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Ausgabe:

Februar/2004

Spalte:

226–228

Kategorie:

Missionswissenschaft

Autor/Hrsg.:

Derenthal, Olaf

Titel/Untertitel:

AIDS in Afrika und die Rede von Gott. Impulse einer Option für Menschen mit HIV. Anhang mit Gebeten aus Kenia.

Verlag:

Münster-Hamburg-London: LIT 2002. 160, XIV S. 8 = Theologie und Praxis. Abteilung B, 13. Kart. Euro 15,90. ISBN 3-8258-6047-7.

Rezensent:

Wilhelm Richebächer

Die Arbeit ist ein guter Beitrag zur inhaltlichen Vertiefung der Anti-AIDS-Kampagne in Deutschland und des damit einhergehenden interkontinentalen Gesprächs.

Die Argumentation des Autors basiert auf einer empirischen Studie, die er während eines 14-monatigen Aufenthalts bei den Steyler Missionaren in Kenia durchführte. Es gelingt ihm, die Sicht afrikanischer Menschen verschiedener Altersstufen einzubeziehen (s. Gebetstexte im Anhang) und bis in seine Optionen zur Weiterarbeit zur Geltung zu bringen. Besonders interessant ist aber seine Beleuchtung der mit den Glaubensaussagen verbundenen soziologischen und kulturell-religiösen Hintergründe: Die AIDS-Pandemie wird nicht nur theologisch analysiert. Erhellend wendet der Autor P. L. Bergers und Th. Luckmanns Theorie von der gesellschaftlichen Konstruktion von Wirklichkeit auf die Phänomene von Krankheit und AIDS an. Wer einmal die von westlicher, hauptsächlich biomedizinischer Beurteilung von AIDS völlig unterschiedene Konstruktion von AIDS auf der Basis einer balance-medizinischen oder afrikanisch-religiösen punitiv-medizinischen Sichtweise verstanden hat, wird nicht länger versuchen, die Katastrophe mit Maßnahmen in den Griff zu bekommen, die von vielen Afrikanern abgelehnt werden. Er wird zumindest nachvollziehen können, warum politisch und kirchlich Verantwortliche dort von einer Vielfalt der Ursachen (nicht allein Virus) reden und zögerlich der Kondomverbreitung als Allheilmittel gegenüberstehen. Wenn er dann noch weiß, dass nicht Promiskuität auf Grund starken Sexualtriebs, sondern auf Grund sozialer und ökonomischer Armut für die Verbreitung der Infektion in alltäglicher Prostitution mit verantwortlich ist (114 ff.), kann er auf neue Weise afrikanischen Kirchen helfen, im eigenen Kontext präventiv und kurativ zu handeln.

Eine wichtige Konsequenz dieses Ansatzes wäre, dass Christen im Norden genauer unterscheiden lernen zwischen dem, was sie in Afrika beitragen können, und dem, was sie niemals selbst bewerkstelligen, aber durch selbstkritische Einsicht und Solidarität beim afrikanischen Gegenüber fördern können.

Eindrucksvoll begründet der Autor empirische und biblisch-theologische Argumente gegen die Abstützung verantwortlicher Sexualpraxis in Zeiten von AIDS allein auf die beiden Grundpfeiler Enthaltsamkeit und Treue (so das römisch-katholische Lehramt). Warum zur Flotte der Hoffnung (64 ff.) zum Überleben der afrikanischen Gemeinschaften auf der Sintflut der AIDS-Katastrophe neben den beiden Schiffen Abstinenz und Treue als drittes Schiff auch die Prävention durch Kondome gehört, weiß er nicht nur moralisch zu begründen, sondern mit der Option der Einbindung der Sexualerziehung der Kirchen in den Rahmen afrikanischer Initiationsrituale auf angemessene Weise kontextuell einzubetten. Bei der moralischen Begründung kann er sich zudem auf die präventiv gut brauchbare Stellungnahme der Deutschen Bischofskonferenz zur Sache sowie zahlreiche katholische Theologen in Afrika (Waliggo, Magesa, Bujo) stützen. Die Ausführungen über die afrikanischen Reden von Gott und zu Gott angesichts der AIDS-Katastrophe lassen erkennen, wie sensibel hier auf die afrikanische Frömmigkeit geachtet wurde, in die neben dem Vertrauen auf Christus als den schwarzen Bruder und Heiler auch das traditionelle und etwas fatalistische Vertrauen auf die Güte der höheren göttlichen Kräfte (Ahnen etc.) einfließt.

Die Arbeit zeigt einen Ausweg aus dem Lavieren vieler katholischer Autoritäten zwischen dogmatisch korrekten Predigten gegen Kondome und dann wieder verdecktem pragmatischen Helfen und Vorbeugen.

Da lassen sich Schwächen wie z. B. die unkritische Wiederholung einseitiger Vorurteile gegenüber den früheren europäischen Missionaren, die primär aus Machtgründen medizinische Versorgung ermöglicht (34) oder in ihrer Predigt vom Heil das Hier und Heute ausgespart (123) hätten, ertragen. Zu einem vollständigen Bild gehörte der Hinweis, wie intensiv die ersten Missionare in Ostafrika (u. a. Pater V. Lucas oder B. Gutmann) dafür Sorge trugen, dass die afrikanische Kultur erhalten blieb und in die Lage versetzt wurde, auf global bedingte Überfremdungsversuche zu reagieren. Das aber muss dem Autor dieser guten Arbeit nicht vor anderen abverlangt werden.

Schließlich noch eine Empfehlung an den Autor im Blick auf sein Schlusskapitel "AIDS in Afrika und Deutschland": Die zu Recht geforderte Einbeziehung der Existenzfragen afrikanischer Kirchen in europäische Theologie als für unsere Theologie wesentliches Thema sollte man nicht allein von unserer Öffnung für politisch-ethische Themen (Stichwort Provokation) erwarten. Kommt die Studie der Deutschen Bischofskonferenz Zeit zur Aussaat nicht auch zu einigen Optionen für den deutschen Kontext, bei deren Umsetzung uns gerade Afrikaner helfen könnten, z. B. Kirche als solidarische und lokale Gemeinschaft von Menschen in Fleisch und Blut neu zu gestalten!? Ich würde die Ergebnisse von Zeit zur Aussaat nicht unter dem Stichwort Schaffen eines wohligen Refugiums (141) abtun wollen.