich erhöh- 1 ftimmung geräth' (S. 34). Als zweites Mittel zur Beten
Publicität und Gemeinfamkeit des Lebens der flu- , lebung des Miffionsfinns nennt W. ein gründliches Mif-
direnden Jugend die Möglichkeit eines principielleren ; fionsverftändnifs (S. 37), aber nicht durch Mittheilung
Verftändnifses der künftigen Lebensprobleme erfchliefse des kleinften Details aus der Miffionsgefellfchaft, zu
und endlich ein offenes Organ fei ihrer Zeit und Ge- j welcher man hält. ,Die Langweiligkeit ift das ficherftc
fchichte. — Im Zufammenhang diefes zweiten Theils Mittel den Miffionsfinn abzukühlen' (S. 38). Es follen
richtet der Redner an die jungen Medicincr die Mahnung, Lebensbilder in grofsen Zügen gegeben , vor allem
dafs fie für ihren künftigen Beruf der Humanität mit aber foll das Auge für die Miffionsgedanken der Bibel
.einem guten Tropfen philofophifchen Oels' fich falben j geöffnet werden, während die Paftoren in ihren Predigten
laffen, und dem Humanitarismus unferer Tage ruft er | diefelben häufig uberfehen. Die Prediger follen fich