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Ausgabe:

Oktober/2017

Spalte:

995–1006

Kategorie:

Aufsätze

Autor/Hrsg.:

Isolde Karle

Titel/Untertitel:

Herausforderungen politischer Predigt

I Politische Predigt in Deutschland1

Angesichts der politischen Herausforderungen der letzten Jahre erfährt die politische Predigt in Deutschland erneut Aufmerksamkeit. Sensibilisiert durch die Fragilität von Pluralismus und Demokratie scheinen nicht wenige Kanzelrednerinnen und -redner der Gegenwart nicht nur eine im engeren Sinn religiöse, sondern auch politische Verantwortung zu sehen. Sie sind bestrebt, »das rechte Wort zur rechten Zeit«2 zu finden und damit »in die Öffentlichkeit hinein zu Grundfragen des politischen […] Lebens Stellung zu nehmen.«3 Zugleich herrscht Unsicherheit darüber, ob und wie in einer globalen, hoch komplexen Welt überhaupt noch bestimmt werden kann, was gut und richtig ist.4 Die wechselvolle Geschichte der politischen Predigt und die wachsende Komplexität der Gesellschaft machen die politische Predigt zu einer riskanten, heiklen Rede. Nicht zuletzt deshalb wendet sich ihr die homiletische Reflexion in jüngster Zeit wieder zu.5

Schauen wir zurück, dann liegen zunächst die Abwege politischer Predigt auf der Hand. So waren im Zweiten Weltkrieg eine patriotische Grundhaltung und die Hoffnung auf den deutschen Sieg in der Kirche verbreitet. Die Mehrzahl der Prediger wollte zwar nicht explizit politisch sein, unterstützte aber mit ihrer Fürsprache für einen starken nationalen Staat das Hitlerregime. Nicht wenige Prediger befürworteten darüber hinaus offen die deutsche Kriegsführung. Paul Althaus zum Beispiel deutete den Feldzug gegen Frankreich 1940 in einer Predigt als Gottes Handeln und zollte dem »Führer« und den Soldaten Bewunderung. Er meinte, in ihrem Tun »den gewaltigen Schritt des Herrn der Geschichte« zu spüren.6 Umgekehrt gab es aber auch Predigten, die den Krieg und die Verfolgung und Tötung von Kranken und (seltener) von Juden kritisierten.

Nach dem Zweiten Weltkrieg spielte die politische Predigt vor allem im Kontext der Diskussion um die Wiederbewaffnung Deutsch­lands eine Rolle. Karl Barth, Martin Niemöller und Ernst Lange sprachen sich besonders deutlich und prominent gegen eine Wiederbewaffnung und für eine globale ökumenische Versöhnung aus und predigten explizit politisch. In den Folgejahren waren der Vietnamkrieg, der Terrorismus in Deutschland und der Widerstand gegen Kernkraftwerke öffentlich diskutierte Probleme, die politisch engagierte Predigerinnen und Prediger auf der Kanzel thematisierten.

Zentrale theologische Impulsgeber der politischen Predigt in den 1970er und 1980er Jahren waren Jürgen Moltmann und Dorothee Sölle, die als wichtigste evangelische Vertreter der politischen Theologie hervorzuheben sind.7 Beide betonten die politische Relevanz der Theologie und forderten das Christentum zu Gesellschaftskritik und Veränderung auf. Es war dann vor allem die Friedensbewegung in den 1980er Jahren, die politische Predigten auf breiter Basis motivierte. Nach dem Nato-Doppelbeschluss (1979) und der Stationierung von Atomraketen in Deutschland bezogen sich viele Theologinnen und Theologen auf die Bergpredigt und riefen in ihren Predigten dazu auf, Frieden zu stiften. Ihre Forderungen waren hoch: Schwerter sollten zu Pflugscharen (Micha 4,3) und auf Rüstung einseitig und am besten vollständig verzichtet werden (Kampagne »Ohne Rüstung leben«). Allerdings galt nicht zuletzt für diese Zeit, dass der Gestus moralischer Entrüstung und Selbstüberschätzung, der in nicht wenigen Predigten zum Ausdruck kam, vielfach auch zu einer Ablehnung dieses Predigttyps auf Seiten der Hörerinnen und Hörer führte. Politische Entscheidungsfragen wurden zu einer Sache des Bekenntnisses und dies in einem oft absoluten Sinn, der nicht mehr als diskursfähig erschien. Manche riefen sogar den status confessionis aus, den außergewöhnlichen Bekenntnisfall, mit dem die kirchliche Gemeinschaft bzw. der christliche Glaube insgesamt auf dem Spiel zu stehen schien.

Im Osten Deutschlands wäre 1989 die Friedliche Revolution ohne die Friedensbewegung und ohne die Friedensgebete und die gewaltfreien Demonstrationen wiederum kaum möglich gewesen. Allerdings führte die bedeutende politische Rolle der evangelischen Kirche bei der Wiedervereinigung nicht zu einer Stärkung der Kirche oder des Glaubens, wie man dies erhofft hatte. »Mit dem Zusammenbruch der politischen Systeme im Europa des ausgehenden 20. Jahrhunderts verstummte [... die politische] Predigttradition mehr und mehr.«8 In den darauffolgenden Jahrzehnten hat man sich auf deutschen Kanzeln tendenziell auf das Individuum und seine Innerlichkeit beschränkt. Das war unverfänglich. Außerdem erschien die politische Lage ohnehin viel zu komplex, um sich explizit zu ihr zu äußern. Dies scheint sich gegenwärtig aufgrund der sogenannten Flüchtlingskrise und des Erstarkens des Rechtspopulismus zu ändern. So äußerte sich der EKD-Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm auf der EKD-Synode in Magdeburg im Jahr 2016 mit klaren Worten zu gegenwärtigen politischen Entwicklungen: »Wir müssen klare Kante zeigen gegenüber allen Versuchen, völkisches Gedankengut und rechtsextremistische Kampfrhetorik in unserem Land wieder salonfähig zu machen«. Er warnte vor rechtspopulistischen Bewegungen, die Ängste schürten, das politische Klima vergifteten und den gesellschaftlichen Zusammenhalt gefährdeten.9 Die Ratsvorsitzenden vor Bedford-Strohm waren auch immer politische Figuren, die das öffentliche Leben kommentierten und nicht selten signifikante Diskursimpulse setzten.10

Eine Predigt ist eine öffentliche Rede, die die Widersprüche des Lebens reflektieren und bearbeiten muss und das Individuum nicht losgelöst von seiner sozialen Umgebung, von seinem nationalen und globalen Zusammenhang betrachten kann. Deshalb bleibt die politische Predigt ein dringendes Desiderat einer lebensnahen und kontextsensiblen Kirche.11 Die internationale Flüchtlingskrise führt das vor Augen. Wie wollen Predigerinnen und Prediger über das Leben der Menschen sprechen und dabei deren Ängste vor den Geflüchteten oder auch ihr Bedürfnis, Geflüchteten zu helfen, ignorieren? Wie kommen die Geflüchteten selbst als Subjekte ihrer eigenen Erfahrung und nicht nur als Objekte distanzierter Beobachtung zur Sprache? Wie treten lebensweltliche, aber auch globale Zusammenhänge auf der Kanzel in den Blick? Und wie wird die biblische Botschaft als prophetisch-verwandelnde oder auch affirmierende Kraft dabei zur Geltung gebracht?

Ich möchte vor diesem Hintergrund der Frage nachgehen, welche Gründe für die Pflege der politischen Dimension der Predigt sprechen – auch in der funktional differenzierten Gesellschaft. Zugleich sollen Gefahren und Missbrauchsmöglichkeiten politischer Predigten reflektiert und schließlich homiletische Perspektiven einer politischen Predigt im Kontext des Gottesdienstes entfaltet werden.

II Warum politisch predigen?


Jede Predigt ist implizit politisch, weil jede Predigt öffentliche Rede ist. Eine Predigt will in einer widersprüchlichen Welt zum Nachdenken und zu Verhaltensänderungen anstiften. Doch nicht nur die Öffentlichkeit der Predigt weist auf ihre politische Dimension hin. »Eine Predigt ist auch aufgrund ihrer faktischen Parteilichkeit politisch.«12 Gott nimmt Partei »für das Leben des Menschen und gegen den Tod, für seine Freiheit und gegen die Unterdrückung, für sein Heil und gegen sein Verderben, für den Frieden und gegen die Gewalt.«13 Diese Parteinahme Gottes führt den Prediger und die Predigerin dazu, selbst Partei zu ergreifen und dabei die realen Bedingungen der Predigtkommunikation in der Predigt zu beachten und zu reflektieren. Die realen Umstände und konkreten Herausforderungen des Lebens dürfen in der Predigt des Evangeliums nicht übergangen werden, weder im Hinblick auf Fragen, die in den Medien diskutiert werden, noch im Hinblick auf konkrete Lebens- und Gestaltungsfragen, die sich vor Ort ergeben.

Die politische Predigt »trägt der Verantwortung des Menschen für die Welt Rechnung. Sie ist Ausdruck der Hoffnung, dass es geboten und verheißungsvoll ist, in dieser Welt Verantwortung zu übernehmen.«14 Sie setzt sich auseinander mit den Fragen des Lebens und der Zeit. »So betrachtet ist die politische Verantwortungsreife einer Predigt nicht am Grad der Entrüstung und Empörung gegen andere oder ›die da oben‹ abzulesen«15. Entscheidend ist vielmehr, dass eine politische Predigt sachkundig über ein Problem informiert, überzeugungskräftige Argumente für die eigene Ur­teilsbildung anbietet und damit die Gewissen der Anwesenden erreicht. Albrecht Grözinger plädiert in diesem Sinn für eine politische Predigt als offenes Kunstwerk: »Eine solche Predigt möchte nicht mehr länger Antworten vorgeben, sondern Sinnfindungs- und Gestaltungsräume eröffnen.«16

Politische Predigt führt dabei auch zu einer Wiederbelebung und Relektüre des Sündenbegriffs. Sie thematisiert das Ausmaß struktureller Sünde, die sich einerseits jenseits von uns, andererseits aber auch nicht ohne unsere Beteiligung vollzieht. Sünde kann deshalb nicht einfach als allgemeine Wahrheit definiert werden, sondern stellt eine Wahrheit in bestimmten Erfahrungszusammenhängen dar. Sigrid Brandt definiert Sünde als Gegensatz zur Kommunikation von Glaube, Liebe und Hoffnung. Die Macht der Sünde lässt sich demnach als Kommunikation von Hoffnungslosigkeit, Unversöhnlichkeit und Lieblosigkeit näher bestimmen. Sie stellt einen zerstörerischen und trostlosen Kommunikations- und Le­benszusammenhang dar.17 Diesen Zusammenhang gilt es in der Predigt zu beleuchten. Sünde heißt, »sich der Förderung anderen Lebens zu verweigern oder zur Verhinderung, Behinderung oder Zerstörung und Auslöschung anderen Lebens beizutragen.«18 Zu­gleich sind die Kommunikationszusammenhänge von Sünde für uns oft nur schwer durchschaubar. Sie machen uns, gerade in einem globalen Horizont, zu Sündern und Sünderinnen, oft genug, ohne dass wir dies wissen und wollen, zum Beispiel indem wir dazu beitragen, dass Tag für Tag Tier- und Pflanzenarten aussterben.19 Dies gilt es in einer differenzierten politischen Predigt zu bedenken. Es geht nicht nur um eine moralische Haftung des Einzelnen, sondern um eine Sensibilität für die überindividuellen Dynamiken, die sich in den Kontexten von Sünde entfalten.

Politische und ethische Predigt tendiert nicht selten dazu, sich vor allem auf das Misslingen, die Defizite, die Sünde menschlichen Verhaltens zu beziehen. Das liegt an der engen Liaison von Christentum und Moral. Es liegt aber auch daran, dass es viel leichter ist, das Negative zu beschreiben als das Gute. Das Leben im Licht der Verheißung zu betrachten (Ernst Lange), bedeutet aber auch, die Hörerinnen und Hörer als Akteure des Guten zu sehen und auch mit ihren glückenden Erfahrungen – nicht nur mit dem Misslingen – zu rechnen. Nicht nur die Sünde, auch der Kommunikationszusammenhang, der mit Glaube, Hoffnung und Liebe zu umschreiben ist, stellt eine dynamische und starke Trias dar, die »das Wesen christlicher Existenz prägnant auf den Begriff«20 bringt und im Leben von Gläubigen real vorkommt. Brandt formuliert: Glaube, Hoffnung und Liebe »symbolisieren ihre allgemeine Be­deutung meist nicht in dürren Worten, sie suchen vielmehr lebendige, die Menschen als Ganze und in ihren Lebenszusammenhängen betreffende und ergreifende Formen der Mitteilung. […] Sie affizieren und verändern uns. Sie verändern unsere psychische Verfaßtheit, unsere kognitiven Einstellungen und Perspektiven wie auch unsere leiblichen Existenz- und Gemeinschaftsformen. Sie sind so Katalysatoren der Veränderungen der Welt.«21 Wer das Evangelium predigen will, wird in diesem Sinn politisch predigen und anstreben, zu einem solch heilsamen, existentiell affizierenden und verändernden Kommunikationszusammenhang beizutragen. Es geht dabei nicht zuletzt darum, sich von einem elitären Pessimismus, der das Vertrauen in die Welt zerstört und sich am Abgrund einrichtet, zu distanzieren und Menschen, die täglich von den Massenmedien mit »bad news« eingeschüchtert werden, Mut zu machen und Perspektiven aufzuzeigen.22

Es ist deutlich, dass bei diesen grundsätzlichen Überlegungen kein enger, sondern ein weiter Begriff von Politik unterstellt wird. Das Leben in der Polis zielt auf das Gemeinsame und Gerechte im öffentlichen Bereich wie bei Aristoteles. Politik ist demnach alles, was die Polis betrifft. Es geht nicht um parteipolitische Äußerungen und auch nicht darum, der Politik religiös vorzuschreiben, was sie zu tun oder zu unterlassen hat, sondern um grundsätzliche Überlegungen, die vom biblisch-christlichen Verständnis des Menschen und der Welt als Gottes Schöpfung inspiriert sind. Die politische Predigt versteht sich deshalb letztlich immer als religiöse, nicht als politische Rede. Schleiermacher hebt in diesem Sinn hervor, dass das Politische Gegenstand der religiösen Rede sein könne, aber nicht als Politik, sondern als religiöse Reflexion des Politischen, »denn der Geistliche stellt ja nichts politisches auf, sondern faßt nur die Politik religiös auf.«23 Die politische Predigt konzentriert sich auf Vorstellungen vom Leben, die sie aus der reflektierten Auseinandersetzung mit den biblischen Überlieferungen gewinnt, und bezieht sich damit auf Fragen des öffentlichen Le­bens und des Gemeinwohls.24 Denn: »Christlicher Glaube existiert mitten in der Welt. Hier hat er sich zu bewähren. Und dazu gibt die Verkündigung in der Predigt Anregung, Ermutigung, Denkanstöße.«25

III Gefahren politischer Predigt


Trotz des Plädoyers für die kontextsensible politische Predigt dürfen die Gefahren und Missbrauchsmöglichkeiten politischer Predigt nicht außer Acht gelassen werden. Ich will im Folgenden einige Punkte benennen:

Politische Predigt kann mit ihrer Einschätzung der Lage völlig in die Irre gehen, wenn, wie bei Paul Althaus, das Vorgehen des Hitlerregimes als Handeln Gottes interpretiert wird. Nun werden wir aus der Perspektive der Gegenwart darin übereinstimmen, dass diese Sichtweise völlig verfehlt ist. Aber im Hinblick auf aktuelle Fragen, die beispielsweise die Sexualität und die private Lebensführung betreffen, stellt sich die Diskussionslage schon komplizierter dar. Wir haben innerhalb des Christentums keinen Konsens, wie die »richtige« christliche Moral auszusehen hat. Gehen vor allem Evangelikale und Fundamentalisten in den USA, aber auch hierzulande davon aus, dass es Gottes Willen sei, eine Abtreibung bei einer ungewollten Schwangerschaft in jedem Fall zu verhindern, sehen Sozialethiker und Christen in Deutschland das mehrheitlich an­ders. Ähnlich umstritten ist die Bewertung gleichgeschlechtlicher Lebenspartnerschaften und die Frage, ob gleichgeschlechtliche Lebenspartnerschaften der heterosexuellen Ehe gleichgestellt werden und sie dieselben Rechte wie Heterosexuelle erhalten sollten. So vehement die eine Seite auf biblischer Grundlage die rechtliche Gleichstellung vertritt, so heftig wehrt sich die andere Seite gegen eine auch nur abgestufte Akzeptanz. In ökumenischer Perspektive hat diese Frage sogar die Kraft, kirchliche Gemeinschaftsverbünde wie den Lu­therischen Weltbund zu spalten. So hat die lutherische Kirche in Äthiopien ihre bilateralen Beziehungen zur lutherischen Kirche in Schweden und zur Evangelical Lutheran Church in America im Jahr 2013 abgebrochen, weil diese Kirchen homosexuelle Paare kirchlich genauso anerkennen und segnen wie heterosexuelle.26 In Afrika wird die Diskussion um Homosexualität besonders emotional und kontrovers geführt. Friedensnobelpreisträger und Erzbischof Desmond Tutu ist dabei ein bekannter »gay rights activist«. Er stellte 2013 in Kapstadt eine Kampagne der Vereinten Nationen für Menschenrechte und LGBT-Rechte vor und bekannte: »I would not worship a God who is homophobic and that is how deeply I feel about this«. Und er fügte hinzu: »I would refuse to go to a homophobic heaven. No, I would say sorry, I mean I would much rather go to the other place«.27 Diese Stellungnahme ist nicht nur in Afrika, sondern auch in der weltweiten Christenheit weit davon entfernt, konsensfähig zu sein.

Niklas Luhmann macht darauf aufmerksam, dass moralische Kommunikation die Tendenz habe polemogen zu wirken. Das heißt, sie führt durch ein »Überengagement der Beteiligten«28 nicht selten zu Streit und Konflikt. Das ist besonders dann der Fall, wenn moralische Kommunikation als übergriffig wahrgenommen wird und mit Missachtungserweisen einhergeht. Dann lädt sie nicht ein zu einer sachlich-kontroversen Diskussion, in der verschiedene Standpunkte ausgetauscht und miteinander abgewogen werden können, sondern bricht mit einer bekenntnishaft formulierten, starken Überzeugung – nur das ist richtig und alles andere ist jenseits des Christlichen – die Kommunikation ab.

Der Gestus moralischer Empörung ist der Predigtkommunikation in der Regel abträglich. Der Prediger kooperiert in diesem Fall nicht mit dem Image seines Gegenübers, er tritt ihm nicht wohlwollend, sondern bevormundend gegenüber. Der Andersdenkende wird abgewertet, das Image des Sprechers hingegen als moralisch überlegen aufgewertet. Der Sprecher nimmt einen Standpunkt ein, der schon alles zu wissen meint und sich resistent gegenüber anderen Perspektiven und Urteilen zeigt. Wir fühlen uns als Hörerinnen und Hörer durch solche »Diskurse nicht wirklich in die Lage versetzt, die vertretene Auffassung subjektiv nachzuvollziehen. Ihre Relevanz und Gültigkeit stehen schon fest; sie werden nicht von unserer Zustimmung abhängig gemacht […]. Es wird Evidenz suggeriert, wo Plausibilisierung gefordert wäre.«29 Es ist deshalb elementar, bei der politischen Predigt die Folgen moralischer Kommunikation und damit die Gefahren und Risiken zu reflektieren, die mit der Kommunikation unbedingter Überzeugungen für sich selbst und andere – vor allem im Hinblick auf das Weitermachen und Weiterkommunizieren – einhergehen.

Das Problem der Kommunikation unbedingter moralischer Überzeugung besteht in erster Linie darin, dass sie Komplexität stark reduziert. Eine Situation wird dann nur noch unter dem Gesichtspunkt des Imperativs »Handle so!« wahrgenommen und damit ohne Rücksicht auf Umstände und Folgen für sich und für andere. Für die Predigtkommunikation empfiehlt es sich hingegen, den Anderen von vornherein mit einzubeziehen in die eigene moralische Orientierung und damit auch misstrauisch gegenüber den eigenen Motiven moralischen Handelns und der eigenen Sicht der Dinge (und ihren Blindheiten) zu bleiben. Aus diesen Gründen legt sich gerade bei politischen Predigten Behutsamkeit, eine hohe sachliche Informiertheit und ein Sinn für die Pluralität der Perspektiven und Standpunkte nahe.

Damit soll nicht behauptet werden, dass es nicht auch Situationen geben kann und muss, in denen eine unbedingte moralische Überzeugung und ein klares Bekenntnis erforderlich sind. Aber solch klare, unbedingte Bekenntnisse erscheinen nur in ausgesuchten Fällen sinnvoll. Der Widerstand gegen die Apartheid in Südafrika oder der Widerstand gegen das Hitlerregime mit seinen Gräueltaten waren eindeutige Bekenntnissituationen, in denen die politische Predigt als Kritik an den herrschenden Verhältnissen evident und zwingend war. In der demokratisch-pluralistischen Ge­sellschaft des 21. Jh.s liegt der Fall in der Regel nicht so klar. Und doch ist für Desmond Tutu der Kampf gegen Homophobie in Kirche und Gesellschaft ein ähnlich zwingender Bekenntnisfall wie der Kampf gegen die Apartheid. Tutu ist dabei in der Lage, sein Bekenntnis so zu formulieren, dass er auf Missachtungserweise verzichtet und seine persönliche, innerste Überzeugung kommuniziert: »that is how deeply I feel about this«.30 Man spürt ihm die geistliche Not und Bedrängnis ab, die hinter seiner Überzeugung, für die Rechte von Homosexuellen als Christ kompromisslos einzutreten, steht. Zusätzlich kombiniert er seine Stellungnahme mit Humor – lieber gehe er in die Hölle als in einen homophoben Himmel. Humor ist unwiderlegbar und mildert zugleich die Spannungen ab, die durch kontroverse Positionen entstehen. Bewusst formuliert Desmond Tut seine Aussage im Ich-Stil. Das »Ich« auf der Kanzel ist bei der politischen Predigt unabdingbar, es wahrt den »demokratischen und dialogischen Charakter der Predigt«31. Im Gegensatz zum verallgemeinernden »Wir« bewahrt es davor, der Hörerschaft die eigene Meinung aufzudrängen. Vielmehr motiviert das »Ich« die angesprochenen Hörerinnen und Hörer zu eigenen Reflexionen: »Gegenüber einem Pfarrer, der Ich sagt, wird der Hörer überlegen, was er in dieser Hinsicht als eigenes Ich zu bemerken hat.«32

In der Regel haben wir es in einer pluralistischen Gesellschaft allerdings mit weniger eindeutigen Fällen zu tun, in denen ein moralisches Bekenntnis eine sachlich-nüchterne Auseinandersetzung auch verhindern kann. So hat man sich beispielsweise in Stuttgart in der jüngeren Vergangenheit mit großer emotionaler Heftigkeit darüber gestritten, ob und wie ein neuer Bahnhof ge­baut werden soll (Bahnprojekt »Stuttgart 21«). Dabei gab es viele gute Argumente für die eine wie für die andere Seite. Gerade deshalb erschien es fragwürdig, aus einem Bahnprojekt, das nach demokratischen Regeln entschieden wurde, eine religiöse Bekenntnisfrage zu machen. Doch genau dies geschah in Stuttgart. Von Gegnern des Bahnprojekts wurden sogar eigens Gottesdienste im Schlossgarten mit Baumsegnungen abgehalten. Die Gegner verlangten vom Landesbischof und von der Kirche, gegen das Bahnprojekt aktiven Widerstand zu leisten. Doch warum sollte sich die Kirche für den Bau von Bahnhöfen zuständig erklären? Ich denke, dass in einem solchen Fall nicht primär religiöse Argumente, sondern solche des gesunden Menschenverstandes und der wissenschaftlichen Expertise gefragt sind. Aus der Bibel lässt sich jedenfalls keine klare Handlungsanweisung über den Bau von Bahnhöfen ableiten. Eine religiös-moralische Überhöhung von Sachfragen führte bei diesem Beispiel nicht zu einer Klärung, sondern zu einer Überhitzung einer konflikthaften Situation mit Beschimpfungen und Kränkungen auf beiden Seiten.

Die meisten Fragen, die wir zu entscheiden haben, haben keinen Bekenntnisstatus, sie werden lediglich aufgrund unterschiedlicher Einschätzungen unterschiedlich bewertet. Es gilt bei einer öffentlichen Rede, wie sie die Predigt darstellt, deshalb behutsam vorzugehen, sich nicht für jede soziale Bewegung instrumentalisieren zu lassen und bei einer umstrittenen Frage auch nicht nur für sich selbst zu sprechen, sondern andere Perspektiven miteinzubeziehen, Zwischentöne zuzulassen, Einwände zu diskutieren und eine politische Frage differenziert und sachkundig im Gespräch mit dem Hörer/der Hörerin zu entfalten.

Mit den Risiken einer moralisch engagierten Predigt gehen weitere Gefahren einher. So suggeriert ein politischer Prediger in seiner Predigt nicht selten, man kenne die Lösung des Problems, was in aller Regel nicht zutrifft. Viele Probleme, die uns belasten, gerade auch in einem globalen Kontext, sind mehr oder weniger unlösbar. Jedenfalls liegen keine einfachen Rezepte vor, nach denen sie zu beheben wären. Die Flüchtlingskrise oder der Klimawandel oder die weltweite Bevölkerungsentwicklung sind Megaprobleme, auf die wir keine einfachen Antworten wissen. Angesichts der Komplexität der Probleme ist es schwer, konkrete Ursachen zu benennen, und noch schwerer, Problemlösungen aufzuzeigen.33 Da es nicht einfach ist, sich Ratlosigkeit einzugestehen und nicht mit konkreten Lösungsstrategien aufwarten zu können, ist man versucht, über moralische Appelle diffusen Handlungsdruck zu erzeugen.34 Der aber hilft nicht weiter, sondern verursacht in der Regel nur ein schlechtes Gewissen.

Ein weiteres Problem ist, dass bei einer politischen Predigt oft nicht die anwesenden Gemeindeglieder, sondern Abwesende angesprochen werden. Damit haben die Abwesenden (die Mächtigen, die Wirtschaftsbosse, die Politiker) zum einen keine Chance, sich zu den gegen sie gerichteten Vorwürfen zu verhalten. Zum andern, und das ist noch prekärer, verfehlt dieser Predigttypus die anwesenden Adressaten. Eine Predigt muss sich immer an diejenigen richten, die tatsächlich da sind. Sie muss mit den Anwesenden ein Gespräch über ihr Leben – und nicht das der anderen – führen, ihnen konkrete Perspektiven aufzeigen, die sie zum Nachdenken anregen und gegebenenfalls zu Verhaltensänderungen motivieren. Überfordernde Konkretionen, problematische Vereinfachungen und prinzipiell unerfüllbare ethische Weisungen führen nicht weiter. Sie erschließen nicht, wie sich im Kommunikationszusammenhang von Glaube, Liebe und Hoffnung ein Problem anders betrachten und bearbeiten ließe. Doch auch in Bezug auf die politische Predigt gilt: Es ist leichter, das Negative zu beschreiben als das Gelingende. Wie gelingt politische Predigt?

IV Zwischen Engagement und reflektierender Distanznahme: Perspektiven politischer Predigt


(1) Eine politische Predigt existiert nicht isoliert. Sie ist Teil des gesamten Gottesdienstes und wird von diesem getragen. So haben die Fürbitten eine wichtige implizit politische Funktion: In den Fürbitten wird für die politisch Verantwortlichen gebetet, politische Krisen und Anliegen werden benannt und Gott, dem Schöpfer des Himmels und der Erde, anbefohlen. Auch wenn die rhetorisch-diskursive von der rituellen Dimension der Liturgie zu unterscheiden ist, sind beide Dimensionen zugleich eng aufeinander bezogen.35 »Die Kommunikation und Darstellung des Evangeliums, welche aus theologischer Sicht das Wesen des Gottesdienstes ausmachen, erfolgen in allen Teilen des Gottesdienstes, rituell und diskursiv zugleich.«36 So ist auch die rituelle Dimension Teil der Verkündigung, »indem sie tröstet, Hoffnung zuspricht und zum solidarischen Handeln befähigt.«37 Die Kunstformen der rituellen Dimension sind, mit Schleiermacher gesprochen, der Belebung des religiösen Bewusstseins in besonderer Weise zuträglich.38 Rituelle und ästhetische Sinnformen wie das Psalmgebet, gemeinsame Lieder oder das Abendmahl vermögen die Hoffnung, von der christlicher Glaube lebt, in Szene zu setzen und zur Aufführung zu bringen. »Das politische Ziel, die Vision einer ›humanen Gesellschaft‹, wird ansatzweise, symbolisch und erfahrungsstark dargestellt und ›realisiert‹.«39

Anlässlich eines Gottesdienstes in Stuttgart, der die Konflikte rund um den umstrittenen Neubau des Bahnhofs thematisierte und dazu aufforderte, sich trotz aller Streitigkeiten zu respektieren und die Hand zu reichen, war es das Abendmahl, das diesen An­spruch realisierte: Befürworter und Gegner des Bahnhofsprojekts standen nebeneinander im Altarraum, sie teilten miteinander Brot und Wein, sie versammelten sich um einen Tisch und gaben sich die Hand. Als Antwort auf die Predigt wirkte das Abendmahl nicht nur versöhnend, es hatte als »Spiel des Reiches Gottes«40 zugleich Sendungscharakter für den Alltag der Welt. David Plüss formuliert: »Das Evangelium – auch das dezidiert ins Politische gewendete Evangelium! – inkarniert sich zuerst in der Liturgie, bevor es sich im Alltag […] inkarniert und realisiert.«41

(2) Bei politischer Predigt denken wir in der Regel an Predigten mit konkreten Handlungsanweisungen. Die politische Predigt kann aber auch andere Formen annehmen, die nicht weniger zentral sind, ja vermutlich angesichts der Komplexität der Probleme, mit denen wir es in der Regel zu tun haben, in den meisten Fällen weiterführender sind. Zwei Typen will ich nennen:

Ein wichtiger Typus politischer Predigt in der Gegenwart ist es, der Klage Raum zu geben – nach Terroranschlägen oder einem Amoklauf mit Todesopfern oder einer Naturkatastrophe zum Beispiel. Es wäre völlig verfehlt, nach einem Terroranschlag von der Kanzel herab die Politik zu belehren und ihr Vorschläge zu erteilen, wie solche Anschläge künftig verhindert werden könnten. Die Politik selbst muss reflexhaft mit einem solchen Aktionismus in den Medien reagieren, obwohl sie dabei nur ihre eigene Hilflosigkeit und die Grenzen ihrer Steuerungsmöglichkeiten kaschiert. Eine Predigt – und ein Gottesdienst – sollte sich diesem Aktionismus nicht anschließen, sondern der Trauer, die viele Menschen empfinden, dem Entsetzen, der Angst, die viele umtreibt, Raum geben – ohne vorschnell Antworten geben zu können. Gerade in dieser Hinsicht hat die christliche Kirche eine reiche Tradition, die Gefühlen der Klage Ausdruck gibt, die das Hereinbrechen radikaler Kontingenz aushält und sich damit an Gott wendet. Politische Predigt und öffentliche Seelsorge gehen dabei Hand in Hand. Sie rufen die Menschen zusammen und eröffnen geschützte Räume und Möglichkeiten, um gemeinsam zu trauern.42

Eine zweite zentrale Dimension politischer Predigt ist ihr Beitrag zur Urteilsbildung in schwierigen Fragen. Eine urteilsbildend-politische Predigt wird nicht zwangsläufig mit konkreten Imperativen enden, sondern verspricht durch gute Argumente zunächst einmal einen Zugewinn an Nachdenklichkeit43: »Mit ihrem Sinn für das Gegenläufige, die Alternative, den Einwand rütteln Argumentationen kräftig am Fundament eines Standpunktes«44, den man vielleicht bislang einnahm, ohne weiter darüber nachzudenken. Es geht um eine differenzierte Analyse der Situation, um eine soziologische Aufklärung, um eine Aufmerksamkeit für die Weltverhältnisse und die Lebenswirklichkeit der Gemeinde45. Die Predigerin kann da­bei durchaus Folgerungen, die sich für sie aus einer Situationsanalyse ergeben, benennen. Heinz Tödt formuliert dies im Hinblick auf die Predigtperson beispielhaft so: »Ich kann nicht umhin, aus dem Evangelium diese Konsequenz zu ziehen. Führt euch euer Gewissen zu ähnlichen Folgerungen?«46 Obwohl hier Konsequenzen benannt werden, geschieht dies doch nicht im Modus moralisch-überheblicher Deklaration, sondern des Gesprächs, der Abwägung, der Anerkennung auch anderer Perspektiven.47

In diesem Sinn wird eine gute politische Predigt immer changieren zwischen Engagement und reflektierender Distanznahme.48 Ein Prediger kann es sich nicht leisten, nur in der Distanz zu bleiben und die Widersprüchlichkeiten des Lebens ungerührt von Weitem zu betrachten und bestenfalls ironisch zu kommentieren. Er kann es sich aber auch nicht leisten, in einem »Überengagement« zu versinken, das das Gespräch mit den Hörerinnen und Hörern abbricht und nicht eröffnet. Oft ist der Humor ein hilfreiches rhetorisches Mittel, denn »Humor und Lachen sind […] an den Ereignissen der Welt beteiligt, während sie gleichzeitig auch abseits davon stehen.«49 Humor macht es möglich, sich von beklemmenden Problemen zu distanzieren und sie gerade dadurch neu zu betrachten. Man macht sich im Humor frei von negativen Emotionen, um sich wieder der aktiven Problemlösung zuwenden zu können.

Am wichtigsten ist für die politische Predigt, dass der Prediger glaubwürdig wirkt und der Hörer/die Hörerin den Eindruck ge­winnt, ihm vertrauen zu können. »Die Wahrnehmung des Hörers, der Redner sei ihm gegenüber positiv gesonnen, interessiert an seiner Lage, fähig, an ihr empathisch teilzuhaben und sie […] zu verstehen«50, erzeugt Vertrauen. Es erzeugt Vertrauen, wenn sich der Redner als kompetent zu präsentieren weiß und er seine Mitmenschen und die mediale Berichterstattung differenziert und präzise wahrnimmt. Und es erzeugt Vertrauen, wenn ich beim Prediger spüren kann, dass er selbst aus einer geistlichen Bedrängnis heraus spricht, dass er es sich nicht leicht macht, dass er selbst mit den Weltgestaltungsfragen, denen er sich zuwendet, ringt.

»Die Kirche muss hier und jetzt aus der Kenntnis der Sache heraus in konkretester Weise das Wort Gottes, das Wort der Vollmacht sagen können«51, so hat Dietrich Bonhoeffer, der bekannteste und wirkmächtigste politische Prediger des 20. Jh.s, 1931 formuliert. An dieser Herausforderung hat sich auch im 21. Jh. nichts geändert. Deshalb darf Predigt nie nur die Innerlichkeit des Individuums, sondern muss immer auch die soziale Welt im Blick haben, diese reflektieren und im jesuanischen Sinne zu gestalten suchen.

Abstract


The political sermon has almost been forgotten in Germany. Its very difficult history in the 20th century contributed a lot to the neglect of the political sermon. During the last decades the sermon on German pulpits has therefore often been focused on the individual person and its inwardness. Nevertheless, the political sermon is an urgent desideratum for a true-to-life and context-sensitive preaching. A sermon is a public speech that reflects and processes the paradoxes of life. Therefore the individual person has to be seen in its social surrounding and national and global context. It is a great challenge for preachers to educate themselves politically and to relate in a knowledgeable and sophisticated way to political events and processes without being moralizing or overbearing. It is important to avoid stereotypes and to enter into a serious dialogue with the audience and in doing so to be thought-provoking. In the political sermon we talk about the »polis«, the society in which we as Christians live and which we want to help shape. Examples from history serve to illustrate how pivotal a reflected political sermon is for the credibility of Christianity.

Fussnoten:

1) Der vorliegende überarbeitete Aufsatz basiert auf einem Vortrag (in Englisch) auf der Societas Homiletica in Stellenbosch, Südafrika, im März 2016, er erscheint in: J. Cilliers/I. Nell/L. Hansen (Hrsg.), Preaching Promise within the Paradoxes of Life. Studia Homiletica 10, Stellenbosch 2017.
2) Vgl. EKD (Hrsg.), Das rechte Wort zur rechten Zeit. Eine Denkschrift des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland zum Öffentlichkeitsauftrag der Kirche, München 2008.
3) A. a. O., 7.
4) Helmut Schwier beobachtet eine »Hilflosigkeit«, vgl. ders., Ethisch predigen heute? Thematische Einführung, in: Ders. (Hrsg.), Ethische und politische Predigt. Beiträge zu einer homiletischen Herausforderung, Eine Veröffentlichung des Ateliers Sprache e. V. Braunschweig, Leipzig 2015, 11–26: 11.
5) Zur aktuellen Auseinandersetzung vgl. exemplarisch: H. Schwier, Ethische und politische Predigt, und: K. Kusmiertz/D. Plüss (Hrsg.), Politischer Gottesdienst?!, Zürich 2013, ferner: M. Hoffmann, Ethisch und politisch predigen. Grundlagen und Modelle, Leipzig 2011.
6) J. A. Diestelkamp, Das Tier aus dem Abgrund. Eine Untersuchung über apokalyptische Predigten aus der Zeit des Nationalsozialismus, Dessau 1993: 245.
7) J. Moltmann, Theologie der Hoffnung, Gütersloh 142005, und: Ders., Politische Theologie – Politische Ethik, München 1984. Vgl. darüber hinaus D. Sölle, Politische Theologie, Stuttgart 1982, und J. B. Metz/J. Moltmann/E. Schüssler Fiorenza (Hrsg.), Politische Theologie. Neuere Geschichte und Potenziale (Theologische Anstöße 1), Neukirchen-Vluyn 2011. Im Hinblick auf Dorothee Sölle ist auch an das politische Nachtgebet zu erinnern, das 1968 beim Deutschen Katholikentag in Essen zum ersten Mal gefeiert wurde.
8) K. Oxen, »Nur noch kurz die Welt retten?« Die politische Predigt von heute als Herausforderung für die homiletische Aus- und Fortbildung, in: Schwier, 184–195: 195.
9) Vgl. www.ekd.de/aktuell/edi_2016_11_06_bedford-strohm_bericht_ekd_ synode.html (Abrufdatum: 21.11.2016).
10) Besonders hohe Wellen schlug die Neujahrspredigt der ehemaligen EKD-Ratsvorsitzenden Margot Käßmann in Dresden im Jahr 2010. Die Predigt wurde vom Seminar für Allgemeine Rhetorik der Universität Tübingen als Rede des Jahres 2010 ausgezeichnet. In der Begründung heißt es: »In bemerkenswert unkonventioneller Weise ist es der damaligen Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland gelungen, im Gewand der Predigt eine unbequeme politische Rede zu halten, die bundesweit Wellen geschlagen hat […]. Zu einem Zeitpunkt, an dem der Krieg in Afghanistan offiziell nicht als Krieg bezeichnet wurde und Infragestellungen des Kriegseinsatzes äußerst umstritten waren, hatte Käßmann den Mut, Friedensüberlegungen anzumahnen und politische Lösungen zu fordern. Ihr viel zitierter Satz Nichts ist gut in Afghanistan hat in der Politik massive Kritik ausgelöst, letztlich aber entscheidend dazu beigetragen, eine weitreichende Debatte über den Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr anzustoßen, die inzwischen auch zu politischen Konsequenzen geführt hat.« http://www.rhetorik.uni-tuebingen.de/portfolio/rede-des-jahres/ (Abrufdatum: 21.11.2016).
11) In diesem Sinn betont schon Schleiermacher, der auf die Unterscheidung von Politik und Religion Wert legt: »Es kann aber auch Umstände geben in denen der Geistliche bewogen wird das Interesse das die Gemeine bewegt und grade ein politisches ist, darzustellen in dem Zwekk es religiös zu stimmen. […] Es giebt in dem politischen äußere und innere Verhältnisse, beide können ein allgemeines Interesse gewinnen, so daß der Geistliche es für nöthig findet sie auf die Kanzel zu bringen.« F. D. E. Schleiermacher, Die praktische Theologie nach den Grundsäzen der evangelischen Kirche im Zusammenhange dargestellt. Aus Schleiermachers handschriftlichem Nachlasse und nachgeschriebenen Vorlesungen, hrsg. von Jacob Frerichs (SW I/13), Berlin 1850: 209 f.
12) W. Engemann, Einführung in die Homiletik, vollständig überarbeitete und erw. Aufl. Tübingen 22011: 296.
13) Ebd.
14) A. a. O., 299.
15) A. a. O., 300.
16) A. Grözinger, Politische Predigt, in: Kusmiertz/Plüss, 37–58: 50.
17) Vgl. S. Brandt, Sünde. Ein Definitionsversuch, in: Dies./M. H. Suchocki/M. Welker (Hrsg.), Sünde. Ein unverständlich gewordenes Thema, Neukirchen-Vluyn 1997, 13–34: 28.
18) A. a. O., 29.
19) Vgl. a. a. O., 31.
20) T. Söding, Die Trias Glaube, Hoffnung, Liebe bei Paulus. Eine exegetische Studie (SBS 50), Stuttgart 1992: 11.
21) Brandt, 24.
22) Matthias Horx spricht von einem elitären Pessimismus (alles wird immer schlechter, immer gefährlicher), der dem Rechtspopulismus in die Hände spielt. Vgl. ders., Immerschlimmerismus, in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 19. Juni 2016, Nr. 25. Vgl. dazu auch: J.-W. Müller, Was ist Populismus?, Berlin 2016.
23) Schleiermacher, 211.
24) Vgl. Hoffmann, 155, und M. Käßmann, Essay. Politisch predigen, in: Im Namen Gottes. Kanzelreden. Vierte Predigtreihe, hrsg. von Christoph Dinkel, Stuttgart 2011, 13–17.
25) Käßmann, 16.
26) Vgl. ausführlich zur ökumenischen Dimension des Konflikts: B. Oberdorfer, Irritierte Gemeinschaft. Ökumenehermeneutische Implikationen der Homosexualitätsdiskussion im Lutherischen Weltbund, in: EvTh 76, 2016, 68–78.
27) Desmond Tutu, zit. n. BBC News, 26.07.2013. Online verfügbar unter: http://www.bbc.com/news/world-africa-23464694 (Abrufdatum: 21.11.2016).
28) N. Luhmann, Paradigm lost: Über die ethische Reflexion der Moral. Rede anläßlich der Verleihung des Hegel-Preises 1989, Frankfurt a. M. 31996, 7–48: 26.
29) M. Stetter, Wie sagen, was gut ist? Überlegungen zu drei Verfahrensweisen ethischer Predigt, in: Schwier, 159–183: 160.
30) Tutus Tochter Mpho Tutu van Furth, Priesterin der Anglikanischen Kirche Südafrikas, ist lesbisch. Im Jahr 2016 heiratete sie ihre langjährige Partnerin in den Niederlanden. Nachdem ihr daraufhin angedroht wurde, dass ihr das Priesteramt von der Kirchenleitung entzogen würde, trat sie als Priesterin zurück. Desmond Tutu war insofern sehr unmittelbar und schmerzlich mit den Folgen von Homophobie konfrontiert.
31) M. Josuttis, Praxis des Evangeliums zwischen Politik und Religion. Grundprobleme der Praktischen Theologie, München 1974: 83.
32) Ebd.
33) Vgl. Oxen, 186.
34) Vgl. R. Preul, Der Wandel der Kommunikationsbedingungen des Evangeliums seit der Reformation als Problem der Praktischen Theologie, in: Ders., Luther und die Praktische Theologie. Beiträge zum kirchlichen Handeln in der Gegenwart (Marburger Theologische Studien 25), Marburg 1989, 8–24: 24.
35) Vgl. D. Plüss, Politischer Gottesdienst als liturgische Praxis oder: Von der rituellen Performanz des Politischen, in: Ders./Kusmiertz, 73–94: 73 f. Für die Unterscheidung von rhetorisch-diskursiver und ritueller Dimension der Liturgie vgl. M. Meyer-Blanck, Gottesdienstlehre, Tübingen 2011: 2.
36) Plüss, 87.
37) Ebd.
38) Vgl. Schleiermacher, 71, und vgl. Plüss, 94.
39) Plüss, 80.
40) Vgl. E. Lange, Was nützt uns der Gottesdienst?, in: Ders., Predigen als Beruf. Aufsätze zu Homiletik, Liturgie und Pfarramt, hrsg. v. R. Schloz, München 21987, 83–95: 89 f. Im Gottesdienst wird die Person Jesu gefeiert. »Der Vorgang Jesu ist das Fest des Menschen, und die Liturgie ist, ihrem tiefsten Sinn nach, die erinnernde Wiederholung, die Wiederaufführung dieses Festes.« (A. a. O., 89) Spielend entdecken wir Alternativen zu unserem gewöhnlichen Verhalten. Das Abendmahl ist für Lange dabei das »gewaltigste Spiel, das je erfunden wurde. Es ist der Ritus, in dem Menschen Reich Gottes spielen, in dem sie das radikal Ausstehende der Erfüllung vorwegnehmen, in dem sie ihre Vollendung und die Vollendung der Welt vorwegnehmen und um Jesu willen so tun, sich so verhalten, als gäbe es all die Trennungen und Verkrüppelungen nicht, die unser Zusammenleben kaputtmachen.« (A. a. O., 90).
41) Plüss, 94.
42) Vgl. Chr. Mulia, Das Loveparade-Unglück und seine Folgen. Liturgisches, seelsorgliches und politisches Handeln der evangelischen Kirche in einer erschütterten Stadt, in: Pastoraltheologie 7, 2012, 454–471.
43) Vgl. R. Conrad, Weil wir etwas wollen! Plädoyer für eine Predigt mit Absicht und Inhalt (Evangelisch-Katholische Studien zu Gottesdienst und Predigt 2), Neukirchen-Vluyn 2014: 138.
44) Stetter, 178.
45) Vgl. zu Letzterem: T. Schlag, Was hat der Prediger politisch noch zu bedeuten? Pastoraltheologische und kirchentheoretische Überlegungen zur Aufmerksamkeits-Kunst gegenwärtiger Kanzelrede, in: Kusmiertz/Plüss, 59–71: 62 ff. »Der Prediger bzw. die Predigerin und seine bzw. ihre Rede dürfen komplex und herausfordernd, irritierend und verstörend wirken – sie müssen dafür allerdings gute Gründe und Argumente geltend machen können.« (A. a. O., 70).
46) H. E. Tödt, Die politische Predigt. Wer nur zuschaut und schweigt, macht sich schuldig, 07.06.1985. Online verfügbar unter: www.zeit.de/1985/24/die-politische-predigt (Abrufdatum: 21.11.2016).
47) Mit der Unterscheidung von Klage, Situationsverstehen und Handlungsanweisung als unterschiedlichen Typen politischer Predigt schließe ich mich mit etwas anderer Akzentuierung Karl-Fritz Daiber an. Vgl. ders., Verschränkung der Orte: Politische Predigt, in: Ders. (Hrsg.), Predigt als religiöse Rede. Homiletische Überlegungen im Anschluss an eine empirische Untersuchung, München 1991, 172–185: 176. Daiber unterscheidet die epideiktische politische Predigt (Klage und Lob), die urteilsbildende politische Predigt und die handlungsanweisende politische Predigt.
48) Vgl. Stetter, 172.
49) A. C. Zijderveld, Humor und Gesellschaft. Eine Soziologie des Humors und des Lachens, Graz/Wien/Köln 1976: 202.
50) Stetter, 180.
51) Dietrich Bonhoeffer, zit. n. E. Bethge, Dietrich Bonhoeffer. Theologe – Christ – Zeitgenosse. Eine Biographie, korrigierte Aufl. Gütersloh 82004, 44.