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Ausgabe:

Februar/2001

Spalte:

223–225

Kategorie:

Missionswissenschaft

Autor/Hrsg.:

Amstutz, Josef

Titel/Untertitel:

Missionarische Präsenz - Charles de Foucauld in der Sahara.

Verlag:

Immensee: Neue Zeitschrift für Missionswissenschaft 1997. 179 S. 8 = Neue Zeitschrift für Missionswissenschaft. Schriftenreihe, 35. Kart. sFr 29,80. ISBN 3-85824-079-6.

Rezensent:

Ulrich Schoen

Es gab treue christliche Missionare, die sich nicht im Geringsten für den muslimischen oder "heidnischen" Glauben der zu Bekehrenden interessierten, die jedoch dem Kolonialismus kritisch gegenüber standen. Und es gab treue Regierungsbeamte, die ihre Wissenschaft in den Dienst der Kolonialbehörde stellten, die jedoch die Religion der "Eingeborenen" ehrlich studierten. Was bei Charles de Foucauld stört, ist, dass diese beiden je ein Minimum an Sympathie erheischenden Züge fehlen: Er stellt weder die Berechtigung des französischen Kolonial-Unternehmens in Frage, noch interessiert er sich für den Islam (die nicht-christliche Religion, mit der er es vor allem zu tun hatte). Mehr noch: Foucauld beurteilte den Islam abfällig und meinte, dieser werde bald aussterben. Zur Zeit seiner Bekehrung in Marokko allerdings hatte ihn die islamische Frömmigkeit beeindruckt (65). Dennoch strahlte von ihm etwas aus, das seine Wirkung nicht verfehlte: Zum einen trat er für Gerechtigkeit allen Menschen gegenüber ein, auch für die Kolonisierten. Darin gleicht er Las Casas, der ja auch weder die Evangelisierung noch die spanische Kolonialherrschaft jemals in Frage gestellt hat. Zum anderen verbreitete Foucauld einen "Geruch von Heiligkeit". Ahmte er doch demütig die dreißig Jahre nach, die Jesus vor seinem öffentlichen Auftreten in Nazareth gelebt hatte (73). Dies beeindruckte sogar einige wenige Muslime: Ali Merad zum Beispiel, der ein positives Buch über Foucauld schrieb, worin er allerdings eine Ausnahme unter den muslimischen Autoren bildet.

Bruder Charles hätte gerne viele Muslime bekehrt (146). Unter den Berbern hielt er dies für am leichtesten möglich (63). Dazu hoffte er Gleichgesinnte aus der Heimat um sich zu sammeln und so einen neuen Orden zu gründen. Er ist jedoch Zeit seines Lebens allein geblieben und hat - gezwungenermaßen - all sein Tun als "Prä-Mission" aufgefasst: als Vorbereitung für den späteren Missions-Erfolg. Gegen Ende des Ersten Weltkriegs wurde er in seiner Einsiedelei im Hoggar-Gebirge in der Zentral-Sahara ermordet. Wahrscheinlich, weil er als Agent der Franzosen galt. Seiner Nach-Wirkung aber kam dieser Misserfolg zu Gute. Denn die erwähnten unsympathischen Elemente konnten "abfiltriert" werden: als nämlich andere - nach ihm - "in seinem Sinne" die erhoffte Gemeinschaft gründeten. Der Prä-Missionar Foucauld wurde so neu interpretiert. Ja er konnte sogar zu einer Leitfigur werden für die "Christliche Präsenz", einem gängigen Modell christlichen Handelns in der Welt, das nicht mehr zu einer "Heilsarmee", sondern zu einer "Dienstarmee" gehören will, das heißt: "sich ohne jeglichen Hinter-Gedanken einer Bekehrungs-Absicht ganz in den Dienst der Welt stellen". Magdeleine Hutin und RenÈ Voillaume waren es, die kurz nach dem Zweiten Weltkrieg diese Gründungen unternahmen: Die eine gründete die "Kleinen Schwestern Jesu" (siehe hierzu: "petite soeur Annie de JÈsus, Semer des Ètincelles d'amor sur les traces du PËre de Foucauld", in: Spiritus (Paris) 153, 1998, 355-363), der andere die "Kleinen Brüder Jesu" (siehe hierzu: "RenÈ Voillaume, Charles de Foucauld et ses premiers disciples. Du dÈsert arabe au monde des citÈs". Bayard, Paris 1998). Die zwei neuen christlichen Orden, die so entstanden sind, zählen - wie der evangelische Kirchengeschichtler Walter Nigg sagt - zu den "erfreulichsten Erscheinungen in unserer von Auflösung bedrohten Zeit" (siehe dessen kurze Foucauld-Biographie in: Walter Nigg, Buch der Büßer. Neun Lebensbilder. Zürich 1993, 194-218).

Das Buch von Josef Amstutz ist keine Biographie, sondern eine gemeinsame Veröffentlichung dreier zuvor getrennt erschienener missiologischer Studien. Sie betrachten die drei letzten Etappen in Foucaulds Leben: 1) sein Mini-Kloster in Beni-Abbes, 2) sein Leben unter den Nomaden, 3) seine Niederlassung unter den Tuareg im Hoggar. Das Buch ist gut dokumentiert: A. hat so ziemlich alles über und von Foucauld Geschriebene gelesen. Insbesondere dessen zahlreiche Briefe - zum Beispiel an AbbÈ Huvelin, seinen directeur spirituel (dessen Anweisungen er seit seiner Bekehrung im Alter von 28 Jahren strikt befolgte), an seine geliebte Kusine Marie de Bondy und an General Laperrine, seinen ehemaligen Offiziers-Kollegen, der inzwischen eine führende Stellung in der französischen Militär-Verwaltung Nordafrikas eingenommen hatte. A. stellt dar. Er lässt Bruder Charles zu neuem Leben erstehen durch umfangreiche und einfühlsame Zitate. Er entschuldigt ihn und zeigt, wie Foucauld dem damaligen politischen und katholisch-theologischen Zeitgeist verhaftet war.

So kritisiert er kaum, und wenn, dann äußerst behutsam (62, 66, 72). Er sagt auch nicht, dass es sehr wohl andere gab, die sich - im Rahmen ihrer Möglichkeiten - von diesem Zeitgeist frei gemacht haben. Er bemerkt zum Beispiel nicht, dass es Foucauld völlig an Gespür für die islamische Spiritualität fehlte, wenn er seine Sakraments-Frömmigkeit auf die ausgesetzte Hostie konzentrierte. Denn stunden- und nächtelang betete er so "ein Stück Brot" an, was der täglich bekannten islamischen Grundaussage diametral widerspricht, nämlich dass es auf Erden "außer Gott (selber) nichts Göttliches" gibt. Schließlich betont A. zwar, dass die Aussagen das Zweiten Vatikanischen Konzils weit über Foucauld hinausgehen (168). Denn dieses erahnt viel Heil im Islam, während Foucauld außerhalb der katholischen Kirche nur Finsternis und keinerlei Heil sah (31). A. sagt aber nicht, was heute auch von vielen Katholiken als zu sagen nötig erkannt wird, nämlich dass - wenn man den eigenen Respekt gegenüber dem Islam betont - es nicht genügt, als zu würdigende Werte des anderen nur aufzuzählen, was man selber glaubt (Gottes Allmacht, Gottes Barmherzigkeit usw.), ohne ein Sterbens-Wörtchen zu verlieren über die drei essentials des Islam, nämlich den Koran, den Gesandten Muhammad und die islamische Umma.