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Ausgabe:

Juni/2005

Spalte:

713–716

Kategorie:

Missionswissenschaft

Autor/Hrsg.:

Ahonen, Tiina

Titel/Untertitel:

Transformation through Compassionate Mission. David J. Bosch's Theology of Contextualization.

Verlag:

Helsinki: Luther-Agricola-Society 2003. 280 S. 8 = Schriften der Luther-Agricola-Gesellschaft, 55. Kart. ISBN 951-9047-65-4.

Rezensent:

Moritz Fischer

In den Theologien, die sich ökumenischen bzw. interkulturellen Fragestellungen verpflichten, gewinnen Konzepte an Bedeutung, die einer kontextuellen Hermeneutik folgen. Letztere kristallisiert sich als Antwort auf regional entstehende "Theologien von Unten" heraus, die ihre kritischen Anfragen an traditionelle theologische Systeme und deren Aussagekraft stellen. In diesem Zusammenhang widmet sich die Finnin Tiina Ahonen mit ihrer Dissertation dem Gesamtwerk des weißen südafrikanischen reformierten Missionstheologen David J. Bosch (1929- 1992). Mit Konzentration auf seine kontextualisierende systematische Methode möchte sie ein Desiderat füllen, gut zehn Jahre nach seinem Tod. Nur eine vergleichbare Studie ist 1989 erschienen: J. Kevin Livingston, A Missiology of the Road: The Theology of Mission and Evangelism in the Writings of David J. Bosch (unveröffentlicht) mit einer Kurzfassung in der ersten zweier Aufsatzsammlungen, den einzigen weiteren zusammenfassend-kritischen Würdigungen, die Bosch erfuhr: Willem Saayman & Klipiies Kritzinger: 1) Mission in Creative Tension. A Dialogue with David Bosch (Missionalia 1990); 2) Mission in Bold Humility. David Bosch's Work Considered, Maryknoll 1996.

Ins Zentrum unseres Interesses stellt A. nicht allein Boschs letztes Werk, eine Missionstheologie: Transforming Mission: Paradigm Shifts in Theology of Mission, Maryknoll 1991. Es handelt sich hier um die Summe seines Schaffens und eine der wenigen grundlegenden protestantischen Missionstheologien. Er nimmt theologiegeschichtlich relevante "Paradigmenwechsel" in den Fokus und sucht danach, was die Christenheit im Zusammenhang mit ihrer Ausbreitung zu immer wieder neuen Transformationen gebracht hat und wie deren "Technik" fundamentaltheologisch zu begreifen ist. A. stützt sich in ihrer Argumentation nicht nur auf dieses Buch, sondern unternimmt eine intensive Relektüre seiner sämtlichen missionstheologischen Veröffentlichungen, die sie bibliographisch auflistet (226-242).

Mit Kapitel 1 (11-39) stellt sie ihre Hypothese auf, dass Boschs Werk im Nachhinein und zusammenfassend gelesen einen wesentlichen Beitrag zu dem sich immer weiter entwickelnden Genre der "kontextuellen Theologien" darstellt. Den Begriff der Kontextualisierung und die damit gemeinte Methode erklärt A. theologiegeschichtlich anhand verschiedener Modelle. Sie ordnet ihn in das Gefolge der Theologie ein, die auf den klassisch gewordenen Begriff der "Konversion" abhebt. Christus gilt hier als Versöhner und Transformator jeglicher Kultur (H. R. Niebuhr). Man vermisst darüber hinaus quer zu diesen Modellen eine systematische Aufarbeitung dessen, was "Kontextualisierung" bedeutet, um von da aus Boschs Ansatz zu unterscheiden. Man hätte sich zudem gewünscht, dass seine Situation in Südafrika, das mit seinen diversen afrikanisch-traditionalen und den dort vertretenen Weltreligionen sowie christlichen Denominationen als "kontextuelles Laboratorium" zu gelten hat, farbigere Ausführungen erfährt, um seinen Entwicklungsgang zu verstehen (Abschnitt 6.1. gibt dazu einiges her). A. findet dafür aber Belege in Boschs Veröffentlichungen, die sein Kontextualisierungskonzept nachvollziehbar machen. Sie stellt heraus, dass er sich subversiv-kritisch denkenden Theologien, wie etwa der Anti-Apartheidstheologie, zwar zuwendet, aber vor etwaiger Einseitigkeit zurückschreckt. Er bezieht mit seinem nicht-dualistischen Modell einen explizit dialektisch-synthetischen Standpunkt. A. zitiert geschickt aus Erwiderungen, die er erfuhr, und verdeutlicht präzise, wie umstritten sein Versuch war, Gegensätze denkerisch zu überbrücken: Leicht konnte ihm so der Vorwurf der Widersprüchlichkeit gemacht werden.

In Kapitel 2 (40-82) zeichnet A. biographisch-werkimmanent den theologischen Werdegang Boschs im lokalen Kontext des Apartheidsregimes nach - immer mit Blick auf die globale Perspektive, auf die hin er seinen missionstheologischen Beitrag verstanden wissen möchte: Sie bezeichnet ihn als "Dissidenten", was nicht ganz einleuchtet, wurde ihm doch nie die Lehrbefugnis entzogen oder war er von Folter oder anderen Sanktionen betroffen. Dass ihn Gewissensgründe davon abhielten, das Kairos-Dokument (1985: Anwendung von Gegengewalt gegen weiße Rassisten wurde in begründeten Fällen legitimiert) zu unterzeichnen, zeigt auf, dass er sich gegen geistige oder politische Vereinnahmung verwahrte, egal von welcher Seite. Für Bosch war diese Entscheidung gerade kein Widerspruch zu seiner ernst zu nehmenden Kritik am Apartheidregime. Kirchliche Einheit und Versöhnung setzt die Einsicht voraus, dass Weiße und Schwarze dem circulus vitiosus der Gewalt nur entrinnen können, wenn sie ihr jeweiliges sündhaftes Verhalten eigenverantwortlich bekennen und die Fehler des anderen nicht missbrauchen, um sich selbst zu rechtfertigen. A. stellt die Schärfe des inneren Konfliktes, den die zeitgeschichtliche Problematik für Bosch selbst bedeutete, heraus: Weil er ihn austrug, galt er im südlichen Afrika und auf den Foren der weltweiten Ökumene und Missionswissenschaft als einflussreiche, durch seine Integrität überzeugende Persönlichkeit. Diesbezügliche Beiträge und Protokolle dienen als plausible Quellen.

Kapitel 3 und 4 (83-157) mit den Kerngedanken der Dissertation zeigen auf, wie sehr Bosch sich einer biblischen Hermeneutik verpflichtet weiß, aus der heraus er auf der theologischen Metaebene sein dialektisch-synthetisches Konzept entwickelt: Gottes freiwillige Bereitschaft zum Mitleiden mit der Menschheit bis hin zur Selbstentäußerung in Jesus Christus ist Missio Dei mit ihrer Proklamation der "Kirche mit anderen". Bosch denkt hier ausgehend von der theologia crucis (Luther), wobei er die liberal-humanistische Version der "Kirche für andere" (Bonhoeffer) als unrealistisch, weil selbstüberfordernd, ablehnt. Missio Dei bedeutet die immer währende kreative Bewegung, die von Gottes Liebe ausgeht: Er stiftet in ihr durch sein konkretes Mitleiden Versöhnung und schafft Einheit in einer ansonsten zerrissenen Menschheit. Mission heißt, dass das Evangelium in die jeweiligen zeitlich-irdischen Bezüge eines Kontex- tes hinein "Fleisch wird". Die Gute Nachricht tut das im Gegensatz zu der jeweiligen "Schlechten Nachricht". Nicht eine so genannte "Postmoderne" ist das aktuelle, ernst zu nehmende kontextuelle Paradigma, sondern die Globalisierung, die sich widerspiegelt in der zu versöhnenden Verschiedenheit der konziliaren Ökumene. Deren paradigmatische Funktion leitet sich aus zwei Kriterien ab, die zeigen, wie Gott am Werk ist und wie seine Mission dialektisch zu begreifen ist: 1) als Kohärenz im Sinne der bleibenden göttlichen Essenz und 2) als Kontingenz im Sinne der Manifestationen Gottes, die, auf die jeweiligen Umstände zu beziehen, Auftrag der Kirche ist. Das Genuine der Boschschen kontextuellen Theologie verdeutlicht A. anhand seines dreidimensionalen Konzeptes von theoria, praxis und poiesis: poiesis (alles Kirchliche mit seiner Symbolik, Frömmigkeit, Anbetung, Mysterium u. Ä.) ist dabei der ausgleichende Faktor, der den Vorzug hat, dass er theoria (alles Akademische mit seinem intellektuellen Beobachten, Darstellen, Kritisieren und Interpretieren) und praxis (alles Gesellschaftliche mit seinem aktiv auf das soziale Wohl abzielenden Handeln) integriert und so die Text-Bezogenheit des Denkens mit der Kontext-Bezogenheit des Handelns ausbalanciert. Boschs Weise der Kontextualisierung soll zur dialektischen Interaktion zwischen den primären kontextuellen Selbstdefinitionen des Urchristentums und dem jeweils zeitgeschichtlich-aktuellen Kontext verhelfen. In aller Schärfe stellt A. seine These heraus: Die bis in die Gegenwart nachwirkende Aufklärung und ihr im Nachhinein als einseitig zu bewertendes, optimistisch-objektivistisches Paradigma mit seinen negativen theologie- und christentumsgeschichtlich bekannten Implikationen werden so überwindbar. A.s Ausführungen verbieten es, Boschs Kritik als antiaufklärerisch misszuverstehen.

In Kapitel 5 (158-193) verfolgt A. Boschs Bewertung verschiedener bekannter kontextueller Modelle. Im eigentlichen Sinne gilt dieser Begriff nur für die Befreiungstheologien und für die Konzepte, denen es um die Inkulturation des Evangeliums geht. Charakteristisch für die echte Inkarnation des Evangeliums ist, dass es - im Bild eines in der Erde liegenden Samenkorns gesprochen - voll im Kontext aufgeht und sich als gute Nachricht ausliefert und sich, dem Samen gleich, einerseits verliert und anderseits, wenn es aufgeht und den grundlegenden Transformationsprozess durchlaufen hat, sein Ziel in vermehrtem, neuem Wachstums findet. Gottes Liebe weist sich im Mit-Leiden mit seiner Menschheit aus, gerichtet auf das Ziel ihrer Rettung. Der Heilige Geist und die lokal bestehenden christlichen Gemeinden sind die Verantwortlichen für das Gelingen dieser "transformativen Mission". Die Missio Dei bleibt immer der kritische "Text", der alle menschlichen Kontexte und regionalen Kulturen mit ihren religiösen Erscheinungen beurteilt, integriert und umformt.

Im Kapitel 6 (194-214) findet das bisher Erarbeitete Anwendung auf den Kreis der afrikanischen traditionalen Religionen und auf die gegenwärtige säkulare westlich-moderne Welt. A. möchte deutlich machen, dass Bosch gegen K. Barth und mit E. Brunner davon ausgeht, dass Gottes Offenbarung gegenüber den Religionen sowohl von Kontinuität als auch von Diskontinuität bestimmt wird, was ein "auszuhaltendes Paradoxon" (K. Heim) bedeutet. Die fruchtbare Spannung zwischen Mission und interreligiösem Dialog bedeutet, nicht wie bei drei als zu harmlos erachteten Konzepten stehen zu bleiben: 1) der antithetischen Gegenüberstellung zwischen "Religion" und Gottes alleiniger Offenbarung in Jesus Christus, 2) der Überordnung des Christentums gegenüber anderen Glaubensweisen, die in ihm zu ihrer Erfüllung kommen, oder 3) dem religiösen Relativismus der verschiedenen Wege zu dem einen Ziel. Die Kirche ist in paradoxer Weise zwar von der Welt zu unterscheiden, aber nur, um mit ihr Gott zu dienen. Ihr Dienst gilt ebenso den Menschen, die zwischen der so genannten aufgeklärten Religionslosigkeit und dem postmodernen religiösen Pluralismus Wegweisung brauchen, um ihren Platz als Glieder am Leib Christi zu finden. Kirche und Welt sind auch in Bezug auf das Eschaton verbunden und aufeinander bezogen. Mission ist dazu da, die Menschen wachsam zu machen für Gottes kommende, ins Jetzt und Hier hineinwirkende Herrschaft und ihnen eine "alternative Kultur" im Gegensatz zur Unkultur der Selbstbezogenheit zu bieten.

Mit Kapitel 7 (215-223) fasst A. die vorausgehenden Kapitel zusammen. Wenn sie darin gipfelt, dass die Stärke von Boschs Beitrag zur kontextuellen Theologie in seiner prophetisch-poetischen Denkweise besteht, gesteht sie implizit ein, worin die Schwäche seiner interkulturellen Theologie liegt: Sie kann (und will) keine vollendet anmutenden hybriden Systeme bieten, sondern lädt vielmehr in diskursive Denkräume ein, bei denen jeder, der sie bewohnen will, von konstanten Texten auszugehen hat. Diese geben kreativ zu nutzende Regeln vor, um die beweglichen Kontexte zu verstehen und zu ordnen. A.s Leistung besteht nicht nur darin, Boschs theologische Texte vor der Vergessenheit zu bewahren, sondern auch darin, dass sie uns hier eine "Lesehilfe" gibt, die zur Erschließung seiner kontextualisierenden Theologie verhilft. Es ist sehr wünschenswert, dass dieses Buch Gebrauch findet, um die verschiedenen aktuellen kontextuellen Theologien im Zeitalter der Globalisierung besser zu entschlüsseln.