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Ausgabe:

Juli/August/2012

Spalte:

876–878

Kategorie:

Missionswissenschaft

Autor/Hrsg.:

Bünker, Arnd, Mundanjohl, Eva, Weckel, Ludger, u. Thomas Suermann [Hrsg.]

Titel/Untertitel:

Gerechtigkeit und Pfingsten. Viele Chris­tentümer und die Aufgabe einer Missionswissenschaft.

Verlag:

Ostfildern: Matthias-Grünewald-Verlag 2010. 268 S. m. Abb. 22,0 x 14,0 cm. Kart. EUR 14,90. ISBN 978-3-7867-2850-4.

Rezensent:

Theodor Ahrens

Die Herausgeber, Schüler Giancarlo Collets, bis 2010 Inhaber des Lehrstuhls für Missionswissenschaft an der Katholisch-Theologischen Fakultät in Münster, dokumentieren in diesem Band den Kongress Crossroads – Christentümer in Bewegung und Begegnung, zu dem sie anlässlich der bevorstehenden Emeritierung ihres Lehrers für den 7. bis 10. Oktober 2009 nach Münster eingeladen hatten. Pluralisierung und Fragmentierung der Weltchristenheit sowie die Globalisierung des Pentekostalismus und weltweite Migrationsbewegungen verändern die Perspektiven der Missionswissenschaft.
Schon in seiner Antrittsvorlesung hatte Collet für einen Perspektivwechsel (229) plädiert, indem er sich vom kolonialen Schema absetzte, aber auch von Vorschlägen, Missionswissenschaft in Vergleichende Theologie oder Interkulturelle Theologie aufzulösen (236) – sofern mit solchen Umbenennungen die universale Bestimmung des Evangeliums unter der Hand suspendiert wird. In ihrer Einführung knüpfen die Herausgeber ausdrücklich an diese Vorgabe an (11). Das Evangelium geht alle an. Was andere mit dem Evangelium anfangen oder auch nicht anfangen können, geht wiederum die in Europa betriebene Theologie, insbesondere die Missionswissenschaft an. Wo und wie kommen sie zu Wort? Der Kongress war, wie Hadwig Müller in ihrer Rückschau belegt, ein Forum, auf dem das gelang. Knappe Werkstattberichte dokumentieren dies.
Die 15 Beiträge zu dem Kongress, ergänzt durch Collets Antrittsvorlesung aus dem Jahr 1989 sowie seine Abschiedsvorlesung vom Juni 2010, sind Antworten und spiegeln die Wertschätzung, die Collet bei Theologinnen und Theologen besonders in Lateiname­rika und Afrika, aber auch in der evangelischen Theologie in Deutschland gefunden hat. Sie können hier nicht im Einzelnen gewürdigt werden. Als roter Faden, der sich durch die Beiträge zieht, zeichnet sich die kritische Würdigung des Pentekostalismus und der Migrationskirchen – vornehmlich afrikanischer Herkunft in Deutschland – ab.
Ob wiederum ein Beitrag europäischer Theologien und der Missionswissenschaft im Besonderen in die Kommunikation mit außereuropäischen Theologien und Kirchen eingebracht werden kann, hängt Giancarlo Collet zufolge »nicht zuletzt davon ab, das Engagement für eine neue Gerechtigkeitspraxis abgedeckt ist« (239). Auf Gerechtigkeit hin bewegt zu werden – ein pfingstliches Geschehen – und gleichzeitig die jeweils kontextuell geprägten Bewegungen der Anderen in ihrer Eigenart theologisch zu reflektieren, machte das Profil der Münsteraner Missionswissenschaft aus und erklärt den etwas merkwürdigen Titel des Bandes.
In seinem Eröffnungsvortrag entfaltet der Rostocker Religionswissenschaftler Klaus Hock das Programm einer interkulturellen Theologie (Präludium seiner 2011 erschienenen diesbezüglichen Einführung). Nach einer kritischen Durchsicht hergebrachter mis- sions­theologischer Ansätze plädiert er dafür, die Missionswissenschaft zu verabschieden. Während Missionswissenschaft Hock zu­folge eine partikulare Tradition zum Referenzpunkt ihrer Re­flexion auf die Transformationsprozesse macht, die sich im Zusam­menhang der interkulturellen Dynamik des Christentums ergeben, reflektiere die Interkulturelle Theologie auf lokale Christentümer in ihrer vielfältigen Vernetzung – ein Perspektivwechsel, der das theologische Vorzeichen der Disziplin festhält. Hock diskutiert drei exemplarische Problemfelder: zunächst Machtdiskurse am Beispiel ökumenischer Kirchengeschichtsschreibung und dann die Frage, welche Folgen sich aus der Schwerpunktverlagerung des Chris­tentums in den Süden und der Präsenz von Migrationskirchen im Norden hinsichtlich des Verständnisses von Mission ergeben. Auftragsbewusstsein liberaler Großkirchen und Migrationskirchen in Deutschland sind nicht leicht auf einen Nenner zu bringen. Schließlich drittens, orientiert am Stichwort ›Befreiung‹, identifiziert Hock Verständigungsbedarf zwischen einem liberalen Christentum, das sich der Moderne, der Aufklärung verpflichtet weiß, und einem enthusias­tischen Christentum, das mit den Migrationskirchen präsent ge­worden ist.
Sergio S. Vasconcelos, Professor für Religionswissenschaft und katholische Theologie an der Universität von Pernambuco (Brasilien), unterbreitet in einer Analyse der Beziehungen zwischen neopentekostalen Kirchen und afro-brasilianischen Religionen folgende These: Anders als die etablierten protestantischen Kirchen ist der Pentekostalismus in Brasilien erfolgreich, weil er für die gesamtgesellschaftlich verankerte Matrix afro-brasilianischer Religiosität eine neue Lesart anbietet, in der symbolische Aneignung und Umkehrung der Bedeutungen ineinander greifen. Anders als die etablierten protestantischen Kirchen bestreiten pentekostale Exorzismen nicht die Wahrhaftigkeit afro-brasilianischer Erfahrungen des In-der-Welt-Seins, bieten aber Orte und Riten an, um auf diese Erfahrungen kreativ zu antworten (96 f.).
Werner Kahls Studie zu konkurrierenden Deutungen von Krankheit und Heilung in westafrikanischen Kirchen versteht den Pentekostalismus – jedenfalls den der ersten Generation – als »traditionelle Religiosität in christlicher Begrifflichkeit«. Die Attraktivität dieser Religiosität erklärt sich aus der dreifachen Anschlussmöglichkeit, nämlich an die biblische Vorstellungswelt, an traditionelles afrikanisches Weltwissen und an das Pfingstlertum als eine Religion im Übergang zur Moderne (138). In Migrationsgemeinden zeichnen sich mit zunehmender Dauer Aushandlungsprozesse mit hiesigen Strukturen und Wertvorstellungen ab. (147)
Die Stärke des Bandes liegt darin, dass er neue Blickwinkel auf einige aktuelle Themenfelder interkultureller Theologie erschließt.