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Ausgabe:

1877 Nr. 11

Spalte:

298-305

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Mainländer, Philipp

Titel/Untertitel:

Die Philosophie der Erlösung 1877

Rezensent:

Pfleiderer, Edmund

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Theologifche Literaturzeitung. 1877. Nr. II.

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charaktervoller, bedeutender Perfönlichkeiten geführt.
Zweimal ftand die Kirche an dem Punkte, wo fie, die
Gunft der politifchen Lage klug benutzend, ihr behauptetes
Recht nahezu zum Sieg gebracht hatte; beidemal
erhebt fich fofort wieder die Reaction des Staatsgedankens
dagegen. In vorzüglich merkwürdiger Weife ge-
fchah dies zu Ende des 12. Jahrhunderts durch den König
Sverrir. Schon damals — denn König Sverrir verfocht
feine Sache auch mit literarifchen Waffen — treten dem
Syftem des Dccretalenrechtes die nämlichen principicllen
Anfchauungen gegenüber, die ein Jahrhundert fpäter im
Süden durch Männer wie Marfilius v. Padua, Occam etc.
verkündigt worden find: beide Gewalten unmittelbar von
Gott, daher das Königthum in feinem Bereiche unabhängig
von der Kirche, letztere auf das geiftige Gebiet
allein angewiefen etc. Man möchte wünfehen, dafs die
Mittheilungen, welche der Verf. aus der betreffenden Literatur
giebt, reichlicher ausgefallen wären: fie bildet ein
bemerkenswerthes Seitenftück zu der literarifchen Bekämpfung
des Papftthums im Zeitalter Ludwigs v. Baiern,
von welcher Riezler neuerdings ein Bild geliefert hat.
Wefentlich verfchieden von der letzteren ift übrigens
jene nordifche Oppofition, und das hat der Verf. zu be- I
tonen vergeffen, dadurch, dafs fie nicht wie diefe aus
der durch Ariftoteles und das römifche Recht wieder erweckten
antiken Staatsidee fchöpft. Jene nordifchen
Könige kämpfen nicht von einem abftracten ,Begriffe der j
Staatshoheit' aus (S. 147), fondern flehen auf dem Boden
der alten Volks- und Landesrechte, daneben geftützt auf
die heilige Schrift: fo völlig ,modern' (S. 149) wollen uns
darum jene Erfcheinungen doch nicht anmuthen, wie zahlreich
und fchlagend die Berührungspunkte mit allcrneueften
Conflicten fein mögen.

Diejenige Regentenperfönlichkeit, die fich der Sympathie
des Verf. am meiften erfreut, ift der genannte j
König Sverrir. .König Sverrir' — fo fchildert er uns |
denfelben (S. 118) — ,war der perfonificirte Conflict mit
der Kirche. Apoftafirter Priefter und aus eigener Machtvollkommenheit
in den Laienftand zurückgetreten, war
Sverrir fchon dadurch der exeommunicatio leitete sententiae
verfallen. — Schlau und gewandt, energifch und kraftvoll
, zäh und unbeugfam, gefchickt jede fich ihm darbietende
Gelegenheit trefflich zu benützen, kirchlichen
Einflüffen offenbar nur fchr wenig zugänglich, obwohl er
in feinen häufigen Reden an das Volk bei jeder Gelegenheit
die Religion für feine Zwecke benützte, war Sverrir
der rechte Mann den norwegifchen Staat wieder von der
Herrfchaft der hierarchifchen Partei zu befreien'. Reli-
giöfe Antriebe liegen ihm fern (S. 147), durch fittliche
Bedenken läfst er fich in der Wahl feiner Kampfmittel
fo wenig beengen wie ihrerfeits die Hierarchie (S. 140).
Ein ungewöhnlicher Menfch und ein bedeutender Regent
ift König Sverrir ficherlich gewefen. Ob er das Epitheton
einer .epochemachenden Perfönlichkcit' (S. 149) verdiene,
möchten wir indeffen bezweifeln. Wie mächtig die Erfolge
waren, welche Sverrir während feiner Regierungszeit
errang, eine Epoche in den Kämpfen zwifchen
Kirche und Staat bezeichnet diefclbe doch nicht, felbft
nicht für das nordifche Königreich. Bereits unter feinem
Nachfolger beginnt eine Gegenftrömung im kirchlichen
Sinne, und auch fpäterhin ift man nicht weiter gekommen
als zu einem modus vivendi, wobei jeder Theil feine An-
fprüche principiell vorbehielt. Der rein weltliche, poli-
tifche Charakter des Kampfes gegen Rom macht diefe
Thatfache erklärlich genug. Ein falfches religiöfes Princip
wird nur durch ein reineres und ftärkeres religiöfes Princip
überwunden: auch in Norwegen hat erft die Reformation
dem Gegenfatz ein fchliefsliches Ende bereitet. Infofern
liegt in dem Verlauf der von Zorn gefchilderten Kämpfe
eine hoch beachtenswerthe Lehre für die Gegenwart,
welche freilich von dem Verf. nicht ausgefprochen wird.

Friedberg. K. Koehler.

Mainländer, Philipp, Die Philosophie der Erlösung. Berlin
1876, Grieben. (VIII, 623 S. gr. 8.) M. 10. -

Vorliegendes umfangreiche Werk ift ein Verfuch, das
.geniale Syftem Schopenhauer's, diefes Denkmalwürdigen
zweitgröfsten Denkers der Deutfchen, aus der
Carricatur und Fratze wiederherzuftellcn, zu welcher
es in der Ausführung feiner ewig wahren Gedanken
durch die Schuld des Meifters felbft geworden ift'. Im
erften fyftematifchen Theile, welchem dann eine faft
ebenfo grofse Kritik Kant's und Schopenhauer's folgt,
erhalten wir fomit eine Gefammtweltanfchauung oder
TJniverfalphilofophie, welche allerdings meift bedenklich
flüchtig fkizzirt ift. Von den vielen Seiten, welche das
Buch in diefer Form bietet, wollen wir aber hier nur
diejenigen herausheben, welche durch die Tractirung
religionsphilofophifcher und ethifcher Fragen für die
Lefer der theol. Lit.-Z. ein befonderes Intereffe haben
dürften. Und doch ift uns leider nicht einmal dadurch
oder durch die unter einem etwas anderen Gefichtspunkt
unternommene Behandlung auch in der Jenaer Lit.-Z.
die fonft wünfehenswerthe Kürze möglich.

Der Verf. meint im Vorwort, dafs er ,den Atheismus
zum erftenmal wiffenfehaftlich begründet habe.
Derfelbe wird auch in das Wiffen der Menfchheit übergehen
; denn diefe ift reif für ihn, fie ift mündig geworden
'. Damit ift die feither fchlafende und träumende
Welt von dem Alpdruck erlöft, der bis zu diefem Augenblick
in der Geftalt eines irgendwie formulirten trans-
cendenten Gefpenftes auf ihr lag. Und zwar ift der Gewinn
mit Einem Schlag ein doppelter und kommt den
beiden Hauptrichtungen des modernen Geifteslebens
gleichermafsen zu gut, welche deshalb nach M. in der
.Philofophie der Erlöfung' eine hochwillkommene Bun-
desgenoffin freudig zu begrüfsen ! haben. Es ift vor
Allem der immanente Naturalismus der Wiffen-
fchaft, insbefondere der Naturforfchung, welcher fich
eigentlich erft jetzt feines Namens und Dafeins ernftlich
freuen darf, während ihm vorher immer noch ein Spuk
aus unheimlichem Hintergrund drohte. Für's Andere
wird es im höchften Intereffe des Lebens gelingen, dem
lückenhaft inconfequenten, weil gleichfalls noch mit
einer fatalen Hinterthüre verfehenen Peffimismus
Schopenhauer's (und Hartmann's, der aber als ein in
jeder Beziehung weit höherftehender Rivale und fehr
tüchtiger Philofoph offenbar aus Eiferfucht niemalen genannt
, fondern nur benutzt und wiederholt anonym
attakirt wird) zum Heile der feufzenden Menfchheit
einen definitiven Abfchlufs und eine wahrhaft erlöfende
Vollendung zu geben.

Was nun den erften Punkt betrifft, bei dem die bekannten
natur- und gefchichtsphilofophifc hen Ultra's
des naturwiffenfehaftlichen Darwinismus die Betheiligten
wären, fo ift .foviel klar: die Wahrheit darf nicht verleugnet
und das immanente Gebiet mufs in feiner vollen
Reinheit erhalten werden' (28). Das ift aber bis jetzt
noch nie gefchehen; denn ob ich die transcendente
Macht grob oder fein polytheiftifch, ob ich fie mono-
theiftifeh denke, bleibt fich gleich. Aber auch der
Pantheismus, auf den fich dermalen die Mehrheit der
Gebildeten foviel zu Gute thut, ift im Grund nicht
beffer. Nur eine negative Form desfelben ift der Willensmonismus
Schopenhauer's (und natürlich vollends das
individuell vorfehende Unbewufste Hartmann's); fomit gilt
von ihnen das gleiche Urtheil, dafs fie die reine Immanenz
an einen gefpenftifchen Hintergrund verrathen. Und endlich
findet vor der unerbittlichen Immanenzphilofophie
nicht einmal der überdies völlig unphilofophifche
Materialismus Gnade, fondern wird mit feiner Zweitheilung
in Stoff und Kraft, die er allem concreten Sein
zur identifchen Bafis giebt, als transcendenter dogmati-
fcher Dualismus verworfen. Was bleibt aber dann in
aller Welt noch übrig? Nun, ,lügt denn die Natur und