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Ausgabe:

Juli/August/1999

Spalte:

833 f

Kategorie:

Missionswissenschaft

Autor/Hrsg.:

Bauerochse, Lothar

Titel/Untertitel:

Miteinander leben lernen. Zwischenkirchliche Partnerschaften als ökumenische Lerngemeinschaften.

Verlag:

Erlangen: Verlag der Ev.-Luth. Mission 1996. 491 S. 8 = Erlanger Taschenbücher, 113. kart. DM 40,-. ISBN 3-87214-513-4.

Rezensent:

Friedrich Huber

Es ist nicht allzu häufig, daß Dissertationen methodisch durchdacht und gründlich gearbeitet und zu gleicher Zeit für die kirchliche Praxis unmittelbar hilfreich und erhellend sind. Von der Arbeit von Lothar Bauerochse, die hier angezeigt werden soll - einer Heidelberger Dissertation -, läßt sich beides uneingeschränkt sagen. Wer auch immer mit zwischenkirchlichen Nord-Süd-Partnerschaften zu tun hat, wird die Arbeit von B. mit größtem Gewinn lesen; die Beschäftigung mit diesem Buch sollte für Kreise, die in der Partnerschaftsarbeit engagiert sind, eine Pflichtlektüre werden.

Der Vf. untersucht vier deutsch-afrikanische Partnerschaften- drei Kirchenkreispartnerschaften und eine Gemeindepartnerschaft - unter der Fragestellung, inwieweit sie eine Möglichkeit eröffnen "zur Darstellung und Verwirklichung der weltweiten Gemeinschaft des Leibes Christi" und zur Einübung in "ökumenische Existenz" (13).

Diese Zielsetzung der Arbeit legte es nahe, in einem ausführlichen ersten Kapitel die Diskussion zum Thema "Partnerschaft" seit der Weltmissionskonferenz von Edinburgh (1910) nachzuzeichnen. Schon in Edinburgh sprachen die Delegierten westlicher Missionsgesellschaften mit einem gewissen Stolz von der gleichberechtigten Behandlung der Konferenzteilnehmer aus Asien und Afrika. In der Praxis jedoch kam es weder in Edinburgh, noch in den folgenden Weltmissionskonferenzen zu einer Beziehung voller, gleichberechtigter Partnerschaft.

Das umfassendste, weil in grundsätzlichen theologischen Einsichten gegründete, Partnerschaftsverständnis findet B. in den Dokumenten der Weltmissionskonferenz von Jerusalem (1928). Dagegen ging man seiner Ansicht nach in Whitby (1947), der Weltmissionskonferenz, mit der das Stichwort "Partnerschaft" meist verbunden wird, nur von einem "zweck-orientierten Partnerschaftsbegriff" (72) aus: Partnerschaft ist nötig, weil die westlichen Missionare die weltmissionarische Aufgabe nicht mehr allein erfüllen können. "Ein solches Verständnis von Partnerschaft unterscheidet sich von dem stärker bruderschaftlich (geschwisterschaftlich) gefüllten Partnerschaftsbegriff der Jerusalemer Konferenz." (72) Der Überblick macht verständlich, warum die Rede von der Partnerschaft bei Christen aus dem "Süden" zunehmendes Unbehagen weckte, das dann auf der Weltmissionskonferenz von Bangkok (1973) zum Ausbruch kam, wo "Partnerschaft in der Mission" als "ein leeres Schlagwort" bezeichnet wurde (119).

So kann der historische Rückblick dem Vf. nur teilweise die Kriterien und leitenden Fragestellungen für die Untersuchung der vier Partnerschaften liefern. Zur Frage nach der Überwindung von einseitiger Dominanz bzw. Abhängigkeit in der Partnerschaft kommen die weiteren Fragen, ob durch die Partnerschaften ein auf ökumenische Bewußtheit und Offenheit gerichteter Lernprozeß in Gang gekommen ist, und (drittens) wie in den Partnerschaften auf die Herausforderung von Armut und Reichtum eingegangen wurde (vgl. 163-165).

Kapitel 2 stellt die vier Partnerschaften in ihrer Zielsetzung und ihrer Entwicklung dar. Die Ergebnisse sind sehr ernüchternd. Dies liegt freilich - wie B. überzeugend ausführt - teilweise schon darin begründet, daß über die Zielsetzung und Gestaltung der Partnerschaften verhältnismäßig wenig grundsätzlich und theologisch zusammen mit den überseeischen Partnern reflektiert wurde, ein Mangel, auf den interessanterweise die Vertreter der afrikanischen Kirchen hinwiesen (235).

Kapitel 3 wendet sich dann der zentralen Frage zu, ob es in den Partnerschaften zu interkulturellem, ökumenischem und entwicklungspolitischem Lernen kam. Das Ergebnis läßt sich - natürlich vergröbernd - kurz zusammenfassen: Die Partnerschaften bieten einmalige Möglichkeiten zu Lernprozessen der genannten Art, aber diese werden nur selten genützt. Das wird von B. nicht als eine besserwisserische Kritik vorgebracht, sondern mit spürbarem Interesse am Gelingen der Partnerschaften. Dies wird es auch den Betroffenen leichter machen, seine Kritik als konstruktiv anzunehmen. Dem Leser bieten die durch eindrückliche Beispiele veranschaulichten Beobachtungen von B. eine außerordentlich spannende Lektüre.

Auf einige Gründe, die B. dafür benennt, daß die in den Partnerschaften liegenden Lernmöglichkeiten nicht genützt werden, sei hingewiesen:

- Lernprozesse ergeben sich meist nicht von selbst. Sie müssen geplant werden (292 u. ö.). Dies geschieht aber nur selten.

- Die Besuchsreisen lassen oft weder für eine vertiefte Begegnung, noch für die Reflexion des Erlebten Raum und Zeit - ein Hinweis, der in B.s Buch immer wieder begegnet.

- Auf die Erfahrung der Armut wird zu schnell mit dem Angebot der Projektförderung reagiert und damit einer wirklichen Begegnung mit der Armut ausgewichen. Die Beispiele ebenso aufwendiger wie entmutigender Projekthilfe, die B. beschreibt (366-387), führen den Autor zu der "Empfehlung, die Projektförderung überhaupt aus der Partnerschaftsarbeit herauszunehmen" (449/450). Freilich sieht B. selbst, daß sich ein derartiger Vorschlag nicht durchsetzen wird.

Bei alledem soll nicht übersehen werden, daß B. auch auf positive Ansätze verweisen kann.

Im Grunde genommen wurde schon in Kapitel 3 immer wieder sichtbar, wo B. Korrekturen in der Partnerschaftsarbeit für wünschenswert hält. Auf diese Frage geht Kapitel 4 seiner Arbeit explizit ein. Er stellt zunächst nochmals drei grundsätzliche Aspekte der in den zwischenkirchlichen Nord-Süd-Partnerschaften liegenden Möglichkeiten heraus (Konvivenz; Wahrnehmung des Fremden; ökumenische Existenz vergegenwärtigt im Fest) und trägt abschließend einige konkrete Gestaltungsanregungen vor. - Das Buch von B. ist nicht nur eine scharfsichtige Kritik der bisherigen Partnerschaftsarbeit, sondern auch eine Hilfe für alle Beteiligten.