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Ausgabe:

November/2005

Spalte:

1258–1261

Kategorie:

Missionswissenschaft

Autor/Hrsg.:

Bünker, Arnd

Titel/Untertitel:

Missionarisch Kirche sein? Eine missionswissenschaftliche Analyse von Konzepten zur Sendung der Kirche in Deutschland.

Verlag:

Münster: LIT 2004. 524 S. gr.8° = Theologie und Praxis, 23. Kart. Euro 29,90. ISBN 3-8258-8128-8.

Rezensent:

Henning Wrogemann

Bei dieser Arbeit handelt es sich um eine an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Münster eingereichte Dissertation. Das umfangreiche Opus widmet sich dem Anspruch seines Titels nach zwar der »Analyse von Konzepten zur Sendung der Kirche in Deutschland«, handelt demgegenüber jedoch eher von einem Vergleich eines aktuellen französischen Textes zur Mission ­ dem Brief der französischen Bischöfe »Proposer la foi« (1996) ­ und eines neuen Textes der deutschen Bischöfe, nämlich des im Jahre 2000 erschienenen Dokumentes »ðZeit der AussaatÐ. Missionarisch Kirche sein«, das dem Buch offensichtlich seinen Titel geliehen hat.

Der Untertitel weckt bei evangelischen Lesern höhere Erwartungen, als das Buch einlöst, da es nicht um verschiedene Konzepte zur Mission in Deutschland geht, sondern wesentlich um ein Dokument, und weil es nicht um die Missiologie der »Kirche in Deutschland«, sondern lediglich um die innerhalb der römisch-katholischen Kirche geht.

Der Vf. gliedert den dargebotenen Stoff in sechs Kapitel: »I. Wissenssoziologische Überlegungen zum Verständnis von Mission« (16­114), »II. Missionsverständnis in kirchlichen Stellungnahmen« (115­225), »III. Missionsländer Deutschland und Frankreich« (226­299), »IV. ðProposer la foiÐ ­ Zum Impuls der französischen Bischöfe« (300­367), »V. ðZeit der AussaatÐ ­ Zum Impuls der deutschen Bischöfe« (368­439) sowie »VI. Missionarisch Kirche sein. Modelle und Optionen« (440­490).

Im ersten Kapitel unternimmt der Vf. eine breit angelegte Einführung zum Thema Religion und Moderne unter religionssoziologischem und wissenssoziologischem Gesichtspunkt. Hier erfährt man viel über die Veränderung von Wissenskonstruktionen, Vermittlungsstrukturen von Traditionen, Identitätskonstruktion, Pluralisierung von Lebenswelten usw. Es geht um die Veränderung des religiösen Wissenserwerbes und der Weitergabe religiöser Traditionen und Erfahrungen unter den Bedingungen einer fortwährenden Modernisierung. Hier wird eine große Anzahl von Ansätzen (P. L. Berger, J. Habermas, G. Schulze usw.) gesichtet und diskutiert. Gegen Ende des Kapitels werden unter der Überschrift »Missionstheologische Modelle religiösen Wissens« aus der evangelischen Theologie ­ rudimentär ­ einige Aspekte der Missio Dei-Theologie gestreift und vorbereitend einige Aspekte katholischer Missiologie angedeutet.

Es bleibt außer dem Eindruck der Belesenheit des Vf. die Frage, ob dieser Teil nicht etwas zu ausführlich geraten ist. Für den weiteren Verlauf der Arbeit jedenfalls scheint lediglich die Unterscheidung eines »instruktionstheoretischen« Offenbarungsmodells und eines »kommunikationstheoretischen« Offenbarungsmodells als Gliederungsprinzip wirklich von Bedeutung (92­95). Grob gesagt geht es um ein Verständnis von Offenbarung als eher statischer Größe, die in konfrontativem Verhältnis von Glaube und Welt gedacht und im Rahmen der Institution Kirche bewährt gesehen wird, und ein Verständnis von Offenbarung als Aktualisierung des Glaubens in einem Beziehungsgeschehen, das sich in verschiedenen Lebenswelten bewährt und Kirche eher als Ort dieser Aktualisierung begreift (93f.).

Mit diesem begrifflichen Instrumentarium analysiert der Vf. in dem sehr gelungenen Kapitel II seiner Arbeit das »Missionsverständnis in kirchlichen Stellungnahmen«. Nach einem kurzen Überblick zu den Weltmissionskonferenzen des ÖRK (115­ 124) wird ein Gesamtpanorama römisch-katholischer Missionstheologie ausgehend vom II. Vatikanischen Konzil geboten. Der Vf. zeichnet dieses Panorama in vier Schritten:

Zunächst werden die missionstheologischen Weichenstellungen des II. Vatikanums herausgearbeitet, wobei besonders auf ungelöste Fragen hingewiesen wird. Missionstheologisch bedeutete das II. Vatikanum eine verstärkte Öffnung zur Welt hin, theologisch begründet in der Rede von der Kirche weniger als Heilsanstalt, sondern als »Sakrament« und »Zeichen« des Heils, als »Volk Gottes«, das auf seiner »Pilgerschaft« ist und die »Zeichen der Zeit« zu deuten habe. Dennoch bleiben die Texte des Konzils nach Ansicht des Vf.s im Blick auf die Rolle der Laien und der verschiedenen Kontexte ambivalent.

Ein zweiter Abschnitt widmet sich der »gesamtkirchlichen Rezeption« der Konzilstexte. Hier wird die missionstheologische Neuakzentuierung etwa im Schreiben Papst Pauls VI. »Evangelii nuntiandi« (1975) oder in der Missionsenzyklika Johannes Pauls II. »Redemptoris Missio« (1990) nachgezeichnet. Tendenziell geht es nach dem Urteil des Vf.s in diesen Texten um ein eher instruktionstheoretisches Missionsverständnis. Deutlich anders dagegen erscheint die im dritten Abschnitt skizzierte »Kontinentalkirchliche Rezeption« des II. Vatikanums (168­211). Auf den Generalversammlungen des lateinamerikanischen Bischofsrates (CELAM) und der Föderation asiatischer Bischofskonferenzen (FABC) macht der Vf. ein kontextuelles und damit eher kommunikationstheoretisches Modell der Mission aus. Fragen von Armut, Macht und Gerechtigkeit, Fragen des interkulturellen und interreligiösen Dialogs, Geschlechterfragen, Probleme der Umwelt, der Globalisierung und vieles andere werden in diesen Stellungnahmen und Empfehlungen konsequenter reflektiert und stärker berücksichtigt. Die Bedeutung der regionalen Teilkirche als Trägerin der Mission wird hervorgehoben ebenso wie die polyzentrische Struktur der Weltkirche (179).

Am Beispiel von CELAM zeichnet der Vf. nach, wie sich die lateinamerikanische Bischofskonferenz in ihren ersten drei Konferenzen als Anwältin der Armen, als in Solidarität mit den Menschen, als Unterstützerin der Basisgemeinden und einer kontextuellen und teilkirchlichen Missionstheologie verstand. Dieser eigenständige Rezeptionsprozess kam jedoch mit der vierten Generalversammlung von CELAM (Santo Domingo 1992) zum Erliegen. Die Intervention des Papstes führt dazu, das die Versammlung nun zu einem Sprachrohr universalkirchlicher und rom-zentrierter Orientierung wird. Die 500 Jahre nach der »ersten Evangelisierung« nun ins Auge gefasste »Neuevangelisierung« zeichnet sich dadurch aus, dass ein offensichtlich als feststehend gedachtes religiöses Wissen weitergegeben werden soll. Die auf den Versammlungen von Medellin (1968) und Puebla (1979) gemachten Aussagen zur Option für die Armen, zum Dreischritt von Sehen-Urteilen-Handeln und weiteren Einsichten der Befreiungstheologie finden keine Beachtung mehr (oder sie werden umgedeutet, 180 ff.).

In einem vierten Abschnitt wird gezeigt, wie durch die Einführung in Rom abgehaltener »Kontinentalsynoden« seit Anfang der 90er Jahre eine Homogenisierung und Zentralisierung versucht wurde (212 ff.). Hier lässt sich nach Ansicht des Vf.s durchgehend eine Vernachlässigung der jeweiligen Kontexte zu Gunsten einer instruktionstheoretisch ausgerichteten gesamtkirchlichen ­ und damit kontextuell unspezifischen ­ Missionstheologie feststellen.

Der weitere Verlauf der Arbeit skizziert unter »III. Missionsländer Deutschland und Frankreich« im Vergleich die Wahrnehmungen verschiedener Autoren zu Beginn des 20. Jh.s (Josef Pieper, Alfred Delp, Ivo Zeiger). Vor dem Hintergrund dieses Längsschnittes werden dann die neueren Missionstexte analysiert. Der Impuls französischer Bischöfe »Proposer la foi« (Kapitel IV) wird dem kommunikationstheoretischen Modell von Offenbarung und religiöser Wissensvermittlung zugeordnet.

Die Orientierung an der Erwartungshaltung der Menschen wird gelobt, andererseits der Mangel an soziologischer Analyse der Wirklichkeit kritisiert (354 f.). Die fehlende konkrete Adressatenbestimmung drückt sich in einer fehlenden Parteilichkeit im Blick auf Zukunftsvorschläge aus. Das Schreiben bleibt vage. Das Fazit für »Zeit der Aussaat« der deutschen Bischöfe (Kapitel V) läuft darauf hinaus, dass diese Schrift eine weiterhin binnenkirchliche Orientierung erkennen lässt, stärker instruktionstheoretisch orientiert ist und die Grenzüberschreitungen kaum in den Blick kommen lässt. Im abschließenden Kapitel VI werden die beiden Modelle eines instruktionstheoretischen und eines kommunikationstheoretischen Ansatzes nochmals zusammengefasst. Darauf werden insgesamt elf Vorschläge einer Neuakzentuierung gemacht, die dazu helfen sollen, die Kontexte tiefer zu reflektieren, als dies in den bischöflichen Schreiben der Fall ist.

Ein wertvolles und empfehlenswertes Buch liegt vor, das in seiner kritischen Art einen guten Überblick zur römisch-katholischer Missionstheologie der Gegenwart im kirchlichen (und nicht nur universitären oder gemeindlichen) Kontext bietet.