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Ausgabe:

September/2014

Spalte:

1087–1089

Kategorie:

Missionswissenschaft

Autor/Hrsg.:

Mack, Julia Ulrike

Titel/Untertitel:

Menschenbilder. Anthropologische Konzepte und stereotype Vorstellungen vom Menschen in der Publizistik der Basler Mission 1816–1914.

Verlag:

Zürich: Theologischer Verlag Zürich 2013. 255 S. m. Abb. = Basler und Berner Studien zur historischen Theologie, 76. Kart. EUR 32,30. ISBN 978-3-290-17667-9.

Rezensent:

Friedemann Walldorf

Während die Missionswissenschaft nach 1945 mit dem Konzept der missio Dei die theologische Dimension der christlichen Mission betonte, steht die anthropologische Dimension im Zentrum des gegenwärtigen Interesses. Die vorliegende missionsgeschichtliche Studie von Julia Ulrike Mack, eine Basler Dissertation von 2010, vertritt sogar die These, dass »die Beschreibung von ›dem Menschen‹ […] das Hauptinteresse einer Missionsgesellschaft darstellte« und die »deutschsprachigen Missionsgesellschaften des 19. Jahrhunderts ihren theologischen und praktischen Schwerpunkt in der Anthropologie« hatten (14). Auch wenn das Buch diese These nicht belegen kann, sondern eher das soteriologische Selbstverständnis der Missionen unterstreicht, bietet es aufschlussreiche Erkundungen zur Konstruktion und Funktion von missionarischen Menschenbildern zwischen Selbstlegitimation, Fremdwahrnehmung und theologischer Reflexion.
Methodisch liegt M.s Studie auf der Linie kulturwissenschaftlich orientierter missionsgeschichtlicher Forschungen wie die von Torsten Altena (Selbst- und Fremdverständnis protestantischer Missionare im kolonialen Afrika, 2003) oder Andreas Nehring (Repräsentation der tamilischen Gesellschaft durch Leipziger Missionare, 2003). Altenas Typologie missionarischer Afrikabilder (ne­gativ-intentional, positiv-intentional usw.) wird auf die Frage nach dem Menschenbild übertragen und anhand der Berichterstattung der Basler Mission in ihren ersten 100 Jahren überprüft und – wenig überraschend – bestätigt. Damit verbunden ist ein zweiter methodischer Fokus: die Eingrenzung der Untersuchung auf eine Missionszeitschrift und deren besondere Form der Kommunikation, hier das Evangelische Missions-Magazin (EMM) der Basler Mission. Dabei werden auch bildliche Darstellungen (das Buch enthält zehn gut reproduzierte Abbildungen) in die Interpretation einbezogen, ohne jedoch eine vertiefte Forschungsebene darzustellen (vgl. die Arbeiten von Paul Jenkins zur Missionsfotographie). Dieser Ansatz macht die Bedeutung der Missionszeitschrift als eines eigenen diskursiven Quellentyps deutlich, der Eigenwerbung der Mission, implizite Selbstsichten der Missionare, aber oft auch ein »detailliertes Bild von außereuropäischen Menschen, Religionen, Kulturen und Gesellschaften« (28) vermittelt.
Diesen beiden Schwerpunkten entsprechen die beiden Hauptteile des übersichtlich aufgebauten, vom Umfang fast zu knappen Buchs. Teil I umfasst mit 75 Seiten die Kapitel 1–5 und verortet die Basler Missionspublizistik in der Missionsgeschichte des 18. und 19. Jh.s (Kapitel 3 und 4). Dabei soll weniger Neues geboten als ein orientierender Rahmen gezeichnet werden. Ausgehend von den Typologien der Missionsgesellschaften von Aagaard (überkonfessionell – konfessionell) und Wellenreuther (herrschaftsnah – herrs chaftsfern) wird die Bedeutung der Basler Mission als einflussreichstes Modell des überkonfessionellen Missionstypus im deutschsprachigen Bereich deutlich. Auch die davon beeinflusste Entwicklung der konfessionellen Missionen, der Glaubensmissionen und des liberalen Missionstypus wird dargestellt. Neben der Reflexion von »Zeitschriften als Quelle kirchengeschichtlicher Forschung« (Kapitel 2) findet sich hier eine Beschreibung des EMM und weiterer »Publikationen aus dem Umfeld der Basler Mission« (Kapitel 5). Die im EMM publizierten Sichtweisen werden als repräsentativ für das pietistisch-erweckliche Missionsdenken des 19. Jh.s eingeschätzt (95). Während die Funktion der Missionszeitschriften im Allgemeinen gut deutlich wird, vermisst man eine historische Typologie, die Unterschiede innerhalb des Genres Missionszeitschrift verdeutlicht.
Teil II entfaltet auf 113 Seiten den thematischen Schwerpunkt und beschreibt in den Kapiteln 6–12 Menschenbilder, wie sie sich in der Inhaltsanalyse von 129 Artikeln des EMM gezeigt haben (101). Dabei wird deutlich, dass »es nicht das eine Bild von ›dem Menschen‹ […] gab, sondern viele Einzelvorstellungen, die […] ein ge­meinsames Vorstellungssystem bildeten« (105). Dieses wird in fünf Themenbereichen entfaltet: die Figur des Wilden (Kapitel 7), die Rolle der Frau (Kapitel 8), die Rolle von Bildung und Kultur (Kapitel 9), Aussagen zu Sklaverei, Hautfarbe und Rasse (Kapitel 10) sowie das theologische Bild des »wahren Menschen« (Kapitel 11). Die Auswahl greift wesentliche Sachfelder auf, es überrascht jedoch, dass missionarische Sichten auf religiöse Figuren wie traditionelle Heiler, Zauberer u. a., die im EMM zu erwarten gewesen wären, weithin fehlen – eine Lücke, die auf fehlende Suchkategorien (vgl. 102) oder die tatsächliche Unterrepräsentation im EMM zurückgehen kann. Die dargestellten Themenfelder machen jedoch gut deutlich, wie gängige Klischees (Stereotypen) und Theorien zum Bild des Menschen aufgenommen und zugleich – ausgehend vom »Primat des Evangeliums und der Arbeit am Kommen des Gottesreichs« (176) – umgeformt wurden, so dass es zu spannungsvollen, oft widersprüchlichen Konstruktionen kam. So wurde beispielsweise das Bild des exotischen, heidnischen »Wilden« transportiert, das romantische Konzept des »edlen« Wilden aber als unrealistisch abgelehnt. An dessen Stelle trat die Grundperspektive des Menschen als »Kind Gottes« (197 f.). Die Beschreibung der heidnischen Wilden als bekehrungsbedürftig diente dabei zugleich der pietistischen Gesellschaftskritik mit »dem Zweck der moralischen Erziehung« der »Heimatgemeinde« (128). Kapitel 12 fasst die Ergebnisse als Missionsanthropologie unter der Perspektive der Bekehrung und Entwicklung aus der Verlorenheit des »alten Menschen« zum wahren Menschsein in der Welt in Beziehung zu Gott (201–204) zusammen.
Der 40 Seiten umfassende Anhang enthält neben Quellen- und Literaturverzeichnis eine für weitere Forschungen interessante Auflistung von Missionszeitschriften sowie (weniger essentiell) Kurzbeschreibungen der wichtigsten Missionsgesellschaften des 19. Jh.s. Ein Personenverzeichnis ist vorhanden, ein thematischer Index fehlt.
Die Stärke des Buches liegt in der facettenreichen und gut lesbaren Darstellung missionarischer Menschenbilder im Vergleich mit gesellschaftlichen Stereotypen und anthropologischen Diskursen des 19. Jh.s. Dabei wird der davon beeinflusste und zugleich eigenständige, vielschichtige und widersprüchliche Beitrag der Mission deutlich. Zu kurz kommen jedoch die in Kapitel 11 nur skizzenhaft an­gedeuteten theologischen Aspekte des Menschenbilds des EMM. Zwar wird die komplexe Beziehung zum Menschenbild liberaler Kulturmission gut, das Verhältnis zum Menschenbild der Glaubensmissionen jedoch kaum deutlich. Wünschenswert wäre vor allem eine stärkere Einordnung in die theologische und missionstheologische Anthropologie des 19. Jh.s gewesen, beispielsweise ein Vergleich der ungewöhnlichen soteriologischen Sicht der Ebenbildlichkeit Gottes »durch die Bekehrung« (199) im EMM mit der schöpfungstheologischen Sicht Gustav Warnecks.