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Ausgabe:

Februar/1999

Spalte:

229–231

Kategorie:

Missionswissenschaft

Autor/Hrsg.:

Ahrens, Theodor [Hrsg.]

Titel/Untertitel:

Zwischen Regionalität und Globalisierung. Studien zu Mission, Ökumene und Religion.

Verlag:

Ammersbek: Verlag an der Lottbek 1997. 486 S. 8 = Perspektiven der Weltmission, 25. Kart. DM 58,-. ISBN 3-86130-050-8.

Rezensent:

Henning Wrogemann

Der Hg. dieses voluminösen Aufsatzbandes ist der Hamburger Missionswissenschaftler Theodor Ahrens. Der Titel ist, wie könnte es anders sein, Programm: Christliche Theologie und christliche Kirchen sind herausgefordert, im Spannungsfeld zwischen Regionalität und Globalisierung in deutlicher Form Zeugnis für den Glauben abzulegen und diesen Glauben auf dem Hintergrund der damit angezeigten Probleme zu verantworten. A. sieht den Band veranlaßt durch den von der Gemischten Kommission der EKD-Gliedkirchen und der Fakultäten für Evangelische Theologie vorgeschlagenen Stoffplan für das Theologiestudium. Dieser Plan werde der ökumenischen Diskussion weltweit ebensowenig gerecht, wie der multikulturellen Situation westlicher Gesellschaften. Fragen der Missionswissenschaft, der Ökumenik und der Religionswissenschaft werden weiterhin in ihrer Brisanz auch und gerade für den Alltag der Gemeinden vor Ort verkannt und eher stiefmütterlich behandelt. Die Beiträge von A. (Th. Ahrens: Mission unter Missionen. Die ’Jesusstory’ im Spannungsfeld von Regionalität und Globalisierung - eine Standortbestimmung, 15 ff.) und Olaf Schumann (O. Schumann: Wer nur eine Religion kennt, kennt keine. Das Studium fremder Religionen innerhalb des Theologiestudiums, 205 ff.) nehmen zu dieser ausbildungspolitischen Frage Stellung.

Die insgesamt 21 Beiträge geben einen ersten Eindruck von der Vielzahl der Aspekte, die sich aus der Sicht der hier angemahnten Fächer Missionswissenschaft, Ökumenik und Religionswissenschaft für das theologische Arbeiten ergeben. Eine kleine Auswahl sei zumindest angedeutet: Religionstheologische Fragen werden aufgegriffen (O. H. Pesch: Verbindlichkeit und Toleranz. Religionsfreiheit im Christentum?, 73 ff.), die Frage nach ökumenischem Lernen aus anderen Kontexten wird aufgeworfen (W.-D. Kang: Die Subjektstellung des Minjung in der Geschichte. Ein sozialethisches Konzept der Minjungtheologie?, 99 ff.), die drängenden Probleme missionarischer Leitbilder für die Ortsgemeinde bedacht (D. Werner: Ökumenische Prioritäten für eine Kirche in der Region. Leitbildkorrekturen der Volkskirche am Ende des ’Jahrhunderts der Kirche’- 9 Thesen und 4 Modelle, 129 ff.; I. Lembke: Mission als ökumenische Aufgabe in Hamburg. Reflexion auf einen laufenden Prozeß gegenseitiger Rechenschaftsablegung, 181 ff.; ACK Hamburg: Zeugnis und Dienst der Christinnen und Christen in Hamburg. Mission als Herausforderung und Aufgabe, 188 ff.). Daß dabei der Kontext der Großstadt Hamburg - exemplarisch- im Mittelpunkt steht, kann nur begrüßt werden.

Notwendig für das theologische Arbeiten ist allemal die Einübung in einen Wechsel der Perspektive. Sich selbst aus der Sicht der kulturell und/oder religiös anderen und uns fremden Menschen wahrzunehmen, wäre ein erster Schritt in die richtige Richtung. Neben einer kritischen Auseinandersetzung mit neueren Entwürfen (W.-V. Lindner, S. Kempin: Begegnung mit Fremden. Eine Auseinandersetzung mit Theo Sundermeier, 249 ff.) wird nach der Sicht von Christen aus anderen kulturellen Kontexten gefragt (K. Sebstian: The Missionsakademie an der Universität Hamburg as a Forum of Intercultural and Ecumenical Exchange, 265 ff.; E. Kamphausen: Die Ökumenische Vereinigung von Theologen und Theologinnen der Dritten Welt [EATWOT]. Erfahrungen und Beobachtungen aus dem Blickwinkel der Missionsakademie, 271 ff.; V. Vibila: Theologie macht der ganze Mensch. Die EATWOT-Frauenkommission, 303 ff.; A.-A. Ekué: An den Ufern von Babylon saßen wir und weinten, wenn wir an Zion dachten... Wahrnehmungen zur religiösen Reinterpretation von Exil unter afrikanischen Christen und Christinnen in der Hamburger Diaspora, 327 ff.).

Wenn man die Seitenzahl als symbolischen Ausdruck für die Dringlichkeit des Anliegens versteht, dann ist dieser Band sicherlich nicht zu dick geraten. Unter dem Aspekt der Leserfreundlichkeit wäre umgekehrt weniger wohl mehr gewesen. In jedem Falle lohnt es sich, diesen Band heranzuziehen, um im Selbststudium oder in Seminaren sich der Frage nach missionarischer und ökumenischer Existenz heute anhand anschaulicher Beispiele zu stellen. Abschließend sei eine Passage aus dem Aufsatz von Olaf Schumann zitiert (231 f.), die eine Situation schildert, welche der Vf. aus der Arbeit mit TheologiestudentInnen und PastorInnen sehr wohl kennt:

"Wenn ... in einer Zeit zunehmender interkultureller und interreligiöser Beziehungen Christen nicht in der Lage sind, in verantwortungsbewußter Weise Muslimen gegenüber etwas über den Sinn ihres Bekenntnisses zu Jesus Christus als dem Kyrios (Herrn, rabb) und über den für Christen zentralen Glauben an die Dreieinigkeit Gottes und seine Bedeutung zu sagen, was natürlich erst dann sinnvoll wird, wenn sie auch eine Vorstellung über den islamischen tauhîd (Lehre über das Einheitsbekenntnis) haben, aus dem heraus die Kritik an der christlichen Trinitätslehre entwickelt wird, oder wenn sie nicht in Frage und Antwort mit Buddhisten darüber Auskunft geben können, warum Christen in Jesus Christus keinen bodhisattva sehen - was wiederum die Kenntnis darüber voraussetzt, was ein bodhisattva ist -, oder wenn sie um Auskunft über das christliche Selbst- und Seelenverständnis sowie die Vorstellung von Reinkarnation und Wiedergeburt (bzw. Neuschöpfung) gefragt werden und dabei feststellen, daß sie sich darüber auch noch wenig Gedanken gemacht und deshalb wenig zu sagen haben, dann werden sich Kirche, Christen und Theologie zwar weiterhin mit ihrer Dogmatik beschäftigen können, doch wird ihnen die Gesprächsfähigkeit mit den Menschen ihres Kontextes allmählich abhanden kommen. Das heißt, sie werden sich isolieren. Das werden sie jedoch auch dann, wenn sie, was oft genug geschieht, in einer sich anderen anbiedernden Art vortragen, daß auch sie mit Grundlehren ihrer Tradition wie etwa dem trinitarischen Gottesverständnis nichts (mehr) anfangen können und bereit wären, auf sie zu verzichten. Solche Auskunft macht sie als "christliche" Gesprächspartner allerdings uninteressant."