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Ausgabe:

Dezember/1997

Spalte:

1195 f

Kategorie:

Missionswissenschaft

Autor/Hrsg.:

Weber, Christian

Titel/Untertitel:

Missionstheologie bei Wilhelm Löhe. Aufbruch zur Kirche der Zukunft.

Verlag:

Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus 1996. 576 S., 1 Kte gr.8° = Die Lutherische Kirche. Geschichte und Gestalten, 17. Kart. DM 72,­. ISBN 3-579-00138-8.

Rezensent:

Friedrich Wilhelm Kantzenbach

Die Löhe-Forschung, sofern sie unter theologischen, nicht nur den beliebteren biografischen Aspekten betrieben wurde, setzte bisher ihre Schwerpunkte auf die Themen Kirche, Gemeinde, Amt und sakramentale Denkstruktur. So ist es auf jeden Fall verdienstlich, wenn die umsichtig gearbeitete Neuendettelsauer Dissertation von Christian Weber sich des übergreifenden Missionsdenkens im Werk des mittelfränkischen Pfarrers annimmt.

Dabei fällt vor allem auf das Nachdruck, was traditionell als "Äußere Mission" bezeichnet wird, was für Löhe aber terminologisch ebenso ein Notbehelf war, wie die Bezeichnung "Innere Mission". Die umfangreiche Arbeit erfaßt in sorgsamer Verwendung und nicht selten erst aufgrund selbständiger Erschließung die bereits gedruckten und ungedruckten Quellen, die während der Arbeit von Klaus Ganzert an der Ausgabe der Gesammelten Werke zum Teil schwer zugänglich waren. Die in Aufsatzform seit Siegfried Hebarts Dissertation (1939) bedeutend angeschwollene Literatur wird annähernd vollständig angeführt und intensiv konsultiert.

Löhe trat in die von der Erweckungsbewegung bestimmte Auffassung von Mission als Arbeit für das Reich Gottes wie selbstverständlich ein und entwickelte mit und vor anderen Männern des deutschen Neuluthertums eine Orientierung in konfessionellen Bahnen. Der Vf. zeigt endgültig, daß die Wendung zum lutherischen Bekenntnis auf die Jahre 1834/35 zu datieren ist. Aber, was wichtiger als die Fixierung auf die Mitte der dreißiger Jahre ist, sind die Gründe, die in der Hauptsache durch die Gemeindearbeit in Nürnberg nahegelegt wurden. Unterstützend wirkten die Studien Löhes, die sich auf die preußische Union und ihren Kritiker Scheibel bezogen.

Das Ergebnis für Löhes Denken über Mission besteht darin, daß die Mission die Konfession braucht, daß sich Mission aber konkret in sehr komplexen gedanklichen und von praktischer Aktivität begleiteten Bemühungen konkretisieren muß. Bis 1840 haben sich die Grundlagen von Löhes Missionstheologie gebildet, welche das vorrangige Feld seiner theologischen Entwicklungen waren. Jedoch war das missionarische Grundverständnis schon ab 1830 der Rahmen für seine Gemeindearbeit.

Die biographisch-ergiebige Darstellung führt bis 1840. Aufgrund neuer Quellen wird nach der Begründung von Löhes Amerika-Arbeit gefragt, und das Verständnis von Mission als kirchlicher Mission eindringlich verdeutlicht. Daran schließt sich die Entfaltung von Löhes Missionstheologie, wofür der Vf. vor allem die ersten drei Jahre der Amerika-Arbeit (ab 1840/ 41) als exemplarischen Modellfall verstehen darf. ­ Beeindruckend sind die Privatinitiativen Löhes und das mit Hilfe des Vereinswesens herausgebildete Kommunikations- und Informationsinstrumentarium. Von da aus kann dann (im 3. Teil) nach Löhes systematischer Begründung der Missionstheologie gefragt werden. Missionstheologie ist zugleich Ekklesiologie. Ekklesiologie kann, weil Mission nicht nur Funktion der Kirche ist, sondern ihr Wesen, nur in dynamischer Spannung und ökumenischer Weite gewagt werden. Hauptgedanken dazu finden sich in Löhes schon häufiger interpretierten Grundschrift "Drei Bücher von der Kirche" (1845).

Die Missionstätigkeit von 1841-1872 insgesamt wird dankenswerterweise in Zeittafeln (256-261) verdeutlicht. Dadurch erspart sich der Vf. die Reproduktion eines Stoffes, dessen sich mehrere in den USA erschienene Veröffentlichungen angenommen haben. Dem Vf. geht es um Verdeutlichung der Erkenntnis Löhes, daß Mission nicht nur der Sammlung zur Kirche dient, sondern den Aufbau der Kirche grundlegend betrifft. Es ist dies Löhes Vision einer apostolisch-episkopalen Brüderkirche, "eine Fortbildung des Luthertums ..., was wir im letzten Grunde wollten" (379). Vielleicht wäre hier abschließend breiter die Frage nach Löhes Denkstruktur aufzuwerfen gewesen, die mit dem Hilfsbegriff "organisch" bezeichnet worden ist.

Aus dem Literatur-Verzeichnis ist fast ein die Breite der Löhe-Forschung inspirierender Forschungsbericht geworden, aus dem insbesondere Tabellen und Corrigenda zu den Gesammelten Werken hervorgehoben seien, sowie die in sich selbständigen Mitteilungen von bisher unbekannten Schriften zur Mission.

Es handelt sich dabei um das Diarium über Fürther Missionskränzchen (1829-1831) und Löhes Bericht über seine Reise zum Dresdener Missionsfest, der wahrscheinlich auf einem Diktat beruhet. Schließlich bringt der Vf. noch wichtige Hinweise für die Löheforschung in den USA, Ausschnitte aus Karten und insgesamt neun Tabellen. Da der Vf. Löhes Konzept in einem "Ausblick" als zukunftsverheißend hervorhebt, wäre,wenigstens in Kürze, eine Inbeziehungsetzung zu verwandten und divergenten Perspektiven einer von der Verpflichtung zur Mission belebten Ekklesiologie ratsam gewesen.

Die Arbeit W.s stellt die Löhe-Forschung auf eine neue, grundlegende Basis. Dies geschieht mit den Mitteln umsichtiger Quellenerschließung, engagierter, aber nicht von emotionaler Vorentscheidung aus geprägter Urteilsbegründung und in sicherem Gespür für das Zentrale in Löhes Denken und Werk.