Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1879 Nr. 1

Spalte:

10-11

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Preger, W.

Titel/Untertitel:

Der Tractat des David von Augsburg über die Waldesier 1879

Rezensent:

Herzog, Johann Jakob

Ansicht Scan:

Seite 1, Seite 2

Download Scan:

PDF

9

Theologifche Literaturzeitung. 1879. Nr. 1.

to

Überfläche tritt, fo fpielt er doch in dem Innern der ! bezeichnet werden kann. — Ein Verfetten, das dem Ver-
Syfteme eine grofse Rolle bis in die neuefle Zeit hinein, faffer begegnet ift, das freilich fchon Erdmann in
Man braucht nur an Schopenhauer und Hegel auf der J feiner Befprechung der Arbeit (Zeitfchr. f. Philof. u. philof.
einen, an Herbart und Beneke auf der andern Seite zu Krit. Bd. 70) monirt hat, will ich wenigftens nicht un-
denke'n. Und wenn auch etwas verfchoben, tritt er wie- ! erwähnt laffen. Er fieht nämlich die fogenannte Thcologia
der in den Vordergrund für die denkenden oder philofo- ■ Aristotelis als eine Ueberfetzung der moiyieicoaig ireoloyi/.i,
phirenden Naturforfcher der Gegenwart, indem es fich des Proklos an.

da um die reale Giltigkeit der Artbegriffe handelt. In Leipzig M Heinze

der mittelalterlichen Scholaftik war die Frage bekanntlich
von hervorragendem Range fo dafs fich theilweife preger Dr. W., Der Tractat des David von Augsburg über

die Gefammtanfchauungen je nach der Entfcheidung über 0 iu„ija„:„„ ra 1 auu m 1 1 t

he beffimmten Waldesier. [Aus den Abhandlungen der k. bayer.

Wiewohl nun in allen ausführlicheren Gefchichten Akademie der Wiff. III. Cl. XIV. Bd. II. Abth.]
der Philofophie auf diefen Streit gebührende Rückficht j München 1878, Franz in Comm. (55 S. 4.) M. 1. 60.
genommen ift, und auch bedeutende Forfcher wie: Coufin Wjr hejfsen diefe neu£ Arbdt des lehrten Ver.

und Haureau der Entwicklung desfe ben im Mittelalter faffers dankbar willkommen. Sie ichliefst fich an desfel-

fpeciellere Aufmerlffan:keit zugewandt haben, fo ift doch ben Verfaffers ,Beiträge zur Gefchichte der Waldefier im

eine: ausgefuhrtere und gründliche Darftellungd1eferC0nt.ro- Mittelalter« (München 1875) an. Sic empfängt von daher

verfe, wie fie m der Arbeit Lowe s vor uns hegt, von j Licht und wirft hinwieder3urn Licht auf jene Beiträge. Je

grofsem Werthe befonders da fich Lowe nicht ganz in i mehr die heuti Qefchichtforfchung es fich zum Gefetz

den betretenen Pfaden halt. Er verfolgt die Spuren der i macht; überaU WQ mö ljch auf die urfprünglichen Quellen

beiden Richtungen bis in die Zeit des Piaton und An- zurückzugehen defto gröfseres Gewicht muffen wir auf

tifthenes, wo fich fogle.ch dem Reahsmus der Ideenlehre die Entdeckung jeder neuen Quclle 1 Uebrigcns ift

der Nominahsmus welcher fagte, die Ideen feien xlulm , VQn dner neuen gue,g hier ^ dJe R(g fon_

tvvnia, gegenüberftellte und weicht darin von der ge- j dem da dafs jetzt erft der ei tliche Verfaffer der

wohnlichen Annahme ab dafs er nicht nur an die fo- vorliegenden Schrift und der authcntifche und vollftän-

genannten qmnque iw« des 1 orphynos den Streit des dj ■ Schrift an das Tageslicht gebracht wird.

Mittelalters anknüpfen, fondern am Schluffc der antiken & Unter den Quellen zur Gefchichte der Waldenfer

Philofophie alle Hauptrichtungen fchon vertreten fein kannte man fchon lange einen tractatus dehaeresipauperum

läfst, von 1 orphynos den entschiedenen Realismus, von dg Lvgdmo abgedruckt bei Martene und Durand, the-

Boethius, ferner von Macrobius und Chalcidius ver- sauntfnavus etc. *T<m. V, und einem Dominikaner Yvonet

mittelnde Richtungen und von Marcianus Capel a den zugefchrieben. An der Richtigkeit diefes Namens hatte

ausgefprochenen Nominahsmus. Das Mittelalter hat dann, l fchon der gelehrte Dominikaner Echard gezweifelt. Da-

w.e Lowe weiter ausfuhrt, den Kampf wieder aufgenom- rauf machte pfeifer die Anficht ,tend d*fe ^ Yy

men, fortgefetzt, durch eingefchobene Mittelglieder modi- fondern David von Augsburg, der Lehrer Berthold's von

ficirt, mit einem grofsen Aufwände von Scharffinn bis Regensburg der Verfaffer fei i), fich gründend auf eine

m die feinften Unterfcheidungen verzweigt, aber es hat Stuttgarter Randfchrift vom Jahre 1469, worin der Trac-

din weder gefchaffen, noch eine Lofung zu Stande ge- , tat einem fyater David dg ordme mmomm zugefchrieben

bracht, die niclit fchon vorher im Wefenthchen. gegeben wird p theüt 7War dic Anficht von Pfelfe findet

worden wäre. Der Verfaffer verfolgt dann die verfehle- abcr feinc Beweisführung ungenügend; er will nun ver-

denen Nuancen durch das Mittelalter bis zu üccam und , fucherij den noch mangelndcn Beweis dafür beizubringen

Buridan fehr forgfaltig indem er auch naher eingeht auf wobei £r mit Recht die Thatfache hervorhebt dafs er

die Statuslehre des Walter von Mortagne und die In- l auf der Hof. und Staatsbibliothek in München eben-

differenzlehre, wie f,e fich in der -Schrift De genenbus , falls dne Handfchrift jenes Tractates gefunden, welche

et speaelms und in den Gloffcn Abalard s zur Isagogc fin- dnen frater David a|s Verfaffer bezeichnet. Preger führt

det, fowie auf den Einflufs der Araber und er bringt nun den angekündigten Beweis auf erfchöpfende Weife

,n manche fubtile und auch etwas dunkle Partien dankens- durch £s gdlt nafamlich in der Stuttgarter Handfchrift

werthe Klarheit. . ... , r unferem Tractat eine Schrift voraus, die summa fratr/s

Rechten konnte man mit ihm darüber dafs er alle David on{mis minomm de reformalionc spiritus und als
Vermittelungsvcrfuche zu dem Realismus zahlt und alfo deren dritter Thdl mit derfelben Verfafferbezeichnung
auch Abalard in die Re,he der Reahften Hellt. P reihch 1 die Schdft dc m processibm reUgiOSorum, deren anhandelt
es fich dabei nur um die Bedeutung des Begriffs erkannter Verfaffer kein anderer als David von Augsburg
Realismus, den man enger und Sir^'w « ^nd deren gewöhnlicher Titel feminin novitiorumX^tä.
Um die Darftellung der Lehre einzelner Scholaltiker hat
Löwe entfehiedenes Verdienft. Ich will hier nur noch
hervorheben, wie er die Anficht Abälard's, bekanntlich
in der Regel Conceptualismus genannt, womit freilich
wieder nichts Beftimmtes bezeichnet wird, präcifirt. Nach
diefem fei das Wort als Wort, als Ganzes von Lauten,
etwas Individuelles und könne daher nicht prädicirt werden
. Infofern es aber für die Bezeichnung gelte eines
in den Dingen fich findenden und vom Denken erfafsten
Gemeinfamen, könne es prädicirt werden, als Bezeichnung
eines Begriffs, eines Conceptus. Doch fei dann der
Conceptus nicht als das in den Dingen exiftirende Allgemeine
auszugeben. Denn die Ausfage erkläre nicht:
der Conceptus exiftire in den Dingen, fondern nur, dafs
etwas in ihnen exiftire, was den Conceptus veranlaffe.
Der Conceptus als folcher fei nur im Verftande ; dagegen
das im Conceptus Erfafste oder Zufammengefafste fei
ein Objectives, in der Natur der Dinge Liegendes, von
dem Schöpfer Begründetes. — Es wird fo deutlich, wie

Abalard trotz feines Conceptualismus noch als Realift fchen Myftik, i. Band, s. 268 ff. weitläufig mu.

Desgleichen hat die Münchener Handfchrift unter gleichartiger
Verfafferbezeichnung die oben erwähnte Schrift
des David von Augsburg und noch eine andere von dem-
felben Verfaffer; was daraus hervorgeht, dafs das Anni-
verfarium des Augsburger Minoritenklofters fie unter den
Schriften feines berühmten Mitgliedes anführt. Es ift
eine Auslegung der Regel des Franz von Affifi. Damit
ift der Beweis geliefert, dafs die Schreiber der beiden
Handfchriften unter frater David denfelben Verfaffer
meinen, der die forvmla novitiorum gefchrieben. Es frägt
fich aber noch, ob die Schreiber fich nicht geirrt haben,
d. h. ob der Verfaffer der formula unfern Tractat wirklich
gefchrieben. Um darüber in's Reine zu kommen,
geht Preger auf die nähere Betrachtung jener beiden
Schriften ein und zeigt, dafs fie das gleiche Gepräge der
Anfchauung und des Stiles tragen, dafs fie auch in der

i) S. Haupt's Zeitfchrift für deutfehes AlterUnim, Bd. ix, S. 55 ff.
Ueber David v. Augsburg fpricht fich Preger in der Gefchichte' der deut-