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Ausgabe:

1879 Nr. 11

Spalte:

243-248

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Herzfeld, L.

Titel/Untertitel:

Handelsgeschichte der Juden des Alterthums. Aus den Quellen erforscht und zusammengestellt 1879

Rezensent:

Kamphausen, Adolf

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Theologifche Literaturzeitung. 1879. Nr. II.

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priefterlichen Gefetzesfammlung entwickelter ift, als im
jehoviftifchen Buch und bei den vorexilifchen Propheten'.
Doch verzichtet der Verf. auf jeden Rückfchlufs aus
diefer Thatfache auf die Abfaffungszeit der genannten
Quellen, zumal die Entwickelung des Heiligkeitsbegriffes
nicht geradlinig verlaufen fei. — Die Hauptfrage, die
fich bei der ganzen Erörterung erhebt, ob nämlich ffinp
zunächft von der Gottheit oder von dem Gottgeweihten
gebraucht worden fei, läfst fich nach dem Verf. (p. 87)
nicht ftrict beantworten; doch erklärt er das letztere
für das wahrfcheinlichere. Nur da, wo als directe
Bezeichnung des von Jahwe geforderten phyfifchen und
fittlichen Reinfeins dient, finde wahrfcheinlich eine fpä-
tere Uebertragung des Gottheitsprädicates auf die Men-
fchen ftatt (p. 77).

Die zweite xVbhandlung, die der Verf. im Vorwort
als einen ,erften Wurf bezeichnet, fteht nach feiner Intention
mit der erften infofern im engften Zufammen-
hang, als auch die cultifche Bedeutfamkeit irdifcher Gegenstände
(Gewäffer und Bäume) dem Grundgedanken
der femitifchen Religionen nicht widerfpricht, nämlich
der himmlifchen Natur der femitifchen Gottheiten; in
dem altteft. Begriffe der Heiligkeit aber erblickt der Verf.
nur eine ,Fortbildung und Vertiefung der allgemein femitifchen
Vorftellung von der himmlifchen, das Irdifche
vernichtenden Erhabenheit der Gottheit' (f. Vorwort
p. V). Dem Obigen entfprechend dient die ganze Fülle
von Nachweifen, welche der Verf. über die heiligen Gewäffer
, Bäume und Höhen bei den Phöniziern und Syrern
, den Arabern und Hebräern beibringt, immer wieder
zur Begründung des Hauptfatzes (p. 147): durch alle j
jene Culte wird nicht ein zweites tellurifches Element
der femitifchen Götterwelt neben dem aftralen reprä-
fentirt; vielmehr find die hl. Dinge auf Erden höchftens
Abbilder des göttlichen Wefens und Aeufserungen der
göttlichen Wirksamkeit, die allein — und zwar von oben
her — Leben und Segen fpendet. Auf diefe ausfchliefs-
lich himmlifche Natur der femitifchen Götter ift nach
dem Verf. auch der vielbefprochenc Schein einer mono-
theiftifchen Anlage der Semiten zurückzuführen. Eine
Herleitung des Baum- und Steincultus aus urfprünglichem
Fetifchismus ift nach p. 266 fchon bei dem Hinblick auf
die älteften Zeugnifse, nämlich die in den Gottesnamen
enthaltenen, unmöglich. Leider müffen wir es uns vertagen
, dem Verf. für die vielfache Belehrung, die wir
auch aus diefem 2. Abfchnitt gefchöpft haben, durch
die Hervorhebung von Einzelheiten zu danken. Nur
das möge noch bemerkt fein, dafs der Verf. durch ein
reichhaltiges Regifter auch für die fpätere Benutzung
feiner Studien zum Nachfchlagen geforgt hat. — Von
Druckfehlern ift uns nur Cybebes für Cybeles (p. 206,
Z. 5) aufgefallen. Statt der Pielform "inp (p. 23 al.)
wäre nach 4 M. 6, 11. 1 Kön. 8, 64 vielmehr vi-p zu
fetzen gewefen.

Bafel. E. Kautzfeh.

Herzfeld, Landesrabb. Dr. L., Handelsgeschichte der Juden

des Alterthums. Aus den Quellen erforfcht und zu-
fammengeftellt. Braunfchweig 1879, J- H. Meyer-
(VIII, 344 S. gr. 8.; M. 6. —

Der Wunfeh, mit welchem der befonders durch die
dreibändige ,Gefchichte des Volkes Jisrael von Vollendung
des zweiten Tempels bis zur Einfetzung des
Mackabäers Schimon zum hohen Priefter und Dürften' in
der gelehrten Welt bekannte würdige Verf. feine Vorrede
(S. VI) fchliefst, ,dafs diefe langjährige Arbeit eine
freundliche Aufnahme finden möge', Scheint mir der Erfüllung
im Allgemeinen ziemlich ficher zu fein. Die
kurze Einleitung (S. i—8) über die ältefte Zeit bittet
zunächft um Entfchuldigung, dafs diefe bis in die tal-
mudifche Zeit reichende Handelsgefchichte der alten
Juden den Ausdruck Juden' um der Kürze willen ,auch

für jene Zeiten gebraucht, in welchen Ifrael noch nicht
zum Volke der Juden eingefchrumpft war'. Schon als
jüdifcher Geistlicher hat Herzfeld ein Recht, den Namen
Juden' in Elhren zu halten und nicht ängftlich zu fcheuen;
ich finde den gewählten Titel unferes Buches um fo
treffender, als dasfelbe ja feiner Maffe nach mit jenem
Zeitraum fich befchäftigt, der etwa 100 Jahr nach Alexander
d. Gr. beginnt und etwa 100 Jahr n. Chr. G. fchliefst.
Pur diefe 330 Jahre ift es wohl weniger paffend, wenn
der Verf. die paläftinifchen Juden gerne als Judäer
bezeichnet. Der erfte Abfchnitt des Buches (S. 9—66)
befpricht ,die verfchiedenen Phafen des altjüdifchen
Handels von der Einwanderung in Paläftina (d. h. von
der Befitznahme Kanaans) an bis in die Zeit der Ptole-
mäerherrfchaft über dasfelbe'. Als zweiter Abfchnitt
(S. 67—168) folgt ,der judäifche Handel von etwa 230
v. Chr. bis tief in die talmudifche Zeit hinein'; darnach
kommen als Beilagen zu den 2 erften Abfchnitten die
erfte Beilage (S. 171 —185): ,Ueber die paläftinifchen
Geldarten, Gewichte und Mafse von der älteften Zeit bis
zum 3. Jahrhundert' und die zweite Beilage (S. 185 — 197):
,Von den Preifen der wichtigften Handelsgegenftände
in diefer Periode, und einige verwandte alte Nachrichten'.
Der dritte Abfchnitt endlich (S. 199—270), der gleich
den früheren in 5 Capitel (hier als 11.—15. gezählt) zerlegt
ift, trägt die Ueberfchrift: ,Weitere Handclsthhtigkeit
der aufserpaläftinifchen Juden, bis etwa 100 n. Chr.' Auf
den zufammenfaffenden ,Schlufs' (S. 271—278) des
Buches folgen dann (S. 281—344) in Geftalt von 35 Noten
längere oder kürzere Ausführungen und Bemerkungen,
durch deren Ausfcheidung der Verf. fein Werk für das
nichtgelehrte Publicum lesbarer gemacht zu haben hofft.

Trotz der faft durchweg fehlenden hebr. Typen ift
das Hauptabfehen Herzfeld's auf gelehrte Lefer gerichtet
, und zwar in erfter Linie auf jüdifche Gelehrte,
wie denn ,der jüdifche Stamm' als ,unfcr Volk' bezeichnet
wird. Ich bezweifle auch nicht, dafs der gelehrte
Verf. über manche Stelle des Talmud neues Licht verbreitet
habe. Verhältnifsmäfsig gering erfcheint mir dagegen
der Gewinn, welchen die chriftliche Bibelforfchung
aus diefem Buche zu ziehen vermag; da indefs auch
diefe, namentlich die fog. NTliche Zeitgcfchichte, bei
dem die Belegftellen meiftens forgfam anführenden Werke
eines fo verständigen und wahrheitsliebenden jüdifchen
Forfchers unmöglich ganz leer ausgehen kann, fo bedauere
ich den Mangel eines genauen Sachregifters fehr.
Ein gutes alphabetifches Verzeichnifs würde die vielen
zerftreuten Einzelheiten, z. B. intereffante archäologifche
(vgl. S. 114) Notizen über Handelsartikel, für Solche erft
recht zugänglich machen, welche fich durch den Hypo-
thefenreichthum und die jüdifche Tendenz des Buches
leider von einem genaueren Studium desfelben follten
abfehrecken laffen. Weniger fchlimm ift das Fehlen
eines Druckfehlerverzeichnifses; entfpricht doch dem
fchönen Papier im Ganzen ein guter Druck, fo dafs man
fich die vorhandenen Verfehen (z. B. S. 41 1. es ft. ihn;
S. 76 1. erkaufte ft. verkaufte; vgl. S. 127 f. indentifch,
indentificirt) leicht verbeffern kann. Obgleich die Grup-
pirung des Stoffes mitunter an Schwerfälligkeit leidet
und Wiederholungen nicht fehlen, fo find doch im Allgemeinen
Darfteilung und Sprache lobenswcrth. Selten
finden fich Anglicismen wie S. 13: Salzfellcr, S. 36: Hoch-
ftrafsen, oder weniger gute Ausdrücke und Wendungen,
z. B. S. 16: renommirt, S. 124: fich ausfprechen von (ft.
über), S. 193: davon (ft. dadurch) beftätigt, dafs, S. 220:
reihenach (ft. der Reihe nach), S. 278: zuweilige Wallfahrten
, S. 314: Drittens hatte es fich auch entwickelt,
Briefe zu fchreiben. Weniger wichtig ift ,mittelafifch'
(S. 142. 217) neben ,afiatifch', und kaum darf ich das
falfche ,allmälig' ft. allmählich = allgemächlich) dem
Verf. zum Vorwurfe machen.

Der wiffenfehaftliche Werth des Buches beruht befonders
darauf, dafs der Verf. bemüht war (S. 90), ,vor