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Ausgabe:

Dezember/2001

Spalte:

1328–1330

Kategorie:

Missionswissenschaft

Autor/Hrsg.:

Frei, Fritz [Hrsg.]

Titel/Untertitel:

Inkulturation zwischen Tradition und Modernität. Kontexte - Begriffe - Modelle.

Verlag:

Freiburg/ Schweiz: Universitätsverlag 2000. 374 S. gr.8. Kart. sFr 68.-. ISBN 3-7278-1292-3.

Rezensent:

Klauspeter Blaser

Mit dem Begriff der Inkulturation, d. h. der Verwurzelung der christlichen Botschaft in einem kulturell und religiös fremden Kontext und umgekehrt der Evangelisation von Kulturen ist eine neue Synthese von Evangelium und Kultur, ebenso eine neue Epoche der Kirche anvisiert. Entstehung und Konjunktur des Begriffs sind auf dem Hintergrund geopolitischer und missionstheologischer Umwälzungen zu verstehen. Inkulturation ersetzt die älteren Begriffe der Adaptation, Akkomodation, Indigenisierung (oder Einheimischwerdung) und Enkulturation, die sich vor allem auf sichtbare und hörbare Elemente konzentrierten (Kleider, Sprache, Architektur, Musik) und deren Intensitätsgrad durch die Missionare bestimmt wurde. Inkulturation kann als Bemühen lokaler Gemeinschaften definiert werden, die christliche Botschaft in einem gegebenen sozio-kulturellen Umfeld so laut werden zu lassen, dass sich der Glaube auf Sprache, Vorstellungen und Werte dieses Umfeldes bezieht und mit ihnen vermischt, sofern diese mit dem Evangelium zu vereinbaren sind.

Diese Thematik, die anderwärts auch unter dem Stichwort der Kontextualisierung fingiert, hat eine unübersehbare Fülle von Aufsätzen und Büchern hervorgebracht, und zwar sowohl in den Kirchen des Südens wie in den Theologien des Nordens. Das vorliegende Buch liefert dazu einen weiteren und in jeder Hinsicht sehr gewichtigen Beitrag. Dem Untertitel entsprechend ist es, eingerahmt von Einführung und Ausblick, in drei Teile aufgebaut. Der erste enthält Fallstudien aus Korea, Indien, Kenia, Kongo, den Anden und aus der feministisch-theologischen Forschung. Im zweiten Teil werden die komplexen und kontroversen Modernisierungsprozesse von Kulturen und Kirchen religionswissenschaftlich, systematisch und soziologisch unter die Lupe genommen. Die Inkulturationsvorgänge zwischen Tradition und Innovation wollen verstanden, nach Kriterien beurteilt und kritisch begleitet werden, geht es doch schließlich um das Überleben der Menschen. Der dritte Teil fragt nach den in der weitläufigen Debatte wirksamen Modellen und ihrem theologischen Begründungszusammenhang. Jeder der 13 Beiträge (9 in deutsch, 2 in englisch und je 1 in französisch und spanisch) enthält am Schluss eine Zusammenfassung in den beiden Hauptsprachen sowie ein ausführliches und jeweils relevantes Literaturverzeichnis (am Schluss des Buches ergänzt durch Register und Präsentation der Autoren). Die Publikation empfiehlt sich deshalb auch als Arbeitsbuch.

Naturgemäß lässt sich ihr Inhalt nicht auf eine These reduzieren. Erhellend sind die Beiträge von A. Peter und G. Collet im dritten Teil. Ersterer unterscheidet als Grundmodelle der Inkulturation die Korrelation (Text-Kontext), die Übersetzung (von feststehendem Inhalt zur Anpassung) und die Kulturfunktionalität (die Kultur als praeparatio evangelica). "Die Stärke des Übersetzungsmodells ist die christliche Identität, und der Schwachpunkt ist deren Vermittlung mit der jeweiligen kulturellen Identität. Umgekehrt besteht die Stärke des kulturfunktionalen Modells in der Bewahrung der kulturellen Identität, während die Schwäche, die christliche Identität ist. Beide Modelle betonen also je einen der beiden Bezugspunkte des Korrelationsmodells, während letzteres diese Pole in einer ausgewogenen, wechselseitig kritischen Balance zu halten versucht" (319). Peter zeigt, dass sich letztlich alle anderen in der Diskussion gemachten Vorschläge in diese Grundformen einordnen lassen. Ist von der kulturellen Identität her zu fragen, nach welchen Kriterien das Christentum als kulturell integriert gelten darf, so stellt sich von der christlichen Identität her die Frage, wie diese bewahrt werden kann. Auch hier gibt es verschiedene Antworten, wie die biblisch überlieferte Botschaft vom Heil in Jesus Christus festgestellt werden kann. Peter nimmt den Ansatz von G. Theißen auf, wonach ein minimaler Grundbestand an gemeinsamen Grundüberzeugungen, Riten und Normen unterschiedliche und kulturbedingte, nicht harmonisierbare Interpretationen hervorbringen. Sofern diese, wie die urchristliche Zeichensprache, bestimmten Mustern folgen (z. B. Positionswechsel, Hoffnung, Umkehr , Rechtfertigung), geht ihre Pluralität in Ordnung. Collet seinerseits untersucht die theologischen Grundmodelle, die in der Inkulturationsdebatte wirksam sind: die Inkarnations-, die Schöpfungs- und die Geisttheologie. "Während inkarnatorische Begründungsmodelle mehr dazu neigen, den Ursprung des Christentums hervorzuheben und damit dem Traditionsprinzip ein besonderes Gewicht beizumessen, finden beim protologisch und pneumatologischen Begründungsmodell ausserchristliche Kulturen mehr Beachtung und Wertschätzung" (349), folgert er.

Das Buch geht auf die Arbeit einer Forschergruppe des Romerohauses Luzern zurück und ist den leider zu früh verstorbenen Mitarbeitern Otto Bischofberger, Anton Peter und Josef Amstutz in dankbarer Erinnerung gewidmet.