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Ausgabe:

April/2014

Spalte:

516–518

Kategorie:

Missionswissenschaft

Autor/Hrsg.:

Klän, Werner, u. Gilberto da Silva [Hrsg.]

Titel/Untertitel:

Mission und Apart-heid. Ein unentrinnbares Erbe und seine Aufarbeitung durch lutherische Kirchen im südlichen Afrika.

Verlag:

Göttingen: Edition Ruprecht 2013. 225 S. = Oberurseler Hefte, Ergänzungsbd. 13. Geb. EUR 47,90. ISBN 978-3-8469-0132-8.

Rezensent:

Jobst Reller

Das angesichts großer lutherischer Vielfalt in Südafrika unverzichtbare Verzeichnis der Abkürzungen (208), der Literatur in Auswahl (209–220) und das Register der Sachen und zum Teil handelnden Personen (221–225) erschließen den Band zur Aufarbeitung der Apartheid in lutherischen »Konfessionskirchen« in Südafrika in hervorragender Weise. Er verdankt sich einem Symposium über »Mission und Apartheid«, das die Lutherische Theologische Hochschule 2011 in Oberursel veranstaltete. Der Eindruck ist nicht von der Hand zu weisen, dass hier seitens der Selbstständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche (SELK) und ihrer Lutherischen Kirchenmission (LKM) ein Pendant zum groß angelegten Studienprozess der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) zu Südafrika ent standen ist. Durch zweisprachige Präsentation der Beiträge in Deutsch und Englisch, zumindest durch Zusammenfassungen in der jeweils anderen Sprache, ist ein Instrument entstanden, das sich insbesondere als Grundlage für internationale Diskurse an­-bietet.

In einem einleitenden Artikel legt Volker Stolle »Die Auseinandersetzung der Bleckmarer Mission/Lutherischen Kirchenmission in der Bundesrepublik Deutschland mit der Apartheid« (14–34, englisch 35–53) dar. Die Bleckmarer Mission entstand 1892 durch konfessionell begründete Trennung von der Arbeit der Hermannsburger Missionsanstalt in Südafrika (seit 1853). Bereits 1893 bil-dete sich die »Freie Evangelisch-Lutherische Synode in Südafrika« (FELFISA), die bis 1994 einzig Gemeinden deutscher lutherischer, also »weißer« Siedler umfasste. FELFISA und LKM bildeten 1967 die »Lutheran Church in Southern Africa« (LCSA) für die aus der Mission entstandenen »schwarzen« Gemeinden.

Stolle, von 1978 bis 1984 selbst Direktor der LKM, schildert nun das höchst spannungsreiche Agieren der Mission einerseits und der SELK andererseits. Der durch die Erfahrung des Kirchenkampfes in Bayern geprägte Direktor der LKM Friedrich-Wilhelm Hopf (bis 1978; 1910–1982) sah sich schon 1956 vor seiner ersten Reise nach Südafrika durch seinen ehemaligen Erlanger Lehrer Hermann Sasse (25) verpflichtet, jede (!) Vereinbarkeit von lutherischer Mission und Apartheid kategorisch auszuschließen. In seinem letzten Bericht als Missionsdirektor 1977 – lange vor dem berühmten »Kairosdokument« von 1985/6 – sah er sich schuldig, »diese klare und richtige Wegweisung nicht scharf und deutlich genug öffentlich befolgt« zu haben. Es finden sich eine ganze Reihe von apartheidskritischen Äußerungen im Missionsblatt, aber auch in internen Protokollen und Berichten. 1951 konnte man nach dem »Group Areas Act« von 1950 noch einfach eine Äußerung der Hermannsburger Missionsanstalt über ein Schwarz und Weiß geschuldetes lutherisches Wort in dieser Sache übernehmen. Nach dem Sharpeville-Massaker 1960 forderte Hopf die Freiheit »von allen Mächten dieser Welt«, »innerlich unabhängig von ihren Programmen« zu sein (20). Anfang 1968 – im Jahr der vom südafrikanischen Kirchenrat (SACC) verfassten »Botschaft an das Südafrikanische Volk« – forderte er eine klare Stellungnahme der Mission als Zuspruch für die Brüder. Eine Tagung im Lutheran Training Center Umpumulo hatte bereits 1967 eine Neubewertung der sogenannten Zwei-Reiche-Lehre als Grundlage für die kirchliche Forderung nach Gerechtigkeit vorgenommen. Hopf lag hier in besonderer Weise an einem gemeinsamen lutherischen Zeugnis für die Rassenschranken überwindende Einheit der Kirche in Südafrika trotz bestehender Trennungen zwischen den verschiedenen lutherischen Kirchen (21).

Missionar Ernst-Heinrich Schwacke verwahrte sich bei einem Deutschland­aufenthalt 1972 gegen jede politische Einmischung. Pastor Johannes Junker, ab 1984 selbst Direktor der LKM, erklärte die Apartheidspolitik in seiner Lesart der sogenannten »Zwei-Reiche-Lehre« für eine politische Angelegenheit Südafrikas. Bischof Gerhard Rost (1922–2003) erklärte in enger Tuchfühlung mit der FELFISA 1977, dass Hopfs Veröffentlichungen »diese Gespräche belastet« hätten (24). Hopf seinerseits sah die Ereignisse des Massakers in Soweto 1976 als Gericht Gottes auch über den Dienst der LKM in Südafrika: Es habe »an Tatbeweisen für eine wirkliche Gemeinschaft weißer Christen mit ihren schwarzen Brüdern und Schwestern« gemangelt (25). Musste sich die SELK nicht fürchten, »angesichts zwingender Herausforderungen wieder einmal als ›schweigende Bekenntniskirche‹ erfunden und dann als ›dumm gewordenes Salz‹ verworfen zu werden?« Stolle seinerseits hält ernüchternd fest: »Die Reaktion auf die Apartheidspolitik, die seit 1948 zunehmend die gesellschaftlichen Verhältnisse in Südafrika bestimmte, bietet ein Beispiel dafür, wie es Lutheranern nicht gelingt, aus ihrer Bekenntnisbindung heraus eine gemeinsame Linie in sozial­ethischen Fragen zu entwickeln. Die kirchliche Bekenntnisgemeinschaft hat ein klares Zeugnis nicht gefördert, sondern geradezu verhindert. […] Diese Erfahrung wartet auf ihre Bearbeitung.« (33 f.)

Eher systematisch versteht sich der Beitrag von Werner Klän, »Un­entrinnbare Zeitgenossenschaft. Theologische, historische und me­thodische Gesichtspunkte für den Umgang mit der jüngeren Vergangenheit der konfessionellen lutherischen Kirchen im südlichen Afrika« (54–67, englisch 68–79). Mit David Tswaedi, »Apartheid in South Africa. Its Impact on the Lutheran Church in Southern Africa« (80–95), und Radikobo Ntsimane, »A Critical History of the Lutheran Medical Missions in the Time of Apartheid. The Rise and Fall of Two Lutheran Mission Hospitals« (97–121), kommen zwei Vertreter der LCSA zu Wort. Tswaedi sieht ein besonderes Defizit konfessionellen Luthertums im Blick auf sozialethische Sensibilität für die Leiden Armer und Schwacher (90), Ntsimane diagnostiziert für das Missionshospital Itshelejuba in der Apartheidspolitik begründete Fehler in der Zusammensetzung seiner Leitungsgremien und damit den notwendigen Untergang (121). Das Bamalete Lutheran Hospital zeige, wie eine Nationalisierung eines Missionshospitals auch von einer nationalen Regierung unterstützt werden könne.

Mit Dieter Schnackenberg, »Die Auswirkung der Apartheid auf das Leben und Handeln der FELFISA und die neuen Herausforderungen, vor die sie seit 1994 gestellt ist«, kommt ein Vertreter der immer noch überwiegend deutschstämmig geprägten FELFISA zu Wort (123–148). Schnackenberg fokussiert das Problem unterschiedlichen sozialen Status und kultureller Prägung als Herausforderung (146), diagnostiziert die bei vielen Weißen mangelnde Bereitschaft, das von Schwarzen erlittene Leid in der Apartheidszeit wahrzunehmen. Die FELFISA habe in besonderer Weise dahin zu wirken, dass die sozialen und kulturellen Unterschiede nicht weiter trennend wirkten (148). Caroline Jeannerat schildert in »Changing the Present ist not a Betrayal of the Past. The Production of (History in) an Independent Lutheran Church in South Africa« (150–172) die Konferenz zum 30-jährigen Bestehen der ELKSA in Südafrika 2005. Jeannerat bemängelt, dass im neuen Südafrika theologische Positionen, die nicht in erster Linie die Inaktivität der Kirche gegenüber der Apartheid kritisieren, kein Forum finden, das sind die Stimmen derer, die die Kanzel nicht für politische Fragen nutzen wollten, bzw. die einer jungen vermeintlich politisch nicht aktiven Nachapartheidsgeneration (170). Dieter Schütte erzählt in »Kirchliche Arbeit in der ELKSA-NT (ELKSA-Hermannsburg) un-ter den Bedingungen von Apartheid und ihre Nachwirkungen« (174–185) bildreich seine eigene pastorale Biographie, die ihn vom apart­heidskonformen Angehörigen der deutschen Siedlergemeinschaft zu einem Apartheidsgegner werden lässt. Schütte erinnert daran, dass ab Anfang der 1960er Jahre Missionare sich zunehmend kritisch über die Apartheid äußerten (176). 1966 wurde die Föderation Evangelisch-lutherischer Kirchen in Südafrika gegründet, die den Traum einer Staats- und Rassengrenzen überspringenden vereinten lutherischen Kirche im südlichen Afrika träumte (178). Theologisch kontrovers wurden ein rein spiritualistisches Verständnis von CA VII, die sogenannte »Zwei-Reiche-Lehre« und Röm 13 dis­-kutiert. Schütte selbst erlebte, wie sich 1973 15 % seiner Gemeindeglieder in Hebron einer zur FELFISA übergehenden Gemeinde in Geytown anschlossen. Hauptgrund war, der Möglichkeit gemeinsamer Gottesdienste mit schwarzen Gemeindegliedern zu entgehen (179). Schütte schließt angesichts einer kürzlich gemachten Gottesdiensterfahrung (185): »Dort, wo Christen ihren Glauben ganz ernst nehmen und die Botschaft Jesu ganz praktisch in ihrem Alltag leben, dort wird es möglich, den ›garstigen Graben‹, den die Apartheid zwischen weißen und schwarzen Lutheranern aufgerissen hat, zuzuschütten und zu überschreiten.« Daniel Mattson fordert in »The View from the Center and the Periphery. Church and Mission in Apartheid South Africa« (187–200) für die gegenwärtige Mission Gottes ein neues aufmerksames Hören auf das Evangelium in der Schrift und im Leben der Adressaten. Den Herausgebern ist es gelungen, Versöhnungsbemühungen jenseits des protestantischen Mainstreams in Deutschland eine Stimme zu verschaffen.