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Ausgabe:

Februar/1998

Spalte:

208–210

Kategorie:

Missionswissenschaft

Autor/Hrsg.:

Ahrens, Theodor

Titel/Untertitel:

Der neue Mensch im kolonialen Zwielicht. Studien zum religiösen Wandel in Ozeanien.

Verlag:

Münster-Hamburg: LIT 1993. V, 184 S. gr.8° = Hamburger Theologische Studien, 5. Kart. DM 38,­. ISBN 3-89473-994-0.

Rezensent:

Traugott Farnbacher

In dem vorliegenden Buch des Hamburger Missionstheologen sind sieben bereits veröffentlichte Einzelstudien zusammengestellt, gefolgt von einem ausführlichen Forschungsbericht über theologisch relevante Literatur der letzten Jahre zu Ozeanien. Gemeinsames Thema sind religiöse Umbrüche ­ schwerpunktmäßig in Melanesien, wie sie durch das konfliktive Aufeinandertreffen von fremden Kulturen mit den ihnen eigenen Weltanschauungen und Welterklärungen ausgelöst wurden. Hintergrund ist die Leitfrage nach Modellen von einem "neuen Menschen", wie sie in der Rezeptionsgeschichte durch auswärtige und indigene Exponenten der Übergänge eingetragen und zu verifizieren versucht wurden.

Die Missionierung Melanesiens eröffnete ein spätes Kapitel in christlicher Erschließung des südlichen Pazifik. Die Betroffenen nahmen akzentuiert Eigenverantwortung wahr; damit war eine vielschichtige Interaktion von Mission und dem Sozialwesen im Kontext eines krisenbestimmten Eintretens in die neue Epoche bedingt. Keinesfalls war man lediglich Opfer kolonialer Eroberung oder christlicher Unterwerfung. Vielmehr wurden Adressaten zu kreativen Subjekten in eigenständiger Ausgestaltung der Übergänge hin zur Entstehung christlicher Gemeinden.

(1) Nikolai Michloucho-Maclay verstand sich gewiß nicht als Emissär einer politischen Macht oder einer christlichen Mission­ geleitet von Intentionen, einen neuen Menschen zu propagieren. Als sich der anthropologisch interessierte Erstling aus der Welt jenseits klanischer Horizonte in der Astrolabe-Bucht Nordost-Neuguineas niederließ, wandelten sich im Fortgang seiner Aufenthalte mit und nach 1871 Perspektiven. Aus dem aufmerksamen Beobachter und Menschenfreund "Maklai" und seinen Bildern ethnischer Urständigkeiten ergab sich eine "Integration Miklouchos in das Gewebe lokaler Mythologie" selbst. War aus einem Vertreter Europas ein Prototyp eines so aufgewerteten "Konfliktpartners" geworden, so war es nur recht und billig, daß er sich später beim Zar vehement für die Erhaltung indigener Integrität angesichts des Zugriffs deutscher Kolonialpräsenz einsetzte ­ und doch war "Maklai" ein fremd gebliebener Freund.

(2) Lange bevor ein "Maklai" das Festland Neuguineas betreten hatte, war christlicher Glaube in eigentümlicher Dynamik in der polynesischen Inselwelt aufgenommen und in einem weitläufigen Indigenisierungsprozeß eigenverantwortlich weitergetragen worden. Die Studie, die sich einer von Polynesiern getragenen Missionsbewegung widmet, beschreibt Eigeninitiativen zur Gestaltung von Übergängen in Gotteserfahrung und ethnischem Selbstverständnis. Maretu, eine Führungsperson auf den Cook-Inseln, "erzielt Wirkung, weil er mit sicherer Hand überkommene Muster kulturellen Verhaltens aufgreift und auf ein neues Fundament zu stellen vermag". In der Person des Evangelisten Joeli wird, mit Hilfe traditioneller Kosmosdeutung, eine Wende in der Lebensanschauung skizziert, welche die neue Existenzform christlich motivierter Migration freisetzt. In der Mission von Ta’unga nach Neukaledonien wird die Aufhebung der "Logik der Retribution" durch "das Recht der Gnade" als Ermöglichungsgrund dafür beschrieben, daß ein neues Leben durch Anerkennung des menschlichen Lebens selbst vor und aus Gott wahrnehmbar wird: Aus Fremden werden neue Nächste.

(3) Des Vf.s Studie über Christian Keysser stellt kritische Anfragen an Keyssers Rolle im vom Sattelberg Nordost-Neuguineas ausgehenden Missionierungsprozeß, was weithin unter dem Stichwort "Stammesbekehrung" rangiert. Eine "Mission im Stil von Lokalpolitik" nimmt der Autor als Deutungsmuster für das Vorgehen des frühen Keysser. Dabei wählt er unter den vielen Beziehungen, die er mit Klanführern aufbaute, die Freundschaft des frühen Keysser mit dem Lokalführer Zake als ein typisches Paradigma aus.

Unumstritten beruhte Keyssers Erfolg wesentlich auf der "Super-Häuptlings"-Rolle seiner eigenen Person. Positiv beurteilt der Autor, daß im Konsens der Menschen die alten Mächte der Retribution verstoßen wurden, indem eine "Brüchigkeit der alten Ordnung ins allgemeine Bewußtsein" gelangte. Negativ schlägt zu Buch, daß "die Frage nach den rechten Mitteln und nach dem Recht des Glaubens oft verkommen [ist] zur Rechtfertigung des Erfolgs". In der Gemeindeordnung Keyssers von 1913, vom Vf. mit "Heiligkeitsgesetz" betitelt, sieht er ein sittliches Vorurteil und eine ethische Überfremdung kulminiert ­ auf Kosten der Christologie. Keysser erscheint generell "als einer, der das Kreuz weggenommen hat". Der Autor stellt Christian Keysser als Vertreter einer neuen Gesetzesreligion mit personifiziertem theokratischen Eingriffsverhalten vor; er vermißt Wirkungsdimensionen einer "Überraschung des Evangeliums von Jesus Christus" selbst. Er weist damit auf das ethisch akzentuierte Profil Keyssers hin. Implizit stellt sich jedoch die Frage, welche protestantischen Missionare Neuguineas methodisch ohne Vorordnungen einer Schöpfungs- und Gesetzeslehre oder auch einem "Ineinander von Westlichem, Christlichem und Melanesischem" auskamen und ob in Keyssers Heilsverständnis eine neutestamentliche Soteriologie als Ausgangs- und Zielpunkt wirklich fremd war. Wurden Missionare indigen nicht alle als Vertreter einer neuen Herrschaftsform erfahren?

(4) Die Verstoßung der alten Götter in der Entfaltung der Missionierung des Hochlandes von Papua-Neuguinea wird als kollektive Protestbewegung entworfen, die eine protologische Begründung ihrer Mission mit einer christologisch verorteten Friedensmission verbanden. In modifizierten Kontexten traten lokale Führer als Protagonisten und Mittler einer neuen Zeit auf, indem sie als Friedensredner und Initiatoren kommunaler Versöhnungszeremonien Advokaten eines Neuen Zeitalters wurden und dabei die alten Mächte außer Kraft setzten, um eine neue Zukunft zu eröffnen. Assimilierung und Substitution bezeichnen die beiden Pole, zwischen denen melanesisches Christentum bei seinem Weg in das Landesinnere eine eigene Identität ausbildete. Auswahl und Charakterskizze der Makler der Umbrüche sind brillant; der Autor zeichnet sich einmal mehr als der Kenner auch der geschichtlichen Szene aus.

(5) Das Rollenverständnis der Frau in ihrer Beziehung zu einer vorwiegend männerbestimmten Klangesellschaft ist nicht von einem europäisch-christlich geprägten Deuterahmen her erschließbar. Freilich, innerhalb gewisser Varianten und differenzierter Prozesse geschlechtlicher Beziehungen ist "in melanesischen Gesellschaften die Autonomie der Frauen sehr begrenzt". Der Autor beschreibt durch Mission ausgelöste Modifikationen im Verhältnisgefüge der Geschlechter, wobei Christianisierung als Befreiungsbewegung von Bevormundung auch die Form eines homo novus ermöglicht, was z. B. zur Gründung klanökonomisch spezialisierter Frauenorganisationen führen kann.

(6) Synkretismus ist Zwischenergebnis, aber auch Charakteristikum in der Begegnung der Glaubensweisen. Der Autor, der in einer Fülle gründlicher Beiträge seine Erfahrungen mit der Volksreligion in der Astrolabe-Bucht, ein Zentrum des Kargoismus, reflektiert hat, begreift "melanesische Volkskultur als synkretistisches Phänomen" und untersucht Formen einer Verbindung von melanesischer Religion und kirchlicher Christlichkeit. Er bedenkt dabei Verhältnisbestimmungen von Tradition und christlicher Identitätsfindung, wie sie sich auf dem Hintergrund einer "Lo"-(Ordnungs-)Ideologie, in christlich-soteriologischer Interpretation von Krankheit und Heilung, mit Hilfe einer "Theologie des Gartens" sowie in einer Entwicklung von kosmischer Daseinserklärung hin zu christlichem Existenzverständnis entfalten. Partizipieren Christen an Volksreligon, so versuchen sie, "Stützpunkte des Heils" in ihren Räumen und Zeitabläufen zu verorten. Christlicher Glaube tritt dabei aus dem "rein mythischen Bezugsrahmen heraus", um für die Freisetzung eines umgestalteten Menschenbildes die Geschichte Jesu Christi in der konkreten ethnischen Lebenserfahrung zugänglich zu machen.

(7) Volksreligion des Alltags der kleinen Leute und kirchlich institutionalisierte Religiosität stehen in einer spannungsvollen Polarität. Interkulturelle Erfahrungen betreffen die christliche Ökumene; der Topos Ozeanien weitet sich aus. Dieser letzte Aufsatz "Alltagsreligion interkulturell gesehen" stellt Überlegungen zur Kontextualisierungsproblematik an, deren Komplexität keine projizierenden, aber auch nicht schlicht globalisierenden Antworten eignen. Damit untersucht der Vf. phänomenologisch "Spuren populärer Religion im westdeutschen Kontext", um eine "Assimilierung des Evangeliums" als "mit dem Volk auf das Evangelium hören" zu verstehen, wobei in der "Story vom Kreuz Jesu" ein wegweisendes Deutungsmuster von Lebenserfahrung geboten wird. Die Gemeinden prägt "die Leutereligion mit ihrem soteriologischen Pragmatismus, ihrem Sinn für Zeichen und ihrer Hoffnung auf Verwandlung der Dinge". Dabei wartet die Identität christlichen Glaubens im Spannungsbogen von populärer und etablierter Religion immer neuer Verifizierungen.

(8) Der Literaturbericht führt in die theologische Szene Ozeaniens gründlich ein. Damit wird erstmals in der Rezeptionsgeschichte ein so breiter Zugang zu allen einschlägigen Veröffentlichungen geleistet. In großer Versiertheit werden anhand thematisch geordneter Rubriken Schlüsselkonzepte repräsentativer Forscher der Leser mit den angesprochenen Entwürfen vertraut gemacht ­ Motivation genug, sich über Schneisen hinaus eigene Wege in das bunte Dickicht von Veröffentlichungen zu Ozeanien schlagen.

Mit diesem Buch über den neuen Menschen im kolonialen Zwielicht wird im deutschsprachigen Raum auch ein neues Kapitel theologisch-diskursiver Zugänge zum Themenkomplex Ozeanien eröffnet. Dabei setzt Ahrens zugleich neue Akzente für eine dialogische Aufarbeitung derjenigen Schnittstellen, an denen es zu Berührungen der beider Welten kam und kommt.