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Ausgabe:

Juni/2006

Spalte:

804–806

Kategorie:

Missionswissenschaft

Autor/Hrsg.:

Balz, Heinrich

Titel/Untertitel:

Weggenossen am Fluss und am Berg. Von Kimbanguisten und Lutheranern in Afrika.

Verlag:

1) Neuendettelsau: Erlanger Verlag für Mission und Ökumene 2005. 390 S. 8°. Kart. Euro 30,00. ISBN 3-87214-612-2.

Rezensent:

Benjamin Simon

Neben dem angegebenen Titel in dieser Rezension besprochen:

Balz, Heinrich: Weggenossen im Busch. Erzählende und theologische Briefe aus Kamerun. Neuendettelsau: Erlanger Verlag für Mission und Ökumene 1998. 371 S. 8°. Kart. Euro 22,50. ISBN 3-87214-276-3.

Mit den beiden Bänden über seine »Weggenossen« hat Heinrich Balz eine Art von Anthologie verfasst: Er beschreibt und schildert sowohl in anthropologischer als auch in theologischer Perspektive die blühenden, aber auch die welken Blumen, denen er in über 20 Jahren des Unterrichtens an afrikanischen Hochschulen begegnet ist. Es geschieht auf sehr persönliche Weise. Dem theologisch versierten Leser mag dies zunächst befremdlich erscheinen, doch erheben beide Werke auch nicht den Anspruch, theologische Literatur per se zu sein. Sie wollen vielmehr das Berichtete und Autobiographische für einen missionshistorischen Leserkreis bewahren und es in diversen »Rückansichten« für einen breiteren Leserkreis weiterreflektieren. Dabei greift B. »bei manchen Fragen auf theologisches Werkzeug« zurück, aber versucht »alles gefragte erzählend, lebensgeschichtlich, mit dem Fremdwort: kontextualisierend wieder an seinen Ort« (2005, 10) zu setzen.

Die »Weggenossen im Busch« beziehen sich auf die vielen Begegnungen und Erfahrungen, die B. in den Jahren von 1973­1983 in Kamerun gesammelt hat. Mit einer Liebe fürs Detail, die jeder kennt, der seine Rundbriefe in den letzten Jahren zu lesen bekommen hat, hat er seinen zehn Berichten bzw. Rundbriefen weitere Erläuterungen entweder vorgeschaltet oder angehängt. Er unterteilt seine »sprunghaften« (11) Gedanken in fünf Teile. Der erste Teil behandelt seine Erfahrungen und Auseinandersetzungen mit den Studierenden und den Pfarrern. Auch hier gestaltet sich die Darstellung wieder auf sehr persönlicher Ebene und gibt Einblicke in das pastorale Leben mit seinen kulturellen und religiösen Eigentümlichkeiten in ländlichen Regionen Kameruns. Teil 2 behandelt die Situation der Kirchen im ökumenischen Miteinander und Gegeneinander, dementsprechend kann er für die Bakossi schlussfolgern, dass die »eine Welt noch ziemlich weit fort« (94) ist. In Teil 3 behandelt B. den Themenkomplex von »Dorf und Welt«. Einen besonderen Stellenwert für diesen Kontext stellt das Thema der Hexerei dar. B. setzt sich in ethisch-theologischen Fragestellungen mit diesem »Dauerthema« (207) auseinander und kommt zu dem Schluss, dass »witchcraft exists« (207), doch fragt er weiter: »was ist sie, was an Allzumenschlichem, Natürlichem steht dahinter?« (207) Das vierte Kapitel bringt Einblicke und Vergleiche in die synodale Kirchenwelt Württembergs und Kameruns. Kritisch merkt B. an, dass die Württemberger zwar viel von dem haben, was »in Kamerun allemal fehlte, der theologische Tiefgang«, aber die Kameruner dafür wissen, dass »die eigenen Probleme, obwohl dringlich, darum dennoch nicht universale und absolute Probleme sind« (263).

Der letzte Teil behandelt Themen, die von ethnologischer sowie religionsgeschichtlicher Relevanz sind. Hierbei steht das Verständnis des Ahnenglaubens im christlichen Kontext im Mittelpunkt. In seinem Epilog sinniert B. über seine Lehrtätigkeit in Kamerun und in Berlin nach und kommt zu dem Schluss, dass ihn in Berlin »von seinen lehrenden Kollegen« gerade das trennt, was ihn mit denen »in Kamerun verbindet: ein anderes heutiges Christentum, eine andere Humanität und Weisheit« (349).

Das sieben Jahre später erschienene Buch zu seinen »Weggenossen« baut auch wieder auf B.s Berichterstattungen und Rundbriefen auf. Diesmal sind es allerdings die am »Fluss und am Berg«. Es sind seine beiden Begegnungen und Erfahrungen bei den Kimbanguisten im Kongo (Teil I), die 15 Jahre auseinander liegen, und bei den Lutheranern in Tansania (Teil II) von 1998­2003, die zur Grundlage seiner Ausführungen dienen. Ein »Rückblick« »denkt einen Schritt weiter dem nach, was die beiden afrikanischen Kirchen verbindet und trennt, was sie für unser Verständnis des christlichen Glaubens in den alten europäischen Kirchen, und was umgekehrt deren Tradition für sie in Afrika bedeuten könnte« (13).

Der kimbanguistische Bericht ist in zwei Teile gegliedert: Zum einen berichtet B. in einem kürzeren Teil über die Gesamtlage der Kimbanguisten. Dem Leser werden zahlreiche Einblicke in das Leben der Kimbanguisten verschafft. Allerdings setzt B. eine gewisse Kenntnis des Kimbanguismus voraus. Der zweite und längere Teil beschäftigt sich mit den sog. »Wissenschaftlichen Tagen« der Kimbanguisten im Jahre 2002. Der in jüngster Zeit aufgeflammte Konflikt mit dem Ökumenischen Rat der Kirchen in Sachen Trinitätslehre wird thematisiert, der sich m. E. allerdings keinesfalls als »langweilig« (88) oder als »religiöses Recycling« (114) präsentiert. Eine Positionierung B.s wäre, insbesondere im Hinblick auf zukünftige Gespräche mit dem Kimbanguismus, hier wünschenswert gewesen. Als weiteres brisantes Thema dieser »Wissenschaftlichen Tage« berichtet B. über die »innerkimbanguistische Uneinigkeit« (131), nämlich die Frage nach der Rolle der 26 Kimbangu-Enkel, denen ihre genuine Leitungsfunktion in der Kirche abgesprochen wurde.

Im zweiten Teil reflektiert B. seine Erfahrungen und Gespräche unter den Lutheranern in Tansania. Es ist erfreulich zu lesen, mit welcher Akribie er sich den Biographien seiner theologischen Kollegen gewidmet hat: Er gibt Einblicke in ihre traditionellen Heimatkulturen, weiß von ihrer Kritik an den europäischen Kirchen zu berichten und setzt sich auseinander mit ihren Dissertationsthemen. B. behauptet, keine Feldforschungen im eigentlichen Sinne betrieben zu haben (140). Ja, er hat mehr geleistet: Seine Begegnungen liefern nicht nur ethnologische sowie kulturelle Einblicke in unterschiedliche Kulturen Tansanias, sondern verschaffen durch die vorliegenden biographischen Forschungen Einblicke in theologische Ansätze und Denkweisen, die nur aus einer »Innenansicht« zu gewinnen sind.

Von Interesse, insbesondere für den betroffenen Leser, erweist sich die Typologie der weißen Mitarbeiter im afrikanischen Kontext. B. spricht von den Kurzfristigen, die als Praktikant oder Studierender nach Afrika kommen und bereichernde, aber »befremdliche kulturelle Erfahrungen« (341) sammeln, den Mittelfristigen, die das breiteste Spektrum abdecken, und den Unerbittlichen. Letzteren attestiert er, dass sie »in pathologischem Lernprozess ihr Gegenüber darauf reduzieren«, dass sie »nur Versager, schlecht wirtschaftende und sich selbst bereichernde Typen« seien, »sich selber aber als den wirklich Arbeitenden und immer Zuverlässigen« (343) einstufen. B. schöpft dank seiner langjährigen Erfahrungen aus einem reichen Fundus und weiß von daher sehr genau, wovon er berichtet. Er ist ein Kenner des afrikanisch-religiösen Kontextes und des missionstheologischen Milieus.

Insgesamt kann man den beiden Bänden attestieren, dass sie einerseits dem Nicht-Afrika-Erfahrenen gute Einblicke in diesen Kontext geben, und ­ gepaart mit einer erkenntnisreichen Lektüre ­ dem bereits Afrika-Erprobten zahlreiche interessante Informationen und motivierende Gedankenanstöße verschaffen, die u. a. zu weiteren Forschungen anregen können. Dabei kann das jeweilige weiterführende Literaturverzeichnis von großem Nutzen sein.