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Ausgabe:

April/2013

Spalte:

518–520

Kategorie:

Missionswissenschaft

Autor/Hrsg.:

Wrogemann, Henning

Titel/Untertitel:

Interkulturelle Theologie und Hermeneutik. Grundfragen, aktuelle Beispiele, theoretische Perspektiven.

Verlag:

Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus 2012. 416 S. m. Abb. = Lehrbuch Interkulturelle Theologie/Missionswissenschaft, 1. Geb. EUR 29,99. ISBN 978-3-579-08141-0.

Rezensent:

Rudolf von Sinner

Dieses umfangreiche Werk aus der Feder des Rektors und Missions- und Religionswissenschaftlers der Kirchlichen Hochschule Wuppertal/Bethel, Henning Wrogemann, ist als Lehrbuch gestaltet. Vorliegend ist nun der erste Band, der der Interkulturellen Theologie und Hermeneutik gewidmet ist; zwei weitere sollen demnächst folgen – und zwar zu Missionstheologien der Gegenwart und zu einer Theologie interreligiöser Beziehungen. Entsprechend informationsreich sind die über 400 Seiten, aber dennoch gut lesbar; anspruchsvoll, aber verständlich. Inbesondere fällt die gute gegenseitige Durchdringung von praktischen Beispielen und theoretischen Ansätzen auf, die weder einander aufgezwungen werden noch beziehungslos nebeneinanderstehen. Der Ton ist durchwegs interessiert und engagiert, aber zugleich nüchtern, realistisch und frei von Ideologie, verständisvoll auch gegenüber den Missionaren– sozusagen als iusti et peccatores wie alle Menschen –, ohne apologetisch zu sein. Die Verankerung der Fragestellung in der eigenen Erfahrung, durch Besuche vor allem in Afrika und durch Kontakt zu Migrationskirchen in Deutschland, gibt der Abhandlung Glaubwürdigkeit und Bodenhaftigkeit. Dass dabei gewisse Kontinente stärker zur Sprache kommen als andere (Lateinamerika etwa kommt nur am Rande vor), ist nachvollziehbar und legitim. Durch den zeitweise narrativen Stil – dem dann aber eine systematisierende Reflektion folgt – werden außereuropäische Christentumsformen plastisch, und der Vf. betont, dass sich Theologie nicht nur in rationalen Sätzen oder verbalen und schriftlichen Äußerungen ausdrückt, sondern auch und gerade in Sprichwörtern, Festen, Prozessionen, Meditationsformen, Bildern (Abb. zw. 112–113) und anderem mehr.
Es geht ingesamt um die Wahrnehmung des Christentums »als einer globalen Religionsformation in vielen kulturell-kontextu-ellen Varianten«, deren Analyse als zivilgesellschaftliche Akteure zudem »einen unverzichtbaren Beitrag zur umfassenden Wahrnehmung gesellschaftlicher Realitäten« darstellt (13–14). Dem ist nur zuzustimmen, und es bedarf angesichts der insgesamt eher nach innen blickenden Kirchen und der auf den eigenen, unmittelbaren Kontext konzentrierten theologischen Wissenschaft dringend der Beiträge wie des vorliegenden, um diese Wahrnehmung zu ermöglichen.
Einleitend wird auf den Begriff bzw. das Fach der Interkulturellen Theologie (auch und gerade in ihrem Bezug zur klassischen Missionswissenschaft) eingegangen. Der folgende erste Teil (43–159) beschäftigt sich mit Hermeneutik und Interkulturalität. Der Vf. plädiert für eine interkulturelle Hermeneutik, die Semiotik und Diskurstheorie zusammenführt. Gut sichtbar wird dabei, wie Kultur kein einfach Gegebenes ist, sondern auch und gerade aus der Begegnung jeweils (neu) konstruiert wird und sich dabei primär als Handlungsfeld konstituiert – darum der Rückgriff auf die Diskurstheorie. Kulturen sind dann nicht nur »abgrenzbare Sphären des lebensweltlich Selbstverständlichen«, sondern auch »geglaubte Formationen sozialer Zusammengehörigkeit, die sich an bestimmten, öffentlich kommunizierten Identitätsmerkmalen orientieren« (159). Neben den sehr anschaulich gezeigten historischen Herausforderungen der Identitätsfindung und -bildung sowie einigen theoretischen Ansätzen, mit denen diese gedeutet werden, hätte man sich hier noch etwas mehr über diese diskursive Interkulturalitätstheorie gewünscht, die doch vielversprechend erscheint.
Der zweite Teil ist der Vielfalt kontextueller Theologien vor allem am Beispiel Afrikas gewidmet (161–224). Dabei ist positiv auffällig, dass der Vf. nicht einseitig Innovation und Konservativismus zuteilen will, so dass etwa auch evangelikale Theologien auf ihren möglichen Innovationsgrad befragt werden. Es sind doch gerade sie, die auf der Graswurzelebene besonders vertreten sind, oft im Gegensatz zu den ausgebauten kontextuellen Theologien, die wissenschaftlich, aber wenig im realen Leben der Christen vor Ort wahrgenommen werden. Zudem wird hier wie auch andernorts auf Genderfragen, besonders Frauentheologie, eingegangen.
Der dritte Teil bringt geschichtliche Perspektiven auf die Begegnung zwischen christlichen Missionen und fremden Kulturen, praktisch aufgezeigt und in theoretischen Modellen (Ersetzungs-, Indifferenz-, Veredelungs-, Indigenisierungs- und Aneignungsmo­dell) zusammengefasst (225–296). Auf dem Hintergrund der zeit­genössischen Vorstellungen von »Mensch«, »Gemeinschaft«, »Volk«, »Gefühl« etc. in Europa, namentlich in Deutschland, werden hier verschiedene Programme von Einzel- bzw. Volkschristianisierung veranschaulicht – mit evolutiver und zivilisatorischer Orientierung oder gerade der Absicht einer Wiederherstellung der Schöpfungsordnung.
Im vierten Teil werden in systematischer Perspektive die für Theologie und Interkulturalität zentralen Begriffe erörtert: Inkulturation, Synkretismus, »postcolonial turn«, Ökumene, Kontextuelle Theologien und ihre kulturelle »Imprägnierung« sowie – etwas im Schnelldurchgang – dogmatische Loci in interkultureller Perspek­tive (297–375). Gegenüber einer als einseitig wahrgenommenen Inkulturation kommt hier nun auch eine notwendige »De­kulturation« bzw. eine Infragestellung lokaler Kultur in den Blick. Weiter findet sich eine m. E. notwendige kritische Sicht des heute sich so en vogue befindlichen »Hybridismus«, der doch eigentlich über einen gewissen heuristischen Wert hinaus wenig weiterführt und in Gefahr steht, trotz antihegemonialer Stoßrichtung sich selbst als hegemonial zu setzen (334–338). Zur Interkulturalität im Vergleich zur Transkulturalität (338 ff.) hätte man gerne noch mehr erfahren.
Dies ist ein in vielerlei Hinsicht hilfreiches Werk, nicht nur für das erste Studium, sondern auch zur Vertiefung für schon mit der Sache Vertraute. Die notwendige interkulturelle Sensibilität wird gefördert und vermeidet einen simplen Voyeurismus zugunsten eines echten Interesses auch für so »politische inkorrekte« Ansätze wie die evangelikale Theologie. Auf die Wahrnehmung mit allen Sinnen, die narrativ erzählt wird, folgt die systematisierende Re­flektion und der Vergleich mit anderen Kontexten. Ein essentia­listischer Kulturbegriff wird, neben semiotischen Aspekten, zu­-gunsten eines wenn auch noch eher vagen diskurstheoretischen Handlungsbegriffs von Kultur dekonstruiert. Die bisher nur be­schriebene Spannung zwischen »Kontextualität und Universali­tät«, in der die »übergreifende Relevanz« (223) kontextueller An­sätze in den Blick kommen soll, verdient m. E. weitere Bearbeitung, weil genau hier das oft beschworene gegenseitige Lernen oder die in­-terkulturelle »Befruchtung« (R. Panikkar) zum Tragen kommt – freilich nicht nur in der elitären Form unter Intellektuellen oder spirituellen Meistern, sondern eben auch unter der durchaus problematischen globalen Verbreitung des »Health and Wealth Gospels« und der »geistlichen Kriegsführung« (spiritual warfare) – die dennoch nicht einfach eine lokale Reproduktion importierter Theologie und Praxis sind. Es bleibt komplex – und spannend.