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Ausgabe:

November/2013

Spalte:

1288–1290

Kategorie:

Missionswissenschaft

Autor/Hrsg.:

Bassols, Avelino

Titel/Untertitel:

Mission in der Wüste. Missionsverständnis und Missionspraxis in Ostafrika.

Verlag:

Paderborn u. a.: Ferdinand Schöningh 2012. 463 S. Kart. EUR 59,00. ISBN 978-3-506-77400-2.

Rezensent:

Heinrich Balz

Pater Avelino Bassols legt eine umfangreiche Dissertation vor, die von Mission in Ostafrika, genauer am Turkanasee im nördlichen Kenia in der Halbwüste, handelt. Aber die Doktorarbeit ist nicht in der Missionswissenschaft, sondern in der Pastoraltheologie bei H. Haslinger geschrieben, was ihr weites Hinausgreifen und in einigem ihre Lü-cken andeutet. Missionsverständnis und Missionspraxis werden ins Verhältnis gesetzt, sind aber letztlich nicht auf gleicher Ebene: Das letzte Wort hat die Praxis der 1987 von der »Missionsgemeinschaft des heiligen Apostels Paulus und Maria, Mutter der Kirche« eröffneten Missionsstation Nariokotome, in welcher B. 20 Jahre lang gearbeitet und seine Erfahrungen gesammelt hat. Um diese Erfahrung nicht nur minutiös zu beschreiben, sondern auch theologisch zu verstehen, greift B. in drei Richtungen hin aus: erstens in die katholische Lehre von der Mission, besonders des 2. Vatikanum, zweitens in die Kirchen- und Missionsgeschichte aller Epochen, und drittens macht er reichlichen, wenn auch teils anfechtbaren Gebrauch von der neutestamentlichen Wissenschaft. Die Argumentation der gesamten Untersuchung ist verschlungen; erst am Ende der Lektüre weiß man, worauf B. hinauswollte und wem man die Lektüre als notwendig empfehlen kann.
Kapitel 1 führt ausführlich in »kontextuelle Theologie« ein und in den erforderten Perspektivenwechsel hin zur Sichtweise der Armen. Es kann aber nicht darum gehen, sich dieser Perspektive gänzlich zu unterwerfen, den auch die Armen können sich täuschen. Erfordert ist eine »dritte Perspektive«, die auch den universalen d. h. katholischen Anspruch im Blick behält.
Kapitel 2 steckt, von den Begriffen Mission und Wüste ausgehend, den »Theoriekontext« ab. Mission und Missiologie werden in der Pastoraltheologie verortet; Evangelisierung, Apostolat und Chris­tianisierung benennen Aspekte, können aber »Mission« als eigentliche Bezeichnung nicht ersetzen. »Wüste« ist ein weites se­man­tisches Feld, sie wird als extreme Lebenserfahrung, als sozial und regional und als pastorales Handlungsfeld bestimmt. Ein großer Abschnitt zeichnet nach, wie spät erst Mission zum Gegenstand einer wissenschaftlichen Disziplin wurde, erst bei den Protestan-ten, dann in katholischer Theologie. B. unterscheidet die gegensätzlichen Schulen von Münster und Löwen und fügt noch eine spanische und französische Schule hinzu. Mit letzterer bestimmt er das Ziel der Mission nicht mehr als das Heil der Heiden – das sie auch ohne die Mission erlangen können –, sondern als die Fülle des Lebens nach Joh 10,10. Diese Linie verfolgt er weiter bei K. Rahner, im 2. Vatikanum, in Evangelii nuntiandi 1975, Redemptoris Missio 1990 und Ecclesia in Africa 1995.
Kapitel 3 lässt der Theorie den »Praxiskontext« folgen: eine um­fassende Beschreibung der Mission in Nariokotome am Turkanasee, der prekären Situation der nomadischen Wanderhirten und der überwiegend in Lagern am See lebenden zugewanderten Bevölkerung. Die Missionsstation war 1987 ein bewusster neuer Anfang, an abgelegenem Ort bei einer Quelle begonnen. Leider fehlt eine geographische Karte zur Orientierung des Lesers.
Kapitel 4 geht wieder in die Theologie mit den »ekklesiologischen Grundlagen für eine Mission in der Wüste«. Nicht an der Kirche als corpus mysticum, sondern am »Volk Gottes« und der »Familie Gottes« ist anzuknüpfen, mehr aber noch am Reich Gottes, wie es Inhalt der Verkündigung Jesu war. Aufgabe der Kirche ist es, in der Welt das Reich Gottes zu »bauen«. Alles andere, Jenseitige oder nur Innerliche ist für B., in kühner Deutung von 1Kor 15, Deformation und Missverständnis; geboten ist eine Kirche, »die in dem Noch-nicht der endgültigen Erfüllung sich ganz auf die Errichtung des Reiches Gottes hier auf Erden einsetzt« (260). Kampf gegen Hunger und Armut ist in der Turkana-Region die primäre Aufgabe der Mission, nicht die Bekehrung der Einzelnen und nicht die Errichtung kirchlicher Struk­turen.
Es folgen zwei missionsgeschichtliche Kapitel. Kapitel 5 handelt von der »geschichtlich-theologischen Relevanz von Wüste« biblisch und frühkirchlich, besonders in Ägypten und in den verschiedenen Ausprägungen der »gegenkulturellen« anachoresis der Eremiten im Gefolge des Antonius und des koinobitischen gemeinschaftlichen Klosterlebens, wie es von Pachomius begonnen wurde: Nur dieses letztere ist auch gegenwartsrelevant, ein Aussteigertum, das sich um die Entwicklung wüster, abgelegener Gebiete verdient macht. Von ihm kommen viele Kulturleistungen und es macht die Wüste zum »theologiegenerativen Ort«. In diesem Kapitel sind die Interpretationen einfühlend und überzeugend; B. ist hier sichtlich mehr zuhause als in der Bibelexegese.
Kapitel 6 versammelt die »Lehren aus der Missionsgeschichte« und weist die Ambivalenzen sukzessiver Missionskonzepte auf. Auch wo die schlimmen Ergebnisse offenkundig sind, müssen die »Konzepte« nicht gänzlich falsch gewesen sein, was B., selber in spanischer Tradition stehend, an der franziskanischen Mission in Amerika entgegen der monotonen spanienfeindlichen »schwarzen Legende« aufzuweisen versucht. Schatten und Licht gab es in der alten Kirche in Nordafrika, in der mittelalterlichen Gewaltmission, neuzeitlich in China und im Kongo. Mission »als Machtstruktur« vermag sich geschichtlich auf Dauer ebenso wenig durchzusetzen wie Mission nur »als Bekehrung«: Verwirklichung des Reiches Gottes ist für B. der heute allein noch gangbare Mittelweg.
Kapitel 7 geht noch einmal detailliert in die praktischen Aktivitäten der Missionsstation Nariokotome, das Verhältnis von Missionsarbeit und Verkündigung und in die kirchenrechtliche Freistellung der Missionsstation innerhalb der Diözese.
Kapitel 8 fasst zusammen und lässt die Stimmen afrikanischer Theologen zu Mission als »Rekonstruktion« zu Wort kommen. Kernelement des Missionsverständnisses ist »der Mensch« – und damit meint B. ebenso sehr den Missionar wie den Adressaten, also den Menschen, an den die Mission sicht richtet.
Das fragende und einordnende Gespräch mit B. hat zuerst zu beobachten, dass zu Mission »in Ostafrika«, der großen Region, die mehr ist als Wüste, wenig gesagt ist, wenig auch zu anderen mo­dernen dort verwurzelten katholischen Missionskonzepten. Der Altmeister A. Shorter findet Erwähnung, nicht aber F. Wijsen, dessen Praxis und Theoriebildung bei den Sukuma am Victoriasee, nur wenige hundert Kilometer von den Turkana, interessante Vergleichspunkte ergäbe, besonders zur Beurteilung der alten Religion dann, wenn die Heilsfrage sekundär wird gegenüber der Verwirklichung der Fülle des Lebens (Wijsen 1993 und Wijsen/Tanner 2002). Wenig reflektiert ist bei B. weiterhin der Übergang von Mission aus westlicher in die Verantwortung afrikanischer Kirche; ein afrikanischer Bischof über der im Wesentlichen autonomen Missionsgemeinschaft von Nariokotome ist nicht genug. Schließlich der Schriftbezug des Missionsverständnisses: Bauen des Reiches Gottes und Fülle des Lebens sollte nicht ausschließen, dass auch die andere Seite biblischer Missionsbegründung zu Wort kommt: das Evangelium als Kraft Gottes, die da selig macht alle, die daran glauben. Einer Missionsgemeinschaft, die sich nach dem »heiligen Apostel Paulus« nennt, sollte dies nicht fremd sein.