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Ausgabe:

Juli/August/1999

Spalte:

838–840

Kategorie:

Missionswissenschaft

Autor/Hrsg.:

Lehtonen, Risto

Titel/Untertitel:

Story of a Storm. The Ecumenical Student Movement in the Turmoil of Revolution.

Verlag:

Grand Rapids: Eerdmans 1998. 360 S. 8 = Veröffentlichung der Finnischen Gesellschaft für Kirchengeschichte, 174. ISBN 952-5031-06-03.

Rezensent:

Hans-Werner Gensichen

Noch in der bisher neuesten Kurzdarstellung des "Christlichen Studentenweltbunds" (WSCF) hat Philip Potter, 1960-1968 selbst Präsident des Weltbunds, diese älteste ökumenische Organisation treffend als "Werkzeug Gottes" charakterisiert, "mit dessen Hilfe es Studenten möglich ist, einen tiefer verwurzelten Glauben zu entwickeln und realistischer und mutiger in den Stürmen unseres bedrohten ,global village’ Zeugnis abzulegen" (EKL3, Bd. IV, 1996, 528). Von Stürmen innerhalb des WSCF ist dabei allerdings nicht die Rede. In der vorliegenden neuen Monographie über den WSCF ist dagegen "Sturm" das Hauptstichwort, und das mit gutem Grund. Der Vf., ein finnischer Theologe, war 1968-1973 Generalsekretär des WSCF, und ihm stellt sich die Geschichte dieser Jahre anders dar: Ein ideologisches Unwetter erfaßt vor über dreißig Jahren eben jene scheinbar so stabile ökumenische Studentenorganisation, erschüttert sie bis in die Fundamente und nimmt ihr die Vollmacht, die drei bewegenden Kräfte der Ökumene - Mission, Einheit und praktisches Christentum - auch weiterhin in der christlichen studentischen Jugend der Welt wirksam werden zu lassen. Folgerichtig fragt bereits Charles C. West im Vorwort des Bandes: Was kann der Sturm heute noch bedeuten, da seine verheerenden Wirkungen so gründlich in Vergessenheit geraten sind, daß sie selbst in der offiziellen Geschichtsschreibung der Ökumene übergangen werden können?

Nicht umsonst erinnert West, wie auch Lehtonen selbst, an die sogenannte "Lehrkonferenz" über Leben und Zeugnis der Kirche, die der WSCF 1960 in Straßburg veranstaltete und die damals immerhin von einigen Teilnehmern in ihrem Janus-Charakter wahrgenommen wurde: einerseits Ort der Proklamation des Christuszeugnisses als eines weltweiten missionarischen Geschehens, andererseits aber auch Anlaß zu radikaler Absage an das Christentum als Religion, an die Kirche als das Volk Gottes in der Welt. Die Mehrzahl der Ökumeniker dieser Epoche vermag, mit Bischof Lesslie Newbigin, der aus Indien anderes gewohnt war, in der ganzen Konferenz nur einen Alptraum zu sehen - wie konnte es sonst dazu kommen, daß man einem soeben aus den Kongo-Wirren zurückgekehrten jungen Missionar nur deshalb Redeverbot erteilte, weil er Missionar war? Dies alles war freilich nur Auftakt für Kommendes.

L. liefert eine auf umfassendem Quellenstudium beruhende Chronik des Geschehens, soweit es den WSCF betrifft, beginnend mit den frühen Jahren der "Pionierzeit" seit 1895, ab 1960 dann unter dem Leitbegriff "Christian Presence", schon in dieser Zeit verbunden mit der Beobachtung, daß "politisches Handeln der christlichen Studenten gewöhnlich im Sinn der politischen Linken geschieht, womit viele Kirchen allerdings nicht einverstanden sind" (35). Aufs Ganze gesehen, stellen sich die Jahre 1960-1968 als die Zeit überwiegend destruktiver Protestaktionen dar, in denen insbesondere lateinamerikanische WSCF-Gruppen eine Wendung von der "Conscientisazion" zur Aggression vollzogen. 1969 wurde das Jahr der "Utopien und Traumata", von den Dutschke- und M. L. King-Attentaten bis zur Weltkirchenkonferenz von Uppsala und der Weltstudentenkonferenz in Turku mit den drei dazugehörigen offen marxistisch eingestimmten Seminaren.

Was L. aber am meisten bewegt, ist die zunehmende Unsicherheit hinsichtlich der theologischen Aufgabe, wie sie sich etwa 1969 stellte: Soweit man noch am christlichen Glauben festhalten wollte, mußte man, wie es schien, auch einen positiven Pluralismus akzeptieren, für dessen Umsetzung, zumal angesichts der zunehmenden regionalen Differenzen, alle Theologie bestenfalls lästig sein konnte. Der Dissens zwischen dem Amerikaner Richard Shaull, dem 1968 neu gewählten Präsidenten des WSCF, und Risto Lehtonen als Generalsekretär mußte die Aktivitäten des WSCF weiter lahmlegen. Im Februar 1971 schrieb L. seinen entscheidenden Brief an die Mitglieder, der unter dem Stichwort "Geschichte eines Sturms" die offene Kollision zweiter ideologischer Positionen markierte - einerseits die linkslastig-revolutionäre, andererseits die traditionell-kirchliche. Die 38 Antwortschreiben aus aller Welt, die zunächst noch Anlaß zur Hoffnung für fruchtbaren Dialog innerhalb des WSCF zu bieten schienen, wurden durch verschärfte Kontraste innerhalb des Genfer Stabs allerdings weitgehend wirkungslos.

Für die Jahre 1967-1971 untersucht L. separat die Beziehungen zwischen WSCF und UCM (University Christian Movement) in Südafrika und liefert damit zugleich ein lehrreiches Stück aktueller südafrikanischer Kirchengeschichte. 1971 kam UCM mittels Selbstauflösung dem Verbot durch die Regierung zuvor. Dem Vf. ist dafür zu danken, daß er diese und andere tragischen Vorgänge vor der Vergessenheit bewahrt, zumal zu einem Zeitpunkt, als er sich dazu genötigt sah, endgültig gegen alle Bestrebungen Stellung zu nehmen, die dem WSCF ein einseitig marxistisches Profil aufzuzwingen suchten. Als positiv bleibt zu registrieren, daß von allen Beteiligten die lange und intensiv diskutierte "Regionalisierung" des WSCF (in vier der sechs Regionen) befürwortet wurde, was freilich nicht bedeutete, daß der "Sturm", mit dem nicht nur der Vf. es zu tun hatte, seine unheilvollen Auswirkungen verloren hätte.

Aus den abschließenden Überlegungen, die sich mit den Folgen der WSCF-Erfahrung befassen, darf man festhalten, was als ihre theologische Substanz gelten kann: "Gottes Gerechtigkeit und Gnade sind und bleiben unverdiente Gaben, die für die gefallene Menschheit möglich machen, was kein politisches Programm zu garantieren vermag: Die Bloßstellung des Bösen innerhalb und außerhalb der Christenheit, unter Freunden und Feinden, die Versöhnung und Liebe gegen alle Widerstände möglich macht" (338).