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Ausgabe:

September/2006

Spalte:

1083–1086

Kategorie:

Missionswissenschaft

Autor/Hrsg.:

Meißner, Diethelm:

Titel/Untertitel:

Die ðKirche der ArmenÐ in El Salvador. Eine kirchliche Bewegung zwischen Volks- und Befreiungsorganisationen und der verfassten Kirche. Darstellung der historischen Zusammenhänge in der Zeit von 1962 bis 1992 und der politischen, sozialen und ekklesiologischen Probleme in ihrem Umfeld.

Verlag:

Neuendettelsau: Erlanger Verlag für Mission und Ökumene 2004. 455 S. m. 1 Abb. 8° = Missionswissenschaftliche Forschungen. Neue Folge, 20. Kart. Euro 30.00. ISBN 3-87214-350-6.

Rezensent:

Roland Spliesgart

Innerhalb des lateinamerikanischen Katholizismus war in den 1960er bis 1980er Jahren eine volkskirchliche Bewegung (Iglesia Popular) entstanden, die zum einen soziale Anliegen vertrat und zum anderen den Laien größere Gestaltungsmöglichkeiten bot. Progressive lateinamerikanische Bischöfe, vor allem aus Brasilien, hatten die Volksbewegung bewusst gefördert und deren Interessen in die Verhandlungen des Vatikanum II eingebracht. Ihren akademischen Ausdruck fand die Bewegung in der Artikulation der Befreiungstheologie.

Mit seiner an der Erlanger Evangelisch-Theologischen Fakultät eingereichten Dissertation unternimmt Diethelm Meißner den Versuch einer kritischen Aufarbeitung der Entstehungsbedingungen der »ðKirche der ArmenÐ in El Salvador« in der Zeit von 1962 bis 1992. Die »Kirche der Armen« verortet der Vf. als eine kirchliche Bewegung im Spannungsfeld von politischen Volks- und Befreiungsorganisationen und verfasster katholischer Kirche. Zentrale Fragen sind die nach dem Ursprung der »Kirche der Armen«, ihrer Ziele sowie ihrer Beziehungen zu den übrigen sozialen Akteuren. Die Arbeit ist als »missionswissenschaftlicher Beitrag im Grenzgebiet zwischen Kirchengeschichte, systematischer Theologie und praktischer Theologie« (45 f.) konzipiert und verbindet eine empirisch-darstellende Perspektive mit einem systematischen, ekklesiologischen Interesse: Das Anliegen des Vf.s ist es zu beweisen, dass »sich in El Salvador ein Verständnis vom Wesen und vom Auftrag der Kirche entwickelt [hat], das sich von dem der traditionellen katholischen Theologie unterscheidet« (18).

Die Arbeit ist Ergebnis mehrerer Arbeits- und Forschungsaufenthalte in katholischen und lutherischen Gemeinden in Costa Rica und El Salvador, bei denen der Vf. zahlreiche Dokumente aus lokalen Archiven zusammentragen und Tiefeninterviews mit kirchlichen Mitarbeitern und Laien führen konnte. Die ursprüngliche Absicht einer Auswertung der Interviews wurde leider verworfen. Damit bleiben Pastoralbriefe und theologisch geprägte Texte die vorrangigen Quellen seiner Darstellung.

Um es gleich vorwegzunehmen: Die Arbeit ist ein kenntnis- und detailreicher Beitrag zur Geschichte der katholischen Kirche El Salvadors für den untersuchten Zeitraum. Während frühere Arbeiten, vor allem aus Lateinamerika, die katholische Volksbewegung sehr einseitig entweder als Ausdruck des authentischen Volkswillens oder ausschließlich als auf Indokrination beruhend wahrnahmen, ist der Vf. um eine differenzierte Sichtweise der historischen Ereignisse bemüht.

Ein einführender I. Teil stellt die politischen und kirchlichen Verhältnisse in El Salvador von 1938 bis in die 1960er Jahre dar. Der katholische Klerus war zu dieser Zeit vor allem in den Großstädten präsent, die Hinwendung zur sozialen Frage äußerte sich noch »ganz im Bereich des karitativen Assistenzialismus« (89). Teil II thematisiert den Aufbruch der katholischen Kirche nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil bis 1977. Während sich die Gesellschaft zunehmend polarisierte und bewaffnete Gruppierungen im rechten wie im linken Lager gegründet wurden, setzte sich in der Kirche die Einsicht der Notwendigkeit einer Öffnung für aktuelle Erfordernisse durch. In zwei Pastoralwochen 1970 und 1976 diskutierten Priester und Laien eine Neuorientierung der pastoralen Arbeit, die jedoch keinen Konsens in der salvadorianischen Kirche fand. Strittig waren die Politisierung kirchlichen Handelns sowie das vorrangige Verständnis der Kirche als Gemeinschaft der Gläubigen. Erste Basisgemeinden entstanden in den Slums von San Salvador. Teil III beschreibt die Umsetzung der Option für die Armen unter Erzbischof Oscar Romero (1977­1980), dessen Ermordung die Spaltung innerhalb des katholischen Klerus vertiefte. Eine Folge war die Gründung eines nationalen Leitungsgremiums der Kirche des Volkes (CONIP) durch den politisch radikalisierten Teil der Priesterschaft und Führer der kirchlichen Volksbewegung. Als kirchliche Organisation unterstützte die CONIP einerseits die revolutionären Kräfte im Land und versuchte andererseits, auch die traditionellen Sektoren der Kirche zu einem »konsequenten Christentum« (260) zu bewegen. Ihre charismatische Legitimation brachte sie jedoch bald in einen strukturellen Konflikt mit der hierarchisch gegliederten Amtskirche. Der Bürgerkrieg der Jahre 1980 bis 1992 (Teil IV) führte zur weiteren Fragmentarisierung der kirchlichen Bewegung. Während der neue Erzbischof von San Salvador, Arturo Rivera y Damas, eine gewaltsame Lösung des Konfliktes kategorisch ablehnte, entstanden in den von den Aufständischen kontrollierten Gebieten Basisgemeinden, die mit diesen vielfach kooperierten. Viele Führungskräfte der CONIP befanden sich hingegen im Ausland und vermittelten dort zum Teil ein Bild der Gemeinden, das der Realität längst nicht mehr entsprach. Zur gleichen Zeit verzeichneten protestantische und katholisch-charismatische Gruppierungen einen enormen Zulauf.

Teil V fasst die Ergebnisse der Arbeit in einer ekklesiologischen Perspektive zusammen. Der Vf. arbeitet mit der »Kirche der Armen« und der »Kirche der Ämter« zwei Idealtypen heraus, die sich in allen Konflikten nachweisen lassen. Die Debatten um kirchliches Handeln in einer polarisierten Gesellschaft sind immer auch Konflikte um die Gestalt und Ordnung der Kirche, also Machtfragen, um die Legitimität gesellschaftlichen Engagements sowie um die Verhältnisbestimmung zu politischen Gruppierungen. Der Vf. gelangt zu dem Ergebnis, dass die »ðKirche der ArmenÐ Š als eine Soziale Bewegung zu betrachten Š [sei, deren Eigenart darin bestehe], dass sie das Ziel einer grundlegenden gesellschaftlichen Veränderung aus einer religiösen Motivation heraus verfolgt« (412 f.). Daneben habe sie ein zweites Ziel, nämlich eine »tief greifende Veränderung der verfassten Kirche, die ihre Entstehung initiiert hat und in deren Struktur sie arbeitet« (413).

Die Leistung der Arbeit des Vf.s, die gar nicht hoch genug eingeschätzt werden kann, besteht in seinem Ansatz einer kritischen Aufarbeitung einer christlichen Bewegung Lateinamerikas im Kontext eines politischen Konfliktes. Dabei kommt der Vf. zu dem Ergebnis, dass die so genannten Basisgemeinden keineswegs das dominierende Modell der katholischen Kirche in El Salvador repräsentierten und dass sie vielfach nicht ausschließlich auf Initiative der Laien entstanden waren, sondern häufig abhängig von Impulsen »von oben« oder »von außen« blieben ­ wie im Fall einer autoritären Instrumentalisierung der kirchlichen Volksbewegung durch linke Guerillaorganisationen. Zugleich trägt der Vf. zur heilsamen Entmythologisierung des ermordeten Erzbischofs Oscar Romero bei, indem er dessen Rolle im Kontext eines mit zahlreichen Widersprüchen behafteten historischen Prozesses nachzeichnet und die zunehmende Projektion der Aspirationen von Anhängern des Ideals einer »Kirche der Armen« (373) auf die Person Romero herausarbeitet.

Dabei zeigen gerade die ekklesiologischen Erörterungen, wie alle befreiungstheologischen Initiativen, die eine stärkere Beteiligung der Basis zum Ziel hatten, letztendlich immer an dem hierarchischen Modell der katholischen Kirche scheiterten. Waren also für Erzbischof Romero lediglich »der Druck und das Tempo der Ereignisse zu groß, um andere [basisdemokratische] Führungsmodelle auszuprobieren« (409), wie der Vf. vermutet, oder liegt hier nicht vielmehr ein struktureller Konflikt vor, der die Identität der katholischen Kirche in Frage stellt und daher auf ein grundsätzliches, gar nicht lösbares Problem verweist?

An diesem Punkt offenbart sich nun die Hauptschwäche der Arbeit, die in dem Ineinander von historischer und systematischer Methodik liegt. So ist die historische Darstellung bereits von dem systematischen Interesse an ekklesiologischen Auseinandersetzungen geleitet, das zuvor schon die Quellenauswahl ­ überwiegend von Theologen verfasste Texte (Pastoralbriefe, theologischen Erklärungen, etc.) ­ bestimmt hat. Umgekehrt mangelt es den Ausführungen zur »Kirche der Armen«, dem vom Vf. favorisierten ekklesiologischen Modell, in systematischer Hinsicht deutlich an Schärfe (vgl. etwa 159: »falsch verstandene Volksreligiosität«) ­ was auch der inflationäre Gebrauch von Anführungszeichen nicht zu kompensieren vermag. Weder werden zentrale Begriffe (Volk, Arme, dominante Sektoren) problematisiert noch mögliche Einwände gegen den recht exklusiven Anspruch der »Kirche der Armen« erörtert.

Für eine konsequent empirische Untersuchung wäre eine zumindest punktuelle Auswertung der Interviews von Laien unverzichtbar gewesen. So muss sich der Vf. den Vorwurf gefallen lassen, in seiner eigenen Methodik gerade die zentralistische Sichtweise zu befördern, die er mit dem Modell der »Kirche der Armen« zu bekämpfen sucht. Darüber hinaus sind nach einem sozialwissenschaftlichen Ansatz weitere Möglichkeiten der Interpretation in Rechnung zu stellen, etwa die, dass es sich bei dem Modell der »Kirche der Armen« um eine pragmatische Überlebensstrategie bestimmter Teile des Volkes handelt, das ihren prekären existentiellen Lebensumständen und einer mangelhaften amtskirchlichen Versorgung geschuldet ist. Dies würde im Übrigen auch die ­ wohl kaum von ekklesiologischen Fragen motivierte ­ Annäherung ðder ArmenÐ an Pfingstkirchen plausibel erklären.

Insgesamt verweist Die ðKirche der ArmenÐ in El Salvador grundsätzlich auf die Möglichkeit und die Notwendigkeit, Themen, die bislang im Kontext der Befreiungstheologie systematisch verhandelt wurden, zum Gegenstand historischer Untersuchung zu machen und damit zu einer Entideologisierung der Debatten um die Mitwirkung von Christen in Befreiungsbewegungen in Ländern des Südens beizutragen.