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Ausgabe:

März/2011

Spalte:

348-350

Kategorie:

Missionswissenschaft

Autor/Hrsg.:

Association francophone œcuménique de missiologie [Éd.]

Titel/Untertitel:

Figures bibliques de la mission. Exégèse et théologie de la mission. Approches catholiques et protestantes. Sous la direction de M.-H. Robert, J. Matthey, C. Vialle. Préface de Ph. Abadie.

Verlag:

Paris: Cerf 2010. 260 S. 8° = Lectio divina, 234. Kart. EUR 20,00. ISBN 978-2-204-09081-0.

Rezensent:

Heinrich Balz

In der französischsprachigen Mission und Missionswissenschaft läuft manches anders als in der deutschen, auch als in der englischsprachigen. Die 1994 gegründete »Association francophone œcuménique de missiologie«, die viele Veröffentlichungen, zu­meist Sammelbände, herausgebracht hat, ist ein gemeinsames Forum für Katholiken und Protestanten einschließlich der Freikirchen. Der vorliegende Band, in der angesehenen Reihe Lectio divina der katholischen Éditions du Cerf erschienen, vereinigt Beiträge von sieben Protestanten und drei Katholiken, mit einer Einleitung des katholischen Alttestamentlers von Lyon, Ph. Abadie. Den Beiträgen ist gemeinsam der Wille, die Fragen heutiger Mission anhand biblischer Texte zu vertiefen, einige mit dem eher begrenzten An­spruch von Bibelarbeiten, andere innovativ in theologisch Grundsätzliches einsteigend. Dem ist im Einzelnen nachzugehen.
Den herausfordernden Auftakt bilden drei unter dem Titel Geste de Dieu zusammengestellte Aufsätze. Gottes Tun und Eingreifen geht aller menschlichen Mission, auch in ihren biblischen Gestalten, voraus. Es geht vorwiegend um das Alte, »erste« Testament. J.-D. Macchi (Genf) geht Gottes Segnen in der Geschichte und Theologie Israels nach. Cathérine Vialle (Lille, katholisch) rehabilitiert die Bücher Esther und Judith gegen den Vorwurf des engen Nationalismus: In beiden, bei Esther besonders in der griechischen Bearbeitung, bei Judith in der Gestalt Achiors des Ammoniters haben die Heiden auch eine positive Rolle in Gottes Plan. Marie-Hélène Robert (Lyon, katholisch) setzt grundsätzlicher an: Mission und Sendung im weiten Sinn bestimmen die Identität Israels nicht weniger als die der christlichen Kirche. Seine Sendung ist das Halten des Bundes, das Zeugnis vor den Völkern und die Botschaft an sie. Mission ist »ontologisch« in der Gottesebenbildlichkeit aller Menschen begründet, sie zu erfüllen ist ihnen schon im Alten Testament bestimmt. Jesus Christus im Neuen Testament ist die Rekapitulation des ganzen Heilsplans Gottes; am Ende steht die gemeinsame und komplementäre Mission Israels und der Kirche aus den Völkern.
Der mittlere zweite Teil wendet sich in drei protestantischen Beiträgen den im Titel angekündigten biblischen Gestalten der Mission zu. Paulus wird von É. Cuvillier (Montpellier) im reichsrömischen Kontext vorgeführt und sein Universalismus dem Gesetzes-Partikularismus und dem römischen Imperiums-Denken ge­genübergestellt. Priscille Djomhoué (Yaoundé) führt mit feminis­tischem Ak­zent die Samaritanerin aus Joh 4 als Pioniergestalt evangelistischer Mission ein. J.-F. Zorn, Kirchengeschichtler in Montpellier, geht der Wirkungsgeschichte des Rufs des Mazedoniers, der Paulus nach Apg 16,19 f. im Traum erschien, nach: nicht eigentlich eine missionarische Gestalt, aber eine Bezeugung der Notwendigkeit christlicher Mission, die für E. Casalis von der Pariser Mission 1932 in Lesotho bestimmend wurde, später dann 1879 in der Arbeiter-Mission des Schotten R. W. McAll in Paris. Danach verstummte der Ruf des Ma­zedoniers in der französischen und allgemein protestantischen Mission, um dann unerwartet bei Johannes Paul II. in »Ecclesia in Europa« 2003 wieder aufzutauchen. Zorn vermutet, dass ein solcher Ruf aus Europa erst jetzt vernommen werden kann, seit der Katholizismus sich in diesem Kontinent als Minderheit weiß, und dass umgekehrt der Protestantismus gegenwärtig zu viele geschichtliche Enttäuschungen zu verarbeiten hat, bevor er sich wieder »gerufen« weiß von denen, die des Evangeliums bedürfen.
Teil III stellt, thematisch nicht ganz zusammengehörig, in vier Beiträgen die gemeinschaftliche Aufnahme, reception, der Mis­sion im Neuen Testament vor. C. Paya, französischer Freikirchler, be­handelt den matthäischen Missions-Diskurs von der Macht- und Besitzlosigkeit der ausgesendeten Jünger: Nicht was sie zu geben haben, sondern dass sie aufgenommen werden, ist wichtig. M. Schöni, Schweizer Baptist, verteidigt das johanneische Chris­tentum gegen den Verdacht, eine Sekte zu sein; die unterschiedlichen Bedeutungen von kosmos als verschlossener und doch von Gott geliebter Welt bezeugen vielmehr ein zentripetal trinitarisches Verständnis von Mission, das die »unmögliche Möglichkeit« des Glaubens, nach K. Barths Formulierung, offen hält. P. Poucouta, (Yaoundé, katholisch) befragt die lukanische Pfingstgeschichte auf ihr Verhältnis zur Alterität: Darin verbirgt sich die Thematik, die auf Deutsch gewöhnlich als der Andere und Fremde verhandelt wird. J. Matthey schließlich, Direktor der Abteilung für Mission und Evangelisation beim Ökumenischen Rat, setzt »Mission und Heilung« (von Kerntexten ausgehend: 1Thess 1–4, 1Kor 12–14 und Jak 5,13–18) in Beziehung zueinander. Ohne die Möglichkeit von Heilungswundern auszuschließen, entzieht Matthey dem pfingstlerischen Heilungsenthusiasmus durch genauere Lektüre die Stellen, auf die er sich gerne beruft. Das Gewöhnliche, Normale ist nicht das Wunder, sondern die Bereitschaft und Verpflichtung der ganzen Gemeinde, die Kranken und Schwachen aufzunehmen und in gemeinschaftlichem Gebet zu tragen.
In einem Rückblickskapitel blickt Matthey dann auf Konvergenzen und Unterschiede aller zehn Beiträge und ordnet sie bleibenden Spannungen und Polaritäten zu. Missio Dei ist wichtig, sie darf aber nicht zur allumfassend »großen Erzählung« verkommen. Ebenso wenig darf die Rede von den zwei Missionen Israels und der Kirche die Zentralität Jesu Christi verstellen. Über das Verhältnis von Soteriologie und Theologie der Religionen wird in gegenwärtiger Missionswissenschaft weiter heftig gestritten: Hier gibt es, so Matthey, weiterhin keinen Konsens zwischen Ökumenikern und Evangelikalen.
Obwohl nicht titelgebend, steht in allen Beiträgen das Leitthema trinitarischer Missio Dei im Hintergrund oder es wird auf dieses angespielt. Leider wird es aber in keinem der Beiträge neuerlich be­stimmt, systematisch oder biblisch vertieft. Missio Dei ist um­greifend das »Mysterium Gottes«, so Abadie (18), dies aber nicht so, dass die enge Verbindung der immanenten mit der ökonomischen Trinität, die die neueren theologischen Entwürfe von K. Rahner, J. Moltmann und E. Jüngel bestimmt, nun auch für die Mission be­dacht würde. Die johanneischen Kernstellen, 17,18 und 20,21, denen zufolge die Sendung der Jünger und mit ihnen der Kirche nicht einfach Gottes, sondern betont des Sohnes ist – »Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch« –, finden kein eigenes, neues Interesse. Weiterhin bleibt in der Bestimmung des Zieles und Ergebnisses von Mission das Entstehen neuer, junger Kirche in Regionen, wo vorher keine war, unterbelichtet, in den Hintergrund gerückt: Noch immer ist die Gesprächslage europäisch durch die Abwehr von drohendem »Ekklesiozentrismus« (Matthey, 243) bestimmt. Gleichwohl geben die beiden afrikanischen Stimmen, Djomhoué protestantisch und Poucouta katholisch, dem Ganzen einen erweiterten, auch re­gional »ökumenischen« Horizont.