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Ausgabe:

Februar/1999

Spalte:

234–236

Kategorie:

Missionswissenschaft

Autor/Hrsg.:

Käser, Lothar

Titel/Untertitel:

Fremde Kulturen. Eine Einführung in die Ethnologie für Entwicklungshelfer und kirchliche Mitarbeiter in Übersee.

Verlag:

Erlangen: Verlag der Ev.-Luth. Mission; Lahr: Verlag der Liebenzeller Mission 1997. 342 S. 8. Kart. DM 40,-. ISBN 3-87214-287-9 u. 3-88002-644-0.

Rezensent:

Heinrich Balz

Eine "Einführung in die Ethnologie" und in fremde Kulturen gehört nicht eigentlich in die unter theologischer Literatur zu führende Rubrik Religions- und Missionswissenschaft. In diesem Falle ist es die im Untertitel benannte intendierte Leserschaft "Entwicklungshelfer und kirchliche Mitarbeiter in Übersee", welche den Zusammenhang herstellt. Die letzteren, in manchen Kreisen besser englisch unter dem Namen "fraternal workers" bekannt, sind die Nachfolger der vormaligen Missionare, die jetzt gewöhnlich im Dienst und unter der Aufsicht der aus der Mission entstandenen einheimischen Kirchen ihre Arbeit tun. Sie sind und werden gewöhnlich nicht zu Fachethnologen; der Vorsatz des umfänglichen Buches ist es daher, ihnen mit einem Minimum an Metasprache und Namen ein Maximum an Stoff und Methodik moderner Ethnologie zu vermitteln. Diese Elementarisierung setzt freilich außer der anfänglichen Motivation bei den Lesern auch einen langen Atem voraus, wie ihn vermutlich eher ein langjähriger als ein kurzfristiger Dienst in Übersee bewirkt. Sie könnte und sollte aber auch an der Ethnologie interessierte Nichtpraktiker zumal unter den interdisziplinär Ausschau haltenden Theologen erreichen: Bibelwissenschaftler, Praktologen und Systematiker gleichermaßen.

Die Kapitelgliederung ist betont didaktisch, aber zugleich nicht ohne systematischen Anspruch. Vier allgemeine Kapitel (5-48) bestimmen den Rahmen. Um die Anwesenheit von Europäern heute in fremden Gesellschaften und Kulturen mit der Absicht, diese zu verändern, geht es: nicht mehr als Kolonialbeamte, nur eingeschränkt noch als Missionare; aber auch die Beinahe-"Heilslehre" von der Entwicklungshilfe hat viel von ihrem anfänglichen Glanz schon verloren (Kap. 1). Dennoch sollen die Praktiker verstehen, was sie tun und bewirken; hierzu hilft die "Ethnologie als Wissenschaft" (Kap. 2), die von allen menschlichen Gesellschaften ihr besonderes Augenmerk auf die schriftlosen, naturvölkischen Ethnien richtet als ihr eigentliches "Labor". Wissenschaftlich wird die Ethnologie erst im 18. und 19. Jahrhundert, sie hat aber eine lange unterirdisch nachwirkende Vorgeschichte in Antike und Mittelalter. Ob sie als Wissenschaft mit dem derzeitigen Aufhören isolierter schriftloser Gesellschaften selber gegenstandslos wird, ist offen (Kap. 3). Kap. 4 wendet sich dem "Begriff Kultur" zu, dessen weiter ethnologischer Sinn sich vom engen landläufigen unterscheidet. In letzter Konsequenz ist Kultur, insofern sie von beobachtbarem menschlichen Verhalten ausgeht, dieses aber weit übersteigt, eine "Abstraktion". Sie kann begriffen werden als ein Gesamt von Regeln, eine Grammatik gesellschaftlichen Zusammenlebens. Weiter greift der formulierte Lehrsatz "Kulturen sind Strategien zur Daseinsbewältigung": Nur sie erlauben den Menschen das Überleben; bei allen inneren Wert- und Begriffs- strukturen sind sie letztlich "strategisch", das heißt, Wege zur Lösung aufkommender Probleme. Als solche verschiedene Kulturen trennen sie die Menschen auch heute nachhaltig; für die von etlichen beschworene "multikulturelle" Gesellschaft kann K. darum eine glanzvolle Zukunft nicht erkennen. Die Kapitel 5-16 (51-257) führen in gedrängter Fülle die Themen und Fragen der Ethnologie vor.

Von der determinierenden Kraft natürlicher Umwelten handelt Kap. 5; Kap. 6 klassifiziert die Hauptwirtschaftsformen menschlicher Gesellschaften seit früher Zeit: Wildbeuter, Pflanzer, Ackerbauern und Viehzüchter, welch letztere das Alte Testament wie auch den Islam weithin bestimmen. Es folgen Technologie und Ergologie (Kap. 7) und die Verwandtschaftssysteme, die für die christliche Mission von Bedeutung sind durch Polygamie, Brautpreis und unterschiedlich verstandenes Inzesttabu (Kap. 8). Kap. 9, "Kultur und Psyche", handelt vom aktiven Hineinwachsen des einzelnen in je seine Kultur, von kindlicher und erwachsener Enkulturation und ihren irreversiblen Ergebnissen. Nicht einmal die "neue Kreatur" in Christus von 2Kor 5,17 vermag eine grundsätzlich neue kulturelle Identität zu schaffen.

Kap. 10 mit dem etwas irreführenden Titel "Kultur und Über-Ich (Gewissen)" (129-168) hat eine Schlüsselfunktion in Aufbau und Genese des ganzen Einführungsbuches (vgl. Vorwort, 2). Hier referiert der Autor nicht nur den Forschungsstand, sondern geht eigene Wege, weniger an einem direkt religiösen Gewissensbegriff und am Freudschen Über-Ich anknüpfend als an der Unterscheidung "Schuldorientierung und Schamorientierung". Dabei plädiert er insgesamt für ein tieferes und besseres Verständnis der letzteren, in den schriftlosen Gesellschaften vorherrschenden: Von ihr aus wird "Stellvertretung" im biblischen Sinne einleuchtender als von schuldorientierter Kultur aus. Zugleich aber hält der Autor Distanz auch von jener: Er weiß um ihre "Mißbrauchbarkeit" in Ozeanien wie in hiesigen überspannten Vorstellungen von christlicher Gemeinde und Gemeinschaft. Vor der heute auch christlich wieder gängigen Perhorrezierung des westlich-ichstarken Individuums ist K. durch seine Erfahrung fremder Kulturen hinreichend gefeit.

Kap. 11, "Denkformen" und 12, "Kultur und Sprache", argumentieren gegen die scheinbare intellektuelle Inferiorität anderer Rassen, aber für die bestimmende Kraft der Sprache auf das Denken einer Kultur. Religion, in Kap. 13 ausführlich in Vorstellungen, Einstellungen und Handlungen vorgestellt, ist in schriftlosen Kulturen ein übergreifendes "Hintergrundsphänomen", ohne welches vieles Verhalten unverstanden bleibt. Konkreter und eigenwilliger ist Kap. 14 über "Animismus" als übergreifend weltanschauliches Ordnungssystem: daß für viele Gesellschaften alles Sichtbare sein geistiges "Doppel" hat, muß zuerst in sich begriffen werden, bevor es mit biblischen Perspektiven wie Dämonen oder auch Okkultismus in Beziehung gesetzt wird. Ähnliches gilt für Krankheit und "Medizin" im animistischen Kontext (Kap. 15), wobei das weite Feld der Hexerei, wohl zu knapp, nur gestreift wird. "Animismus und Christentum" (Kap. 16) handelt konkret nur von den aus Kulturkontakt, alter und neuer Religion entstehenden synkretistischen Cargo-Kulten: Gerade weil die christliche Mission im Animismus auf wenig Widerstand stößt, sind die Wechselwirkungen des religiösen Substrats auf das neue Superstrat dort unvermeidlich und von langer Dauer.

Die letzten vier Kapitel 17 bis 20 (259-316) wenden sich wieder Allgemeinerem zu. Das "Problem des Verstehens" wird in Kap. 17 eher ungrundsätzlich angegangen; Vorrang hat nicht das Fremde oder seine Hermeneutik an sich, sondern die bewußte Absicht, den Fremden etwas mitzuteilen, ohne sie mißzuverstehen und ohne in der eigenen Motivation unverstanden zu bleiben. Kap. 18, "Ethnologie, (kirchliche) Entwicklungshilfe, Mission und das Problem des Kulturwandels" ist weniger an die kirchlichen Mitarbeiter als an die ethnologischen Kritiker und Verächter der Mission gerichtet und setzt den Kulturwandel, den christliche Mission bringt und intendiert, mit den anderen brutaleren Gestalten westlicher Intervention, zumal in Ozeanien, vergleichend ins Verhältnis. Ausführliche praktische Anweisungen zur ethnologischen Feldforschung schließen sich an (Kap. 19), gefolgt von "Ethnologie zum Schmunzeln" (Kap. 20), dem freiwilligen und unfreiwilligen Humor in der Zunft. Bibliographie und Register im Anhang machen die Einführung zum handlichen Arbeitsinstrument.

K.s Buch bietet insgesamt dem an Religionen und Kulturen interessierten theologischen Leser einiges mehr als von einer bloßen "Einführung" für Praktiker erwartet wird. Es bringt auf Gedanken. Obwohl für alle überseeischen Arbeitsfelder gedacht, ist es sinnvoll von des Autors ozeanischer, genauer mikronesischer, Felderfahrung getönt: andere Weltreligionen konkurrieren nicht mit der christlichen Mission und Kirche; die vorkolonialen politischen Strukturen sind nicht komplex genug, um ein eigenes Kapitel zu erfordern. Eher amerikanische Kulturanthropologie hat Vorrang vor der Sozialanthropologie britischer und französischer Tradition; die einheimischen "Informanten" des Ethnologen lesen und schreiben selber noch keine Bücher, die sich ihrerseits mit westlicher Wissenschaft auseinandersetzen.

K.s ernstlicher Vorsatz, zu erkunden, "was die Animisten selbst unter ihrem Animismus verstehen" (233), ist eine der wenigen Stellen unfreiwilligen Humors bei dem Autor, der sonst genau weiß, welche Fragen seine Animisten nicht stellen. Das wäre anders in der afrikanischen Gesprächs- und Forschungslage; man denke nur an E. B. Idowus Auseinandersetzung mit, und J. S. Mbitis entschiedener Absage an den überkommenen Animismus-Begriff.

Ozeanien gehört eindeutiger noch als Afrika zu den Regionen überwiegenden Erfolges christlicher Mission - daß es solche auch gibt, wird im Zeitalter des Dialogs zwischen gegenseitig missionsresistenten Hochreligionen leicht vergessen, darf aber umgekehrt auch nicht den ganzen Horizont erfüllen. Das nicht verschwiegene Verständnis des Autors von Mission und Christentum ist moderat und selbstkritisch "evangelikal"; den Mitarbeitern der Liebenzeller Mission, die das Buch mitverlegt hat, bescheinigt er guten Willen, ethnologische Wissensdefizite zu überwinden (2), mahnt sie und andere aber wiederholt und eindringlich, biblische Perspektiven nicht vorschnell an zunächst aus sich selber zu verstehende fremde Kulturen heranzutragen (bes. Kap. 10 und 14). Mission und Entwicklungshilfe tun weiterhin in relativer Stille ihre Arbeit; nicht alles an ihnen ist in der Krise, sogar lebenslange Missionare gibt es noch. Umgekehrt aber bringt die interiorisierte und, wie beim Autor, zum Lebensberuf gewählte Ethnologie manches am herkömmlichen Verständnis von Glaube und Gemeinde auch bei uns notwendig in Bewegung: schamorientierte, unfreie Gruppensolidarität ist zwiespältig; "Heiden" sind eine Kategorie mittelalterlichen, nicht heutigen Christentums (19). Missionare sind K. zufolge Menschen, die "Christsein als das Lebensmodell erfahren, das sie in einem umfassenden Sinne befriedigt, und das zusammen mit ihrer Tätigkeit ihrem Leben Sinn und Erfüllung gibt" (272): Sicher verhält es sich so. Aber das sagt noch nicht, warum das Evangelium von seiner Sache her alle Menschen angeht, und warum die Missionare nicht zu Hause bleiben können. Doch um dies zu begründen, hätte explizite Theologie der Mission das Gespräch mit den Ethnologen aufzunehmen.