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Ausgabe:

November/2019

Spalte:

1122–1123

Kategorie:

Allgemeines

Autor/Hrsg.:

Di Fabio, Udo

Titel/Untertitel:

Herrschaft und Gesellschaft. Durchgesehene Studienausgabe (Erstausgabe 2018).

Verlag:

Tübingen: Mohr Siebeck 2019. XVII, 293 S. = Beiträge zu normativen Grundlagen der Gesellschaft, 1. Kart. EUR 24,00. ISBN 978-3-16-157551-8.

Rezensent:

Hendrik Munsonius

Seit 2018 erscheint die Schriftenreihe »Beiträge zu normativen Grundlagen der Gesellschaft«. Sie bietet in der Darstellung des Verlags »eine interdisziplinäre Plattform, in deren Rahmen institutionellen und normativen Fragen nachgegangen wird, um das ge­sellschaftliche Wissen über die Funktion und Verletzlichkeit freiheitsermöglichender Institutionen und soziokultureller Lebensgrundlagen zu fördern. Das Ziel ist die Entwicklung eines zwischen Funktionsanalyse und Handlungstheorie angelegten Institutionenbegriffs.« Die Schriftenreihe erscheint im Zusammenhang mit dem an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn angesiedelten »Forschungskolleg normative Gesellschaftsgrundlagen«. Udo Di Fabio ist Mitglied des Forschungskollegs und neben Frank Schorkopf (Göttingen) Herausgeber der Schriftenreihe.
Das Buch »Herrschaft und Gesellschaft« hat als erster Band der Schriftenreihe programmatischen Charakter. Ausgehend von einer Beobachtung zunehmender Ordnungsverluste geht es um eine Theorie politischer Herrschaft, die sich nicht in einer Staatstheorie erschöpft, »weil die Institution des Staates ihre kategoriale Dominanz und die von ihr ausgehende explanative Kraft eingebüßt hat« (1). In einem ersten Teil wird »Politik als Funktionssystem« be­trachtet (7–136), der zweite Teil sucht im Wege einer Institutionenanalyse »Normative Grundlagen der Gesellschaft zwischen Funk-tion und Interaktion« zu erhellen (137–218), während der dritte Teil den »Strukturwandel politischer Herrschaft« (219–267) in den Blick nimmt. Immer wieder wird dabei eine Fülle höchst aktueller Ent wicklungen und Debatten aufgegriffen – Brexit, Klimawandel, bedingungsloses Grundeinkommen, die Präsidentschaft Donald Trumps, Digitalisierung, Sprachentwicklung, Moralisierung, Di­versität, Wandel der Marktwirtschaft, Migration, Säkularisierung und Religion und vieles mehr.
Der Vf. stützt sich dabei im Wesentlichen auf die Theoriekonzeption von Niklas Luhmann und beschreibt die Moderne als Ausdifferenzierung von Funktionssystemen, von denen vor allem Po-litik, Recht, Wirtschaft und Wissenschaft angesprochen werden. Diese Ausdifferenzierung bringt es mit sich, dass die Funktions-systeme auf der Grundlage ihres jeweils eigenen Codes unabhängig von den anderen Systemen erhebliche Eigenkomplexität aufbauen. Von ihrer Umwelt lassen sie sich dabei zwar anregen und irritieren, aber sie können nicht gesteuert werden. Keines dieser Funktionssysteme kann als zentral für alle anderen angesehen werden. Die Gesellschaft als solche ist theoretisch nicht erreichbar, eine »objektive« Beschreibung schon deshalb nicht möglich, weil jeder Beobachter selbst schon Teil der Gesellschaft ist. Die Systemtheorie kann darum auch keine umfassende Beschreibung der Gesellschaft liefern. Der Vf. spricht sich darum dafür aus, die Systemtheorie um eine Handlungs- und Institutionentheorie zu ergänzen, um so­wohl das normative Leitbild des freien, sich selbst zur Persönlichkeit entwickelnden Menschen, wie auch die notwendigen Kopp lungen zwischen den Funktionssystemen einzubeziehen. Diese wird vor allem durch Institutionen geleistet, in denen Erfahrungen gespeichert und durch die Werte stabilisiert werden.
Für ein umfassendes Bild politischer Herrschaft werden vier Sektoren ausgemacht (221 f.): Horizontal ist zwischen organisierter Amtsmacht und öffentlichem kommunikativen Prägeraum zu un­terscheiden, vertikal zwischen einer territorial partikularen Ebene, die durch Nationalität und Staatlichkeit bestimmt ist, und einer transnationalen Ebene, in der inter- und supranationale Organisationen tätig sind und ein weltweiter Kommunikationszusammenhang wirksam wird. Diese vier Sektoren beeinflussen sich wech-selseitig in unterschiedlicher, nicht ohne Weiteres zu durch-schauender Weise. Dabei diagnostiziert der Vf. vor allem eine Machtverschiebung von organisierter Amtsmacht zum öffentlichen Meinungsraum. Daran zeigt sich, dass eine Herrschaftsana-lyse sich keinesfalls mehr in Staatstheorie erschöpfen kann.
Das Buch leistet einen gedankenreichen Beitrag zu einer weiterführenden Analyse, die Sensibilität für aktuelle Entwicklungen mit einem differenzierten systematischen Zugriff und historischem Weitblick verbindet.