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Ausgabe:

September/2014

Spalte:

1092–1093

Kategorie:

Missionswissenschaft

Autor/Hrsg.:

Yates, Timothy

Titel/Untertitel:

The Conversion of the Maori. Years of Reli-gious and Social Change, 1814–1842.

Verlag:

Grand Rapids u. a.: Wm. B. Eerdmans 2013. XV, 150 S. m. Abb. u. Ktn. = Studies in the History of Christian Missions. Kart. US$ 30,00. ISBN 978-0-8028-6945-6.

Rezensent:

Theodor Ahrens

Timothy Yates, anglikanischer Geistlicher und Missionswissenschaftler in der Tradition von Max Warren, Stephen Neill und Lesslie Newbigin, zuvor mit dem Überblickswerk Christian Mission in the Twentieth Century hervorgetreten, legt jetzt eine Studie zur Konversionsproblematik am Beispiel der Christianisierung der Maori in Neuseeland vor. Der gewählte Bildausschnitt betrifft die Zeit von 1814, dem Beginn einer von der damaligen britischen Sträflingskolonie in Sydney ausgehenden Kolonisierung Neuseelands bis 1840, dem Jahr des – mit Hilfe protestantischer Missionare angebahnten – Vertrages von Waitangi, der die Maori und ihr Land dem Schutz der britischen Krone unterstellte und doch weiteren Landverlust nicht zu unterbinden vermochte.
War also die christliche Mission in Neuseeland Instrument kolonialer Unterwerfung oder war die Aneignung des Christentums von Seiten der Maori ein Schritt antikolonialer Selbstbehauptung? Als Korrelat dieser Leitfragen befasst Y. immer wieder die Besorgnis, ob die Konversionen der Maori nun genuin und tief oder opportunistisch und pragmatisch am eigenen materiellen Vorteil und an politischen Überlebensinteressen ausgerichtet waren.
Nach einer einleitenden Grobskizze der vorkolonialen Maori Gesellschaft und ihrer Weltbilder stellt Y. die Gestalt des Samuel Marsden in einem separaten Kapitel vor. Marsden, Geistlicher, zwischenzeitlich auch gestrenger Richter der Strafkolonie in Sydney, der es verstanden hatte, als Schafzüchter reich zu werden, war auch Bevollmächtigter der London Missionary Society und betätigte sich als entschiedener Förderer und Organisator protestantischer Missionen in Neuseeland und Tahiti. Y. registriert die konzeptionellen Defizite dieses Wohltäters, der zunächst zivilisieren und später evangelisieren wollte, aber nicht zu unterbinden vermochte, dass einige Missionare sich anfänglich von den Maori in den Handel mit Gewehren hineinziehen ließen. Y. würdigt den Wohltäter der Missionen und setzt sich in einem etwas beklommenen Nachwort mit dessen Kritikern auseinander.
Es folgen Darstellungen der anglikanischen, methodistischen und römisch-katholischen Missionsunternehmungen jeweils in separaten Kapiteln. Y. markiert die unterschiedlichen Phasen der Beziehungen zwischen Missionaren und den Maori. Stand anfangs auf beiden Seiten das Interesse am Austausch materieller Güter im Vordergrund – Nahrungsmittel für die Missionare gegen Beile und gelegentlich auch Gewehre für die Maori –, kam dann später, nach erheblichen linguistischen und ethnologischen Anstrengungen einiger Missionare, auch ein Austausch über die von den Missionen vertretenen Inhalte zustande. Die Bibel, ›das Buch‹ faszinierte und wurde gelesen. Die ›enge Pforte‹ zur Schriftkultur wurde attraktiv. Schließlich ergriffen die Maori selbst die Initiative, so dass die Ende der 1830er Jahre einsetzende Massenbewegung zum Christentum als ein von den Lokalpolitikern der Maori gewählter und mit zu­nehmender Entschlossenheit beschrittener Weg erscheint. Y. verbindet detailreiche Erschließung missionarischer Berichte an de­ren entsendende Agenturen mit gründlicher Verarbeitung der gegebenen Literatur. Die Breite und Genauigkeit, mit der die Be­richterstattung der Missionare rekonstruiert wird, machen einen we­sentlichen Vorzug dieser Studie aus.
In einem systematisierenden, ethnologische und soziologische Arbeiten zur Konversionsproblematik einbeziehenden Schlusskapitel anerkennt Y. die Vielfalt der Motive, die in den Konversionen der Maori zum Tragen kamen. Er urteilt, dass die Befasstheit der Maori mit dem Christentum um 1840 »deep, real and broad« (122) gewesen sei. Gleichzeitig vermutet er, dass das Verständnis des Christlichen, das die Maori um 1840 hegten, mehr Ähnlichkeit mit den späteren, an alttestamentlichen Landverheißungen orientierten prophetischen Bewegungen des 19. und 20. Jh.s gehabt haben dürfte als mit der Spiritualität, die die Missionare damals vorstellten und lebten. Die Konversionsgeschichte wird im Spiegel missionarischer Archivalien rekonstruiert. Indigene Erzählungen, die von den einmal angetretenen Wegen, voranbringenden Erkenntnissen und irreführenden Sackgassen berichten, fehlen in dieser Studie. Für solche Materialien werden Leser nach wie vor gern auf Hans-Jürgen Greschats Studie Mana und Tapu – Die Religion der Maori auf Neuseeland (1980) zurückgreifen, aus der deutlich hervorgeht, dass die Maori nach der Zäsur, die der Vertrag von Waitangi darstellte, durchaus zwischen Christentum und westlicher Zivilisation zu unterscheiden wussten.
Das Buch ist fein mit Karten und Illustrationen, detaillierter Bibliographie, archivalischen Nachweisen und einem Stichwortregister ausgestattet.