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Ausgabe:

Dezember/2010

Spalte:

1406-1408

Kategorie:

Missionswissenschaft

Autor/Hrsg.:

Ohls, Isgard

Titel/Untertitel:

Improvisationen der Ehrfurcht vor allem Lebendigen – Albert Schweitzers Ästhetik der Mission. M. zeitgeschichtlichem Dokumentenanhang.

Verlag:

Göttingen: V & R unipress 2008. 463 S. m. Abb. gr.8°. Geb. EUR 57,90. ISBN 978-3-89971-505-7.

Rezensent:

Jobst Reller

Die Hamburger theologische Dissertation (begutachtet von Olaf Schumannund Klaus Hock) aus dem Jahr 2008 widmet sich einem bisher vernachlässigten Bereich der Missionsgeschichte – nämlich den expliziten missionstheologischen Bezügen im Werk des großen Albert Schweitzer, der weniger als Theologe oder Missions­theo­loge denn als Kulturphilosoph und Friedensnobelpreisträger in Erinnerung ist.
Die umfangreiche Dissertation ist aus einem Manuskript von 1200 Seiten auf 307 Seiten Haupttext gebracht worden. Allein das belegt die gründliche und umfassende Bearbeitung von Primär- und Sekundärliteratur, die zu Schweitzer enorme Ausmaße er­reicht. Dass die Vfn. es vermocht hat, die Entwicklung von Schweitzers Gedanken sensibel und konzis darzustellen, ohne die vielfältigen Wurzeln zu verlieren, ist eine große Leistung, auch wenn die von Rhena Schweitzer-Miller gesperrte Korrespondenz ihres Vaters mit der Pariser Missionsgesellschaft aus der Frühzeit noch nicht mit einbezogen werden konnte. Aber auch die 2006 vollendete Edition von zehn Werken aus dem Nachlass Schweitzers ermöglicht bereits Korrekturen (27, Anm. 18) – z. B. die für das An­liegen des Buches wichtige Einsicht, dass Schweitzer sich zunächst als Missionar verstehen wollte. Erst der Widerstand der Pariser Missionsgesellschaft gegen seine als »liberal« empfundene wissenschaftliche Theologie ließ ihn die Tätigkeitsbezeichnung »Tropenmediziner« und den Verzicht auf Verkündigung »stumm wie ein Karpfen« (!) akzeptieren. Entgegen dem historischen Verlauf machte sich Schweitzer diese Darstellung in seinen Lebensrückblicken zu eigen. Nach Auffassung der Vfn. dürfte eine Einbeziehung des Pariser Materials die heroischen und übermenschlichen Züge Schweitzers (dazu 67.101.123 u. ö.) in der bisherigen Biographik differenzieren (144, Anm. 620). Auch der Leitbegriff Schweitzers »Ehrfurcht vor dem Leben« begegnet nicht erst im Tagtraum auf dem Ogowefluss im September 1915, sondern bereits 1912 in einer Straßburger Vorlesung.
Jedenfalls wird deutlich, wie in allen selbstverständlich geübten religiösen Vollzügen der Dorfgemeinde im liberalen Eltern- und Pfarrhaus Schweitzers in Günsbach/Elsass der Ton ganz auf dem Tun des gepredigten Wortes liegt (32). Folgt man der Darstellung der Vfn., dann legt sich nahe, dass der junge Schweitzer nun nach denkerischer Klärung christlich verantworteten Handelns suchte. Jesusnachfolge knüpfte sich fast biblizistisch an die Cäsarea Philippi Perikope an (47), um hieraus Begriffe wie »Willenshingabe an Jesu Willen« und »schöpferische Arbeit am Reich Gottes« zu entwickeln (58 ff.117) und auch im Corpus Paulinum in Motiven wie »Sein in Christus« und »Gestorben- und Auferstandensein mit Christus« zu verifizieren. Diese ernsthafte, sich ethisch entfaltende Jesusnachfolge eröffnete dem jungen Schweitzer ein weites Feld, um traditionelle Exegese, Theologie und Kirche infrage zu stellen und diese radikale Reduktion des Christentums auf die als zentral erkannte Nachfolge eklektisch philosophisch bei Kant, Schopenhauer (der Mitleidsbegriff), Fichte, Nietzsche, Bergson u. a. zu untermauern. Mit großer Selbstverständlichkeit findet Schweitzer so Zugang zum Missionsbegriff als Sendung zur Arbeit, um das weltweite Ethos als Ausfluss christlicher Liebe zu heben, am Bau des Reiches Gottes mitzuarbeiten. In einer Zeit der Krise der Mission angesichts von Mitarbeitermangel (67) noch vor Edinburgh 1910 (!) versucht Schweitzer, im Stile Goethes zu begeistern und zu mobilisieren: »… denn der Herr beurteilt unser Leben nicht nach dem Erfolg, sondern nach dem, was wir erstrebt« (vgl. auch 233 f.). Mitunter scheint spätmittelalterlicher Nominalismus in Gottes- und Menschenbild und in der Erlösungslehre Auferstehung zu feiern. Der koloniale Kontext der Mission wird benannt. Sie sühnt europäische Gräuel an anderen Völkern.
Dass die Vfn. als studierte und promovierte Theologin, A-Kirchenmusikerin und werdende Medizinerin Schweitzer fast schon kongenial wahrnehmen kann, sei nur angemerkt. Die Sensibilität für Schweitzer als Künstler an der Orgel und Musikwissenschaftler kommt in einem Teil der These der Vfn. zum Ausdruck: Schweitzer als Vertreter einer Ästhetik der Mission. Alles religiös Erhabene, Gute und Schöne, wie etwa Johann Sebastian Bachs Orgelwerk, gehört per se der Menschheit (so Schweitzer in der Aufnahme eines Gedankens von Charles-Marie Vidor zur »Mission« Bachs im 20. Jh., 76). Die Orgel allein stelle den objektiven Geist als ewigen und unendlichen Geist dar, helfe dem ruhigen konzentrierten Willen zur Anschauung des Ewigen. Universale Sendung (so die Deutung des Begriffs Mission durch die Vfn.: 21, Anm. 2) zu Taten der Liebe an und um der Menschen willen schließt bei Schweitzer ästhetische Anschauung und künstlerischen Vollzug ein.
Geht die Vfn. in Teil A den frühen Äußerungen Schweitzers zur Mission bis 1913 nach (31–79), so legt sie im Teil B (1) (83–129) die theoretischen Grundzüge seiner Kulturphilosophie dar, wie sie sich bis in die 1920er Jahre entwickelt, und kontrastiert diese dann von der Praxis in Lambarene 1913–1965 ausgehend in Teil B (2) (131–223) »Mission als Improvisation der Ehrfurcht vor allem Lebendigen«. Ein induktiver Teil wird gewissermaßen deduktiv überprüft. Das führt allerdings nicht an der Erkenntnis vorbei, dass Schweitzer nun auf explizite Beschreibung seiner Tätigkeit im Rahmen des Missionsbegriffs verzichtet. Die globale, universal humanitäre kulturphilosophische Sprache dominiert, ohne dass damit in Abrede gestellt werden soll, dass ursprünglich religiöse Begriffe wie »Mys­-tik«, »Hingabe« und »Dienst« gewissermaßen ihres kirchlichen und theologischen Rahmens entgrenzt für Kulturphilosophie und Ethik bestimmend bleiben und Gottesdienste und Verkündigung auch nach der Trennung von der Pariser Missionsgesellschaft 1927 selbstverständlich zum Leben Lambarenes gehören. So verstummt Schweitzers Missionstheologie auch in der Korrespondenz mit Missionsgesellschaften in Paris, Berlin und Basel (144–168). Dabei vermag auch Berlin, trotz der Freundschaft zwischen Siegfried Knak und Schweitzer, im Blick auf die Missionsfreunde nicht über Schweitzers kritische Theologie hinwegzusehen (155): »Tatchris­tentum« (man vergleiche die nationalsozialistische Rede vom positiven Christentum) wiege das alte biblische Evangelium nicht auf. Interessant ist auch die Nebenbemerkung in Anm. 678 (160), wonach Schweitzers Schrift »Aus meiner Kindheit und Jugend« nach Auffassung von Oskar Pfister als Antwort auf zeitgenössische Infragestellung von Mission entstanden sei. Schweitzer sei implizit immer Missionar, auch wo er es expressis verbis nicht sein wolle!
In einem eher systematisch missionswissenschaftlichen Teil C rekonstruiert die Vfn. im vollen Bewusstsein der begrifflichen Un­ausgeglichenheit Schweitzers Missionstheologie (225–246), um sie dann einer kritischen Würdigung zu unterziehen (247–304) und mit einer eigenständigen Skizze zur »Mission als ethische[m] Sendungsbewusstsein« zu schließen. Diese Thesen zu einem »jedem Menschen einsichtige[n], dialogbereite[n] Grundprinzip« der »Ehrfurcht vor dem Leben« »fernab kirchlich-gläubiger Institutionsbindung« (324) tragen genügend provokatives Potential in sich, das Diskussion herausfordern dürfte, den Rahmen dieser Rezension aber sprengt.
In einem wissenschaftlichen Anhang von 174 Seiten macht die Vfn. ansonsten schwer erreichbare Zitate Schweitzers, die Aspekte des Haupttextes näher beleuchten, zugänglich (vgl. z. B. die Fußnoten XLIII oder L). Sechs Reproduktionen von Landkarten (Lambarene/Gabun bzw. ein Projekt in Tansania mit der Berliner Mission), Übersichten zur Geschichte des Hospitals wie auch eine tabella­rische Vita Schweitzers runden das Bild ab. Diese Studie dürfte zu einem grundlegenden Werk der Schweitzerforschung werden.
Kritisch lässt sich am Ende bemerken, dass das Literaturverzeichnis formal übermäßig gegliedert ist. Eine Unterteilung nach Archivalien, Primär- und Sekundärliteratur hätte ausgereicht. Man vermisst ein Register der Personennamen und ausgewählter Begriffe.