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Ausgabe:

1879 Nr. 12

Spalte:

276-278

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Huemer, Johs.

Titel/Untertitel:

De Sedulii poetae vita et scriptis commentatio 1879

Rezensent:

Möller, Wilhelm

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Theologifche Literaturzeitung. 1879. Nr. 12.

276

den gelehrten Werken von Liiken (Die Traditionen I
des Menfchengefchlechts, 2. Aufl. 1869) und Stiefelhagen
(Theologie des Heidenthums, 1858) vertreten.
Ihr fchliefst fleh auch der Verf. obiger Monographie
über die Logoslehre ,ohne Rückhalt' an; und die erfte
Frage, die er fleh in feiner Monographie ftellt, lautet infolge
deffen fo: ,Bietet die Mythologie Anhaltspunkte,
aus welchen auf die Uroffenbarung der Trinität, oder
genauer auf die Uroffenbarung des weltfchaffenden Logos
Gottes gefchloffen werden darf?' (S. 9)

Er durchmuftert unter diefem Gefichtspunkt zunächft
die Religionsfyfteme der Chinefen, Perfer, Inder und
der jüdifchen Kabbala; findet jedoch in diefen keine
deutlichen Spuren der Idee eines perfonificirten .Wortes'
Gottes (S. 9—22). Auch in der griechifchen Philofophie
aber könne ,von einem göttlichen Logos im Sinne der
Offenbarung' keine Rede fein (S. 26, überhaupt S. 23—
29). Es zeigt fleh demnach, dafs gerade den wichtigften
Religionsfyftemen des Heidenthums jener Gedanke fremd 1
ift. Da diefe aber ein Widerfchein der Uroffenbarung 1
find, fo folgt daraus, dafs die Idee des göttlichen Logos
und der trinitarifche Gottesgedanke kein Beftandtheil der
Uroffenbarung waren. Vielmehr find ,die Offenbarungen
über den Logos erft mit dem wachfenden alten Bunde
entftanden' (S. 30).

Nachdem der Verf. auf diefem Umwege endlich da
angelangt ift, wovon eine wiffenfchaftliche Behandlung
eigentlich auszugehen hätte, giebt er nun eine vergleichende
Darfteilung der altteftamentlichen Weisheitslehre
und der jüdifch-alexandrinifchen Logoslehre. Für die
erfeere werden aufser Hiob und Provert»ien auch das
das Buch Baruch, Jefus Sirach und die Weisheit
Salomonis benützt; und zwar fo, dafs kein Unterfchied
innerhab diefer fünf Schriften gemacht wird. Sie alle
find in gleicher Weife kanonifch (S. 60) und fprechen
über unfern Gegenftand ,nur ein Bewufstfein' aus, wie
der Verf. S. 37 Anm. mit Staudenmaier's Worten fagt.
— Die Tendenz der ganzen Darfteilung geht dahin, die
gänzliche Verfchiedenheit der altteftamentlichen Weisheitslehre
und der jüdifch-alexandrinifchen Logoslehre nachzu-
weifen. Die Grenze zwifchen beiden ift eine fo fcharfe,
dafs ein Herauswachfen der letzteren aus der erfteren .niemals
möglich war und niemals vernünftigerweife angenommen
werden kann' (S. 69). Den offenbarungsmäfsigen Gedanken
des Logos als einer mit Gott gleichen, aber
felbftändigen perfönlichen Hypoftafe vertritt allein die
altteftamentliche Weisheitslehre. Gänzlich davon ver-
fchieden ift die unter dem Einflufs der griechifchen Philofophie
flehende jüdifch-alexandrinifche Logos-Specu-
lation. Die göttliche Sophia felbft ift nichts Anderes
als der Sohn, der Logos Gottes (S. 30), d. h. nach dem
Sprachgebrauch des Verfaffers die zweite Perfon der
Gottheit im Sinne der kirchlichen Trinitätslehre. Die
philonifche Logoslehre dagegen fchwankt unklar zwifchen
den verfchiedenartigften Beftimmungen hin und her.
,Keine Beftimmung aber des philonifchen h'yyog läfst
fleh mit den Glaubenslehren der Bibel vereinbaren, und
wo es den Anfchein hat, dafs er in einem Punkte mit
der ao(ft<< der Clietnbim fleh gleichftellen laffe, da räumt
eine gegenthcilige Beftimmung des Xnyoc; alsbald diefe
Möglichkeit wieder fort' (S. 79).

Dies der Grundgedanke unferes Verf.'s. Wenn wir
noch hinzufügen, dafs die weitere Ausführung dem ent-
fpricht, was man nach folchen Vorausfetzungen von dem
Buche erwarten darf, fo haben wir Alles gefagt, was
zur Charakteriftik des Buches nöthig ift. Zu einer
fruchtbaren und die Sache fördernden Behandlung fehlt
vor allem Eines: wiffenfchaftliche Unbefangenheit. Und
man kann nicht einmal fagen, dafs der Verflach, die vorausgefetzte
Thefis zu beweifen, mit befonderem Gefchick
unternommen fei. Dabei foll nicht geleugnet werden,
dafs der Verf. viel Fleifs auf die Arbeit verwendet und
dabei eine achtungswerthe fcholaftifche Gelehrfamkeit

an den Tag gelegt hat. — Als Stilprobe erlauben wir
uns noch anzuführen S. 47: ,Ehe die Sonne auftaucht
in der PVühe, malen ihre Strahlen am Firmament ein
herrlich Morgenroth. Ehe die Weisheit Gottes Menfch
geworden, verklärte fle das von heiliger Weisheit trunkene
Gemüth der altteftamentlichen Hagiographen' (sie!).

Giefsen. E. Schürer.

Huemer, Dr. Johs., De Sedulii poetae vita et scriptis com-
mentatio. Wien 1878, Holder. (123 S. gr. 8.) M. 3. 60.

Diefe Monographie über den chriftlichen Dichter,
welcher durch das ganze Mittelalter und darüber hinaus
ein fo grofses Anfehen genoffen hat, ift als eine fehr
gründliche und forgfältige Arbeit mit Freude zu begrüfsen.
Bekanntlich ift die gefchichtliche Perfon des Sedulius
von ftarkem Dunkel umgeben. Conftatirt doch der Verf.,
dafs felbft der Vorname des Dichters Coelius (Caelius,
Caecilius etc.) keineswegs ganz ficher geftellt ift. Was
feine Herkunft betrifft, fo wäre es wohl kaum erforderlich
gewefen, noch wieder auf Widerlegung der durch
Trithcmius verbreiteten irrthümlichen Anficht einzugehen,
dafs Sed. ein geb. Schotte fei, eine Anficht, welche auf
einer Verwechselung mit dem fpäteren fchottifchen Sedulius
des 9. Jahrhunderts beruht. Der Verf. hatte fchon
in der Ztfchr. f. öfterr. Gymn. 1876, S. 500 ff. auf ver-
fchiedene Gloffen in Handfchriften des Sed. hingewiefen,
die fleh auf fein Leben und feine Poefie beziehen. Einer
folchen entnimmt er die Nachricht von italienifcher Abkunft
des Sedulius, welche auch in den Worten Ald-
helms (bei Jaffe, Mon. Mogwit. p. 41 sq.) eine Beftätigung
findet. Auch dieZeitbeftimmung ift ftreitig. Wenn Teuffei
den Sedulius erft dem ausgehenden 5. Jahrhundert zuweift,
fo ftützt er fleh befonders auf die in vielen Handfchriften
des Sedulius enthaltene Notiz, dafs der vir dar. Astcrius,
der (im Jahr 494) Conful war, die Dichtung des Sedulius
aus deffen Papieren redigirt und herausgegeben habe, fo-
wie auf den Umftand, dafs Gennadius de viris illustr. den
Sedulius nicht aufführe, während dann Venantius Fortu-
natus, Caffiodor und Ifidor feiner gedenken. Unfer Verf.,
welcher Sed. bereits der Mitte des 5. Jahrh. zuweifen
will, fucht gegen das letztere Argument geltend zu
machen, dafs des Gennadius Werk in feiner jetzigen
Geftalt lückenhaft fei. Indeffen die Nachweifungen des
Verf.'s aus Handfchriften beftätigen zwar das auch fonft
Bekannte, dafs namentlich gegen Ende der vitae fleh
Differenzen in den Codd. finden, würden aber doch zunächft
nur die abftraetc Möglichkeit begründen, dafs über
Sedulius urfprünglich im Gennadius etwas geftanden habe.
Einen pofitiven Anhalt würde freilich die Verlicherung
Sirmond's bieten, se in integro exeviplari Gcnnadii quaedam
ad Sedulium pertinentia legisse. Indeffen bleibt, wenig-
ftens fo lange die Worte nicht vorliegen, die Annahme
ebenfo berechtigt, es könne fleh hier um einen unechten
Zufatz zu Gennadius handeln. Anderfeits darf nicht
vergeffen werden, dafs auch das Schweigen des Genn.
noch nicht gegen das Vorhandenfein des Sedulius ent-
fcheiden würde. Ins Gewicht fällt nun allerdings die
vom Verf. (S. 21 ff.) nach ihren verfchiedenen Varianten
forgfältig erörterte alte Nachricht in zahlreichen Sedulius-
handfehriften, welche befagt, dafs Sedulius in Italien als
Laie die Philofophie erlernt, dann unter Beirath des Ma-
cedonius (jenes Mannes, an welchen die Dedicationsepiftel
des carmen pasch, gerichtet ift) die Dichtkunft gelehrt
habe; in Achaja habe er feine Bücher gefchrieben zur Zeit
Theodofius des Jüngeren und Valentinians (III): sieut in
catalogo illustrium reperimus, quem beatus Hieronymus in-
choavit, Paterius (sie!) vero diseipulus ejus perfecit, denn
wie man auch das offenbar corrumpirte Paterius ver-
ftehen will — am bellen doch mit dem Verf.: posterius
— immer bietet fleh Gennadius zunächft dar. Dazu
kommt, dafs auch Sirmond in feinem ,vollftändigen'
Gennadius auf die Zeit Theodofius des J. hingewiefen