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Ausgabe:

Juli/August/2001

Spalte:

847–849

Kategorie:

Missionswissenschaft

Autor/Hrsg.:

Lienemann-Perrin, Christine

Titel/Untertitel:

Mission und interreligiöser Dialog.

Verlag:

Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 1999. 190 S. 8 = Bensheimer Hefte, 93: Ökumenische Studienhefte, 11. Kart. DM 27,80. ISBN 3-525-87185-6.

Rezensent:

Heinrich Balz

Die vom Evangelischen Bund herausgegebenen Bensheimer ökumenischen Hefte wollen im begrenzten Raum eines Hefts ökumenisch aktuelle Themen dokumentieren, darstellen und interpretieren, im vorliegenden Falle Mission und interreligiösen Dialog. Die Autorin fügt sich dem vorgegebenen Programm der Reihe ein, doch so, dass man bei der Lektüre an mehreren wichtigen Stellen sich eine andere Weiterführung des nur Angedeuteten vorstellen kann. Eben dies, dass man das Heft auf zwei unterschiedlichen Ebenen lesen kann, macht die gründlichere Beschäftigung mit ihm gewinnreich und notwendig.

Eine erfreulich lange Einleitung (753) behandelt "Biblische Voraussetzungen für das Verständnis von Mission und Dialog im Christentum". Sie setzt die neue Gesprächslage, damit auch die Kritik und Selbstkritik des Christentums voraus und gibt ihr durch relectura der alten Texte neue Impulse.

Das "Fremde" wird von Israel zuerst als Feind erfahren, zugleich aber reflektiert als eigenes Fremdsein und als Umgang mit den in der eigenen Mitte lebenden Fremdlingen. Jahwes Verhältnis zu den "Völkern" limitiert und durchbricht den anfänglichen Ethnozentrismus; man weiß auch von Glauben außerhalb Israels (Hagar, Naaman, Jona-Buch). Ein Hinausgehen zu den Völkern gibt es nicht, doch wird ihr endzeitliches Kommen zum strahlenden Licht des Zion erwartet. Nie aber werden die Götter als Manifestationen des einen wahren Gottes gelten gelassen. Für das Judentum in griechischrömischer Zeit bestreitet die Vfn. mit S. McKnight 1991 einleuchtend die von der älteren Forschung bis Harnack angenommene umfassende Missionstätigkeit: Einer aktiven Ausbreitung bedurfte es nicht, wohl aber schuf eine starke Außenorientierung in der Diaspora ein "missionarisches Bewußtsein".

Im Neuen Testament erscheint der Matthäus-Schluss als Klimax und schwere Last zugleich mit dem in aller früheren Religionsgeschichte unerhörten universalen Anspruch, der "neben dem christlichen Glauben für fremde Religionen keinen Raum mehr freiläßt" (35). Dahinter bzw. geschichtlich davor liegt aber ein vielfältiger Prozess, der in Antiochien und Syrien als "religionsgeschichtlicher Glücksfall" einer offenen Mischkultur viele Möglichkeiten der Zuwendung, des Sympathisierens und schließlich der durch Taufe besiegelten Bekehrung zur neuen Religion bot. Die Forschungen G. Theissens und A. Feldtkellers werden fruchtbar gemacht, um die erste nichtjüdische Christenheit auf der Suche nach Heilsgewissheit, "Identität" und bei der Gratwanderung zwischen kultureller Integration und schmerzhafter Unterscheidung - Gegenpol zu Mt 28 ist das Bild der christlichen Fremdlingsschaft im 1Pt zur gleichen Zeit- neu zu befragen.

Der erste Teil (54123) umreißt sodann Positionen in der Ökumene zu Mission und Dialog. Die lange Vorgeschichte unterschiedlicher Missionsmethoden östlicher und westlicher Christenheit war, trotz verstreuter einzelner Glanzlichter, wesentlich undialogisch. Die Geschichte des Internationalen Missionsrats spitzt sich zu auf den problematischen Sieg der Barth-Kraemerschen Diastase von christlicher Botschaft und Religionen in Tambaram 1938. Der Neuaufbruch der katholischen Kirche seit dem II. Vaticanum mit seinen ambivalenten Signalen und der teilweisen Zurücknahme in späteren Verlautbarungen nährt den Verdacht einer letztlichen "Instrumentalisierung des Dialogs zugunsten der Mission". Gleiches lässt sich nicht sagen vom Ökumenischen Rat der Kirchen, der seit Neu Delhi 1961 die Mission im Kontext der Jungen Kirchen neu durchdacht und dennoch die Evangelikalen nicht verloren hat, eine Fülle interreligiöser Dialoge verwirklichte und reflektierte. Dabei standen religionsübergreifende Projekte für den Frieden 1976-1983, die theologischen Grundlagen des Dialogs 1983-1991 stärker im Vordergrund. In den letzten zehn Jahren sieht Lienemann den Dialog neben dem "sich dem Fremden aussetzen" wieder stärker bei der Bestimmung der "bleibend notwendigen Differenz". Ein ergänzender Abschnitt gibt Stimmen aus der Orthodoxie, die sich, nicht ohne Grund, im ÖRK unterrepräsentiert sehen, zu Mission, Proselytismus und Inkulturation zu Gehör.

Der zweite Teil (124173) geht von der ökumenischen Übersicht ins bunte Detail kontextueller Profile; zunächst zur Minjung-Theologie nach Südkorea, die im sozialen Konflikt so Mission wie Dialog mit dem volksreligiösen Erbe eindrücklich neu fasst, aber zur theologisch notwendigen Kritik auch am Minjung-"Volk" keine Handhabe findet. Frau Chung Hyun-Kyung, die mit ihrer Geist-Geister-Theologie 1991 in Canberra für Streit sorgte, kommt im heimischen Kontext nicht weiter; sie lehrt stattdessen in New York. Besonders gelungen ist sodann die vergleichende Gedankenbiographie zweier pluralistischer Religionstheologen, des amerikanischen Katholiken P. Knitter und des indischen vormaligen Basler Missionszöglings S. J. Samartha. Beide gingen selber in sukzessiven Stadien den Weg von der exklusiven über die inklusive zur pluralistischen Theologie der Religionen, und beide enden in der bislang letzten Phase, wo nicht in der Aporie, so doch in der Resignation: Knitter bei der vordem unterschätzten tiefen Verschiedenheit der Religionen und Samartha bei der Unmöglichkeit, die bekennende Innen- mit der dialogischen Außenperspektive des christlichen Glaubens in Indien hinreichend zu vermitteln. Beider Probleme werfen Licht auch auf die steigende Zurückhaltung des ÖRK, Gottes Handeln in den anderen Religionen deutlicher als nur vage allgemein zu lehren und auf seine Strategie, konsequent Ökumene der Kirchen zu bleiben, nicht weitergehende Ökumene der Religionen werden zu wollen. Ein letzter Abschnitt skizziert aus Schweizer Distanz Größe und Grenze des von F.-W. Marquardt im geschichtlich belasteten deutschen Kontext geführten theologischen Dialog mit dem Judentum. Auch er ist, in aller seiner Besonderheit, "interreligiöser Dialog" und als solcher vergleichbar mit anderen Dialogen; zumal in seinen Versuchungen für die christliche Seite wie etwa, vor lauter Außensicht des Eigenen die bekennende Innensicht zu verlieren, oder um der Klarheit des Dialogs willen die Existenz gegenwärtigen Judenchristentums zu vergessen.

Der straffe dritte Teil (174186) führt zurück zur Orientierungsfunktion der Ökumenischen Studienhefte. Die Begegnung der Religionen ist nicht mehr in anderen Kontinenten, sondern wie in antiker Zeit wieder nach Europa gekommen. Christliche Ökumene gibt ihr den Horizont in der Verschiedenheit der Kontexte und Zukunftsperspektiven; dies sowohl für den noch jungen Dialog als auch für die alte, aber nicht beendete, Mission. Ihren Grund haben beide, die "Weitergabe des Evangeliums" und das "Fremdverstehen", im Apostolat bzw. der Apostolizität als dem vierten klassischen Kennzeichen christlicher Kirche - wobei, wie die Autorin konzediert, die prinzipielle Gleichstellung des Dialogs mit der Mission in der Christentumsgeschichte ebenso wie in ihren biblischen Voraussetzungen auf Schwierigkeiten stößt.

Auf Gedanken bringt das Heft nicht nur durch den Aufweis der engen Verflochtenheit von Dialog und Mission in der ökumenischen Debatte, sondern auch durch das, weniger beabsichtigte als sich aufdrängende, Ergebnis der nur begrenzten Parallelisierbarkeit beider. Die Geschichte des Dialogs im modernen Sinn ist kurz und heftigen Wechselfällen unterworfen; nicht zuletzt auch dem (warum nicht erwähnten?), dass der ÖRK seit 1992 keine eigene Dialogabteilung mehr hat, was unterschiedliche Gründe hat. Dennoch ist der Dialog nicht tot, weder der mit den Schrift noch der mit den traditionellen Religionen. Aber bedarf er wirklich der überzeitlich theologischen Gleichstellung mit dem Missionsauftrag? Genügt es nicht, als Notwendigkeit und Aufgabe bestimmter Zeiten und Kontexte ihn einfach zu üben? Dass er ebenso wie der moderne Diskurs vom "Fremden" und vom "Außenkontakt" der Kirche zu neuerlichem Nachdenken über die alte, aber nicht erledigte christliche Mission beiträgt, ist unbestritten. Auch Trauerarbeit über ein herrschaftlich imperiales Verständnis des Matthäus-Schlusses - wobei seine geschichtliche Wirkung von der Vfn. überschätzt sein dürfte (vgl. hierzu D. Bosch 1991) - ist zeitgemäß. Doch das findet seine Heilung nicht nur im - häufig einseitigen und unerwiderten- christlichen Willen, sich im Religionsdialog verändern zu lassen, sondern ebenso und vielleicht noch gründlicher in der anderen biblischen Änderungseinladung, die Empfänger wie Sendboten gleichermaßen umfasst und nicht Befehl, sondern Bitte ist: Lasst euch versöhnen mit Gott.