Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

Juni/2005

Spalte:

718–721

Kategorie:

Missionswissenschaft

Autor/Hrsg.:

Snyper, Robert Charles

Titel/Untertitel:

Akan Rites of Passage and Their Reception into Christianity. A Theological Synthesis.

Verlag:

Frankfurt a. M.-Berlin-Bern-Bruxelles-New York-Oxford-Wien: Lang 2003. 320 S. 8 = European University Studies. Series 23: Theology, 768. Kart. Euro 56,50. ISBN 3-631-51188-4.

Rezensent:

Markus Roser

Robert Charles Snyper stammt aus Ghana. Er hat in Accra und Cape Coast Theologie und Philosophie studiert. Seit 1994 ist er Priester der römisch-katholischen Erzdiözese Cape Coast in Ghana. An der Katholischen Theologischen Fakultät Tübingen schloss er 2002 ein Postgraduiertenstudium mit vorliegender Arbeit als Inauguraldissertation ab.

Das Thema "Lebenszyklische Riten der Akan und ihre Aufnahme in das Christentum. Eine theologische Synthese" macht neugierig auf eine in die Tiefe und in Details gehende Spezialstudie im anthropologischen Kontext der Akan. Diese Erwartungen aus dem Obertitel bleiben weitgehend unerfüllt, während den anthropologischen Grundkomponenten hinsichtlich einer theologischen Synthese, analog dem Untertitel, viel Raum gegeben wird.

Ausgangspunkt für die Arbeit ist der Mensch in seinem sozialen und kulturellen Kontext. Der Vf. sieht die lebenszyklischen Riten als "soziale und religiöse Zeremonien", die mit den christlichen Sakramenten - dabei orientiert er sich am römisch-katholischen Sakramentalismus - konvergierende Punkte besitzen. Er beklagt die Dichotomie von Evangelium und Kultur, die in Afrika zu einem ambivalenten Verständnis von Kultur geführt hat. Das Dilemma liegt in der Entwicklung eines "dualen Systems". Der Mensch, hin und her gerissen im Spannungsfeld zwischen einem westlich gekleideten Christentum und den traditionalen afrikanischen Religionen und Kulturen, befindet sich auf der Suche nach kultureller Identität und Eindeutigkeit. Als Reaktion auf das missionarische Arbeiten - angefangen von radikaler Ablehnung der lokalen Kultur bis hin zu deren unkritischen Übernahme - fordert er eine klare und adäquate Hermeneutik im Ringen um Kontextualisierung und kulturelle Eindeutigkeit. In seiner Einleitung (7-27) versucht der Vf. eine Theologie des religiösen Pluralismus zu erarbeiten, indem er zunächst die Spannung zwischen Exklusivismus und Inklusivismus erläutert, um dann einen Ansatzpunkt für eine theologische Synthese in der Theologie von Rahners anonymem Christentum zu finden. Die Aufgabe der Theologie erkennt er als eine "inter-kulturelle" Disziplin, die neue Formen systematischer Interpretation finden muss, um Exklusivismus, Inklusivismus, Relativismus und Absolutismus zu überbieten. Anders als der Titel vermuten lässt, möchte der Vf. als Ziel der Arbeit nicht die Aufnahme der Akanriten ins Christentum, sondern die Wirkungsweise des Christentums in der Kultur der Akan untersuchen (27).

Das erste Kapitel (29-60) führt ein in Geschichte, Kultur, Weltbild, soziale und politische Struktur der Akan im südlichen Ghana, in Togo, Benin, Burkina Faso und der Elfenbeinküste. Besonderes Augenmerk innerhalb der Akan legt der Vf. auf die Volksgruppen der Aschanti und Fanti. Es gibt einen beachtlichen Forschungsstand von R. S. Rattray 1929, J. B. Danquah 1928/ 1944, über G. Brown 1966 bis zu P. Sarpong in den 80er und 90er Jahren.

Das zweite Kapitel (61-144) behandelt deskriptiv die Übergangsriten (rites de passage), die sich auf Schwangerschaft, Geburt, Pubertät, Heirat, Erwachsensein, Tod und Ahnenverehrung beziehen, und analysiert sie aus anthropologischer, ethnologischer und soziologischer Perspektive. Zur Beschreibung der Übergangsriten benutzt der Vf. formal die Terminologie Van Genneps, Referenzrahmen für ihre Deutung ist jedoch der Glaube der Akan an die unsichtbare Welt eines Höchsten Wesens (Supreme Being), der Gottheiten und der Ahnen. Wie ein roter Faden zieht sich die Abhängigkeit der Lebenden von den Kräften und Mächten dieser unsichtbaren Welt durch die einzelnen Riten. Das beginnt mit der Reinkarnation oder dem Besuch der Ahnen bei der Geburt eines Kindes. Wichtig ist dem Vf. die Zeremonie der Namensgebung am achten Tag nach der Geburt, der facettenreichen Aufnahme des Neugeborenen in die Gemeinschaft der Lebenden. Die Anrufung der Ahnen, Libation und Gebet für das Höchste Wesen sind integraler Bestandteil dieses religiösen und sozialen Rituals. Die Bedeutung der Ahnen und des Höchsten Wesens wird auch für die anderen Übergangsriten ausführlich beschrieben. In den beiden Unterkapiteln "Tod" und "Leben nach dem Tod" geht der Vf. ausführlich auf die Frage nach der Rolle der Ahnen und deren Verehrung auch im biblischen Horizont ein. Eine gründliche Beschreibung der verschiedenen Eheformen bereitet die Diskussion über das Ehesakrament in Kapitel 3 vor. Der afrikakundige Leser erfährt durch die Darstellung der Riten der Akan in Kapitel 2 nichts grundsätzlich Neues. Wie die vielen Querverweise zu anderen Missiologen und Afrikanisten deutlich machen, basiert mit Einschränkungen ein Großteil des dargebotenen Materials wesentlich auf Arbeiten anderer Autoren, was durchaus nicht illegitim ist. Der Leser hätte sich jedoch an dieser Stelle vom Vf. mehr und tiefer schürfende Ergebnisse eigener Feldforschung gewünscht. Außerdem sind die Grundstrukturen der Riten der Akan durchaus kompatibel mit denen anderer Ethnien innerhalb Afrikas. Ein Hinweis darauf wäre wünschenswert gewesen.

Das dritte Kapitel (145-256) wertet die katholischen (der Vf. nennt sie christlich) Sakramente wie Taufe, Buße, Ehe und Krankensalbung bzw. letzte Ölung sowie die Rituale zur Bestattung aus. Dem geschichtlichen und kulturellen Kontext ihrer Entstehung wird dabei Rechnung getragen.

Gemäß der Kapitelüberschrift erwartet der Leser Informationen über den spannenden Inkulturationsprozess unter den Akan und die Aufnahme ihrer Riten in die Kirche. Anstrengend ist es, sich durch die breit angelegten Ausführungen über den biblischen Hintergrund, die dogmengeschichtlichen Beschreibungen, die Positionen der Alten Kirche, der Scholastik, der Reformation, des Tridentinum, des Vatikanum II bis hin zu Positionen Johannes Paul II. oder Karl Rahners vorzuarbeiten, um sich dann Fragen zur Inkulturation im Kontext der Akan zu stellen. Traditionale Riten, die in die Praxis der Kirche aufgenommen wurden, werden nicht genannt. Das anfangs beklagte Dilemma des "dualen Systems" tritt in diesem Kapitel deutlich zu Tage. Der Vf. schwankt zwischen Klage und Appell. So müssten z. B. christliche Rituale und pastorale Ansätze hinsichtlich der gefahrvollen Situation schwangerer oder entbindender Frauen geschaffen werden. Er erinnert an das Ritual der Namensgebung, in dem Gebete und Libationen für die Ahnen Höhepunkt sind, und kommt zu dem Schluss, dass erst die Taufe und die traditionale Namensgebung sich gegenseitig zur Ganzheit abrunden (161). Genauso appellativ schließt das Unterkapitel über die Buße.

Unter den Akan - wie auch unter anderen afrikanischen Völkern - verdichtet sich der Gedanke der Versöhnung in Berührungen wie Handschlag und gemeinsamem Mahl. Der Vf. plädiert deshalb dafür, das eucharistische Mahl analog der traditionalen Versöhnung als Abschluß der Buße den Betroffenen zugänglich zu machen (185 ff.). Besondere Beachtung wird hier den Afrikanisch Initiierten Kirchen (AIKen) geschenkt, die für den großen Bereich der Gefahr während Geburt und Schwangerschaft sowie hinsichtlich der Versöhnung interpersoneller Konflikte längst pragmatische Lösungen und damit für sich selbst zu einer Synthese zwischen Glaube und Kultur gefunden haben. Hier wird deutlich, wie schwer sich der Vf., letztlich aber die katholische Kirche, auf Grund der dogmatischen Tradition und des komplexen Überbaus mit Inkulturation tut, wenn es um die konkrete pastorale Situation geht. Genau dasselbe Problem wird auch am Beispiel der Ehe deutlich.

Der Vf. erläutert auf über 33 Seiten (187-220) die verschiedenen dogmengeschichtlichen Positionen zur Ehe, um dann bedrückt festzustellen, dass nur monogame vor dem Priester getraute Eheleute zum eucharistischen Mahl zugelassen sind. Er fordert die Anerkennung der traditional geschlossenen Ehen und beklagt die "Kriminalisierung" der polygamen Ehen. Angesichts der aktuellen Situation verhallt sein Ruf nach pastoralen Optionen (219). - Ähnliches gilt auch für das Sakrament der letzten Ölung (220-247). Die Ölung wird weithin als Sterbesakrament missverstanden und nicht als eine Stärkung des Lebens, wie der Vf. bedauert. Auch hier haben die AIKen als "Healing Churches" längst pragmatischere Lösungen im Interesse der betroffenen Menschen zur Stärkung ihres Lebens gefunden.

Das vierte Kapitel (257-291) bringt keine neuen theologischen Gedanken. Dafür aber wird der Blick auf den sozialen Wandel in der Moderne durch das Zusammenbrechen der traditionalen Familienstrukturen, des Häuptlingswesens, der sozialen und religiösen Werte gelenkt und die daraus resultierenden Herausforderungen werden bedacht. Erneut setzt sich der Vf. mit den AIKen auseinander: "Sie schaffen eine alternative Gesellschaft, indem sie die alte Form der Gesellschaft ersetzen, die sich aufgrund des sozialen Wandels auflöst. Sie brechen die Spaltung in traditionales Leben, Werte und Glauben einerseits und in christlichen Glauben andererseits auf und bringen beide in einen inneren Zusammenhang. Sie schaffen menschliche Wärme, Gemeinschaft, Identität und ein Wir-Gefühl. Die Ethik, die sie verkündigen wird zu einem neuen Lebensprinzip. Die Figur des traditionalen Häuptlings wird durch die des Propheten ersetzt" (288).

Neben der Bewunderung für ihre große integrative Kraft hält der Vf. den AIKen theologisch eine fehlende Hermeneutik, rudimentäres wissenschaftliches Arbeiten, unkritisches Analysieren und mangelnde Selbstevaluierung entgegen. - Ein überaus knappes Schlusswort erinnert an die facettenreiche Rolle der Frauen und fordert thetisch deren Aufwertung innerhalb der Kirche.

Vielleicht hätte sich der Vf. leichter getan, wenn er die dogmengeschichtliche Diskussion weniger in den Vordergrund gestellt und dafür der innerafrikanischen Diskussion mehr Raum gegeben hätte. Eine Bereicherung wäre sicherlich die Auseinandersetzung mit frankophonen Ansätzen gewesen wie Agossou, Boulago, Bujo, Ela, Hebga oder Mandunu. Ein Hinweis auf die Diskussion um den "Meßritus im Zaïre" mit der Anrufung der Ahnen im eucharistischen Gebet hätte dieser Arbeit sicherlich noch eine besondere Note gegeben.