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Ausgabe:

Juni/2020

Spalte:

507–509

Kategorie:

Altertumswissenschaft

Autor/Hrsg.:

Achenbach, Reinhard [Hrsg.]

Titel/Untertitel:

Heilige Orte der Antike. Gesammelte Studien im Anschluss an einen Ringvorlesung des Excellenzclusters »Religion und Politik in den Kulturen der Vormoderne und der Moderne« an der Universität Münster im Wintersemester 2013/2014. Hrsg. in Zus.arb. m. N. Moustakis.

Verlag:

Münster: Verlag Zaphon 2018. VI, 376 S. m. Abb. = Kasion, 1. Geb. EUR 98,00. ISBN 978-3-96327-028-4.

Rezensent:

Katharina Heyden

Der Band geht auf eine Ringvorlesung in Münster zurück und präsentiert ein Panorama von heiligen Orten der Antike im Mittelmeerraum, wobei der Titel in zweifacher Hinsicht weit gefasst ist: Zum einen ist eine Definition für »heilige Orte« nicht vorgegeben, sondern wird von der Autorin und den Autoren der 14 Beiträge jeweils anhand der beschriebenen Phänomene, mal mehr mal weniger explizit, zusammengetragen und ergibt sich damit induktiv aus der Lektüre des gesamten Bandes. Zum anderen ist der zeitliche Bogen weit gespannt: Er führt vom steinzeitlichen Heiligtum Göbekli Tepe in Kleinasien ( Klaus Schmidt) bis in die jüngsten Konflikte um die Patriarchengräber in Hebron (Hans Kippenberg) und umfasst damit 12000 Jahre Kulturgeschichte. Die Anordnung folgt grob dem chronologischen Prinzip, wobei Jerusalem mit drei Beiträgen besonders stark repräsentiert ist. Das alle Beiträge Verbindende ist gemäß der Einleitung die Frage nach »Kontinuität und Diskontinuität der Wirkungsgeschichten heiliger Orte und Räume« (2) sowie deren identitätsprägende Relevanz.
Dieser Anspruch wird von einigen Autoren in hervorragender Weise eingelöst: So fragt Ulrich Sinn (141–167) im Blick auf die beiden wichtigsten Orakelstätten der griechischen Welt, Delphi und Olympia, ob die wirkungsgeschichtliche Bevorzugung Olympias durch die panhellenische Bewegung des 19. Jh.s bei der Etablierung der modernen Sportspiele »ihre historisch fundierte Berechtigung« hat (143). In einem vorzüglich vorgeführten Vergleich kann er zeigen, dass Olympia im Blick auf die Agonie bereits in der Antike eine größere internationale Ausstrahlung genoss als das in kultischen Fragen bedeutsamere Delphi. Max Küchler legt ein inhaltliches und sprachliches Meisterstück zu Jerusalem-Al Quds vor (299–32), in dem er profunde Ortskenntnis mit Beobachtungen und Überlegungen zur Kultur des Erinnerns und Vergessens an heiligen Orten und deren Bedeutung für die aktuelle Politik verknüpft. So fordert er, die kanaanäische Kultur, welche der von den Israeliten eingesetzten damnatio memoriae erst durch die moderne Archäologie entgangen ist, als »fundamentalen Sockel der darauf sich türmenden Kulturen der Israeliten, Juden, Christen und Muslime zu würdigen« (303). Küchler zeigt auch, wie die religiöse Bedeutung Jerusalems besonders in Zeiten architektonischer und politischer Bedeutungslosigkeit durch »theologische Anreicherung« konstruiert wurde. Leider fehlen viele Belege für Quellen und Forschungsthesen. Michael Grünbart bietet eine exzellente Studie zu den spätantiken Styliten, besonders zum syrischen Kal’at Siman (265–283), bei denen sich der heilige Ort auf den Durchmesser einer Säule beschränkt. Er thematisiert dabei nicht nur das Verhältnis von personaler und lokaler Heiligkeit im Christentum, sondern weist auch auf Rückgriffe auf die Styliten in der heutigen Perfomance-Kunst hin. Werner Ende erörtert die Bedeutung Medinas für den Islam als Begräbnisort des Propheten und vieler seiner Gefährten und Angehörigen (325–340). Er zeichnet die Konkurrenz zu Mekka nach und bietet so ein historisches Fundament für das Verständnis heutiger Konflikte zwischen der wahhabitischen saudischen Politik und der Forderung nach einer panislamischen Kontrolle über die heiligen Stätten.
Andere Beiträge entwickeln exemplarisch grundlegende Er­kenntnisse zu heiligen Orten: Der inzwischen verstorbene Klaus Schmidt zeigt am Beispiel des Ruinenhügels von Göbekli Tepe die zivilisatorische Bedeutung steinzeitlicher Heiligtümer als »Katalysatoren« für die Neolithisierung der Menschheit in der Euphrat-Tigris-Region auf (13–36). Julia Budka stellt Abydos und seine Begräbniskultur als einen Spiegel des religiösen und gesellschaftlichen Wandels in Ägypten dar (67–93). Klaus Zimmermann rekonstruiert zunächst sehr ausführlich aus literarischen Zeugnissen das Pantheon der Phönizier und weist, leider sehr knapp, auf die Bedeutung heiliger Orte als Schauplätze politischer Interessen hin (95–117). Engelbert Winter zeichnet ausgehend vom Jupiter-Heiligtum von Dülük Baba Tepesi in Südanatolien den Aufstieg einer lokalen zu einer globalen Gottheit auf, welcher wiederum Rückwirkungen auf den Ort selbst hat und eine jahrhundertelange Kultkontinuität von der griechischen Kultstätte zum christlichen Kloster bewirkt hat. Johannes Hahn (235–263) greift die alte (und zunehmend umstrittene) These von einer »konstantinischen Wende« bzw. Revolution auf und wendet sie auf das byzantinische Jerusalem an. Kaiser Konstantin habe mit seinem Bauprogramm in Palästina pagane Ortsvorstellungen und kaiserliche Selbstrepräsentation als »Fremdkörper« in das Christentum eingeführt. Dabei leitet Hahn die »reine« frühchristliche Ablehnung heiliger Orte aus normativen christlichen Quellen ab, was methodisch nicht unproblematisch ist. Georgios Makris zeigt in einem leider sehr knappen Beitrag zu Byzantion-Konstantinopel-Istanbul (285–300), dass die christliche Heiligkeit dieser Stadt in erster Linie über Reliquien und Kirchenbauten zu deren Beherbergung konstituiert wurde.
Eine dritte Gruppe von Beiträgen hat ihren Erkenntniswert weniger im Blick auf die heiligen Orte selbst, sondern auf damit verbundene nicht-lokale Aspekte: Hans Neumann wertet die literarischen Quellen über Nippur im Blick auf die Bedeutung des sumerischen Gottes Enlil aus, sagt aber wenig zum Ort selbst, der über Jahrhunderte das kultische Zentrum Babyloniens war (37–66). Reinhard Achenbach präsentiert einen chronologischen Durchgang durch die Geschichte Jerusalems in vorchristlicher Zeit und konstatiert eine »sukzessive Spiritualisierung der Präsenzvorstellung« (135), fokussiert aber weniger auf den Ort Jerusalem selbst, sondern bietet eher eine komprimierte Geschichte Israels (119–140). Wolfgang Hübner widmet sich der Idee der »Roma aeterna« (197–233), die er im Blick auf literarische Aussagen zur räumlichen und zeitlichen Ausdehnung Roms, der Zentralität der Stadt sowie von Maß und Gerechtigkeit in Rom analysiert. Er zeigt auf, dass diese abstrakte Idee in einer gewissen Konkurrenz zum realen Rom als einem »heiligen Ort« stand, doch ist dieser Eindruck vielleicht auch der literarischen (und nicht archäologischen) Perspektive geschuldet.
Der abschließende Beitrag von Hans Kippenberg (341–365) widmet sich mit Hebron einem modernen Konflikt um einen antiken heiligen Ort. Er zeichnet die Geschichte der Patriarchengräber als Spiegel des Nahost-Konflikts nach.
Während Kippenberg sich auf die beschreibende Rekonstruktion der konfliktreichen Geschichte um Hebron beschränkt, führt der Bandherausgeber in seiner Einleitung den Toleranzbegriff der westlichen Aufklärung ins Feld: Eine Nutzung heiliger Orte durch Angehörige verschiedener Religionen könne nur dann gelingen, wenn alle Religionen einen Weg fänden, »den in der Aufklärung des 18. Jh.s entwickelten Gedanken der Toleranz auch in der jeweils eigenen Religion in einer Weise zu verankern, dass die Überzeugung der Gemeinsamkeit einer Pragmatik der gemeinsamen Nut zung des Ortes zulässt« (9). Diese normative Berufung auf ein modernes Paradigma erstaunt in einem altertumswissenschaftlichen Band, bietet doch die Antike mit ihren »shared holy places« auch eigene Beispiele, an denen sich ein gelingendes Miteinander an heiligen Orten studieren lässt.
Insgesamt bietet der Band ein äußerst lehrreiches und gut zu lesendes, vom Herausgeber allerdings wenig systematisiertes Pa-­norama über heilige Orte im antiken Mittelmeerraum und eine Fundgrube für Einzelbeobachtungen und weitere vergleichende Überlegungen. Die beigegebenen Bilder werden nur von einigen Autoren als Quellen behandelt, in den meisten Beiträgen dienen sie lediglich der Illustration. Register zu Orten und Personen beschließen den Sammelband, ein systematisierendes Register hätte eine komparative Nutzung des Sammelbandes erleichtert.